Beschwichtigend poetisieren

logo_frontEnde gut – alles gut.  Vor wenigen Minuten lief auf ARD das Sozialdrama “Zivilcourage” aus. Dramatisch ging’s dann kaum noch zu, das retardierende Moment hinkte hinterher und letztendlich öffnete der Protagonist – Antiquar Peter Jordan (Götz George alt) – die Fenster um beinahe wie Kolumbus Amerika auszurufen. Insofern aber ist Christian Dorns Besprechung noch viel zu wohlwollend.

Mit ein wenig Zivilcourage gegen Kriminelle mit Migrationshintergrund wendet sich doch alles zum Guten. Das ist die enttäuschende Moral dieses Films. Und so können auch der naive Mut des schnäuzbärtigen Antiquars und seine Lektionen in Hochkultur für die Analphabetin Jessica (Carolyn Genzkow) letztendlich doch nicht überzeugen. Dann eher doch Jessicas kettenrauchende Hartz-IV-Mutter. Wenigstens hier stimmt die Realität einigermaßen. Für das Genre “Sozialdrama” generell aber hebt “Zivilcourage” hoch an und landet schlecht.

Der israelische Regisseur Dror Zahavi hält den Spannungsbogen lange durch, das Ende gerät dafür umso schwächer. Der Antiquar senkt die Pistole, ruft den Migranten ein “Raus aus meinem Laden” zu und schon nimmt die Polizei den Schläger mit. So ließe sich der vorgeblich dramatische Ausklang resümieren. Irgendwie, mit einem Fünkchen Optimismus wird doch alles gut mit gewaltbereiten MitbürgerInnen.  Das dies dem Gewaltpotential der aus dem Kosovo stammenden, die Familie des Mannes bedrohenden Kosovo-Albaner vollkommen widerspricht, ignoriert die Handlung. Es scheint, als wöllte Zahavi ein längst nicht mehr zu verschweigendes Thema – Ausländerkriminalität – beschwichtigend poetisieren.


3 Kommentare zu “Beschwichtigend poetisieren”

  1. Martin
    28. Januar 2010 um 17:15

    Sehr geehrter Herr Schüller,

    das Leben ist kein Wunschkonzert und ein Film wird so abgedreht, wie es demjenigen, der ihn macht, produziert etc. gefällt – im Gegenzug darf man ja daran rumkritisieren, nur sollte man dann auch einen REALISTISCHEN Maßstab anwenden.

    Und angesichts des üblichen Schundes, welcher GEZ- finanziert so im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft, war dieser Film ein echter Meilenstein, das bisherige High- Light im gerade begonnen TV- Jahr 2010!

    Wenn Sie einen anderen Film wollen, dann drehen sie einen anderen und versuchen diesen dann einmal im öffentlich- rechtlichen Fernsehen zur prime time laufen zu lassen – viel Spass dabei.

    Für alle Alt- 68er, die in den Medien nach wie vor überwiegend das sagen haben, war dieser Film sicherlich hart an der Grenze des zumutbaren.

    Ich bin froh, dass er dennoch gelaufen ist und nicht ins Spätabendprogramm verbannt wurde oder gar überhaupt nicht gezeigt wurde.

    Der Film ist in Dramaturgie und Ablauf stringent und liefert maßgebliche Stichpunkte zur Problematik in unseren großen Städten, unserer Gesellschaft. Klar hat der Film seine Stereotypen, Klischees und auch Schwächen – aber es ist ein Film und keine Dokumentation! Und wenn der Regiseur am Ende einen Hoffnungsschimmer zeigt, dann sorgt er dafür, dass sein Film überhaupt gezeigt wird – aber eben mit all seiner vorangegangenen Handlung, die er, wenn der Film nicht im Fernsehen gezeigt worden wäre, nicht einem so breiten Publikum, wie dem prime time Publikum, hätte zeigen können. Er ereicht damit sehr klever ein möglichst großes Publikum.

    Sicherlich, der Film genügt idealistisch-rechten Ansprüchen wohl nicht, aber politisch gesehen bewirkt so ein Film oder ein Interview, wie es Sarrazin abgegeben hat, mehr, als die intelektuellen Elfenbeintürme, die auf Seiten wie diesen fröhliche Urständ feiern.

    Und: Ich bin zu alt, um auf ein Armageddon, eine Katharsis oder was auch sonst für ein dialektisch erlösendes Finale zu warten, bis sich etwas ändert. Ich will jetzt für mich und meine Kinder eine Diskussion und ich will jetzt greifbare, konkrete Ergebnisse!

    Max Weber sagte einmal, dass Politik ein starkes, langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich sei – und da bin ich, wie gesagt, dankbar, für jeden, der am Brett der Ignoranz vor unseren Gesellschaftsproblemen ernsthaft schabt, wie es mit diesem Film geschehen ist.

  2. eo
    29. Januar 2010 um 18:58

    Dolles Logo !
    Sind das alles etwa
    Aliens oder sollen die vielleicht
    den neuen Muku-Menschen
    symbolisieren ?
    Gesichts- (und geschichts)los,
    dafür aber schön bunt. Das Logo riecht
    schon sehr nach Betreuungsindustrie,
    was man vor allem daran sieht,
    daß sie den Schwatten schön
    in die Mitte gesetzt
    haben, als wär
    er der King.
    Das han sich die
    Gumschen* mal wieder
    fein ausgedacht.
    * Kurzfassung für Gutmenschen

  3. Johannes
    30. Januar 2010 um 23:34

    Lieber Martin,

    in meiner Absicht lag es nicht, die Rahmenbedingungen dafür, dass eben dieser Film 20.15 Uhr beim ARD erscheinen kann, zu ignorieren. Nur sehe ich darin eine Tendenz vorliegen, die eben genau einem notwendigen Umdenken in Sachen Integration nicht förderlich ist. Was meine ich damit?

    Das Fehlen einer Katharsis, einer emotionalen Reinigung, lässt eben letztendlich doch nur das selbstgefällige Schmunzeln am Stammtisch übrig. Dort wird – wie im Film – zu Rotwein gegriffen und nichts anderes gedacht als: “Gut, dass mal jemand einen Film drüber gedreht hat.” Letztendlich verschwinden eben solche sogenannten “Sozialdramen” in den wenig fruchtbringenden, streng normierten Diskursen über Integration. Diese können aber weder die wirklich dramatische demographische Lage in Deutschland noch das Denken darüber kippen.

    Vielleicht erwartet man mit Mitte-Zwanzig zu viel, aber auch in diesem Alter hat man in der BRD genug Medieninszenierungen erleben dürfen, die so manchen Konservativen wie das “Bohren harter Bretter” erschienen. In dieser Hinsicht bewirkt auch “Zivilcourage” vielleicht das ein oder andere couragierte Bekenntnis eines CDU-Politikers, wird aber nicht die reelle Lage bewusst machen. Eben deshalb handelt es sich um kein Drama und es wäre besser gewesen, wenn der Film nicht einfach mit der erhobenen Pistole Peter Jordans vorbei gewesen wäre. Vielleicht irre ich mich auch und die harten Bretter sind dank solcher Filme irgendwann einmal durchbohrt. Nur wird es dann zu spät sein.

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