Autoren Archiv

 
 

Leitbegriffe, kurz

Nahtlos anschließend an die Ergüsse des unbekannten Musik-Promoters sei hier auf Karlheinz Weißmanns Leitbegriffe des Konservatismus aus der Reihe Staatspolitisches Handbuch hingewiesen. Vielleicht mag der ein oder andere beflissene “Kämpfer gegen Rechts” auch einmal drin blättern. Die Folgeausgabe Schlüsselwerke sowie die im Dezember 2011 erscheinenden Vordenker dürften auch die Kasse der vom Systemkapital geschröpften Antifaschisten nicht zu sehr schädigen. Drei Kostproben aus den Leitbegriffen:

 

Die Begriffe, die unter dem Titel »Leitbegriffe« definiert sind, bilden das Gerüst einer konservativen Weltanschauung. Der konservative Ton ist unüberhörbar, jedoch gehört zu diesem Klang der Respekt vor einer ganz anderen Sicht der Dinge: Kein Konservativer wird je behaupten, daß nur seine Perspektive die richtige sei. Er weiß vielmehr, daß immer ein Rest bleibt, den ein anderer ergänzend wird erklären müssen – nicht ohne dabei wiederum einen Rest übrigzulassen.
Der Nutzer der »Leitbegriffe« kann also sichergehen, daß er hier nicht indoktriniert, sondern überzeugt werden soll, mit jenem schmeichelnden Klang, den das bessere Argument im Ohr eines geistig Interessierten entfalten kann.

(…)

Freiheit

Freiheit bezeichnet seinem Ursprung nach den Zustand desjenigen, der nicht oder nicht vollständig vom Willen anderer abhängig ist. Insofern kann F. zunächst nur negativ bestimmt werden, ohne daß damit etwas gegen ihren Wert gesagt wäre: »Die F. wird etwas Positives nur durch den Gebrauch, den wir von ihr machen« (Friedrich August von Hayek). Versuche, die F. von vornherein auf einen bestimmten Inhalt zu beziehen, ohne ihren Charakter als F. zu zerstören, haben noch jedesmal ihr Ziel verfehlt. Weder läßt sich eine undiskutierbare Bindung an sittliche Gehalte erreichen, noch eine Fixierung auf eine Zielsetzung, deren Einsehbarkeit angeblich für alle Menschen guten Willens gegeben ist. (Hervorhebung J. S.)

(…)

Rechte
Rechte bezeichnet jene politischen Gruppierungen, die in ständischen, später in parlamentarischen Versammlungen rechts vom Präsidium saßen. Diese Seite war die bevorzugte, das heißt, daß sich dort diejenigen fanden, die wegen ihrer Loyalität gegenüber dem Fürsten ausgezeichnet werden sollten. Daraus ergab sich, daß auf der R. seit der Französischen Revolution der parti de résistance – die »Partei des Widerstandes« – zu finden war, also die Royalisten und Kirchentreuen, nach deren Ausschaltung die Gemäßigten, im 19. und 20. Jahrhundert ganz allgemein die Konservativen (=> Konservatismus). Mit deren Macht- und Ansehensverlust ging eine Umwertung einher, die zuletzt jenen abschätzigen Beigeschmack erklärt, der dem Begriff »rechts« bis heute anhaftet. Man muß allerdings betonen, daß es sich dabei um eine Verkehrung der ursprünglichen Auffassung der Dinge handelt. Das ist nicht nur am merkbar positiven Klang der verwandten Begriffe – »Recht«, »richtig«, »Gerechtigkeit«, »recht« – festzustellen, sondern auch an der universalen Bevorzugung der rechten Seite, vor allem der rechten Hand, ablesbar. In der Bibel wird klargestellt, daß die Erlösten am Jüngsten Tag auf die rechte Seite Gottes treten werden und nach dem Apostolicum sitzt Christus dort, eben zur R. Gottes.

 

Hier findet ihr einen längeren Auszug aus den Leitbegriffen als Vorgeschmack.

MenschInnen über uns

“Die Blaue Narzisse besticht durch ihre gut recherchierte Berichterstattung und geistige Unabhängigkeit. Jenseit von Political Correctness und Denkverboten schreiben hier konservative, nationale, liberale und linke Autoren für eine lebenswerte Zukunft Deutschlands und Europas.”
- Peter S.-L. -

“Einfach toll! Ich würde Sie mir jeden morgen in meine Spandauer Nobelvilla liefern lassen, gäbe es sie als Druckerzeugnis!!!”
- Thilo S. -

“Manche Artikel kann man in der Zigarre rauchen, andere gefallen mir vorzüglich!!!”
- Helmut S. -

“Darüber möchte ich mit Ihnen nicht reden. Unerträglich!”
- Marcel R.-R. -

“Wenig hilfreich.”
- Angela M. -

“Die Blaue Narzisse bestätigt Claudia und uns Rosane in unserem entschiedenen Kampf gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Personen wie Menzel darf keine Bühne für die Verbreitung ihrer rechtsextremistischen Positionen geboten werden.”
- der Sprecher von Claudia -

“Konservativer DADA pur. Besorgniserregend.”

- Frank S., Feuilletonjournalist -

“Deutschland. Ein Sommermärchen.”

- Heinrich H. -

“Herzerwärmend wie diese pseudoelitären Gänsekiele von der BN in ihrem bürgerlichen CDU-Jargon ihrer verstaubten feudalistischen Idee hinterhertrauern und gegen eine völksch-sozialistische Neuordnung wettern. Für die breite Schicht des Volkes haben Reaktionäre auch noch nie was übrig gehabt. Anstatt schöpferische Kräfte im gesamten Volk neu zu erwecken, wollen sie viel lieber wieder, dass sich eine schmarotzerische Feudalherrenschicht die Pfründe allein einsackt.”

- Kommentator “Antidemokrat” auf Altermedia.info -

“Von der Blauen Narzisse zur Roten Fahne ist es offenbar nicht sehr weit.”
- Kommentator “Christian” auf BlaueNarzisse.de -

“Sind die jetzt national???”
- Sven W., Bauarbeiter aus Berlin-Marzahn -


Jede Ähnlichkeit der gezeichneten Figuren mit real existierenden Personen ist weder gewünscht noch beabsichtigt. Das einzige, was vor Augen geführt werden muß, ist die Verkommenheit des Zeitgeistes.

Bild: Gerd Altmann / dezignus.com / pixelio.de

Von Brecht lernen…

… können wir alle, auch wenn manche ihm dramaturgisches und literarisches Können absprechen, weil er ja ein pöhser Marxist gewesen sei. Neulich besuchte ich eine Aufführung des Guten Menschen von Sezuan in der Berliner Schaubühne. Das Stück war sehr klassisch gehalten. Welch Wunder, es sprangen tatsächlich keine “Streetworker” oder “Zivilcouragierten” über die Bühne.  Stattdessen Brechts Verfremdungstechnik in höchster Konsequenz – Nähe zu den Figuren entstand nicht und der Handlungsort war so gehalten, dass die Moral von der Geschicht weltweit gültig ist. Eine Zusammenfassung der Entstehungsgeschichte und des Inhalts findet ihr hier. Ein großes Lob an die Regisseurin Friederike Heller, die übrigens auch schon Michel Houllebecqs Elementarteilchen und Goethes Wilhelm Meister für deutsche Bühnen inszenierte. Folgende Frage stand mit dem Ende des Stücks zur Debatte:

Ob unsere Gegenwart die Widersprüche zwischen der individuellen Moral und den Mechanismen des Marktes aufgehoben hat oder nur geschickter verschleiern konnte, kann im Brechtschen Modell über die Kosten der Arbeit und die Armut des unfrei seine Arbeitskraft verkaufenden Lohnabhängigen erkundet werden.

Nun gut, da klingt auch schon Karl Marxens Idee vom kulturellen Überbau der Klassenmechanismen etwas an, aber m. E. legte das Stück dem Zuschauer auch unter der Hand die Idee nahe, dass der Mensch nun eben mal sei, wie er sei und “ein guter Mensch” von Sezuan inmitten der nur allzu menschlichen Menschen eben eine – fromme – Figur der Utopie bleibt. Aber schon allein die Tatsache, dass Brecht hier kein seichtes Unterhaltungsstück schrieb, sondern ein durchkonstruiertes und anspruchsvolles Drama, verdient Respekt.

Aber Brecht bleibt auch aus einem anderen Grund aktuell: 1929 führte er im Rahmen des Musikfestes „Deutsche Kammermusik Baden-Baden“ am 27. Juli 1929 das als Lehrstück konzipierte Hörspiel Lindberghflug auf. Dieses sollte seine Idee vom Radio als „Kommunikationsapparat öffentlichen Lebens“ unter Beweis stellen. Bereits Felix Menzel schnitt dies in seinem Artikel Das Interview, das nie erschien an. Brecht stellte sich folgendes vor:

Der eine Teil (die Gesänge der Elemente, die Chöre, die Wasser- und Motorengeräusche und so weiter) hat die Aufgabe, die Übung zu ermöglichen, das heißt einzuleiten und zu unterbrechen, was am besten durch einen Apparat geschieht. Der andere pädagogische Teil (der Fliegerpart) ist der Text für die Übung: Der Übende ist Hörer des einen Textteils und Sprecher des anderen Teils. (Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion des Rundfunks. In: Ders.: Schriften zur Literatur und Kunst I. 1920 – 1932. Redaktion: Werner Hecht. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1967 (= Kommunikationsapparat), S. 128f.)

Ziel des Ganzen war es, die Einbahnstraße Sender-Medium-Empfänger aufzubrechen und sowohl Sender (Radiomacher und -moderatoren) als auch Empfänger (Rediozuhörer) zur Kommunikation auf Augenhöhe einzuladen. So konnten etwa die Zuhörer, die bei der Aufnahme live dabei waren, in das Stück hineinrufen oder es anderweitig mit bearbeiten. Das Ganze scheiterte natürlich trotzdem, weil Medien ohne Disziplinierung nun mal nicht funktionieren. Wenn jeder irgendwie mitbasteln kann, kommt am Ende keine demokratisch produzierte Qualität, sondern nur ein heilloses Stimmenwirrwarr raus. Ohne den Autoren, der das Mikro oder auch die Feder führt, entsteht Chaos. Das sah auch Brecht ein, weshalb er das Projekt nicht weiterspann. Er resümierte:

solche Übungen nützen dem einzelnen nur, indem sie dem Staat nützen, und sie nützen nur einem Staat, der allen gleichmäßig nützen will. […] Seine richtige Anwendung aber macht ihn (den „Ozeanflug, Anmerkung J.S.) immerhin so weit „revolutionär“, daß der gegenwärtige Staat kein Interesse hat, diese Übungen zu veranstalten. (Kommunikationsapparat, S. 131)

Das ist heute ebenso gültig wie zu Brechts Zeiten, 1929. Aber warum versuchen wir es nicht mal – wenigstens – mit einem Kommunikationsapparat auf Augenhöhe? Ich möchte die These aufstellen, dass BlaueNarzisse.de eben das im relativ “neuen” Medium Internet versucht: Beteiligung eines großen, freigeistigen Autorenpools, vom linken bis zum rechten Querdenker. Wer fleißig liest und mitreden will, darf bei uns schreiben – ohne auf gängige Scheuklappen und PC Rücksicht nehmen zu müssen. Natürlich bedarf es der redaktionellen Disziplinierung, aber schlußendlich ist der Leser zur Beteiligung eingeladen – so wie ihr jetzt zum Kommentieren unter diesem Artikel. Beleidigende oder niveaulose Kommentare entfernt die Redaktion. Denn ohne (Selbst-)Disziplinierung ist Kommunikation auf Augenhöhe nun mal nicht möglich.

Bild: Brecht-Sammlung für 29,80 Euro zum Selberlesen bei Suhrkamp.

Ezra Pound: The Tree

Henri Gaudier-Brzeska: Ezra Pound“I stood still and was a tree amid the wood,
Knowing the truth of things unseen before;
Of Daphne and the laurel bow
And that god-feasting couple old
that grew elm-oak amid the wold.
‘Twas not until the gods had been
Kindly entreated, and been brought within
Unto the hearth of their heart’s home
That they might do this wonder thing;
Nathless I have been a tree amid the wood
And many a new thing understood
That was rank folly to my head before.”
———————-
Für die Nicht-Anglisten unter uns:

amid = inmitten
laurel = Lorbeer
elm-oak = wörtlich “Eichen-Ulme”
twas = it was
nathless = veraltet für nevertheless
folly = Wahnsinn, Torheit, Aberwitz


Bild: Henri Gaudier-Brzeska

Es wird knapp: Rilke-Preis geht in die Endphase

Einsendungen zum Rilke-Preis sind nur nur noch bis zum 30. November möglich. Ihr seid also herzlich aufgefordert, bis zu diesem Datum selbst noch etwas einzureichen, eure Beiträge zum Thema “Vergänglichkeit und Zukunft” zu überarbeiten oder Freunde zur Teilnahme zu bewegen.

Also: noch einmal voller Einsatz ist gefragt! Fragen und Beiträge bitte an: rilkepreis@gmx.de

Über alles weitere halten wir euch auf dem Laufenden.

Hier noch einmal die wichtigsten Infos und Kriterien für die Jury: http://www.blauenarzisse.de/v3/index.php/aktuelles/1927

Hermann Hesse: November

Alles will sich nun verhüllen und entfärben,
Nebeltage brüten Angst und Sorgen,
Nach der Nacht voll Sturm klirrt Eis am Morgen,
Abschied weint, die Welt ist voll von Sterben.

Sterben lern auch du und dich ergeben,
Sterbenkönnen ist ein heiliges Wissen.
Sei bereit zum Tod — und hingerissen
Wirst du eingehn zu erhöhtem Leben!

(1921)

Wim Wenders und Deutschland 09

Arte strahlt seit dem vergangenen Mittwoch eine Serie namens Deutschland 09 aus (erster Film kann bereits im Netz gesehen werden):

Bilder von dem “Erster Tag”, Dialoge zwischen deutschen politischen Legenden und Weltkonferenzen zwischen Kindern: “Deutschland ’09″ zeigt unterschiedliche Teile der deutschen Einheit. Kinostars wie Benno Fürmann spielen vor den Kameras weltberühmter Regisseure wie Fatih Akin, Wolfgang Becker und Tom Tykwer. Stets mit scharfem Blick halten sie uns den Spiegel vor und erzählen mal vom deutschen Unbehagen oder der “Idee Deutschland”.
Es geht in dieser Filmreihe um Erinnerungen, Vergangenheit und Zukunft. Mit Filmen wie “Der Weg, den wir nicht mehr zusammen gehen” und “Fraktur” reisen wir tief in die deutsche Geschichte, um später, mit Regisseuren wie Christoph Hochhäusler und Angela Schanelec, uns die Frage nach der deutschen Identität in Zeiten der Internationalisierung zu stellen. “Deutschland ’09″ kann als Patchwork von Ideen verstanden werden, von Ideen, die in ihrer Summe ein Bild von Deutschland ergeben.
Die einzelnen Filme im Überblick:
(1): “Der Name Murat Kurnaz”; (2): “Krankes Haus”; (3): “Schieflage”; (4): “Der Weg, den wir nicht zusammen gehen”; (5): “Séance”; (6): “Ramses”; (7): “Die Unvollendete”; (8): “Joshua”; (9): “Erster Tag”; (10): “Fraktur”; (11): “Eine demokratische Gesprächsrunde zu festgelegten Zeiten”; (12): “Feierlich reist”; (13): “Gefährder”.

Streckenweise erinnert Deutschland 09 an Wim Wenders großartigen, fast elegischen Film Der Himmel über Berlin von 1987. Analog zu den von uns bereits umfassend vorgestellten Gedichtfilmen handelt es sich hier um poetische Prosafilme, von denen es freilich in Deutschland noch viel zu wenig gibt. Erinnert sei auch an Wenders nicht weniger schönen Film Paris, Texas.

Bild: Otto Sanders als Engel in Der Himmel über Berlin

Wer wird BN-Literatur-Experte?

Unter Freunden, Bewerbern, Kritikern und besonders für Herrn Jens Kassner verlosen wir zwei Freikarten des Theaterstücks „Die Durstigen“ aus der Feder des französisch-libanesischen Autors Wajdi Mouawad. Mouwad wurde mit dem berühmten Theaterpreis Prix Molière als bester frankophoner Autor ausgezeichnet. Die Aufführung findet im Berliner „Tacheles“ am 5.12.2010 statt. Anschließend gibt es eine Publikumsdiskussion mit dem Übersetzer, der persönlich anwesend ist. Zum Stück:

„Die Durstigen“ erzählt vom Rebellen Murdoch im Kampf gegen Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit der Welt, bis etwas derart Ungeheuerliches begegnet, dass er sich in den nahe gelegenen Fluss stürzt. Das Stück handelt auch von dem Mädchen Norwegen, das sich in ihrem Zimmer versteckt und überhaupt nichts mehr sagt. Gerichtsmediziner Boon wird von Norwegens Eltern zu Hilfe gerufen. Er ist gerade mit einem mysteriösen Kriminalfall beschäftigt: Die Leiche eines jungen Mannes wurde im Fluss gefunden. Er ahnt, wer der Junge ist.

Immer mehr schieben sich die Lebensgeschichten von Boon, Murdoch und Norwegen ineinander, bis Boon merkt, dass er unentrinnbar mit dem Schicksal der Teenager verbunden ist. Langsam verwischt die Grenze zwischen Realität und Fiktion, zwischen Wirklichkeit, Wahrheit und Traum.

Hier nun die Frage:

Wo beginnt die Handlung eines Romans jenes Autors, den unser Jugendkultur-Preis im Namen führt? Eine kleine Hilfe: Der Roman wurde 1910 in Leipzig vollendet.

Die ersten beiden richtigen Kommentare gewinnen (bitte auch E-Mail zur Benachrichtigung angeben bzw. der Redaktion per Mail schicken an: blauenarzisse@gmx.de). Der Rechtsweg ist selbstverständlich ausgeschlossen.

Bild: Eine Szene aus „Die Durstigen“

Christoph Meckel: Licht der Welt

„Sperrgebiet in den Bergen, erschossene Pferde.
Autofriedhöfe, verstaubt auf dem Gletscher.
Schönheit des Nordens. In den Buchten
Schaukeln Walskelette an ihren Drähten.

Knochen der Murmeltiere, von Eis verschlossen.
Regen in Containern, entschlackt, verflüssigt
Zu Kochwasser, Waschwasser zweiter Wahl.
Unsere Mäntel verfielen zu Zwirn und Zunder.
Schuhe, homemade in Dörfern der Barfußvölkern.
Filzhüte, mitgenommen aus einer Cantina.
Camp und Pool verstaubt auf dem Gletscher.

Vom Wasser haben wirs gelernt, vom Wasser,
vom Weinstock, vom Brot, vom Vogel.
Und von den Bergen schwindet
Das Licht der Welt.“

Christoph Meckel: Gottgewimmer. Gedichte. Carl Hanser Verlag 2010, S. 12.

Oberaffengeil!

… sagt mein Opa immer, wenn er den Slang der Jugend auf den Punkt bringen will. Oder auch: “Bumsen schmeckt fein!” Diesem volkstümlichen Glauben könnte man glatt auf den Leim gehen, wenn man denn die Ankündigung zum Interviewband der 15-jährigen Schülerin Katharina Weiß aus dem “Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag” liest. Ihr Band “Generation Geil” informiert über die Herzensangelegenheiten Jugendlicher:

Es geht um Themen, die jeden schon mal beschäftigt haben: Freundschaft, Verantwortung, Lifestyle, Liebe, Sex, Identität und die Frage nach Gott.

Soweit, so gut. Unter meinen Klassenkameraden von Stufe 5 bis 12 war von Feministinnen, grauen Mäusen, Sportskanonen, shoppingaffinen Frühreifen, Linken, Konservativen, (Pseudo-)Intellektuellen und braunen Buben eigentlich alles versammelt. Und tatsächlich haben uns alle die oben genannten Themen beschäftigt, wenn auch mit unterschiedlicher Prioritätensetzung. Jedoch gab es wenigstens eine Minderheit – zumindest auf dem Gymnasium – die sich der Masse nur konsumierender Schüler entzog. Das bedeutete konkret Mitgliedschaft bei Greenpeace oder in evangelischen Splittergruppen und eben die Mitarbeit bei uns. Wobei bei letzterer damals das Selbst-Ausgrenzen vorprogrammiert war – und von den Betreffenden oft auch bewusst gewollt war. So sorgte die Bambule um unsere Skandalausgabe Nr. 5 für flutwellenartige Entrüstung in meinem Gymnasium. Und trotzdem konnten wir danach Leser und Autoren für die Druckausgabe gewinnen, wenn auch unter Pseudonym und Ladentisch. Insofern frage ich mich, ob Weißes Fragen an die Jugend nicht viel zu reduziert und billig ist:

Wie kommst du in der Schule zurecht? Wie und wie häufig gehst du feiern? Wann hattest du zum ersten Mal Sex? Was erhoffst du dir von deiner Zukunft?

Ich jedenfalls habe mir nur bedingt um die Schule Sorgen gemacht. Feiern, Sex und Partypeople spielten unter dem festen BN-Kern eine eher marginale Rolle. Wir gingen zwar ab und an in die Chemnitzer Teenie-Disko “Flower Power”, aber das natürlich nur, um die Dekadenz moderner Jugend zu analysieren und untereinander über Oswald Spengler zu reden! Die Frage nach politischen und persönlichen Ansprüchen und Zielen spielte auch über unser Milieu hinaus eine wichtige Rolle und war oft ein bis in die Unterrichtspausen hinausreichendes Thema. Die soziale und kulturelle Identitätsfrage dürfte gerade deshalb unter der heutigen Jugend eine entscheidende Rolle spielen, auch wenn sie von Sozialarbeitern und Lehrern oft durch eine schwammige, beliebige Multi-Kulti-Friede-Freude-Eierkuchen-Pädagogik unter den Tisch gekehrt wird. Verstärkt wird diese Tendenz durch die wachsende Zahl von Einwanderern, die die Antworten auf solche Fragen mit viel deutlicherer Vehemenz bringen. Leider findet sich da bei Weiß nichts, nur das übliche Party-Feiern-Titten-Saufen-Blabla.

Aber “Schwarzkopf & Schwarzkopf” verzerrt nicht nur damit das Bild der Zielgruppe. Weitere Beispiele finden sich hier , hier und hier. Offenbar finden die kuhlen Longseller des Verlags eher unter bemüht lockeren und jugendlichen Eltern bzw. Erziehern des Alters 40+ Absatz als unter der vermeintlichen Zielgruppe. Ein Ausmalbuch “Meine Stars” mit Bastian Schweinsteiger und Rihanna gibt es auch.  Na wenn das mal nicht oberaffengeil ist!