Startseite Aktuelles „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!“: Im Gespräch mit Claudio Gaebler vom argentinischen „Club Berlin“
„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!“: Im Gespräch mit Claudio Gaebler vom argentinischen „Club Berlin“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: BN-Redaktion   
Montag, den 13. Juni 2011 um 20:22 Uhr

ArgentinienDr. Claudio Gaebler, Kind deutscher Einwanderer, wohnt am anderen Ende der Welt. Er wurde am 21. Mai 1952 in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires geboren, legte dort an der deutschen Goethe-Schule sein Abitur ab und arbeitet heute als Rechtsanwalt. 2004 gründete er den „Club Berlin“. Sein Vater Hans Horst Gaebler kam während des Zweiten Weltkriegs in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde zur Zwangsarbeit verurteilt. Später emigrierte er nach Argentinien. BlaueNarzisse.de sprach mit Claudio Gaebler über den „Club Berlin“, Deutsche in Argentinien und darüber, was wir vom argentinischen Sinn für Improvisation lernen können.

BlaueNarzisse.de: Herr Gaebler, Ihr „Club Berlin“ ist gerade sieben Jahre alt. In Argentinien gab es zuvor bereits viele deutsche Vereine, etwa den „Club Alemán“ in Buenos Aires oder den „Neuen Deutschen Turnverein“. Warum haben Sie 2005 einen neuen deutsch-argentinischen Verein gegründet?

Claudio Gaebler: Es gab bisher keinen wirklich „neuen“ deutschen Verein. Die bisherigen Vereine waren uns Gründern zu antiquiert. Dabei ist es schwer, die „Neue Welt“ nur mit Traditionen verstehen zu wollen. Uns geht es um ein vereintes Europa und auch, wenngleich da der Weg noch sehr lang ist, um ein vereintes Südamerika. Buenos Aires und Berlin haben vor kurzem Städtepartnerschaften geschlossen. Und wir wollen das ausbauen. Die alten deutschen Vereine in Argentinien sind da leider ziemlich verschlossen und spielen lieber im Hinterzimmer Skat und trinken Bier. Wir aber wollen weltoffen sein und uns auf keinen Fall verschließen. Und wir verstehen uns als Pazifisten, leben den Frieden zwischen den Völkern der Welt.

Deshalb beteiligen wir uns auch aktiv am öffentlichen Leben. Wir wurden z. B. von Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández Kirchner (Neoperonisten) zur Bekanntgabe der neuen Regulierungen der Immigrationsgesetze eingeladen. Zudem beteiligen wir uns aktiv an Veranstaltung anderer Immigrantenvereine. Vor kurzem waren wir auch beim chinesischen Neujahrsfest in Buenos Aires. Und wir haben weltweit Mitglieder, unter anderem Mitarbeiter der Deutschen Botschaft. Natürlich trinken wir aber auch gerne Bier, so haben wir z. B. vor kurzem die Bierstube „Untertürkheim“ in San Telmo, einem Stadtteil von Buenos Aires, entdeckt.

Konnten Sie denn auf vorheriger Arbeit aufbauen? Wie gestaltete sich das Leben der Deutschen in Argentinien seit 1945?

Argentinien hat in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges Deutschland den Krieg erklärt., der argentinische Staat konfiszierte zahlreiche Vereinshäuser. Der Dachverband der deutschen Vereinigungen in Argentinien, die Federación de Asociaciones Argentino-Germanas (FAAG), hat sich später darum bemüht, dass sich die Deutschen langsam wieder aufbauen können. So ist es z. B. bei der Goethe-Schule im deutsch geprägten Belgrano geschehen. Den deutschen Stadtteil gibt es aber heute nicht mehr. Und alles wurde leider nicht zurückgegeben. Die „Fuerza Aérea Argentina“, die argentinische Luftwaffe, behielt z. B. das Haus des Deutschen Klubs, dafür bekam er aber Jahre später Auszahlungen, mit denen das neue Gebäude errichtet wurde.

Unser „Club Berlin“ hatte es da einfacher. Wir haben uns zehn Jahre nach dem Beginn der Städtepartnerschaft Berlin/ Buenos Aires gegründet und der Stadt auch bei der Organisation der Feierlichkeiten tatkräftig geholfen. Buenos Aires und die Deutsche Botschaft hatten schon alles jahrelang vorbereitet, aber wir durften mitmachen. Wir wurden dann auch in das prächtige Opernhaus „Teatro Colón“ eingeladen. So konnten wir uns von Anfang an die Arbeit der Deutschen Botschaft unterstützen. Vor 17 Jahren, als die Städtepartnerschaft begründet wurde, war übrigens auch Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit in Buenos Aires. Zehn Jahre vorher kamen bereits die drei Bären Atze, Bärolina und Rieke als Geschenk aus Berlin. Die haben sich inzwischen im Zoo prächtig eingelebt. Gesungen hat damals der Kinderchor der Goethe-Schule. Wir boten den Bären vor aller Presse und Publikum dann ein Festessen, wiederum kam der Kinderchor der Goetheschule und es gab eine Tangodarbietung. Und auch wir beteiligen uns aktiv am kulturellen Leben, jedes Jahr organisieren wir zum Beispiel in Kooperation mit der UNESCO einen deutschen Stand in San Martin, viele Jahre auch alleine einen in Martinez.

Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Mauerfalls gab es übrigens auch eine große Feier. Dabei haben Deutsche und Argentinier die Mauer symbolisch noch einmal eingerissen. Und noch heute gibt es in der Stadt zwei Originalstücke der Mauer zu sehen und sogar eine „Libreria del Muro“, in der Fotos der deutschen Teilung sowie Wiedervereinigung gezeigt werden.

Was können Sie uns über berühmte Deutsche in Argentinien erzählen?

Die bekanntesten Deutschen in Argentinien dürften der Straubinger Landsknecht Ulrich Schmidl und der deutsche Marineoffizier und Flieger Gunther Plüschow sein. Schmidl war der erste Schriftsteller des Rio de la Plata (Spanisch für „Silberfluss“), also der Flussmündung, an der heute Buenos Aires und Uruguays Hauptstadt Montevideo liegen. Schmidl schiffte sich im 16. Jahrhundert unter dem spanischen Konquistador Pedro de Mendoza mit 3.000 Soldaten nach Südamerika ein und gehörte zu den Gründern von Buenos Aires und Paraguays heutiger Hauptstadt Asunción. Plüschow war der erste Mensch, der das argentinische Feuerland überflog. Seine Erlebnisse hat er 1929 in dem Buch Silberkondor über Feuerland und einem eigenen Dokumentarfilm zusammengefasst. Sein Ehrengrab in Berlin-Lichterfeld wurde übrigens vor kurzem saniert.

Wo gab es denn deutsche Viertel bzw. Orte in Argentinien?

Der bekannteste Ort dürfte wohl das Dorf Villa Belgrano bei Cordoba sein. Dort werden jedes Jahr das Oktoberfest und das Wiener Tortenfest ausgerichtet, es gibt auch heute noch dort zahlreiche deutsche Vereine, Chöre, Kirchen und Altersheime. Allerdings sprechen dort die wenigsten Einwohner noch Deutsch. Nachdem die Deutschen im Zweiten Weltkrieg ihr Panzerschiff Admiral Graf Spee vor Montevideo versenkten, zogen übrigens viele Mitglieder u.a. nach Villa General Belgrano. Uruguay wollte, vor allem um sich keinen Ärger mit Großbritannien einzuhandeln, nichts mit den Deutschen zu tun haben. Argentinien war da wesentlich kooperativer.

In Villa Ballester gibt es heute noch zwei große deutsche Schulen, dann ist noch die Goethe-Schule im Bezirk San Isidro zu nennen. Mehrere Städte wurden sehr von Deutschen geprägt. Es gab deutsche Läden, Vereine und ein eigenes kulturelles Leben. In mehreren Provinzen Argentiniens finden sich mehrere deutsche Dörfer, so in Entre Rios, Cordoba, Misiones, Buenos Aires, Rio Negro, Chaco, usw.

Finden die Veranstaltungen des „Club Berlins“ vor allem in Buenos Aires statt oder besuchen Sie hin und wieder auch gemeinsam Deutschland?

Offiziell gibt es keine Veranstaltungen des „Clubs Berlin“ in Deutschland. Das wäre viel zu teuer. Aber privat fliegen viele unserer Mitglieder natürlich nach Deutschland. Ich selbst war achtmal in Deutschland, jeweils mindestens drei Wochen. Und wir pflegen auch intensive Kontakte zu den argentinischen Vereinigungen in Deutschland. Denn wir haben eine doppelte Identität, frei nach Goethes Faust, Erster Teil: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!“

Immer weniger Deutsche wandern nach Argentinien aus. Wirkt sich das auch auf die Altersstruktur Ihres Vereins aus?

Die deutsche Auswanderung nimmt in der Tat immer stärker ab. Inzwischen kommen nur noch Firmen und Vertreter deutscher Firmen und Institutionen nach Argentinien. Die bleiben ein paar Jahre und kehren dann wieder in ihre Heimat zurück. Denn Volkswagen, Siemens, die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Friedrich-Ebert-Stiftung und das Goethe-Institut schicken vor allem zeitweise Mitarbeiter nach Südamerika.

Dazu kommt, dass das Gros der deutschen Einwanderer die Wolgadeutschen stellten. Manche Schätzungen sprechen davon, dass diese Gruppe insgesamt die Hälfte der deutschen Einwanderer bildete. Und von den Wolgadeutschen kommt heute natürlich niemand mehr. Viele Deutsche kamen vor 1930 nach Argentinien, weil das Land damals noch sehr reich war. Argentinien war – neben den USA – das stärkste Land des amerikanischen Kontinents. Vielen Deutschen galt Argentinien als das Land, wo Milch und Honig flossen.

Was den „Club Berlin“ betrifft: Im Schnitt sind wir noch jünger als viele andere deutsche Vereine und treten auch so auf. Das dürfte nicht zuletzt an unseren zahlreichen Aktivitäten und unserer gelebten Weltoffenheit liegen.

Was können Ihrer Meinung nach die Deutschen von den Argentiniern lernen – und umgekehrt?

Sehr viel! Wir können von den Argentiniern viel lernen, vor allem was Improvisation betrifft. Denn sie sind legerer, aber auch freier, was Organisation betrifft. Gerade im Tango zeigt sich diese Improvisation besonders deutlich, denn es ist ein sehr gefühlvoller und spontaner Tanz. Überhaupt kommt die Gefühlswelt in Argentinien viel schneller zum Ausdruck als im eher rational geprägten Deutschland. Die Argentinier geben sich gern leicht und schnell. Man schließt schnell Freundschaften. Und die Deutschen brauchen, was Freundschaften betrifft, oft eine lange Anlaufzeit. Umso intensiver und tiefschürfender ist dann aber auch die Freundschaft. Aber gerade deutsche Touristen schätzen diese Offenheit der Argentinier.

Argentiniens berühmter „Weltfußballspieler 2010“, Lionel Messi, ist da ein gutes Beispiel. Er hat sich hervorragend beim FC Barcelona integriert. Er zeigt, dass Argentinier sich gut in eine europäische Organisation einfinden können und trotzdem ihre eigene Identität bewahren.

In Argentinien fehlt es aber oft auch am Zusammenhalt. Die Gesellschaft ist, abgesehen von den starken, aber inzwischen Schritt für Schritt auseinanderbrechenden Familienstrukturen, sehr individualistisch geprägt. So etwas wie in Japan, diese unglaubliche zwischenmenschliche Solidarität während des Erdbebens und der Tsunamis, wäre hier nicht möglich. Und die Argentinier leben auch mehr in den Tag hinein. Es fehlt am Sinn für Korrektheit und Gesetze. Ein gutes Beispiel ist die fehlende Mülltrennung, gerade was Nachhaltigkeit und ökologisches Verantwortungsbewusstsein betrifft. Das deutsche Gefühl, für die ganze Welt verantwortlich zu sein, hat da auch seine positiven Seiten. So zum Beispiel beim Wassersparen. In Deutschlands öffentlichen Toiletten geht das Wasser automatisch aus, in Argentinien duscht man gerne so lange und so oft, wie es nur möglich ist.

Herr Gaebler, vielen Dank für das Gespräch!

(Bild 1: Feierlichkeiten auf dem Plaza Alemania vom 3. Oktober 2008; Bild 2: 20 Jahre Mauerfall: Argentinier und Deutsche feiern 2009 gemeinsam / www.cluberlin.com.ar/)

 
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