Gesichtet

Die Macht der Gewaltlosen

Spontan gehen wir davon aus, dass Medien und die von ihr unterhaltene Öffentlichkeit lebenswichtig sind für die Demokratie. Dass eine medial unterhaltene Öffentlichkeit von gänzlich fremden und ihr sogar feindlich gesinnten Menschen benutzt wird, ist ihre nur ungern zugegebene dunkle Seite.

Die von Gandhi praktizierten Formen passiven Widerstands haben dazu beigetragen, das an sich klare Verhältnis von Gewalttäter zu Opfer der Gewalt zu verwirren. Um dem an sich überlegenen Täter dennoch irgendwie beizukommen, wird die zum Machtverhältnis gehörige handfeste Gewalt von Opferpart scheußlich gemacht: Der Opferpart sichert sich seinen Erfolg dadurch, dass er den Täter durch Aufzeigung seiner Scheußlichkeit bzw. seiner Scheußlichkeiten vor einer Öffentlichkeit in ein denkbar schlechtes Licht rückt.

Die Stärke der Machtlosen: Passiver Widerstand

Die Macht verlagert sich dabei vom Vormächtigen zum Ohnmächtigen, vom Täter zum Opfer, wodurch der für ein natürliches Machtverhältnis bezeichnende Aspekt der physischen Vormacht völlig außer Kraft gesetzt wird. Im Lichte einer Öffentlichkeit hat der Schwächere die moralische Kraft deshalb meist für sich, hat er doch die moralische Autorität hinter sich! Was hierbei jedoch im Dunkeln bleibt, ist die eigentliche moralische Verwerflichkeit, mit der der physisch Ohnmächtige und, daher, eigentlich unterlegene Opferpart operiert: die Kaschierung der von ihm bewerkstelligten Verdrehung des Machtverhältnisses erlaubt ihm, den Täter vor die unausweichliche Entscheidung zu stellen: Zugzwang oder Lähmung, Scheußlichkeit oder Machtlosigkeit.

Egal, wie der Täter sich dabei entscheiden mag, er zieht immer den Kürzeren. Und der Gewinn fällt immer demjenigen Ohnmächtigen und Schwachen in den Schoß, der vor den Augen einer Öffentlichkeit seine Schwäche in Stärke umzumünzen gewusst hat – einem dreisten, skrupel- und schamlosen Manipulator also.

Weltöffentlichkeit als moralische Instanz und Rückhalt für Benachteiligte

Die Pervertierung des Machtverhältnisses ist nur möglich bei Verlust von Ursprünglichkeit, Natürlichkeit und Spontaneität. Diese gehen immer dann verloren, sobald man mit einer „Öffentlichkeit“, vielleicht sogar einer Weltöffentlichkeit, rechnen muss bzw. kann: der Starke muss mit der Öffentlichkeit rechnen, der Schwache kann mit ihr rechnen – das ist der kleine, aber feine Unterschied, dass die Wahlfreiheit bezüglich der Mittel in diesem Fall grundsätzlich dem Schwachen anheimfällt.

Der realpolitische Kampfplatz wird dann zum Schauplatz, die mit dem Erdkreis gleiche Öffentlichkeit zum allgegenwärtigen Richter und Zuschauer. Die Zuschauer selbst sind dabei keine verrohten römischen Arenenbesucher, sondern genauso überfeinerte wie überempfindliche Luxusexistenzen, welche aus der Ferne Anteil nehmen und moralisch Gericht halten über all das, was ihnen ihr medialer Cäsar zum Fraß vorwirft.

Im alten Rom musste Cäsar den grölenden Plebs blutige Spektakel liefern, um sie sich zufrieden, botmäßig und gewogen zu halten. Heute müssen Regierungen schon Rücksicht nehmen auf die Gefühle sowie auf das Entrüstungs- und Empörungspotential ihrer eigenen Bürger, insoweit sie eine Öffentlichkeit ausmachen. Konstituiert diese Öffentlichkeit noch durch ihre höhere Rückverbundenheit in der Weltöffentlichkeit selbst wiederum eine Weltöffentlichkeit, so sind die von ihr beäugten Regierungen dieser gegenüber moralisch und oftmals sogar faktisch machtlos.

Hier ist eine Ursache der außenpolitischen Willensschwäche und Nachgiebigkeit von Regierungen zu finden. Von dieser profitieren die wirtschaftlich und auch zivilisatorisch Unterlegenen und Ohnmächtigen dieser Welt. Längst haben sie Wind davon bekommen, dass ein Staat, auf dessen Finger die Weltöffentlichkeit blickt, sich effektiv nicht wehren kann. So stürmen sie auf die Grenzen privilegierterer Weltteile ein, ohne befürchten zu müssen, dass man ihnen mit Waffengewalt beikäme.

Strategischer Wert von Zivilisten und anderen „Unbewaffneten“

Eine Weltöffentlichkeit konstituiert sich immer zum Nachteil souveräner Staaten. Auch steht sie nationalen Interessen entgegen. Sie ist umso mächtiger, je mehr sie Einfluss hat und präsent ist in der öffentlichen Meinung der jeweiligen Staaten. Aber auch wenn eine Weltöffentlichkeit die staateninterne öffentliche Meinung nicht für sich hat, kann sie von Schwachen dazu benutzt werden, ihre Ziele durchzusetzen.

Das historisch lehrreichste Beispiel bietet der „grüne Marsch“ der Marokkaner gegen die spanische Kolonialmacht Mitte der siebziger Jahre: Der marokkanische Despot Hassan II. besetzte das spanische Verwaltungsgebiet, indem er kurzerhand 350.000 seiner Untertanen – „unbewaffnete Zivilisten“ – einmarschieren ließ. Die Franco-Diktatur stand in den letzten Zügen, Spanien war gerade dabei zum Spielball von USA, NATO, BRD und EG zu werden. Ein Blutvergießen in seinen Kolonien, ein gewalttätiges Ausrutschen der Diktatur im Interessenbereich des „Westens“  konnte es sich nicht leisten.

Trotz seiner kolonialen Waffenstärke musste Spanien deshalb im ungleichen Kampf unterliegen. Die Marokkaner heimsten sich riesige Territorien ein, die bis dahin unter spanischer Verwaltung gestanden hatten. Kaum der Erwähnung wert befunden wird die Tatsache, dass die spanischen Kolonialtruppen Terrorakte, überhaupt die Heimtücke des unter islamischer Fahne einmarschierenden marokkanischen Invasors aushalten mussten und es sogar zu Morden an spanischen Soldaten kam. Schließlich lief doch alles so sauber und friedlich ab, trotz der vom schwachen Aggressor provozierten Kampfhandlungen.

Machtlose, schwerbewaffnete Gegner

Genauso friedlich wie der grüne Marsch ist das in neuerer Zeit schon oft gesehene Schauspiel, militärische Einrichtungen, überhaupt militärisch wichtige Punkte, zu schützen, indem man  so viele „Zivilsten“ wie möglich sich dort versammeln lässt. Im Kosovo Krieg haben die Serben unter Slobodan Miloševi? bewiesen, wie machtlos eine schwerstbewaffnete internationale Koalition, eine Macht wie die NATO ist, sobald eine genügend große Zahl unbewaffneter Anhänger mit ihren Körpern freiwillig militärisch wichtige Objekte und Installationen deckt.

Kollateralschäden kann man noch verschmerzen. Was man nicht verschmerzen kann, ist, aus mehreren hundert „unschuldigen Zivilisten“ durch Bombenwurf oder mittels Maschinengewehrsalven Hackepeter zu machen. Wehrlosigkeit kann also doch einen besonderen Wehrcharakter haben, wenn man sie nur geschickt, und das heißt gezielt, einzusetzen weiß. Gezielt wiederum heißt, sie strategisch unter größtmöglicher Berücksichtigung der Weltöffentlichkeit einzusetzen. Dazu gehört, die Tatbestände der Unbewaffnetheit, Wehrlosigkeit, Ohnmacht und Schwäche allen Beteiligten vor Augen zu halten. Mit einiger medialer Hilfe wird so erfolgreich Wehrkraftzersetzung betrieben: ein Rückzieher folgt auf den anderen. Wie im Felde so an den Grenzen.

Die „Stärke“ der Flüchtlinge

Über den strategischen Wert und, daher, taktischen Vorteil von Wehrlosigkeit sind die Flüchtlinge des ersten Drittels des 21. Jahrhunderts inzwischen genauso aufgeklärt, wie Hassan II. oder Miloševi? es im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts waren. Im Fokus einer Weltöffentlichkeit stehende Mächte haben nur die Wahl zwischen einem Massaker und einer Kapitulation, sobald „Zivilisten“ zum Einsatz kommen. Womit wir wieder bei der Pervertierung des Machtverhältnisses sind. Mit Waffengewalt gegen eine genügend große Zahl von, vielleicht nicht Wehrlosen, aber doch irgendwie „Unbewaffneten“ vorzugehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit (Unmenschlichkeit).

Der Flüchtling, der damit rechnet, ist aber so unschuldig nicht. Auch ist es eine Entstellung eines legitimen Gewaltverhältnisses, einen Staat dadurch zu lähmen, indem man die allerschmutzigste Arbeit, psychologische Kriegsführung und Propaganda, einer hochgradig erregbaren, ansonsten aber völlig ahnungslosen Weltöffentlichkeit bzw. von ihr erfassten Mitbürgern überlässt. Die Weltöffentlichkeit ist nämlich durchaus genauso oder noch mehr politisch ahnungslos und unzurechnungsfähig wie ein zweijähriges Kind, und steckte sie als „persönliche Meinung“ oder gar „moralische Überzeugung“ im Kopfe eines an sich mündigen und verständigen Mitbürgers!

Hinter der Irrsinnigkeit einer Weltöffentlichkeit stehen normalerweise knallharte politische und ökonomische Machtinteressen. Hier nachzugeben und Weichlichkeit an den Tag zu legen, wird weder im Himmel noch auf Erden belohnt. Am allerwenigsten belohnt werden sie aber von den Schwachen und Ohnmächtigen selbst, sobald man sich ihnen leichtsinnigerweise auf Gedeih und Verderb ausgeliefert hat. Wehe dem, der sich in die Hände eines zu kurz Gekommenen begibt, indem er ihm Einlass gewährt!

(Bild: Tank Man auf dem Tiananmen-Platz in Peking am 5. Juni 1989)

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