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Im Gespräch mit Roland Woldag I: „Dieses Europa ist stalinistisch“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: BN-Redaktion   
Freitag, den 17. Februar 2012 um 08:59 Uhr

Europa der RegionenDurch einen bemerkenswerten Beitrag über „Sezession und Reichsgründung“ ist uns Roland Woldag aufgefallen. Er schreibt für die libertäre Zeitschrift eigentümlich frei und die Internetzeitung Die freie Welt. Zudem betreibt er die Webseite Familienwehr.de. BN-Chefredakteur Felix Menzel hat mit ihm nun ein ausführliches Gespräch über Europa geführt. Woldag zeigt sich darin als ein Denker, der gerade immer dort weitergeht, wo die Hüter der politischen Korrektheit STOP-Schilder aufgestellt haben.

Felix Menzel: Lieber Herr Woldag, schön, daß wir die Zeit gefunden haben, über ein Thema zu sprechen, das eine seltsame Karriere eingeschlagen hat. Das Seltsame an dem Thema Regionalismus, für das wir uns beide interessieren, ist ja, daß es genügend empirische Beweise für die sezessionistische Entwicklung der Welt gibt. Wir können auf den Balkan schauen, in die zerfallene Sowjetunion oder auch nach Westeuropa, wo es in Großbritannien, Spanien oder Italien starke regionalistische Bewegungen gibt. Trotz dieser ganzen Reihe von empirischen Beweisen kommt jedoch über dieses Thema keine Debatte zustande. Es gibt viel weniger Hinweise auf eine Renaissance des Nationalstaats. Viel eher könnte es doch in Europa zu weiteren Sezessionen kommen, die für den Otto-Normalbürger heute noch völlig unvorstellbar sind.

Roland Woldag: Es hat um das Jahr 2000 einen Generationswechsel gegeben. Um diese Zeit ist eine Altersgruppe aus den Massenmedien ausgeschieden, die noch außerhalb der Bundesrepublik sozialisiert wurde. Danach ist das Klima in Deutschland sehr schnell in Richtung Gesinnungskontrolle gekippt. Wer den Selbstversuch unternehmen will, möge sich die täglich gesendete Tagesschau von vor 25 Jahren in einigen dritten Programmen ansehen. Dabei ist deutlich der Unterschied zwischen sachlicher Information und Demagogie auszumachen, wobei ich immer wieder mit Vergnügen zur Kenntnis nehme, wie heute manchmal durch Fehler in der Berichterstattung Löcher in die Matrix der politischen Korrektheit geschossen werden. Ich sehe mir die „Aktuelle Kamera“ nur noch an, um aus der dreist vorgetragenen Täuschung auf die Verfassung der sogenannten politischen Eliten zu schließen, denn für die Sachinformation nutze ich Wirtschaftsblogs im Internet oder Magazine wie den Smart Investor.

Als Christ suche ich immer nach Kontemplation und habe dabei die Metageschichte, die einen Druckausgleich zum Mainstream herstellt, entdeckt, welche praktisch den geschichtlichen, die Zukunft verkörpernden Gegenstrom darstellt. Wir sehen sie nur nicht. Sie ist einfach überdeckt von Propaganda und Zeitgeist. Die Regionalisierung des Bewusstseins findet also durchaus statt. Wenn das Bewusstsein, dass die gewohnten Lösungsansätze am Ende der Sackgasse gescheitert sind, erst einmal die notwendige Qualität erreicht hat, ist eine blitzartige Änderung unserer Verhältnisse möglich. Dann kommt es also zu einem urplötzlichen Paradigmenwechsel, so wie wir ihn auch am Ende der DDR erlebt haben.

Felix Menzel: Mit dem blitzartigen Wechsel gehe ich komplett mit. Wo mir Zweifel aufkommen, ist jedoch Ihr Begriff der Metageschichte. Das hat ja auch in Ihrem Artikel durchgeklungen, daß Sie von einer unbemerkten Kontinuität vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bis in die heute Zeit ausgehen und sich so die Konflikte zwischen Nord- und Südeuropa erklären.

Ich hingegen gehe davon aus, daß Geschichte chaotisch verläuft und man sie gerade nicht wie die Linke anhand einer Fortschrittskurve vorherbestimmen kann. Das heißt, es kann selbstverständlich sein, daß Europa in eine völlig andere Richtung driftet, als wir es uns derzeit vorstellen. Zum einen kann dies an unvorhersehbaren Ereignissen liegen. Zum anderen halte ich auch die politischen Machtverhältnisse stets für latent, was für die Oppositionellen immer eine Chance darstellt und für die Machthaber immer eine Gefahr ist. Europa kann also sehr wohl auch einen neosozialistischen Weg gehen.

Meine Hoffnung ist aber, daß die Europäische Union und westliche Welt in die gleiche Krise geraten wie jedes Imperium. Diese Krise steht an, wenn die Menschen genug haben von dem Großexperiment und als einzige Alternative die Übernahme von Eigenverantwortung sehen: sie fangen dann wieder an, vor der eigenen Haustür Ordnung zu schaffen und sich zunächst wieder in kleinen Verbänden zu organisieren.

Roland Woldag: Aus diesem Grund habe ich in meinem Artikel auch auf den Kreisauer Kreis hingewiesen, der noch im Zweiten Weltkrieg einen Plan zur Neuordnung Deutschlands entwickelt hat. Wenn kleinere Kreise, die sich selbstverwalten, massiv Fehler machen, dann sollen sie diese Fehler auch ausbaden und nicht, wie es heute in Europa der Fall ist, diese Probleme sozialisieren können. Je kleiner diese Regionen sind und je vielfältiger dieses Europa ist, desto ungefährlicher ist es für Menschen, die in besser verwalteten Regionen leben. So war es auch im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und so ist es heute noch in der Schweiz. Wenn der Sinn der Regionalität eine Homogenität ist, welche gemeinsame Wertevereinbarungen zulässt, dann ist der Sinn der EUdSSR die totale Herrschaft über zu einem gemeinsamen Willen unfähige Massen. Dieses Europa ist stalinistisch.

Felix Menzel: Ich sehe da nur einen blinden Fleck: Alle Klein- und Kleinststaaten können nur existieren, wenn sie Schutz von einem großen Partner erhalten.

Roland Woldag: Neben den Regionen braucht es natürlich noch einen Verbund. Zu dieser Kulturgemeinschaft würden all jene gehören, die sich den Werten des Reiches zugehörig fühlen. So wie das auch bereits im Mittelalter war. Diese Ordnung ist erst mit der Französischen Revolution, den Jakobinern, Napoleon, der Aufklärung und der Abschaffung des Gottesgnadentums zerstört worden. Man muß einfach sehen, daß diese Ordnung von der Reichsgründung vor genau 1050 Jahren bis zum 30-jährigen Krieg für eine große Stabilität gesorgt hat.

Das Problem des reinen Libertarismus ist es, dass er kein inspirierendes Moment hat. Eine Beseelung der freiheitlichen Weltsicht kann deshalb nur mit einem Gottesbezug hergestellt werden. Die meisten Menschen halten ja auch die religiöse Leere überhaupt nicht aus und suchen sich dann pseudoreligiöse Auswege wie die Öko-Religion oder ein Patchwork aus allem.

Felix Menzel: Daß in Polen eine religiöse Rückbesinnung aussichtsreich sein könnte, glaube ich noch. Mit Blick auf die Neuen Bundesländer habe ich da schon größere Zweifel, daß hier in der Breite der Gesellschaft der Weg zurück zur Religion überhaupt noch gefunden werden kann. Somit stellt sich die Frage, ob unser Volk auf ihr Innerstes nur durch ein unglaubliches ad-hoc-Erlebnis stoßen kann – ein großes Initiationserlebnis oder eine große Katastrophe, bei der sofort klar wird, welche Aufgabe wir nun für die Zukunft haben müssen.

Was man aus dem 20. Jahrhundert auf jeden Fall lernen muß, ist, daß man sich als Europäer nur – ob man es will oder nicht – im Katastrophenschatten begreifen kann und somit eine „Gemeinde der Erschütterten“ ist. Es kann also nur einen Aufschwung aus dem Verfall heraus geben. Der Historiker Wolfgang Schivelbusch spricht zu Recht vom „Vorsprung der Besiegten“, die sich über ihre Identität viel mehr Gedanken machen müssen als die Sieger und daraus neue Vitalität schöpfen können, wenn sie es denn wollen.

Lest am Montag den zweiten Teil dieses Gedankenaustauschs. Dann geht es um die kommende große Krise, die Frage, ob diese revolutionäres Potential freisetzen kann, und um die Rolle der Konservativen bis dahin und danach.

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