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Andrea Röpke beim Volkstanz: Doch sie will nicht tanzen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Martin Wolf   
Dienstag, den 22. September 2009 um 13:42 Uhr

Gegen RechtsEin schwarzer Kombi aus Westdeutschland fährt langsam vor meinen Hof. Jedes parkende Auto, jede Person lichtet die darin sitzende Journalistin Andrea Röpke ab. Es dauert etwa zwanzig Sekunden, bis ich begreife, daß der bisher nur aus Berichten über andere Deutsche wahrgenommene Wille zur Existenzvernichtung mir gegenüber nun auch körperlich in Erscheinung tritt.

Ich halte ruhigen Schrittes auf das Auto zu. Warum? Ich weiß es selbst nicht genau. Selbstschutz, zur Rede stellen, Wut? Der Motor heult, die Reifen quietschen, mein Nebenmann kann in letzter Sekunde zur Seite springen – der investigative Journalismus ist weg. Als ich wieder unter den Tanzenden stehe, empfangen mich freudige Kinderaugen und die herzfrohen Gesichter der Tanzenden. Andere Welt? Wir tanzen und singen wie jeden Monat bis in die Nacht. Glückliche Menschen.

Röpke und Baumgärtner erfüllen jedes Klischee

Es dauert drei Tage und Google gibt jedem Interessierten auf den ersten Listenplätzen Auskunft über unser „umtriebiges“ Tanzen. Überhaupt der Wortschatz: umtriebig, bieder, Szene, Tarnverein, einschlägig, Angstzone, einschüchtern, Lage checken. Der Tonfall des Textes gleicht dem eines Berichts über die Lage an der Ostfront mitten im Partisanenkampf. Er ist mit „Brauner Alltag“ bei „Blick nach Rechts“ (bnr) überschrieben und die Autoren meinen, daß wir zur Festigung unserer Eigenidentität tanzen. Tatsächlich. Genauso ist es. Daß ist aber auch schon alles, was der Artikel einem als verbale Bereicherung zur Verfügung stellt. Für den massigen Rest ist es Zeit einmal „Danke“ zu sagen.

Hiermit danke ich Fräulein Röpke und Maik Baumgärtner, weil sie alle Klischees, die einen Westdeutschen in den Augen der Ansässigen negativ kennzeichnen, voll erfüllt haben. Sie hatten das beste Auto. Die hiesigen Feste, die allesamt durch ehrenamtliches und uneigennütziges Engagement entstehen, verachten sie mit Hohn und Spott. Sie erklären sich den oftmals traurigen Zustand von Haus und Hof nur mit Faulheit und hatten zu guter Letzt sogar die Stirn sich mit unterdrücktem Zorn darüber zu beschweren, daß die von ihrem Brötchengeber angestrebte und von den Sachsen umgesetzte demokratische Praxis, tatsächlich umgesetzt wird.

Wenn bonzige Wessis über Mitteldeutschland berichten …

Wahlplakate, liebe Andrea Röpke, sind nämlich ein Teil der demokratischen Spielregeln und werden nicht zum Wegbolzen aufgehangen. Volltreffer. Ich bekam aus dem Dorf Kommentare wie: „Das ist ja wie früher bei der Stasi“ oder etwa „Sowas kann nur ein bonziger Wessi schreiben – kommt und mault.“ Mit dem Wortschatz der Boulevard-Presse zeichneten Röpke und Baumgärtner eine Atmosphäre, die von niemandem hier so empfunden wurde, und die so augenfällig Regionsfremde zusammenfantasierten, daß der ganze Artikel mehr einer Satire als einem Realbericht gleicht.

Sie konstruieren als Zauberkünstler durch Weglassen von Fakten eine Wirklichkeit, die so nicht vorhanden ist. Nota bene: die SBZ-Generationen haben gelernt, wie man zwischen den Zeilen liest, und wie erkenntisresistente Wirklichkeitsbastler schreiben. Sie offenbaren uns, daß sie im Bereich des wahrheitsliebenden, ehrenhaften Journalismus noch große Reserven besitzen. Fazit: wenn der Wind der Zeit ein Denunzianten-Röppchen hochfliegen läßt, stellt doch jeder nur wieder fest: krumme Beine, krummer Charakter, gepuderzuckerter Anus.

Der „Kampf gegen Rechts“ macht auch vor normalen Menschen nicht halt.

Ich will diesen Meinungsbeitrag nun doch nicht vorübergehen lassen, ohne ein Wort über die Intention der staatlich gestützten Journalisten geschrieben zu haben. Die Nazi-Riecher Baumgärtner und Röpke speisen verschiedene Ächtungsportale des elektronischen Gedächtnisses auf Dauer und zielen, wie auch in den veröffentlichten Druckmedien, auf die Zerstörung von materiellen Existenzen. Der ganze Aufwand firmiert unter dem Aushang des „Kampfes gegen Rechts“. Die Schublade „rechts“ dient dabei nicht nur zur Ablage von Menschen, deren Lebensinhalt sich durchaus auf die Schlagworte Gewalt und Xenophobie reduzieren läßt. Die „Nazi-Enttarner“ spüren auch Menschen auf, die ganz normal in einem Dorf oder einer Stadt leben, bestens mit den Nachbarn auskommen und sich mit ihnen auf wichtige Grundwerte einigen können.

Röpke und Baumgärtner wenden in diesem Fall einen Kunstgriff an: Wer sich nicht auf Anhieb auf das eingeübte Schlagwortrepertoire objektiv reduzieren läßt, wird eben passend gestanzt. Der hiesige Staat hat für diese Art Denunziation im Kleide des investigativen Journalismus anscheinend keine Fragen und keine Antworten. Ich lese, daß die Autoren des Artikels sich im linksradikalen Umfeld bewegen und daß der „bnr“ zusätzlich mit Geld und Informationen von Staat und SPD gespeist wird. Ist die staatliche Gleichgültigkeit Methode oder ist der Staat am Ende gar von jenen okkupiert?

Meine Skepsis beruht darauf, daß es bei diesem rabulistischem Spiel interessante Grenzziehungen gibt, die öffentlich-höflich als Grenzen des Geschmacks bezeichnet werden, und genauso öffentlich-höflich den betroffenen Menschen entwerten bzw. unmöglich machen. Wir haben gelernt, daß man sich mit Volkstanz, Rock und Stehkragen verdächtig macht. Dann ist man auf einmal geschmacklos und nur noch einen Hauch vom unsagbaren Bösen entfernt.

Enthüllungsjournalisten der Sorte Röpke sind der Bauchspeck der Republik

Es hört sich hübsch an, zu lesen, daß es zur Demokratie dazugehört, rechtes und damit als geschmacklos abgestempeltes Gedankengut von der Diskussion auszuschließen. Aber, wer rechts ist, bestimmen dummerweise Ideologen wie die staatlich geförderten Autoren von „bnr“. Der moralische Unterschied in Sachen Freiheit der Meinung zwischen roten, braunen und demokratischen Ideologen geht hier wohl gegen null.

Ein Auflehnen gegen die Gewaltmächtigen führt zur versteckten oder offenen Unterdrückung. Das Vorgehen gegen die erkannten Feinde der Demokratie hat allerdings hübschere Namen, es ist also euphemistischer und dadurch subtiler. Das Prinzip der Machterhaltung wird dadurch unkenntlicher. Menschen wie Baumgärtner und Röpke sind damit angesichts der wirtschaftlichen Schieflage der Republik ein gewollter Bauchspeck des Gemeinwesens. Bedauerlich ist nur, daß bei einer unfreiwilligen Hungerkur zuerst die Muskeln und dann erst die Fette verschwinden. Tanzen hält dagegen Geist und Muskeln in Form. Getreu dem Motto: Gib dem Fett keine Chance!

 
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