Monatsarchiv für August 2010

 
 

Das drohende Ende der Kultur: Warum der NickBlog ein Fingerzeig ist

Heute hat unser Nachrichtenredakteur über akrobatische Katzen auf Youtube berichtet, mit denen sich eine Menge Kohle verdienen läßt. Das wäre vielleicht auch etwas für Nick, der sein einsames Leben mit Geschäfts- und Lebensideen 2.0 interessanter gestalten möchte.

Damit sind wir beim eigentlichen Thema. Viele Leser haben sich in den letzten Wochen gefragt, warum wir so einen Idioten wie Nick über sein Erstes Mal, seine unerfüllte Liebe zu Gülcan und seine Wichsfantasien schreiben lassen.

Die Antwort ist ganz einfach: Weil unsere Kultur zunehmend so funktioniert, wie Nick tickt. Das Internet ist der große Katalysator des magischen Dreiecks der Postmoderne: Geld, Sex, Aufmerksamkeit. Das Resultat: ein lustloses Abgespritze auf allen Kanälen.

Und so steht eben der Alltag eines armen Bloggers stellvertretend für den Kulturverfall unserer Tage. Machen wir uns nichts vor, der typische Blogger steht so gegen 10 oder 11 Uhr auf, frißt einen ungesunden Toast mit Nutella, weil nichts anderes im Kühlschrank ist. Gleichzeitig hat er schon seinen Rechner hochgefahren und fängt bereits während des Essens damit an, seine Lieblingsblogs durchzuschauen.

Da wir keinesfalls frei von Selbstkritik sein wollen, soll dies am Beispiel eines rechtskonservativen Blogger veranschaulicht werden. Er schaut, was die Kolumnisten der JF zu tratschen haben. Ho, Roland Gläser hat erkannt, daß Sarrazin-Tag ist. Na endlich mal was Neues! Dann geht es weiter: Auch die anderen Seiten laufen vor Sarrazin-Beiträgen nur so über. Und was schreibt die Gegenseite? Na schauen wir doch mal bei Endstation Rechts von Matze Brodkorb vorbei. Dieses Weblog lesen sowieso ausschließlich Rechte, nur will sich das der Matze nicht eingestehen. Er ist auch einer jener Wichser, die nach jeder Pseudo-Neuigkeit sofort abspritzen. Zu einer richtigen Orgie kommt es dann, wenn die Kritisierten meinen, eine Schein-Debatte eröffnen zu müssen, die jedoch nur zur Selbstbefriedigung dient. Dann wird pünktlich 5.45 Uhr der Kartoffelkrieg eröffnet und Richtung „Storch Heinar“ zurückgespritzt.

Auf pi-news wurde heute von den Autoren schon fünfmal gesagt, daß der Islam scheiße ist und die Kommentatoren haben das noch 2000 Mal wiederholt. Auch Kewil hat nichts anderes zu tun und bringt die gleichen Aufreger in deftiger Kommentatorensprache.

Nach einer gründlichen Rundumschau des Bloggers, bei der er hier und dort seinen Senf abgegeben hat, geht sein Tag nach einem kurzen Abstecher zu ein paar Pornoseiten weiter. Jetzt muß er doch irgendwie auch seine Meinung abgeben. Zwar haben schon „wieder einmal“ alle Alles gesagt, aber das darf kein Grund sein, sich zu enthalten. Für einen „ergänzenden Zwischenruf“ werden sich schon ein paar Leser begeistern können.

Überhaupt, die Leser. Sie sind es doch letztendlich, die die Aufmerksamkeitsstrategien der Blogger durch Resonanz legitimieren. Alles ok, also? Bei weitem nicht. Vielmehr sollten wir uns fragen, wie weit wir schon gesunken sind, wenn es bei Produzenten und Konsumenten nur noch um die (Selbst-)Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse geht. Apropos Bedürfnisse. Gegen 18 Uhr bringt Jenny im knappen H&M-Top eine Pizza vorbei. Als Blogger hat man ja kaum Zeit. Außerdem hat so eine neue Studie belegt, daß Sonnenlicht der Intelligenz schadet.

Virtuell kann der Blogger alles. Er zählt im Netz zur Elite, die den Ton angibt und Bescheid weiß. Doch im realen Leben spiegelt sich dieser Zustand zumeist überhaupt nicht. Keine Frau würde sich einem Typen wie Nick auch nur bis auf zwei Meter annähern. Die Abartigkeit von Nick steht somit als Metapher für die Isolation junger Menschen im Internet und die Kluft zwischen Kommentar und eigener Handlung.

Fazit: Das Konzept, einfach ein paar Leute drauflos schreiben zu lassen, ist gescheitert. Selbst gestandene Journalisten fangen dann an rumzuwichsen. Die Blogosphäre braucht also neue Formate. Hier ist Kreativität und eine Orientierung an Ideen und nicht am magischen Dreieck gefragt.

IfS-Studie neu und erweitert: Der Fall Sarrazin

In Ergänzung zu Felix Menzels vorherigem Beitrag möchte ich auf die soeben neu erschienene Auflage von “Der Fall Sarrazin” hinweisen. Frisch aus dem Druck gekommen sind bereits Sarrazins neues Buch und erste Reaktionen verarbeitet worden.

Nach wie vor ist diese Arbeit des Instituts für Staatspolitik die einzig verfügbare analytische Bearbeitung der Medienkampagne gegen Thilo Sarrazin, die damals nach seinem “umstrittenen” Interview in Lettre International anhob und deren Fortführung wir gerade erleben. Mit einer Bepreisung von 5 EUR ist sie zudem sehr kostengünstig zu erwerben.

Geradezu spektakulär mutet die Sogwirkung an, die “Deutschland schafft sich ab” auf die Publikation des Instituts hat. Innerhalb von wenigen Tagen hat es die Studie schon in die TOP20 im Amazon-Verkaufsrang der Kategegorie Bücher geschafft. Die Süddeutsche hat auch bereits berichtet:

Bis Anfang vergangener Woche kannte das Bändchen kein Mensch außerhalb des überschaubaren rechtsintellektuellen Milieus. Doch dann kamen die Vorabdrucke von Sarrazins neuem Buch in Spiegel und Bild-Zeitung, die ersten hitzigen Reaktionen – und plötzlich wusste Kubitschek nicht mehr wie ihm geschah angesichts der Nachfrage: 1500 Exemplare vom “Fall Sarrazin” habe er allein in der vergangenen Woche verkauft, sagt er, so viele wie sonst in mehreren Monaten. Gegenwärtig lasse er mehrere tausend Stück nachdrucken. In der Bestsellerliste von Amazon tauchte “Der Fall Sarrazin” am Samstag zum ersten Mal auf. Am Montagmorgen lag die Studie dort auf Rang 70, gegen Mittag auf Rang 50, bei Redaktionsschluss auf Rang 25. Tendenz: weiter steigend.

Sarrazin bei “Beckmann”: Grundsatzfragen oder leeres Blabla?

Gestern Abend durfte Thilo Sarrazin seine Thesen in der Talkshow “Beckmann” gegen die 4,5,6,7 anderen Anwesenden bzw. Zugeschalteten verteidigen. Spätestens als die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan zugeschaltet wurde und erklärte, rein wissenschaftlich betrachtet stütze sich Sarrazin auf falsche Zahlen, fühlte man sich an das Eva-Herman-Tribunal und die Wippermann-Krankheit erinnert.

Grundsätzlich ging es in der Talkshow um folgende Fragen:

  1. Gibt es noch Völker?
  2. Gibt es Unterschiede zwischen Christen und Muslimen, oder nicht?
  3. Gibt es dumme und kluge Menschen oder haben alle nur eine unterschiedliche Intelligenz, z.B. die angeblich “Dummen” eben eine größere “emotionale Intelligenz”?
  4. Gibt es Vererbung, oder fängt jedes Leben bei Null an?

Sowohl Sarrazin als auch die anderen Gäste (z.B. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast) sind absolut wissenschaftsgläubig und nur weil Sarrazins Thesen näher am gesunden Menschenverstand liegen, kann er besser überzeugen.

Denn:

  1. Natürlich gibt es Völker. Und zwar einerseits weil meine Eltern eben auch Deutsche sind (biologische Komponente) und andererseits weil es gelebte Praxis ist: Wenn ich in Frankreich unterwegs bin und man fragt mich, wo ich herkomme, dann sage ich “Ich bin Deutscher!”. Das kann ich ganz einfach erklären, ohne mit Charles Darwin kommen zu müssen.
  2. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Christen und Muslimen, auch wenn das die niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan anders sieht und sagte, es sei doch egal, ob eine christliche oder muslimische Frau Kinder bekommt. Hauptsache sei, daß es demographisch in Deutschland wieder bergauf gehe. Auch hier brauche ich nicht die Wissenschaft, um den behaupteten Unsinn zu erkennen. Wenn es zwischen Mehmet und Peter im Klassenzimmer zu einem Kampf kommt, dann muß das irgendwelche Ursachen haben. Variante 1: Beide Individuen sind irgendwie böse. Variante 2: Die Unterschiede zwischen beiden sind so groß, daß sie auf engem Raum auf die Dauer nicht miteinander zurechtkommen und – ganz darwinistisch – sich dann der Stärkere durchsetzt. Und irgendwie sind auch die friedfertigen jungen Muslime anders. Das erkennt auch Peter, weil er Rammstein mag und Mehmet lieber Ammar 114 hört.
  3. Auch ohne eine empirische Studie ist mir aufgefallen, daß es sehr intelligente Menschen gibt, die man daran erkennt, daß sie ein hohes Abstraktionsvermögen und/oder hohe Problemlösungsfähigkeiten besitzen. Andererseits sind mir schon Menschen begegnet, denen man alles erklären muß und die nur Unsinn machen, wenn man sie nicht an die Hand nimmt. Zudem kenne ich Menschen, die bestimmte Sachverhalte schlichtweg nicht verstehen. Das ist auch nicht weiter schlimm, da Volker, der Hausmeister von nebenan, gar nicht wissen muß, ob Darwin nun Recht hatte oder nicht. Er ist auch ohne Darwin ein sehr glücklicher und zufriedener Mensch. Ich behaupte: Jeder von uns hat ein unterschiedlich stark ausgeprägtes Gespür dafür, ob jemand dumm oder klug ist. Da muß ich vorher keinen IQ-Test machen.
  4. Schaut euch einfach in eurem persönlichen Umfeld genau um, dann könnt ihr euch die Frage genauso wie die Fragen 1. bis 3. ohne Wissenschaft erklären.

Die “Beckmann”-Schwätzer haben allesamt unterschlagen, daß jeder Wissenschaftler vor seiner Arbeit einen Aussagewunsch mehr oder weniger bewußt formuliert und damit das Ergebnis beeinflußt. Wissenschaft fördert daher nie die Wahrheit zutage, sondern sollte intersubjektiv nachvollziehbar sein. Das habe ich zumindest so im 1. Semester an der Uni gelernt.

Wenn es um Sarrazin geht, muß man auf Robert Hepp hinweisen, der das Wesentliche zur demographischen Katastrophe schon drei Jahrzehnte früher erkannte. Deshalb möchte ich euch zum Abschluß zum Artikel “Folgekosten sozialen Fortschritts” weiterleiten.

BN-Stammtischabend Region Halle/Leipzig

Es ist wieder soweit: Am kommenden Freitag, den 3. September 2010, finden wir uns im Raum Halle/Leipzig zu einem gemütlichen Treffen ein.

Wer teilnehmen möchte, darf sein Interesse über blauenarzisse@gmx.de bekunden. Die Details erfahrt ihr hinter den Kulissen. Alle freundlichen und höflichen Interessenten sind gern eingeladen.

Alternativmusik

Auch wenn uns Marius Meyer, der Macher von Alternativmusik.de, bisher noch nicht geantwortet hat, möchten wir ihn und seine Mitstreiter trotzdem mit einem Hinweis auf sein Musikmagazin belohnen. Alternativmusik.de bietet immer aktuell neue Musikrezensionen, Festivalberichte und interessante Gespräche. Die große Leistung dieses Musikmagazins ist es, die Suche nach öffentlich weniger bekannten Interpreten zu vereinfachen. Einen Großteil der besprochenen Alben und Musiker kennt man nicht, man kann sie aber dank der Vorstellungen kennenlernen. In der Selbstdarstellung des Magazins heißt es:

Alternativ – was heißt das eigentlich? Bereits hier ginge das Problem los. Ist ein bestimmtes Genre alternativ? Ist ein bestimmter Musiker alternativ? Der Duden vermerkt unter dem Stichwort „Alternative“ eine Entscheidung zwischen zwei [oder mehr] Möglichkeiten. Dies beschreibt treffend, worum es auf Alternativmusik.de geht: Alternativen aufzeigen, zu dem was man bereits kennt und hört. Die Möglichkeit, auch mal etwas Neues entdecken zu können, ist eines der maßgebenden Anliegen. Natürlich finden sich auch etablierte Künstler dabei wieder – aber auch diese können durchaus eine Alternative zu dem darstellen, was man sonst hört. So kann es durchaus geschehen, Künstler zu entdecken, die nicht zwingend unter die Bezeichnung „alternative Musik“ fallen.

Also: Einfach mal stöbern! Zwischen vielen verschiedenen Alternativen auswählen! Es lohnt sich!

Neues zu den Pop-Schnöseln

Eine interessante Ergänzung zu unserem Themenschwerpunkt vom April 2010 bietet folgender, eben beim Onlinemagazin Zeitjung erschienener Artikel. Freilich ist es nicht mehr als eine Wikidia-Zusammenfassung. Lesbar aber allemal:

Mit Lackschuhen in der Ecke

1982: SPD-Kommunalexperte Martin Neuffer pflichtet Sarrazin bei

Sozialdemokrat Neuffer ist bereits seit 6 Jahren entschlafen. ER wusste, was Sarrazin weiß, schon 1982, wie das Spiegel-Archiv enthüllt:

Politische Auseinandersetzungen radikaler Ausländergruppen, besonders der Türken, führen zu zusätzlichen Krawallen und zur Beeinträchtigung der Sicherheit und des Friedens auf den Straßen und Plätzen unserer Städte. … In Städten mit hohen Ausländerquoten ist die Grenze des Tragbaren oft schon überschritten.

Die schwerstwiegenden Probleme sind bei den Türken entstanden.

Diese Verlagerung des türkischen Bevölkerungswachstums in die Bundesrepublik ist, mit Verlaub gesagt, ein gemeingefährlicher Unfug.

Die Gefahr, daß alle Integrationsbemühungen völlig illusorisch werden und daß sich zugleich eine Art türkisch-islamisches Subproletariat bildet, liegt auf der Hand.

Es ist gut, daß unter dem Druck der Entwicklung nunmehr eine intensive öffentliche Diskussion der mit der Türkeneinwanderung zusammenhängenden Probleme in Gang zu kommen scheint. Sie muß zu einer Politik führen, die den weiteren Zustrom, auch von Familienangehörigen, scharf einengt und die Verbote mit starken materiellen Anreizen für eine Rückwanderung verbindet.

Aber unser kleines Land kann nicht zur Zuflucht aller Bedrängten der Erde werden. Es bleibt uns keine andere Wahl, als das Asylrecht drastisch einzuschränken.

Todeszäune haben die Reichen zwar noch nicht errichtet, aber sonst hatte er schon 1982 recht. Vielleicht wird der Neuffer jetzt rückwirkend wegen rassistischer und faschistischer Hetze aus der SPD ausgeschlossen.

Farins Jugendkulturen

Klaus Farin, Leiter des Berliner “Archivs der Jugendkulturen”, spricht über seine Arbeit und historische Hintergründe:

Christian Pfeiffer: Gegenargumente Ausländergewalt

Vom neuen Buch des streitbaren Sozialdemokraten Thilo Sarrazin wußte Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, noch nichts, als er für den aktuellen Cicero eine Replik auf die Thesen der Jugendrichterin Kirsten Heisig verfaßte. Pfeiffer mit drei “F” und SPD-Parteibuch meint, wissenschaftlich würden sich Heisigs Thesen zur Jugendkriminalität und der besonderen Brutalität junger Migranten nicht bestätigen lassen. Hören wir ihm zunächst zu:

Sogenannte “Raufunfälle” auf Schulhöfen, bei denen die Verletzten Frakturen erlitten haben (etwa Arm- oder Nasenbeinbrüche), werden aus versicherungsrechtlichen Gründen bundesweit fast lückenlos erfasst. Sie sind aber seit ihrem Höchststand im Jahr 1997 bis zum Jahr 2007 um 44 Prozent zurückgegangen. Zudem widerlegt die Entwicklung der Zahl jugendlicher Tatverdächtiger, die von der Polizei wegen Tötungsdelikten registriert worden sind, die Einschätzung Heisigs. Mit 7,6 jugendlichen Tatverdächtigen je 100 000 Personen in dieser Altersgruppe war in Deutschland der Höchststand bereits im Jahr 1993 erreicht. 2009 lag diese Zahl bei 6,66 – und damit um 12,5 Prozent niedriger als 16 Jahre zuvor.

Auch Raubdelikte und gefährliche bzw. schwere Körperverletzungen seien bei Jugendlichen in den letzten zehn Jahren statistisch gesehen rückläufig. Nun gesteht Pfeiffer aber doch ein, daß es ein Problem gibt. Dieses bestehe nur nicht – wie statistisch zu erkennen – in ganz Deutschland, sondern ausschließlich in westdeutschen Großstädten. Da Heisig ihre Erfahrungen in Berlin-Neukölln gemacht hat, könnte sie also doch recht haben, wenn sie behauptet, 70 bis 80 Prozent der jugendlichen Intensivtäter sind Migranten. Nun fängt Pfeiffer an zu rechnen:

Gewaltopfer zeigen fremde Täter weit häufiger an als solche, die ihnen eher vertraut sind. Die Repräsentativbefragung hat es deutlich gezeigt: Wenn der deutsche Max vom deutschen Moritz angegriffen wird, beträgt die Anzeigequote 19,5 Prozent. Sie steigt hingegen auf 29,3 Prozent, wenn es sich beim Täter um den türkischen Mehmet handelt. Bei der umgekehrten Konstellation, dass ein junger Migrant von einem deutschen Täter angegriffen wird, sinkt sie dagegen auf 18,9 Prozent.

Beinahe absurd ist es angesichts dieser Zahlen, die Kriminalität junger Migranten zu relativieren. An erster Stelle müßte Pfeiffer anmerken, daß 70 bis 80 Prozent aller Gewaltdelikte überhaupt nicht zur Anzeige kommen. Damit wäre er auch zu einem Grundproblem von Alltagsgewalt vorgedrungen. Die Opfer nehmen die meisten Aggressionen einfach so hin. In 70 Prozent der Fälle bekommt Mehmet das Taschengeld von Max, ohne das dies in die Statistik einfließt. Das bedeutet auch: Solche Fälle landeten nie bei Kirsten Heisig. Das Ausmaß von Jugendkriminalität ist also sogar noch weit größer und übertrifft das, was Heisig wahrnehmen konnte.

Wahrscheinlich hat Pfeiffer nur Kämpfe vom Schreibtisch aus zu bestreiten. Sonst würde er sicherlich keine “Strategie des Zuwartens” vorschlagen:

Im Ergebnis zeigte sich, dass die Jugendrichter, die am häufigsten Jugendarrest angeordnet hatten, bei ihren im Vergleich identisch zusammengesetzten Gruppen von jugendlichen Straftätern die höchsten Rückfallquoten zu verzeichnen hatten. Ebenso wenig scheint Heisig mit dem vertraut zu sein, was der Kriminologe Wolfgang Heinz in seinem Eröffnungsvortrag des 21. Deutschen Jugendgerichtstags als Fazit seiner überaus gründlichen Analyse nationaler und internationaler Forschungen über jugendliche Gewaltkarrieren dargelegt hat: “Frühzeitige und einschneidende Eingriffe sind nicht besonders wirkungsvoll, sondern besonders gefährlich. Eine ‘Strategie des Zuwartens’ zeitigt bessere Ergebnisse. Milde zahlt sich aus.”

Jede Seite ist die falsche (II): Außenpolitik

Wir brauchen einen Neuen Deutschen Bund? Was soll das pathetische Geschwalle, wird einer fragen. Oder andere darauf hinweisen, dass der Rothämel mächtig einen an der Waffel hat. Doch mir will es scheinen, dass den meisten Lesern der Ernst unserer Situation überhaupt nicht bewusst ist. Was sich in Deutschland und Europa anbahnt ist an sich nicht das Ergebnis einer zufälligen Entwicklung, sondern nur für sich (i.e. in seiner konkreten Erscheinung) zufällig. Was heißt das? Das heißt, dass die Grundlinien der europäischen Entwicklungen geplant wurden, aber die tatsächliche Umsetzung logischerweise mit gewissen Unkalkulierbarkeiten umgehen muss. Die Option eines geeinten europäischen Wirtschaftsraums und die Möglichkeiten einer gebündelteren politischen Macht wurden gedanklich schon längst vor dem Zweiten Weltkrieg durchgespielt. Beispielsweise hatte Hitler ja sogar ein zweites Buch geschrieben. Aber auch Coudenhove-Kalergies Visionen von einer eurasisch-negroiden Mischrasse dürften dem ein oder anderen bekannt sein. Ob nun jemand schon vor 70 Jahren konkret die 12 Sterne im Kreis auf blauen Grund als Beflaggung haben wollte, ist dabei völlig gleichgültig. Die Ausschaltung der eigenständigen deutschen Macht nun war lediglich Vorbedingung für eine nahezu ausschließlich westlich dominierte Umsetzung dieses Grundgedankens.


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