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„Elite sollte Freiheit nur in Zusammenhang mit Verantwortung kennen.“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: BN-Redaktion   
Samstag, den 25. Oktober 2008 um 02:00 Uhr

Heino BosselmannIm Gespräch mit BlaueNarzisse.de äußert sich der Lehrer Heino Bosselmann über Bildungsideale, die Fehler des Schulsystems in Deutschland und über die Elite des Landes. Bosselmann unterrichtet an einem angesehenen Internatsgymnasium. Der bekennende Querdenker möchte den intellektuellen Frieden in Deutschland nicht mitmachen und setzt sich für ein Wiederanknüpfen an humanistische und nationale Werte ein.

Blaue Narzisse: Herr Bosselmann, in welchen Lebensbereichen muss die Schule ihrer Meinung nach Bildungsarbeit leisten? Reicht reine Wissensvermittlung?

Heino Bosselmann:
Ohne dass es die aufgescheuchte Kontroverse je bemerkt hätte, ist bereits die Semantik des Begriffs Bildung ein Problem: Ranking-Analysten und Kultusbürokraten versimpeln sie zum Coaching für Markttauglichkeit, während Konservative zu Recht den Schwund Humboldtscher Ideale gegenüber dem Diktat des Pragmatischen beklagen. „Reine Wissensvermittlung“ gibt es nicht, aber die tantenhaft beschworene Methode, „das Lernen zu lernen“, funktioniert ohne Inhalte gar nicht. Anziehungskraft wird zuerst von den Inhalten ausgehen, von deren Substanz, Relevanz und Interessantheit gegenüber dem verspielten Methodenzirkus und den der BWL-Kultur angepassten Präsentationstechniken, die moderne Pädagogen so smart finden.

Während die 68er-Reformer „Projekte“ als Happenings bloßen Machens inszenierten, drängt die Wirtschaft dem Unterricht ihre leere Power-Point-Ästhetik auf; und die Politik erwartet von den Schulen die Heilung soziokultureller Missstände. Andererseits gilt es schon als antiquiert bis vormundschaftlich, Haltung und Persönlichkeiten ausbilden zu wollen. Die Gesellschaft versammelt sich zur Rettung ihrer Geschäftskonten, nicht zur Neubestimmung von Idealen. Echt defizitär erscheinen mir Allgemeinwissen und insbesondere politische Bildung. Dabei geht es nicht um steriles Theoretisieren. Schule muss wieder heran an Natur, Arbeit, Handwerk, an die Bewährung, die nur erfolgt, wenn jungen Menschen echte Verantwortung übertragen wird.

Sie arbeiten an einem Internatsgymnasium, für das Eltern hohe Schulgebühren bezahlen müssen. Wird an deutschen Internatsgymnasien tatsächlich eine Elite ausgebildet oder vorselektiert?

Mein Internatsgymnasium leistet eine hervorragende Arbeit. Ich stehe zu meiner Arbeitsstätte, weil dort keine Bürokratismen meinen Initiativen im Wege sind. Engagement ist erwünscht und muss nicht auf Dekrete warten. Ansonsten: Ich empfinde jene Menschen als elitär, die sich couragiert dort bewähren, wo Herausforderungen bestehen. Wer es außerhalb von Animation und Dauerbetreuung sowie unabhängig von elterlicher Alimentierung versteht, erwachsen zu werden, indem er sich Bildung, Urteilskraft und Courage erwirbt, vollbringt eine elitäre kulturelle Mehrleistung. Internate sind abgeschlossene Systeme und bedienen bestimmte Milieus, die Startvorteile für ihren Nachwuchs zwar nicht „kaufen“, aber bezahlen.

Verstanden sich etwa die Landerziehungsheime im Geiste von Lietz und Hahn als Pflanzstätte einer neuen leidenschaftlichen Jugend, die den Konventionen so gebildet wie kraftvoll entgegentreten wollte, so sehen sich die heutigen Internate meist als „Bildungsdienstleister“ und insofern fatalerweise als Firmen, die den Zeitgeist eher bedienen, als sich elitär davon zu distanzieren. Allerdings verfügen Internate über exklusive Mittel und Ausstattungen, und manche haben den Mut, interessante Individualisten und erfrischende Nichtlehrer einzustellen. Folgten sie nicht Moden und Konjunkturgründen, hätten sie eine enorme Wirkung.

Ihr Absolventenbild ist jedoch mindestens der homo faber, eher noch der homo oeconomicus, kaum der homo ludens. Gerade Internate erhöhen Tempo und Druck; Bildung erfolgt just-in-time, weil es die Klientel so wünscht. Die komfortablen Bedingungen der Internate, die überdies gewaltig von der Schwäche der staatlichen Bildung profitieren, nutzt das neue Bürgertum für die Reproduktion seiner polierten Kultur – und hält es zuweilen bereits für elitär, wenn elterliche Entwürfe kopiert werden.

Braucht ein Staat überhaupt eine Elite oder lässt sich eine Gesellschaft auch nur mit „gleichen Menschen“ stabil halten?

Eine Gesellschaft der Gleichen ist eine fatale und gefährliche Illusion. Die Bundesrepublik begegnet dieser Idee freilich nur in der Karikatur einer sozialdemokratischen Gesamtschulrepublik. Elitär ist, wer Verdienste erwirbt, nicht wer zum angesagten Golfklub gehört. Elite sollte Freiheit nur in Zusammenhang mit Verantwortung kennen; sie sollte sich zu Dienst und Pflicht aufgerufen fühlen. Ein aktueller Anspruch könnte darin bestehen, keinen intellektuellen Frieden zu machen mit einem durchregierenden Lobbyismus und einem politisch-industriellem Komplex, der der neoliberalen Maßlosigkeit zunächst optimale Bedingungen schafft, um dann noch deren Pleite gesamtgesellschaftlich bezahlen zu lassen.

Ein anderer könnte bedeuten, sich im Sinne einer „zweiten Aufklärung“ zu verstehen, die in der Genauigkeit ihrer Begriffe die Kultur der Farce und die Herrschaft der Phrase bekämpft. Die Restaurationsperiode der Marktradikalität, die mit Thatcher und Reagan begann, in der Party von New Economy nach dem Untergang des Sozialismus gipfelte und Millionen in die Exklusion entwerteter Arbeit trieb, diese Restaurationsperiode scheint beendet. Die wirtschaftliche, soziale und politische Krise beginnt jedoch erst. Das Staatsschiff gerät mit feist gewordenen Berufsdemokraten in schwere See. Mag sein, dass es bald mutiger und klardenkender Männer bedarf, die das Ruder halten. Dafür sollte eine moderne Elite bereitstehen.

In den Feuilletons wird derzeit diskutiert, ob es einen neuen Wertewandel der Jugendlichen gebe. Aus der Perspektive des Lehrers: Welche Werte sind der Jugend heute wichtig?

Doch, es geht vordergründig immer noch um den Posten und das Gehalt, schwächeren Naturen einfach ums Auskommen. Wer nicht an Karrierestress leidet, krankt an Existenzängsten. Als Folge quantitativer Überforderungen, entfremdeten Daseins und des Hungers nach Sinn grassieren Essstörungen, Neurosen und Süchte. Junge Menschen, die sich orientieren, Fragwürdigkeiten entdecken und problembewusst ideelle Ziele über die Enge eigener Zwecke hinaus bestimmen, sind im Gros der artigen Konformisten und furchtsamen Opportunisten selten. Ich sehe darin jedoch nicht nur eine kulturelle Konstante, sondern sogar legitime Lebensentwürfe.

Wichtig sind mir die Wachen, Kraftvollen und Leidenschaftlichen, die Nachfrager und Sanguiniker, die Lust daran entwickeln, Gedanken mal tiefer zu denken, und auf die inspirierende Bildungsangebote, die Lebenssinn wecken und der Welt unter den Lack sehen, geradezu erotisch anziehend wirken. Diese Gruppen sorgen für intellektuelle Gärung, die Bewegung werden will. Sie verlassen sich nicht auf Autoritätsbeweise und altbackene Bildungsklischees. Die Blaue Narzisse ist genau dafür ein Ausdruck!

In ihren Veröffentlichungen gehen sie kritisch mit dem deutschen Bildungssystem um. Woran krankt’s?

Linke Restideologie und neoliberale Wirtschaftswissenschaft gerieten in eine unheilige Allianz, die der Schule eine Anthropologie aufnötigt, nach der allen alles möglich sein soll. Die OECD-Forderungen nach immer mehr Abiturienten und Hochschulabsolventen führt im Zusammenwirken mit der Enteuropäisierung der Universitäten zur Inflation von Abschlüssen, hinter denen sich immer weniger Kompetenz versteckt. Dass Ingenieur- und Naturwissenschaften um Studenten ringen, erscheint mir symptomatisch. Das System der Abwahl von Fächern und die Zahlenmystik der Notenrechnerei laden zum Ausweichen ein, lassen Anstrengungen und Selbstüberwindung vermeiden, verhindern so die Entwicklung von Lust an der Leistung und verzerren die Prädikate. Elementare Defizite im Schreiben, Lesen und Rechnen hindern längst mich mehr daran, ein Abitur abzulegen. Eine Gesellschaft, die an krassen Ungerechtigkeiten und Entwürdigungen von Menschen krankt, möchte sich mit der Schule ein Paradiesgärtlein der Chancengleichheit leisten und erfindet dafür immer neue Heilsbegriffe: Ganztagsschule ist nur einer davon.

Bildung als Ländersache leistet überdies einem wirren Partikularismus der Unvergleichlichkeiten und Dauerbaustellen Vorschub; in den Pöstchenbüros der neben-, unter- und übergeordneten Einrichtungen blühen die fixesten Ideen und regiert das kleine Karo. Nötig wären verbindliche und klare Curricula, Mut zur Kanonisierung, Sicherung qualifizierter Inhalte, ehrliche, verbindliche Bewertungen, echte intellektuelle Herausforderungen, anspruchsvolle Prüfungen, ein Menschenbild, das sich an Leistungswillen, Selbstüberwindung und Durchhaltevermögen ebenso orientiert wie an humanistischen und nationalen Werten. Entweder konsequent integrieren oder eben nach Talent und Leistung selektieren, Heranwachsende beschützen und ermutigen, aber ebenso fordern und echte Verantwortung übertragen.

In letzter Zeit mehren sich Stimmen, die eine Verstaatlichung der Erziehung – beginnend bereits mit dem Kindergarten – feststellen. Wie stehen Sie dazu? Sehen Sie auch eine Indoktrination von Kindern und Jugendlichen mit staatskompatibler Ideologie (z. B. Gender-Mainstreaming).

Ich bin als DDR-Hineingeborener durch ein staatliches und ideologisiertes Bildungssystem hindurchgegangen. Ab vierzehn, fünfzehn Jahren stand ich dem kritisch gegenüber und driftete in die Bibliotheken ab. Innere Emigration statt Widerstand. Schon Schopenhauer, Benn, Jünger, Schmitt aufzutreiben war abenteuerlich. Oft denke ich über den Satz eines westdeutschen Freundes nach: Lieber mit der falschen Ideologie großgeworden als mit gar keiner. Auseinandersetzung erzwingt Positionierung. Bundesrepublikanische Vereinnahmungsversuche empfinde ich eher als lau, etwa in dem Sinne wie Werbung keine echte Ästhetik aufbietet, sondern nur Oberflächlichkeiten.

Dem Staat fehlt mittlerweile ein echtes Identifikations- und Sinnzentrum, wenn er es über den alliierten Demokratieimport, das „Wirtschaftswunder“ und frühere Wohlstandsbegriffe hinaus je hatte. Ungelenke Initiativen wie „Du bist Deutschland!“, „Deutschland – Land der Ideen“ und die infantile Freude über Fußball als nationale Symbolik offenbaren auf neurotisch anmutende Weise den Improvisationseifer der Regierenden, eine Art Identität zu schaffen, nachdem nationale und ebenso humanistische Ideen mit Standortpolitik und Globalisierungsbeschwörungen ausgetrieben wurden. Der Staat selbst unterwarf in Gestalt einer rot-grünen Regierung das Leben den Renditewünschen der Hedgefonds und der Fieberkurve des Dax. Er betrieb neben dem Ausverkauf existentiell tragender Bereiche wie Gesundheitswesen, Post und Bahn auch die Auslichtung der Bildungslandschaft. Ich sehe keinen vitalen, normativ wirksamen Staat am Werke, sondern eine sich selbst verwaltende Bürokratie, die der Wirtschaft die Reproduktionsbedingungen einrichtet. Einem Staat, der seine Institutionen wieder stärkte und der den Mut fände, seine ideellen Wurzeln zu sanieren und positive Gründungsmythen aufzurufen, würde ich mit Hingabe dienen.

Gender-Mainstreaming halte ich im Gegensatz zu vielen Konservativen für ein vergleichsweise belangloses Modekonstrukt, für einen so synthetischen wie albernen Begriff, ähnlich kernlos wie das Gerede von der politischen Mitte, völlig unerheblich gegenüber der eigentlichen zivilisatorischen Krisensymptomatik.

Herr Bosselmann, vielen Dank für das Gespräch!

Dieses Interview erscheint auch in der Dezember-Ausgabe 2008 der gedruckten Blauen Narzisse.

 
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