| „Das Schöne ist zwar etwas, das uns geschenkt wird, aber wir müssen es uns trotzdem erst erarbeiten.“ |
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| Geschrieben von: BN-Redaktion |
| Sonntag, den 05. Dezember 2010 um 20:49 Uhr |
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BlaueNarzisse.de: Wie schätzen Sie den heutigen Umgang mit Kunst und Kultur ein? Insbesondere im Hinblick auf junge Menschen, etwa Ihre Studenten?
Prof. Michael Stahl: Ich glaube, es gibt ein großes Bedürfnis danach, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Das habe ich immer wieder beobachtet. Ich habe beispielsweise in meinem einführenden Seminar seit vielen Jahren einen festen Bestandteil und der heißt: Museumsbesuch. Ich gehe – je nach Thema: einmal griechische, einmal römische Geschichte – mit den Studenten ins Museum. Meine Erfahrung damit und das, was ich aus den Rückmeldungen entnehmen kann, ist, daß das außerordentlich gut ankommt – nicht nur, weil man einmal den Hörsaal verläßt, sondern vor allem weil das Bedürfnis besteht, sich mit den Zeugnissen der griechischen und römischen Kultur intensiv auseinanderzusetzen. Manche lassen sich auch spontan von der Schönheit des Gesehenen ansprechen. Jemand, der sich auch beim Anblick von Plastiken – und zwar einer ganz bestimmten – veranlaßt sah, sogar ein Gedicht darüber zu schreiben, war Rainer Maria Rilke. Er hat dieses berühmte Gedicht „Archaischer Torso Apollos“ geschrieben. Dies endet ziemlich abrupt mit der Aufforderung „Du mußt dein Leben ändern“. Wie interpretieren Sie diesen Vers? Man muß ein bißchen früher ansetzen. Insofern weitet sich die Betrachtung etwas aus. Das Gedicht heißt „Archaischer Torso Apollos“ und alle drei Bestandteile dieses Titels sollte man für sich genommen analysieren. Das Wort „archaisch“ zunächst: Das Gedicht ist 1908 entstanden, als Rilke in Paris gewesen ist und er hat die Statue auch im Louvre gesehen. Daß er das als „archaisch“ qualifiziert, ist das erste ganz Erstaunliche in diesem Gedicht, denn das Wort „archaisch“ ist von der Tradition seines Gebrauchs im 18./19. Jahrhundert her eigentlich zunächst sehr pejorativ. Es bezeichnet etwas, das noch nicht ausgereift und vollendet ist, also etwas Unvollkommenes. Das ist eine Entdeckung, die Rilke hier macht, indem er das Archaische als etwas mit Eigenwert, mit einem eigenständigen Kunstwert zunächst einmal feststellt. Das hängt mit der Zeit um den Ersten Weltkrieg zusammen. Rilke ist einer der ersten, der hier für die griechische Kunst etwas Neues entdeckt hat. Er sah, daß nicht nur das, was bisher normgebend war, einen beeindrucken kann, sondern daß es eben auch etwas gibt, das darüber hinaus geht und das bezeichnet er als archaisch.
Ja, das ist ganz interessant, daß sich das gleichwohl ganz eng berührt. Ich möchte noch einmal auf das Gedicht kurz eingehen. Das Kunstwerk selbst übt also eine Tätigkeit dem Betrachter gegenüber aus. Rilke formuliert es auch so: der „Torso glüht“, er schaut, er glänzt, er blendet, er lächelt, er bricht aus. Also vom Kunstwerk selbst geht die Aktivität aus. Es geht ein Appell aus. Das Medium dafür ist der Körper. In der Schönheit des Körpers, in seiner konkreten Gestalt, also nicht in einem philosophischen System, sondern in dem So-Sein des Dings, das Rilke hier anschaut – in dem unmittelbar Materiellen liegt die Aufforderung zur Änderung des Lebens. Das bedeutet aber insbesondere auch, daß sich diese Aufforderung an den ganzen Menschen richtet. Leib und Seele sind gleichermaßen betroffen. Auch fällt auf, daß es keinen Katalog gibt, der hier bestimmte Tugenden verkünden würde. Es ist als ein allgemeiner Anspruch zu verstehen – einer, der an den Betrachter gerichtet wird, eine bestimmte Haltung einzunehmen. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat seinem letzten umfangreichen Buch den Titel „Du mußt dein Leben ändern“ gegeben. Er interpretiert diesen Satz letztendlich als „Aufschwünge ins Übergewöhnliche“. Der Mensch solle sich also aus dem Gewöhnlichen herauskatapultieren. Übertrifft er damit sogar noch den Anspruch, der von Rilke und Borchardt formuliert wurde? Ich denke schon, daß der Anspruch bei Rilke wie bei Borchardt sehr, sehr hoch ist. Borchardt schreibt an einer Stelle in seiner Rede, die er über die „Schöpferische Restauration“ gehalten hat, daß es ein solches Programm seit den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nicht mehr gegeben hätte. Der Anspruch ist also schon sehr hoch. Der Begriff des „Aufschwungs“, den Sloterdijk benutzt, gefällt mir aber auch sehr gut. Bildung besteht in der Tat darin, daß man sich aufschwingt, daß man Abstand nimmt von den prosaischen Zwecken des Alltags, auch von den konkreten ökonomischen Zwängen sich frei macht und sich aufschwingt zu dem, was man vielleicht das „Leben des Geistes“ nennen könnte.
Man legt nicht den richtigen Maßstab an, wenn man es an der Frage mißt, inwieweit dieser hohe Anspruch und dieses Programm nun in der Realität des Alltagslebens eins zu eins umzusetzen ist. Das „Leben des Geistes“ bedeutet immer den Bezug zu Ideen. Es bedeutet, idealistisch zu denken, also eine geistige Aufgabe. Damit bewegt man sich auf einer anderen Ebene jenseits des Konkreten und Pragmatischen. Diese Metaebene darf man nicht daran messen, inwieweit sie sich realisiert. Wie kann denn ein junger Student, Mitte 20, gerade im Bachelor-Studium, so ein Programm zur ästhetischen Erziehung für sich selbst angehen? Als erstes würde ich ihm raten, zu prüfen, wo er bei sich selbst ansetzen kann. Also dies nicht von anderen erwarten, sondern zunächst einmal an die eigene Nase zu greifen und zu sehen, wo sind meine Möglichkeiten und Fähigkeiten. Diese sind ja bei jedem unterschiedlich ausgeprägt, auch in der Intensität der Möglichkeit. Wir haben also von vornherein Differenzierungen. Das ist ganz klar. Dennoch kann sich jeder auf den Weg machen. Humboldt hat gesagt, es sei besser, jemand kommt nach der Schullaufbahn nach nicht allzu vielen Jahren heraus und er hat ein Weniges vom Griechischen gehört und wird nachher Schreiner, als wenn er gar nichts davon gehört hätte. Das heißt, das Ziel darf nicht zu hoch gesteckt werden am Anfang. Man muß bei sich selbst beginnen. Natürlich sind die Rahmenbedingungen katastrophal. Das ist gar keine Frage. Um das aber überhaupt merken zu können, muß man das Andere kennen. Ich kann also keinem jungen Menschen raten: „Höre auf mit deinem Studium! Mache irgend etwas anderes, wandere aus, zieh dich völlig aus der Welt zurück!“ Das wäre bestimmt nicht zweckdienlich. Man muß durch dieses Studium durch, aber man sollte sich einen Studienplatz und Möglichkeiten suchen, dort Freiräume zu haben, um für sich selbst auch Bildung zu erwerben. Man sollte sich aber auf keinen Fall zufrieden geben mit dem, was einem angeboten wird. Im Gegenteil: Dagegen kann man ruhig auch aufbegehren. Sie sprachen die katastrophalen Rahmenbedingungen an. Was meinen Sie damit konkret? Ich meine damit – Sie hatten ja selbst in Ihrer Frage darauf angespielt – die heutigen Studienbedingungen von ihrer strukturellen Seite her genauso wie von ihrer materiellen Seite. Strukturell eben das Bachelor-/Master-System, das tendenziell das Studium vollkommen verschult. Dennoch gibt es noch die konkrete einzelne Lehrveranstaltung, bei der man hinter sich die Tür zumachen kann und entsprechend arbeiten kann. Von der materiellen Seite her ist es katastrophal, weil die Ausstattung der Universitäten hanebüchen ist. Es wird zwar viel Geld verbraten, aber häufig an der falschen Stelle.
Ich würde das nicht generell sagen, aber natürlich haben Sie recht, daß ein großer Teil dessen, was sich heute Kunst nennt, eine demonstrative Häßlichkeit zur Schau stellt. Nun kann man auch darin einen Sinn finden: Wenn man sagt, dies ist Protest gegen die Häßlichkeit unserer modernen Umwelt, dann habe ich dafür viel Verständnis. Freilich geht es häufig eben nicht darüber hinaus. Man müßte neben der Demonstration von Häßlichkeit auch Ansatzpunkte für die Alternative, für das Schöne setzen. Wenn man diesen Schritt allerdings wagt, ist man ganz zwangsläufig auf der Seite einer Kritik an der Moderne, die eben so von vielen nicht gewünscht wird. Insofern gibt es dafür dann genug Beispiele. Es ist aber immer auf diesen Unterschied zu achten: einerseits der schöne Schein, der leicht daherkommt und konsumierbar erscheint, und andererseits das wirklich Schöne, in dem sich die Transzendenz offenbart. Dies ist etwas, das Mühe bereitet, was oft auch nicht auf den ersten Blick zugänglich erscheint. Das ist ein Kriterium, das ich für sehr wichtig halte. Das Schöne ist zwar etwas, das uns geschenkt wird, aber wir müssen es uns trotzdem erst erarbeiten. Dazu bedarf es der Anstrengung. Deshalb hängt es auch eng mit der Bildung zusammen. Herr Prof. Stahl, vielen Dank für das Gespräch! |