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Das Märchen-​Kommando

Mittwoch, 19 Dezember 2012 07:40 von Johannes Schüller
Spiegel 51, 17.12.2012 Spiegel 51, 17.12.2012

GESPIEGELT. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) sieht in Grimms Märchen eine Bastion deutscher Irrationalität. Spiegel-​Autor Matthias Matussek bricht dagegen eine Lanze für den bösen Wolf”.

Oft sexistisch seien die von 1806 bis 1812 von Jacob und Wilhelm Grimm gesammelten Volksüberlieferungen, betont Schröder in einem Gespräch mit der Wochenzeitung Die Zeit. Selten gäbe es eine positive Frauenfigur. In der Erziehung ihrer 18 Monate alten Tochter Lotte wolle sie diese alten Rollenbilder überwinden. Der Zeit schlug Schröder vor, den bestimmten männlichen Artikel in „der liebe Gott“ durch ein geschlechtsneutrales „das liebe Gott“ zu ersetzen.

Grimms Märchen: eine „unverschämte Utopie”

Bei soviel „Totalherrschaft der Gegenwart” (Botho Strauß) schaudert es. Matussek verweist dagegen im aktuellen Spiegel auf die „unverschämte Utopie” einer „himmlischen Gerechtigkeit”: „Prunksucht wird verabscheut, Bescheidenheit gelobt, Fleiß gerühmt, Tapferkeit geadelt, ein christlicher Tugendkatalog”. Grimms Märchen erzählten auch „von ewiger Schuld und Verdammnis, wie in einer Parabel Kafkas, als wäre eine Falltür ins Nichts aufgestoßen.”

Matussek bildet die einsame traditionell katholische Flanke des Spiegels, ohne sich allzu stark konservativen Allgemeinplätzen hinzugeben. Für die Irrationalität der Gebrüder Grimm schwärmte er, bevor Schröder in der Zeit die gendergerechte Aufhübschung fordern konnte. In der an Märchen arm gewordenen EU-​Vorweihnachtszeit mag der warnende Zeigefinger der Bundesfamilienministerin nur ein schwacher Seitenwink sein. Er steht aber symbolisch für den Totalitätsanspruch auf eine moderne, linke Uminterpretation bis ins Private, Kleine und Kindliche hinein.

Haben wir aus der bösen irrationalen deutschen Geschichte so gut gelernt, dass wir auch die Träume trockengelegt haben?”, fragt Matussek. Kaum etwas sei wohl so deutsch wie die Romantik und Grimms Märchen, „so utopisch und sentimental, so romantisch, so zerklüftet und mondscheinselig”. In einem Zeitalter, in dem „Nationen wieder verblassen zu puren Wirtschaftszonen und Absatzmärkten”, so Matussek, finde das Märchen höchstens im politischen Meinungsjournalismus seinen Platz.

Seit den Schrecken des Nationalsozialismus seien die Deutschen wieder traumlos. „Und sie passen auf, dass es so bleibt […] Jenseits der touristischen Verwertung” bleibe die träumerische Guerilla-​Aktion, das „Ein-​Mann-​Kommando der Kunst”. Kaum etwas passt dazu besser als die Märchen der Kindheit.

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