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Im Gespräch: Josef Schüßlburner PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: BN-Redaktion   
Montag, den 03. März 2008 um 01:00 Uhr

Josef SchüßlburnerJosef Schüßlburner, Jurist (Regierungsdirektor), ist bekannt aufgrund seiner kontroversen Aufsätze und Publikationen. In „Was der Verfassungsschutz verschweigt“ (2007, Institut für Staatspolitik, 579 Seiten) beschäftigte er sich mit den Institutionen, die die Grundrechte der Deutschen wirklich einschränken. In seinem neusten Buch „Roter, brauner und grüner Sozialismus. Bewältigung ideologischer Übergänge von SPD bis NSDAP und darüber hinaus“ (2008, LICHTSCHLAG, 352 Seiten) analysiert er, wie sozialdemokratische Ideologie in den Nationalsozialismus eingeflossen ist. BlaueNarzisse.de sprach mit ihm über die Ergebnisse dieser Untersuchung.

Herr Schüßlburner, wußten Sie, daß 1923 die Sozialdemokraten in Cottbus-Sielow das erste deutsche Konzentrationslager einrichteten? Es war ein „Konzentrationslager für Ausländer“, in dem insbesondere geflüchtete Ostjuden einsaßen. Was sagt uns das?

Man würde heute von einem Internierungslager sprechen und KZ vermeiden, weil dies eine Assoziation mit Vernichtungslager weckt, die damals noch nicht bestand und auch nicht beabsichtigt war. Die Internierung geht auf ein kriegsvölkerrechtliches Institut zurück; ideologisch sollte man deshalb aus dem besagten Lager keine zu weitgehenden Schlüsse ziehen. Auf der ideologischen Ebene, mit der ich mich mit meinem Buch befasse, ergibt sich das Bedürfnis nach Internierungslagern aus dem Problem, was man in der sozialistischen Wirtschaft mit „Drückebergern“ machen werde. August Bebel ist der Antwort mit der Behauptung aus dem Weg gegangen, diese gäbe es nur im Kapitalismus. Der Labour-Ideologe Richard Aclands sah jedoch die Einrichtung von „Arbeitlagern für Drückeberger unter sehr erträglichen Bedingungen“ vor, was sich als Konsequenz des propagierten Grundsatzes ergäbe, daß sich der einzelne keine Sorgen um seinen Lebensunterhalt machen solle. Im realen Sozialismus der Sowjetunion sah man dann die Zwangsarbeit sehr progressiv.

Welche sozialdemokratischen Ursprünge hat der Nationalsozialismus?

Unmittelbarer Anknüpfungspunkt ist der „Kriegssozialismus“, die Vorstellung, daß die diktatorische Wirtschaftsregulierung zur Zeit des 1. Weltkriegs den entscheidenden, geschichtsnotwendigen Schritt zum Sozialismus darstellt. Der Krieg selbst wurde von SPD-Leuten wie Paul Lensch und Johann Plenge, Doktorvater von Kurt Schumacher, als die von Marx für notwendig gehaltene Revolution angesehen. Die Herrschaftskonzeption, nämlich die demokratisch begründete Führerdiktatur, aber auch die Vorstellung, daß sich der Sozialismus durch Eroberungskriege durchsetzt, zu der eine fortschrittliche Nation bis hin „zum Aussterben“ bei „Angehörigen verschiedener Rasse“ berechtigt sei, geht vor allem auf Ferdinand Lassalle zurück. Damit geht die Vorstellung einher, im Sozialismus werde die Freiheit des einzelnen durch die Freiheit des Kollektivs „aufgehoben“ sein. Diese Konzeption war kennzeichnend für das eigentümliche Freiheitsverständnis der klassischen SPD. Dazu kommt die Vorstellung, daß in der Industriegesellschaft der Staat die Selektionsmechanismen übernehmen müsse, die Darwin in der Natur erkannt hatte. Die politische Eugenik, die etwa beim maßgeblichen SPÖ-Arzt Julius Tandler zur Befürwortung der Euthanasie führte, war ein wesentliches Anliegen der Sozialdemokratie und ergab sich ideologisch aus dem Bemühen, im Darwinismus den naturgeschichtlichen Beweis für den Marxismus zu erkennen.
Der NS hat im übrigen so getan als sei er allein der Genialität Hitlers entsprungen. Deshalb hat man sich geweigert, die Vorläuferfunktion anzuerkennen, die etwa Plenge ausdrücklich in Anspruch nahm. Diese Haltung wurde auch gegenüber Werner Sombart eingenommen, der einst als der künftige SPD-Ideologe gehandelt worden war. Erst Recht wollte man vom „Juden Lassalle“ nichts wissen, weshalb wohl die relativ harmlose Schrift des späteren Bundespräsidenten Theodor Heuß, Hitlers Weg, verboten wurde, in der Lassalle als Vorläufer Hitlers genannt ist.

Die Nationalsozialisten – bis auf deren linken Flügel – behaupteten immer, sie seien Anti-Marxisten und Sozialisten völkischer Prägung zugleich. Bezeichnenderweise heißt ein Buchtitel des national-sozialistischen Denkers Arthur Moeller van den Bruck „Jedes Volk hat seinen eigenen Sozialismus“. Ist diese Trennung zwischen Marxismus und Sozialismus glaubwürdig?

Mit dem Anti-Dühring von Friedrich Engels hat sich in der SPD der Marxismus als maßgebende Ideologie durchgesetzt, was weitgehend zu einer Gleichsetzung von Marxismus und Sozialismus führen sollte. Davor waren die Ideen von Lassalle, Rodbertus, Proudhon und Eugen Dühring verbreitet. Der NS beruhte mehr auf einem Nachwirken dieser und noch weiter zurückgehender Ansätze. Allerdings konnte man auch vom Marxismus zum NS gelangen, wobei man sich bewußt sein muß, daß der NS mit Diffamierungsabsicht gegen die bürgerliche Rechte als „Marxismus“ etwas bekämpft hat, was für dessen Selbstverständnis kaum maßgebend war wie Pazifismus und Parlamentarismus. Der Marxismus wurde schon von Michail Bakunin und Dühring abgelehnt, weil er eine jüdische Verfälschung des wahren Sozialismus darstellen würde, der nur zu einem unterdrückenden Staatskapitalismus führen könne. Die wesentliche Transformation, die vom klassischen Sozialismus zum NS führte, stellte – durchaus in Übereinstimmung mit Elementen der sozialistischen Tradition –, die Ersetzung des Proletariats durch die Nation als Agens des Fortschritts dar, wobei allerdings der Arbeiter weiterhin der Kern der Nation blieb: deshalb NSDAP. Dabei sollte nicht verkannt werden, daß das Klassenkampfkonzept auf ein Rassenkampfkonzept zurückgeht – Marx hat sich an dem Historiker Augustin Thierry orientiert – so daß etwa Ludwig Woltmann, von Marx ausgehend, bei der modernen industriellen Arbeiterschaft eine rassenmäßig höher stehende germanische Elite am Werk sah. Er sprach sich deshalb zur Verwirklichung des Sozialismus für „Entmischung“ der europäischen Rassen mittels künstlicher Rückzüchtung aus.

Aber spricht nicht der Antisemitismus, den doch die SPD entschieden bekämpft, gegen die Annahme, der NS könne der sozialistischen Tradition zugeordnet werden?

Der Sozialismus ist wesentlich aus dem spätmittelalterlich tradierten Unterschichten-Antisemitismus hervorgegangen, was Bebel insofern anerkannt hat, indem er den Antisemitismus als „Sozialismus des dummen Kerls“ bezeichnete. Auch Marx hat den zu überwindenden Kapitalismus mit Judentum gleichgesetzt und noch SPD-Chefideologe Karl Kautsky meinte in seiner einschlägigen Schrift, daß der Sozialismus das Ende des Judentums herbeiführen würde, was er sich sicherlich als Assimilation vorstellte. Der Anti-Antisemitismus der SPD, der aufgrund der Auseinandersetzung mit Dühring und dessen Bekämpfung des „jüdischen Marxismus“ offizielle Linie wurde, muß deshalb als ambivalentes Phänomen eingeordnet werden.

Welche gemeinsamen Wesensmerkmale weisen alle Sozialismen auf?

Roter, brauner und grüner SozialismusVor allem das letztlich utopische Denken, das etwas anstrebt, was nicht zu verwirklichen ist, nämlich die totale Übereinstimmung der Menschen, die soweit geht, daß etwa Grundrechte überflüssig werden. Die Gewißheit, daß ein derartiger Zustand doch eintreten werde, die dann in ziemlich willkürlichen Geschichtskonstruktionen rationalisiert wird, bringt eine gnostische Religiosität zum Vorschein, die von dem Dreisatz: Heil-Unheil-(mehrwertiges) Heil ausgeht. Dieses Heil als dritter Schritt (drittes Reich) „muß“ sich geschichtlich erfüllen, weil sonst alles ungerecht wäre. In dieser Gefühlswelt liegt erhebliches Vernichtungspotential; denn es muß jeweils erklärt werden, wer schuld daran ist, daß sich die guten Intentionen nicht verwirklichen. Sozialistische Gerechtigkeit sollte man daher als „Gerächtigkeit“ ausbuchstabieren.

Stehen sich Totalitarismus und das freiheitlich-demokratische Konzept Westeuropas diametral gegenüber?

Zumindest nicht auf der mehr ideologischen Ebene, weil auch die freiheitliche Demokratie das jakobinische Dilemma mit sich herumträgt: Was macht der Demokrat, wenn sich die Mehrheit gegen die Demokratie entscheidet? Er sieht sich dann vielleicht gezwungen, die Demokratie durch Diktatur zu schützen, die aber wiederum nur dann noch als Demokratie bezeichnet werden kann, wenn diese zu einem ideologischen Gebilde wird. Damit wird Demokratie aber dem ziemlich ähnlich, was die Essenz des Totalitarismus ausmacht.  

Warum dürfen „Antifaschisten“ heutzutage totalitäre Methoden einsetzen, um vermeintliche Faschisten zu bekämpfen?

Es fehlt den „Antifaschisten“ die Erkenntnis, daß sie vielleicht selbst die eigentlichen „Faschisten“ sind, wenn man bedenkt, daß Hitler Anfang 1945 sein Scheitern darauf zurückgeführt hat, „den Schlag gegen rechts“ unterlassen zu haben. Der Antifaschismus ist – was letztlich nicht im Widerspruch zum Marxismus steht – latent rassistisch, weil er den „Rechten“ in einer Weise kategorisiert, wie Rassisten die Angehörigen einer als minderwertig angesehenen Rasse beschreiben. Gegen den „Rechten“ verwirklicht sich das sozialistische Gerächtigkeitsbedürfnis, weil dieser wohl schuld ist, daß sich die Utopie, die nunmehr multikulturell den multirassischen, transsexuellen Einheitsmenschen der Endzeit anstrebt, wieder nicht verwirklicht.

Herr Schüßlburner, vielen Dank für das Gespräch.

 
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