| Angela Merkel in der Türkei: Besuch in einem rechtsnationalistischen Land |
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| Geschrieben von: Georg Keil |
| Donnerstag, den 01. April 2010 um 06:10 Uhr |
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Natürlich hinkt der Vergleich: der machtpolitische Einfluss der Türkei auf die Bundesrepublik nimmt zwar stetig zu, ist aber bei weitem noch nicht so allumfassend wie seinerzeit der Einfluss der Sowjetunion auf die DDR. Zudem sind die Staatsideologien der Türkei und der Bundesrepublik in keinem Punkt deckungsgleich, sondern bilden ausgepraegte Gegensätze: linkslastiger Multikulturalismus hier, rechtslastiger Nationalismus dort. Die drei größten Parteien in der Türkei sind nationalistisch Die Türkei ist heute vermutlich das einzige Land der Welt, in dem es keine Linken gibt. Die türkische SPD dümpelt bei nur noch zwei Prozent. Grüne sind in der Türkei ungefähr so selten wie ein Edelweiss in der norddeutschen Tiefebene. Linksextreme gelten seit dem Militärputsch von 1980 als ausgestorben. Wohin man in der politischen Landschaft der Türkei also blickt, die Rechten bestimmen das Feld: die regierende rechts-religiöse Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP), gefolgt von der rechtsnationalen und teils offen militaristischen Republikanischen Volkspartei (CHP) sowie der rechtsextremistischen, auch rassistischen Partei der nationalistischen Bewegung (MHP). Das sind die größten drei. Die MHP schart vor allem die Anhängerschaft der berüchtigten Grauen Wölfe um sich und rangiert bei kontinuierlich steigendem Stimmenanteil derzeit bei etwa 15 Prozent. Auf die deutsche Politik übertragen trifft man also in der Türkei in etwa auf ein politisches Gemenge aus Christlicher Mitte, altpreußischen Militärs und Deutscher Volksunion. Deutschlands Politikerkaste fehlt daher auf ihren Dienstreisen in die Türkei schon seit Jahren vor allem eins: ein passender Ansprechpartner, der zumindest in Ansätzen politische Gemeinsamkeiten mit der sozialdemokratisierten CDU Angela Merkels oder sonstigen Linken aufweist. Die Gründe für diesen auffälligen politischen Kontrast zwischen der politischen Ausrichtung der Türkei und Deutschland sind zum großen Teil im unterschiedlichen Umgang mit der eigenen Vergangeneit zu suchen. Zwar weisen beide Länder bekanntlich erstaunliche historische Parallelen auf: armenischer bzw. jüdischer Holocaust, Phasen von radikalem Nationalismus, ein hohes Maß an Verantwortung für den Ausbruch und die Eskalation von Weltkriegen. Aber ihre Vergangenheit bewältigten sie völlig anders. Der kultartige Charakter der deutschen Vergangenheitsbewältigung ist zur Genüge bekannt, eine türkische Vergangenheitsbewältigung gibt es nicht einmal in Ansätzen. Kritische Seiten der eigenen Geschichte werden konsequent ausgeblendet oder ideologisch uminterpretiert. Von Vergangenheitsbewältigung keine Spur Ihre Niederlage im ersten Weltkrieg hat die Türkei bis heute nicht verwunden, deutet diesen Krieg, trotz ihres Angriffs auf Russland zur Rückeroberung verlorener Gebiete im Kaukasus, aber im heutigen Schulunterricht als Kampf gegen den europäischen Imperialismus und sieht sich in völliger Verdrehung der Tatsachen als Opfer ausländischer, insbesondere englischer Aggression. Der erste Weltkrieg wird also heute als heroischer Kampf gegen europäische Unterdrückung und als Grundsteinlegung der türkischen Nation verklärt – letzteres ist nicht ganz falsch, da im Zuge dieses Krieges alle nicht-türkischen Minderheiten auf die eine oder andere Art beseitigt wurden. Lediglich die Kurden blieben bis heute im türkischen Staat. Diese Idealisierung des Krieges ist allgegenwärtig: jedem Urlauber in Antalya fallen die zahlreichen Poster ins Auge, mit denen zum Beispiel im ganzen Land an die Schlacht von Gallipolli erinnert wird, einer der wenigen türkischen Siege. Man stelle sich vor, in Deutschland hingen noch heute überall Bilder der Schlacht von Tannenberg. 1923 kam es nach dem Sieg über die griechische Armee zur Einführung des Nationalismus als Staatsideologie. Diese Hinwendung zum Nationalismus durchlebten seit Mussolini bekanntlich nicht nur viele Staaten Europas, sondern auch asiatische Länder wie Japan,oder Thailand, in erster Linie als Reaktion auf die Machtergreifung der Kommunisten und deren Greuel in Russland. In der Türkei jedoch bildete der Nationalismus mangels Kommunisten vor allem ein Gegengewicht zur traditionell anti-staatlichen politischen Macht des Islams, aber auch gegenüber multikulturellen Ideen, das heißt einem neuerlichen Miteinander mit den vertriebenen Armeniern und Griechen. Im Gegensatz zum Rest der Welt lebt die nationalistische Ideologie in der Türkei seit damals weitgehend ungebrochen fort: das Land hat weder das Scheitern des Nationalismus im zweiten Weltkrieg noch die stark kommunistisch beeinflusste Kulturrevolution von 1968 erlebt. Entsprechend folgt auch der Umgang mit der eigenen jüngeren Vergangenheit einem glorifizierenden nationalistischen Schema und kehrt die dunklen Seiten der eigenen Geschichte unter den Teppich: der armenische Holocaust wird bekanntlich in allen Schichten der türkischen Gesellschaft geleugnet, die Schreckenswelt des Lagertods von Deir ez Zor hat es nie gegeben. Die Massaker in Dersim 1937/38 oder das Pogrom von Istanbul 1955 an der griechischen Minderheit und die anschliessenden Enteignungen der Griechen in Konstantinopel werden verschwiegen und sind heute nur noch Fachleuten bekannt. Auch die Methoden, mit denen die Türkei in der Hochphase des PKK-Kriegs von 1992-96 gegen die ländliche Zivilbevölkerung vorging und die die NATO derzeit in Afghanistan garantiert nicht einmal in Ansätzen praktizieren dürfte, werden mit dem Mantel des Schweigens bedeckt. Geschadet hat dieser höchst fragwürdige Umgang mit der eigenen Vergangenheit dem EU-Beitrittskandidaten Türkei bekanntlich nichts. Im Gegensatz zu Deutschland ist der Nationalismus als Staatsideologie aus türkischer Sicht also eine Erfolgsgeschichte: er hat dem Land nach verlorenem Weltkrieg seinen Stolz zurückgegeben. Er hilft, dem Unrecht des armenischen Holocaust emotional aus dem Weg zu gehen. Er gewährleistet den Bestand des Territoriums gegenüber den Kurden und hat als prägende geistige Grundhaltung massgeblich dazu beigetragen, die historisch unvergleichliche Ausbreitung der türkischen Nation in Westeuropa herbeizuführen und ideell abzusichern. Kein Wunder also, dass linke Gruppen und deren Propaganda für ihren Klassenkampf gegen die innere Einheit oder gar Multikulturalisten, die nur das Armeniertrauma oder die Vertreibung der Griechen wieder an die Oberfläche zerren würden, der weit verbreiteten Beliebtheit des Nationalismus wenig Paroli bieten können. Merkel besuchte die Türkei, weil sie dazu gezwungen ist Sowohl im Umgang mit ihrer Vergangenheit als auch im aktuellen Wahlverhalten der Bevölkerung lässt die Türkei somit deutlich rechtsnationalistische Charakterzuege erkennen. Dass Angela Merkel ausgerechnet einen solchen rechtsnationalistischen Staat als Ziel einer ihrer erster Auslandsreisen nach ihrer Wiederwahl gewählt hat, ist natürlich kein Ausdruck ihrer generellen Sympathie für den Nationalismus als Staatsideologie, sondern schlicht eine Anerkennung des wachsenden Machteinflusses der Türkei auf die deutsche Innenpolitik. Wie kein anderer Staat hat sich die Türkei in den letzten Jahren bekanntlich mit grossem Geschick ihren festen Platz auf der innenpolitischen Bühne in Deutschland erobert und ist bereits heute in der Lage, in jede kleine Gemeinde bei uns hineinzuregieren. Angela Merkel reist daher nicht in die Türkei, weil sie will, sondern weil sie muss. Ihr demonstrativ frühzeitiger Besuch ist somit letztlich auch eine Verbeugung vor dem politischen Erfolg eines konsequent nationalistischen Systems. Es ist die Tragik der heute unser Land beherrschenden Multikulturalisten von Merkel-CDU bis Die Linke, dass sie aufgrund der gegebenen Machtverhältnisse dazu gezwungen sind, die Türkei zu umgarnen. Denn deren gelebter Nationalismus verkörpert das Gegenteil all jener Überzeugungen, für die die deutschen Politiker so gern eintreten. |