Stefan George: Komm in den totgesagten Park

1938 verfaßte der Dichter Rudolf Borchardt (1877 – 1945), Protagonist des kulturellen Programms einer „Schöpferischen Restauration“, in Italien, wo er sich seit langem hauptsächlich und während des Nationalsozialismus ausschließlich aufhielt, ein Werk namens Der leidenschaftliche Gärtner (es erschien erst posthum). An einer Stelle findet sich dort eher etwas beiläufig die Aussage: „Demokratie ohne Humanität ist mit dem ersten Schritte plebejisch, und mit dem zweiten vulgär.“
Dieser dort nicht näher erläuterte Satz verdient eine Betrachtung. Nicht umsonst stellt ihn Michael Stahl in seinem Buch Botschaften des Schönen. Eine Kulturgeschichte der Antike einem Kapitel über die griechische Polis voran. Zunächst widerspricht die Aussage dem heute gleichsam axiomatischen Konsens, Demokratie und Humanität seien Zwillinge – will heißen: Ohne Demokratie keine Humanität, ohne Humanität keine Demokratie.
Es ist zu fragen, wie die Begriffe „Demokratie“ und „Humanität“ hier aufzufassen seien. Es liegt nahe, daß „Demokratie“ nicht mit dem Mehrheitsprinzip oder dem Parlamentarismus gleichzusetzen ist, sondern daß vielmehr an die funktionierende Gestaltung eines Gemeinwesens unter breiter Beteiligung seiner Angehörigen gedacht wird.
„Humanität“ aber dürfte nun gerade nicht eine autonome Selbstentfaltung des Einzelnen und ein darauf aufbauendes Verständnis menschlichen Zusammenlebens, das sich also ganz nach der vermeintlichen Autonomie des Menschen zu richten hat, meinen. Sondern es dürfte hier um den Menschen in seinem Ganzen gehen, d. h. in seiner geistig-seelisch-leiblichen Verfaßtheit, seiner positiven und negativen Potentiale und seiner Einbindung in zwischenmenschliche Beziehungen.
Ein sich als demokratisch verstehendes Gemeinwesen aber, das diese umfassende Dimension von Humanität nicht ernst nimmt, man könnte auch sagen, durch eine falsche Auffassung von Humanität ersetzt, muß also auch zu einer falschen Demokratie entarten.
Einer solchen, in welcher nicht mehr der Einzelne als Person seinen Wert im Gemeinwesen hat und seine eigene Rolle zum Wohle des Gesamten spielt – sondern in der stattdessen nur sich selbst verpflichtete Einzelne oder Gruppen unter Aufrechterhaltung der Illusion von Mitbestimmung und mithilfe des anonymen Drucks der Massen, der „plebs“, leben.
„plebeius“ kann gemein, nieder bedeuten. „vulgaris“ heißt so viel wie gewöhnlich, alltäglich oder auch massenhaft. Beide Begriffe scheinen einander ähnlich. Wenn Borchardt hier den ersten Schritt als plebejisch, den zweiten als vulgär bezeichnet, so mag das einmal die mit Ausbrüchen des Gemeinen einhergehenden revolutionären Regungen meinen, in deren Zuge ein Gemeinwesen in eine pseudohumanitäre entartete Demokratie abgleitet, andermal die sich nach Abklingen des revolutionären Sturms einrichtende Mittelmäßigkeit, welche allerdings das Gemeine und Niedere nur in gesetzter Form fortführt; es wird sozusagen normal.
Der kolumbianische Reaktionär Nicolás Gómez Dávila gehört zu den Autoren, die wir eigentlich jeden Monat mindestens einmal zitieren müssen, weil sie in wenigen Sätzen die Grundprobleme der Gegenwart zum Ausdruck gebracht haben. Dávila darf heute etwas zur Unvereinbarkeit von Demokratie und der Idee unantastbarer Menschenrechte sagen:
Der individualistische Demokrat kann nicht behaupten, daß eine Norm falsch sei, sondern lediglich daß er eine andere wünscht; nicht, daß ein Gesetz ungerecht ist, sondern, daß er ein anderes will; nicht, daß ein Preis absurd sei, sondern daß ein anderer ihm akzeptabel sei. Die Gerechtigkeit in einer individualistischen und liberalen Demokratie ist das, was in irgend einem Augenblick existiert.
Der Philosoph Joseph de Maistre hat bereits in seinem „Anti-Rousseau“ gesehen, welche zwangsläufige Folge das haben muß, wenn eine Demokratie langfristig überdauern will:
Die wirklichen Gesetzgeber haben alle gespürt, daß die menschliche Vernunft allein nicht bestehen und daß keine rein menschliche Einrichtung von Dauer sein konnte. Daher haben sie, wenn man so sagen darf, Politik und Religion miteinander verwoben, damit sich die durch einen übernatürlichen Halt gestärkte menschliche Schwäche mit ihrer Hilfe aufrecht halten konnte.
Auch die heutigen Demokratien kennen noch Normen, über die sie nicht einmal das Parlament abstimmen lassen und die sie damit zivilreligiös heilig sprechen, um ihnen Dauer zu verleihen. Das trifft insbesondere für die Menschenrechte zu. Für Dávila ist dies der Beweis für die unvereinbaren Logiken hinter der Demokratie einerseits und den Menschenrechten andererseits:
Die Folgen der Thesen (der Demokraten, Anmerk. FM) entsetzen diejenigen, die sie verkünden, und legen ihnen nahe, ihren Irrtum zu beheben, indem sie an unantastbare Menschenrechte apellieren. Dieses Vorhaben zeigt trotz seiner schwachen metaphysischen Begründung seine reaktionäre Herkunft, denn dem souveränen Volk mittels einer feierlichen Prinzipienerklärung oder einer taxativen Verfassung eingeschränkter Rechte einen Teil seiner vermeintlichen Macht zu entziehen, ist ein Verrat an den demokratischen Postulaten.
Mit den geistigen und folgend politischen Veränderungen und Verwerfungen der Moderne sowie der Gefahr einer damit aufkommenden eigentümlichen Form der Tyrannei befaßte sich, vor allem zwischen den Weltkriegen, auch der Theologe Friedrich Gogarten (1887-1967). Folgende Auszüge aus seinem Werk “Politische Ethik. Versuch einer Grundlegung” (Eugen Diederichs, Jena 1932) halte ich für eindringlich und aktuell genug, daß ich sie hier vorstellen möchte. Parallelen nicht nur zu de Tocqueville und Arendt, sondern auch zu Jüngers zeitgleichem “Arbeiter” sind vorhanden.
Gogarten charakterisiert das zunehmend bestimmende Element als ein dem menschlichen Fassungsvermögen entzogenes, das dem Menschen sich selbst nehme:
Eine namenlose, anonyme, nicht zu fassende, das heißt vor allem andern nicht zur Verantwortung zu ziehende Macht hat sich der Menschen bemächtigt und ihnen ihre Gesetze aufgezwungen. [...]
Sie weiß nichts, sie will nichts wissen von der Geschichte, die jeder Mensch hat und ohne die er als Mensch gar nicht zu denken ist und gar nicht leben kann; sie will nichts wissen von seiner Vergangenheit und von seiner Zukunft. Es kümmert sie nicht, wie er geworden ist, und nicht, was später aus ihm werden wird. Sie kennt ihn nur, so wie er jetzt im Augenblick ist, wo er über seine Arbeitskraft verfügt. Nur das, worüber er frei verfügen kann, ungehindert durch Bindungen an andere Menschen und durch Rücksichten auf sie, ungehemmt durch Vergangenheit und Zukunft, nur das will sie von ihm, nur danach fragt sie. Das heißt aber nicht weniger, als daß sie den Menschen will ohne den Menschen.
Dabei erkennt er die Tragik des modernen Wirtschaftslebens und seiner Verstrickungen:
Man kann nicht sagen, es ist das Geld, das diese Herrschaft ausübt. Denn das Geld ist nichts ohne den Menschen, in dessen Hand es ist und der es benutzt. Man kann aber auch nicht sagen: es sind die Menschen, denen das Geld gehört, in deren Hand das Kapital ist, die diese unbarmherzige und seelenlose Tyrannei ausüben. Denn sie unterliegen selbst einem Zwange, der aus einem unzugänglichen Dunkel heraus die Menschen umklammert.
Gogarten sieht den “Syndesmos”, d.h. die vor den einzelnen Personen bereits vorhandene Bindung der Menschen aneinander (auch der Begriff des “Standes” findet sich in vorliegendem Buch häufiger, allerdings stets in bezug auf ein jeweiliges menschliches Gegenüber), zerstört. Dieser werde “heute auch in seinen allerletzten Resten gut- und böswillig weiter zerstört” An seine Stelle sei “die willkürliche, vom Menschen selbst geschaffene, berechnete und geordnete, den Menschen als verfügbares Material betrachtende Synthese, die Organisation des menschlichen Lebens, besser des menschlichen Tuns getreten.”
Gogarten widmet sich dem religiösen Hintergrund der skizzierten Vorgänge: seiner Meinung nach liegt ihnen eine Form der Hybris zugrunde: der Glaube des modernen Menschen an seine Selbst- und Weltmächtigkeit:
Der auf seine Aufgeklärtheit so eingebildete moderne Mensch, der mit so unsäglicher Verachtung auf die Menschen früherer Zeiten hinabsieht, die sich den Göttern oder dem einen Gott hörig wußten und in seltsamen, monströsen Kulten um ihre Gunst bettelten – wem dient denn dieser moderne Mensch mit dem hingegebensten Dienst seines ganzen Lebens? Er, der meint, er brauche niemandem mehr zu dienen und die Dienstbarkeit, die Hörigkeit sei für alle Zeiten vom Menschen genommen? Wem dient er denn sonst als jener verborgenen, geheimnisvollen, namenlosen Macht? (…)
Wenn dieser moderne Mensch, wenn wir keinen Götzendienst treiben, dann weiß ich nicht, was Götzendienst ist.
Auf diesem Irrglauben beruht das Beschriebene, die Tyrannei der anonymen Verhältnisse:
Es ist also gerade dieser moderne Mensch, der unter einem ungeheuren Despotismus geknechtet ist; gerade dieser Mensch, der sein ganzes Leben, seine ganze Lebensverfassung und -Ordnung auf die Freiheit, auf die Selbstherrlichkeit des einzelnen Menschen gestellt hat. (…)
Er steckt gefangen in dem Wahn seiner Freiheit.
Gogarten, der “politische” statt “sozialer” Lösungen – insofern, als daß die Polis als das vor dem Einzelnen Vorhandene ins Recht zu setzen ist – fordert, hält das “Soziale” für selbst in diesem Freiheitswahn befangen:
Was heißt das: ‘Sozial’? (…)
Man meint mit alledem die Wendung, den Kampf gegen jenes System, durch das der Mensch auf so entsetzliche Weise vergewaltigt wird, durch das das menschliche Leben seiner Menschlichkeit beraubt wird. (…)
Und zwar so – das ist das Entscheidende -, daß dem Menschen zunächst seine freie Verfügungsmöglichkeit über sich selbst zurückgewonnen wird. Der soziale Kampf ist seinerzeit begonnen worden im Namen der Freiheit, der Freiheit des Einzelnen, und er wird heute weitergeführt gegen jegliche Hörigkeit und Dienstbarkeit des Menschen.
Man wird sagen können, daß wir auf solchem Wege seit 1932 noch ein nennenswertes Stück vorangekommen sind. Deshalb ist auch Gogartens Mahnung für uns unbedingt hörenswert:
Und wenn wir nicht bald diesen Traum der individuellen Freiheit ausgeträumt haben, dann werden wir in einer Welt erwachen, die von menschlicher Freiheit und von Menschlichkeit nicht mehr das allergeringste weiß. Es ist nicht mehr weit bis dahin.
Daß Gogarten nun gerade nicht blinglings irgendeine Gewaltherrschaft zur Einhegung des zerstörerischen Potentials menschlichen Freiheitsstrebens vorschwebt, ist daraus wohl zu erkennen: es geht um das Wieder-ins-Recht-Setzen der überindividuellen, natürlichen – von Gott gegebenen Bindungen der sündigen Menschen untereinander, in denen allein auf Erden so etwas wie “Freiheit” bestehen kann. Dazu bedarf es einer angemessenen Ordnung. Die moderne Tyrannei hingegen wird vom Irrglauben der zügellosen Freiheit selbst ausgeübt. “Social engineering”, wie man heute sagen würde, ändert am Grundsätzlichen – der Hybris und ihrer Folgen – nichts.
Ich stimme Kewils Einschätzung zu, dass niemand von denen, die sich bis jetzt abschätzig über Ungarns neues Mediengesetz geäußert haben, dessen Wortlaut zur Kenntnis genommen hat. Wer kann Ungarisch? Wer liest schon 182 Seiten? Der Umstand, dass die Ungarn die gemäßigt rechtsnationale Partei Victor Orbans (Fidesz-MPSZ) in 2010 mit einer Zwei-Drittel-Wahl in Regierungsverantwortung brachten, dürfte neben dem Einzug der Jobbik (12%) ins Parlament den Hauptstrommedien überhaupt nicht gefallen.
Ungarn hat zu dem Mediengesetz jetzt eine umfassende Stellungnahme auf Englisch abgegeben.
Wir alle können nur spekulieren, was im Hintergrund wirklich abläuft. Klar ist jedenfalls auch geworden, dass Ungarn Finanzierungsprobleme hat, die der IWF gegen Auflagen gern gelöst hätte. Die Regierung denkt aber offensichtlich nicht daran, sich weiter dauerhaft vom IWF abhängig zu machen und setzt nun auf China!
China – mitten in Europa. Wer hätte das noch vor wenigen Jahrzehnten gedacht?
Auf unseren Autorenseminaren und auf unzähligen anderen Treffen haben wir in den letzten Jahren gemerkt, daß wir einen Autor an Bord haben, der ein ganz besonders großes Fachwissen zur Ideengeschichte des Konservatismus selbst im Vollsuff aufsagen kann.
Am Sonntag in aller Früh hatte Marco Reese deshalb seinen ersten großen Auftritt. Wir kamen gerade aus der Diskothek. Es war ca. fünf Uhr. Marco und ich tranken gerade das letzte Bier vor dem Schlafengehen (ohne können wir nicht einschlafen) und dann setzte er an und erklärte mir den idealen Staatsaufbau und die Probleme des Konservatismus in der Gegenwart. Seht selbst!
Links seht ihr den Gender-Troubadour und Präsidentenperson der parteiunabhängigen Bundeszentrale für politische Bildung. Er hat anlässlich des von der BpB veranstalteten Kongresses “Das flexible Geschlecht. Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie” die Eröffnungsrede gehalten.
Umfassend und in Bestform kommentierte die Editrix auf ihrem Blog und beweist eindrucksvoll, dass es Frauen gibt, die die mitunter grotesk schwachsinnigen Resultate der Frauenbewegung und ihren immer perverser werdenden Epigon_innen durchschaut haben:
Da sabbelt ein in der DDR offenbar gerne und bestens sozialisierter Zweiterbildungswegtheologe mit “Babypause”, ein evangelischer Pfarrer, der nach den Riten des heidnischen Bahai-Kultes seine Ehe geschlossen hat, ‘was von einer intrinsischen ökonomischen Komponente, von Geschlechterhierarchien und geschlechtlich kodierten Machtasymmetrien, hierarchiefreien Partnerschaften auf Augenhöhe (als ob es so etwas gäbe) und von einer geschlechtergerechteren Welt, in der Bildung nicht dazu da sei, Agitprop für einen unhinterfragten common sense (was immer das ist) zu sein, sondern auf Gestaltungskompetenzen für ein freieres und demokratischeres Miteinander abziele, und tut dabei doch nichts anderes, als dem ganz und gar genderneutralen kollektiven gesamtdeutschen feuchten Traum Ausdruck zu verleihen, von, wenn schon nicht Erich Honecker, dann doch der ganz und gar genderbefreiten saftigen Männlichkeit des Islams gefickt zu werden.
Dass diese genderneutrale Entität so etwas öffentlich sagen kann, und niemand, außer einigen doofen Katholiken, lacht, dass sie stattdessen, ganz parteibuchunabhängig, Präsident_in der Bundeszentrale für politische Bildung bleiben kann und so weiter ihr auf Auflösung der westlichen Kultur gerichtetes Gedankengut mit offiziell-ministeriellem Segen verbreiten darf, zeigt, wie weit es mit uns gekommen ist, und das ist leider garnicht komisch.
Vielleicht aber dürfen wir Jüngeren es noch erleben, wenn die Rede von Madame Krüger zum Aufklärungsmaterial der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung avanciert.
Auf zwei Fanvideos für uns und zu Sarrazin wurde ich gerade von einer anonym bleiben wollenden Person aufmerksam gemacht. Darin wird eine Solidaritätsplakataktion für Sarrazin als eine Art Fortführung der konservativ-subersiven aktion (ksa) dargestellt. In einem der Videos ist noch ein etwas peinlicher Rechtschreibefehler enthalten. Aber das andere möchte ich zeigen:
Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu!
Eine Aktionskonferenz mit Schachtschneider, Mross, Elsässer, Hankel, Eichelburg, Otte und Farage findet in Berlin statt. Aber in der Tagesschau kommt nichts. So siehts aus. Die Presse ist zwar offensichtlich nicht frei, aber der Umgang der Massenmedien ist dafür auf andere Art äußerst werbewirksam.
Eine gute Zusammenfassung findet ihr hier bei MMnews.
Man glaubt auch kaum, wie vielgestaltig die Vorschläge der Veranstaltungsbesucher immer sind. Jürgen Elsässer verrät:
Die Konferenz hat eine sehr gute Stimmung, wir haben ausgezeichnete Referenten, das Publikum ist sehr diskussionsfreudig und die Atmosphäre ist glänzend. Manche wollen schon eine Partei gründen. Ich bin da immer etwas vorsichtig bei der Parteigründerei, wir haben schon genug Parteien, die gescheitert sind. Aber dass der Vorschlag im Raume steht, zeigt die Power, die sich da entfaltet hat.
Unfassbar, diese Power.
PS: An alle, die für die Eichelburg-Partei schon das Portemonneie zücken wollten. – Spenden Sie lieber erstmal hierfür.