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Der Historiker Stefan Scheil forscht zu den Ursachen des Zweiten Weltkriegs. Er ist langjähriger Autor der Jungen Freiheit und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2005 erhielt er den „Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalismus“. BlaueNarzisse.de sprach mit ihm im Vorfeld des 65. Jahrestags der Bombardierung Dresdens über die Ergebnisse der Dresdner Historikerkommission, Flüchtlinge in Dresden und die politischen Schatten der Bombardierung.
„Es gibt Indizien, die eine höhere Zahl an Toten nicht ausschließen“ BlaueNarzisse.de: Die Dresdner Historikerkommission schätzte 2008 die Zahl der Opfer des 13.-15. Februar 1945 auf 18.000, maximal 25.000 Opfer. Für wie realistisch halten sie diese Zahl? Stefan Scheil: Die Historikerkommission kommt auf Basis der heute noch vorliegenden zeitgenössischen Einschätzungen der Behörden vor Ort und eigenen Untersuchungen zu dieser Annahme. Sie scheint insofern plausibel zu sein, auch wenn es Indizien gibt, die eine höhere Zahl an Toten zumindest nicht ausschließen. Stadtverwaltung und Polizei gingen 1945 ebenfalls von circa 25.000 Opfern aus. Ist es angesichts der hohen Flüchtlingsströme aus Ostdeutschland überhaupt möglich, die Opfer auf eine Zahl einzugrenzen? Die Historikerkommission geht davon aus, dass die Zahl der „zum Zeitpunkt der Luftangriffe anwesenden Flüchtlinge nicht mehr feststellbar ist.“ Es ist nicht ganz zutreffend, dass Stadtverwaltung und Polizei immer nur von 25.000 Opfern ausgegangen wären. Der Leiter der 1945 für Dresden eingerichteten Vermisstennachweiszentrale hat zeitlebens erklärt, es seien bei detaillierten Nachforschungen bis zum 8. Mai 1945 über 80.000 Einzelfälle von identifizierten und nichtidentifzierten Toten erfasst worden. Die Dokumentation dieser Nachforschungen, an denen damals mehrere hundert Mitarbeiter beteiligt waren, wurde 1945 beschlagnahmt. Sie liegt heute nachweislich nur in Teilen vor, wobei die Karteikarte mit der höchsten Nummer die Zahl 31.102 zeigt. Wenn sie nicht vollständig aufgefunden werden kann, ist die Zahl der Flüchtlinge aus heutiger Sicht in der Tat kaum mehr rekonstruierbar. In Zeitzeugenberichten liest man immer wieder von anglo-amerikanischen Tieffliegerangriffen am Elbufer. Der sächsische Kampfmittelräumdienst fand nach 2008 jedoch kaum Hinweise auf Geschossfragmente. Wie realistisch könnten nun die Berichte über Tieffliegerangriffe auf Zivilisten sein? Es gibt zahlreiche belegte Berichte über Tieffliegerangriffe auf Zivilisten in ganz Deutschland für die Jahre 1944/45. Augenzeugen können sich irren, vielleicht sind manche solcher Berichte aus Dresden auch von der Angst geprägt, wie so viele andernorts in der nächsten Sekunde auf den schutzlosen Elbwiesen angegriffen zu werden. Doch lassen sich ihre Berichte kaum durch Bodenuntersuchungen vollständig widerlegen. Motiv und Gelegenheit für Tieffliegerangriffe waren in Dresden jedenfalls zweifellos vorhanden. Unabhängig von der Opferzahl bleibt die Frage, ob dieser Angriff militärstrategisch überhaupt sinnvoll gewesen ist. Könnte es nicht sein, dass die Westalliierten schlichtweg die Infrastruktur eines zukünftigen sowjetischen Gebietes zerstören wollten? Der „Kalte Krieg“ zeichnete sich ja spätestens auf der am 11. Februar 1945 beendeten Jalta-Konferenz ab. In Jalta und auch in Potsdam waren sich die Alliierten noch weitgehend einig, insbesondere, was die deutschen Angelegenheiten betraf. Der Angriff auf Dresden folgte dem entwickelten Schema und hatte die gewohnte Zielsetzung der Massentötung. Der britische Luftwaffenkommandeur Harris hatte schon 1943 ausdrücklich betont, die Vernichtung von „Leben“ in bisher unbekanntem Ausmaß gehöre mit zur Absicht des Bombenkriegs. Nach dem Zweck des Angriffs auf Dresden befragt, erklärte er nur, es gebe kein Dresden mehr. „Ob es sinnvoll ist, den Begriff Verbrechen in den Vordergrund zu rücken, ist zu bezweifeln.“ Erste Äußerungen von Churchill über „Ausrottung“ durch Bombardierung Deutschlands datieren aus dem Jahr 1940. Dieser Zusammenhang geht auch aus einer Bemerkung kurz nach der Rückkehr aus Jalta hervor, als Churchill sagte, Harris sollte seine Bomber bald nach Indien schicken, um dort den „widerlichen Hindus“ zu ihrem „längst fälligen Schicksal des Aussterbens“ zu verhelfen. Um diese Bemerkung richtig einzuordnen, muss man berücksichtigen, dass in Indien in den Jahren 1943/44 bereits drei Millionen Menschen verhungert waren, weil Nahrungsmittellieferungen zu Kriegszwecken umgeleitet worden waren. Die britische Regierung ging davon aus, in den schweren Bombern eine Massenvernichtungswaffe zur Tötung großer Bevölkerungsgruppen zu besitzen und als solche wurden sie auch eingesetzt. 65 Jahre nach dem Kriegsverbrechen ist das Gedenken in Dresden auch zwischen Links, Mitte und Rechts gespalten. Wie würden Sie sich einen würdigen 13. Februar in Dresden wünschen? Ob es sinnvoll ist, den Begriff Verbrechen in den Vordergrund zu rücken, ist zu bezweifeln. Einen würdigen 13. Februar kann es aber in Dresden wie auch sonst beim Gedenken für die Toten des Weltkriegs nur geben, wenn dies nicht mit geschichtspolitischer Verharmlosung des Geschehens verbunden ist. So bestand das besonders Ärgerliche in der Erklärung der Historikerkommission von 2008 in ihrer Behauptung, Dresden sei „als Konsequenz eines von Deutschland ausgegangenen Krieges“ zerstört worden. Nun ist die Prämisse eines nur von Deutschland ausgegangen Krieges nachweislich unzutreffend, aber auch wenn man sie akzeptiert, lässt sich aus der Kriegsschuld eines Landes nicht als quasi verantwortungsfreie „Konsequenz“ die Massentötung seiner Zivilbevölkerung ableiten. Der Bombenkrieg war für die Westalliierten ein geeignetes Mittel zur Kriegsführung und Tötung, weil er vergleichsweise wenig eigene Opfer forderte. Er war aber kein alternativloses Mittel, sondern erkaufte sich seine Effizienz bewusst durch Schonung eigener Soldaten auf Kosten fremder Zivilisten. Die moralische Verantwortung für diese Entscheidung kann den Tätern niemand abnehmen, schon gar nicht die Opfer von Dresden. Daran sollte ein würdiger 13. Februar erinnern. BlaueNarzisse.de: Herr Scheil, vielen Dank für das Gespräch. Letzte Veröffentlichungen und Artikel (Auswahl): Revisionismus und Demokratie. Schnellroda 2009. 80 Seiten. 5+2 - die vereinte Entfesselung des 2. Weltkriegs. Berlin 2009. 533 Seiten. Hitlers Krieg und der Antisemitismus. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 16. Dezember 2009.
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