Startseite Aktuelles Im Gespräch mit der Band „Ja, Panik“: „Der Zorn unserer Generation ist so weit unterdrückt, dass er gar nicht mehr wahrgenommen wird.“
Im Gespräch mit der Band „Ja, Panik“: „Der Zorn unserer Generation ist so weit unterdrückt, dass er gar nicht mehr wahrgenommen wird.“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: BN-Redaktion   
Samstag, den 17. Oktober 2009 um 15:35 Uhr

Ja, PanikAndreas Spechtl, Sebastian Janata, Stefan Pabst, Christian Treppo und Thomas Schleicher sind „Ja, Panik“. 2006 erschien das erste Debüt der Indie-Band, ein Jahr darauf „The Taste And The Money“ und seit Ende September liegt nun das Album „The Angst And The Money“ vor. Erstaunlich ist, dass die wüsten Gesellen gerade mal Mitte 20 sind. BlaueNarzisse.de sprach mit ihnen über ihre Musik, Avantgardismus und unzornige Jugendliche.

BlaueNarzisse.de: Ihr beschreibt unsere Generation sehr treffsicher als zögerlich. Eine Zeile aus „Ich bringe mich in Form“ (2007): „Sprich mich nicht an,/ ich hab es wirklich satt,/ es gibt immer irgendwen/ der irgendwas zu sagen hat/ ich unterdrücke meinen Zorn/ ich bringe mich in Form/ auf der Herrentoilette“. Ist der Zorn, der unterdrückte, so typisch für unsere Generation?

Ja, Panik: Wir würden eher sagen, dass der Zorn unserer Generation so weit unterdrückt ist, dass er als solcher gar nicht mehr wahrgenommen, also gar nicht gefühlt wird. Dies ist demzufolge nach außen hin krankhaft zornlose Generation. Krankhaft in dem Sinne, dass der Zorn einen von innen her auffrisst und man sich ihm nur in ungesunden, plötzlichen Ausbrüchen entledigt.

Mit Ausnahme von „Ob ich das verdiene“ klingen die drei anderen Single-Auskopplungen vom Album „Ja, Panik“ wie Schmuserock. Ab 2007 und „The Taste And The Money“ wurde es lauter und trashiger. Vom neuen Album habt ihr die lärmenden Stücke „Alles Hin, Hin, Hin“ und „Nevermore“ gewählt. Hat diese Entwicklung zum Lärm etwas damit zu tun, daß ihr euch mehr im Bereich des Avantgarde-Rock positionieren wollt, weil sich das besser verkauft als Stücke, die wie Tomte klingen?

Ja, Panik: Wie bitte? Diese ganzen Minnesänger verkaufen doch ein vielfaches von Ja, Panik! Das kann es also nicht sein. Avantgarde? Schmuserock? Dazwischen liegt ja ein weites Feld, nicht? Circa da wollen wir uns dann auch positionieren. Abgesehen davon gäbe es auf der neuen Platte weit lärmigere Stücke als die oben angesprochenen.

Ihr habt zum zweiten Album „The Taste And The Money“ eine Art „Manifest“ veröffentlicht. Darin heißt es: „Wir haben den Reichtum unserer Jugend. Unsere Lust muss nach Wahnsinn, nach dem Rausch und der Zerstörung verlangen! Pessimismus! Denn das ist der Ursprung aller Schöpfung. Zufriedenheit und Optimismus ist und war nie mehr als eine Auflösungserscheinung. Lärm! Krach! Unvollständigkeit!“ Diese kulturpessimistischen Worte hätten doch so auch schon bei Georg Trakl oder anderen der Moderne kritisch gegenüberstehenden Intellektuellen (z.B. Futuristen) stehen können. Was ist heute neu an dieser Botschaft? Und: Klingt das „muss“ nicht allzu sehr nach einem Dogma?

Ja, Panik: Unseres Wissens nach hat dieses Thema Nietzsche schon 1871 bearbeitet,  doch er war nicht der erste und wird auch nicht der letzte bleiben. Das ist ja eine Grundbedingung von Fortschritt, Aneignung und Weiterentwicklung. Das „muss“ würden wir als Stilmittel bezeichnen.

Es gibt sehr wenige Bands, bei denen das „Artwork“ eine so große Rolle spielt, wie bei euch. Für „The Angst And The Money“ habt ihr ein Gemälde von euch anfertigen lassen. Ein Gemälde auf dem Cover ist im Medienzeitalter dazu fast ein Anachronismus. Gleichzeitig verfolgt ihr ein Pop-Konzept, was nicht zuletzt am Erfolg meßbar ist. Wird Kunst nicht zur Kulisse, wenn der Mainstream Einzug hält?

Ja, Panik: Ohne jetzt so waghalsig mit Worten wie „Kunst“ oder „Mainstream“ zu jonglieren, stellen wir die Gegenfrage: ist dieser Standpunkt der Ausschliessung, dieses Elite-Denken, nicht sehr problematisch und gefährlich? Wir können darauf leider nicht antworten, da wir uns in einem solchen Wertesystem nicht zu denken trauen.

Ihr seid bekannt für subtilen Humor. In eurem „Manifest“ heißt es dazu, an einen fiktiven Kritiker gerichtet: „Lache über uns, wenn du schon nicht über dich selbst lachen kannst.“ Zur Promotion des neuen Albums „The Angst And The Money“ habt ihr ein Video gedreht, in dem ihr „amazon“ und euch selbst auf die Schippe nehmt. Die Videos „Enthüllung“ und „Alles Hin, Hin, Hin“ sind zudem mehr als nur Selbstironie. Das hätte auch Helge Schneider drehen können. Und dann der Schlußsatz eures Programms: „Und wo ist das Fehlen von Aufrichtigkeit? Ein JA und ein NEIN, ein DA und ein DORT! Konflikte, Gegensätze und Widersprüche!“ Führt man „Widersprüche“ nicht immer dann ins Feld, wenn es an einem schlüssigen Konzept mangelt?

Ja, Panik: In einer Welt, die aus einem einzigen großem Widerspruch besteht, die nur fortbestehen kann, weil dieser sich als gottgegeben und unveränderlich präsentiert, und innerhalb dieses Widerspruchs wiederum alles möglich ist, solang seine Regeln, die Regeln des Widerspruchs, befolgt werden, innerhalb dieser Irrationalität also die absolute Freiheit, die absolute Rationalität regiert, in einer derart geordneten Welt sollte jedes Wort und jedes Wimpernzucken, dass den Körper verlässt, darauf angelegt sein, das Verständnis und jede wie auch immer geartete Versteinerung der Idee durch Kategorien und kleingeistigen Zuweisungen, zu unterwandern. Das schlüssige Konzept ist für uns nicht mehr als ein Ideenghetto, das abgetrennt von der Wirklichkeit an einem Krebskranken eine Hühneraugenoperation vornimmt.

Die beiden letzten Albumtitel unterscheiden sich nur in einem Wort: „Taste“ wurde durch „Angst“ ersetzt. Das erste Stück der neuen Platte kommt dann mit der Zeile: „Ohne Angst kein Geld, ohne Geld keine Angst.“ Ist das nicht auch so ein gesellschaftskritisches Ding, an dem man sich leicht verheben kann. So was klingt schnell nach Worthülse. Sollte Kunst überhaupt derart politisch sein?

Wenn du im Bezug auf die Gruppe Ja, Panik wirklich am Kunstbegriff hängen bleiben willst, dann müssen wir auch in diesem Sinne antworten, obwohl es uns eigentlich nicht wohl dabei ist: sprichst du der Kunst die Kritik ab, leugnest du einige „Künstler“, an denen uns viel liegt und dir vermutlich auch.

 
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