Startseite Anstoß Jost Bauch im Gespräch: „Es geht darum, die Bundesrepublik als ziviles und demokratisches Gemeinwesen zu erhalten“
Jost Bauch im Gespräch: „Es geht darum, die Bundesrepublik als ziviles und demokratisches Gemeinwesen zu erhalten“ PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: BN-Redaktion   
Montag, den 15. Februar 2010 um 09:48 Uhr

Jost BauchDer Soziologe Jost Bauch ist an der Universität in Konstanz heftigen Angriffen von Studenten ausgesetzt, die sein konservatives Weltbild kritisieren. In einer Vollversammlung letzte Woche forderten sie seine Entlassung. Gegenüber BlaueNarzisse.de erklärt der Professor seine Positionen und erläutert, wie es um die Meinungsfreiheit in Deutschland steht, ob ein „Zusammenprall der Kulturen“ auf deutschem Boden zu erwarten ist und wie eine „Integration der Exkludierten“ angegangen werden müßte.

BlaueNarzisse.de: Eine Vollversammlung der Friedrich-Heckert-Universität Konstanz forderte am 28. Januar ihre Entlassung. Es fielen die Begriffe „islamophob“, „kultureller Rassismus“ und „Junge Freiheit“. Gibt es noch Redefreiheit an Deutschlands Universitäten, wenn eine „Herrschaft des Verdachts“ und vordefinierte Begriffe schon genügen, einen Hörsaal gegen sie aufzubringen?

Prof. Dr. Jost Bauch: Offensichtlich reicht tatsächlich ein Verdacht aus, um solche Behauptungen in die Welt zu setzen. Es ist ja so, dass der „kulturelle Rassismus“ eine Erfindung der Studenten ist. Mir wird in Folge dessen unterstellt, dass ich latent zu so einem Rassismus neige. Das ist aber völlig absurd und aus keinem meiner Texte herauslesbar. Hier maßt sich eine Gruppe von Studenten die Begriffshoheit an. Sie maßt sich zudem an, zu definieren, was rechtsradikal ist und was nicht rechtsradikal ist. Das Problem dabei ist nicht, dass linke Studenten so denken und so schreiben. Das Problem ist vielmehr, dass die schweigende Mehrheit sich wegduckt. Für mich ist das der eigentliche Skandal an der Geschichte.

Die studentische Kritik bezieht sich auch auf argumentative Parallelen zu Samuel P. Huntingtons „Clash of Civilizations“. Der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg geht davon aus, dass Deutschland jährlich etwa um die Größe der Stadt Aachen schwindet. Der Soziologe Gunnar Heinsohn sieht in den radikalisierten, jungen, islamischen Männern die Bedrohung des Westens. Wie realistisch ist ein „Zusammenprall der Kulturen“?

Ich zitiere Huntington ja und folge auch seinen Thesen. Natürlich sehe ich Kulturen nicht als monolithische Blöcke. Aber Kulturen bestimmen wesentlich das Verhalten und die Deutungsmuster von Menschen. Da ist es ganz natürlich, dass es zwischen verschiedenen Kulturen zu Konflikten kommt. Was die Studenten vergessen: ich habe in meinem Text zu Huntington zwei Absätze später geschrieben, dass man seine Thesen kritisch hinterfragen muss.

Ein gutes Beispiel für die Rolle kulturell bestimmter Deutungsmuster ist die Stellung der Frau. Da hat der Islam eine ganz andere Vorstellung als wir im christlichen Abendland. Ich argumentiere da auf der Ebene von Strukturen. Diese strukturellen Probleme werden sowohl von den Studenten als auch der Linken im Allgemeinen immer auf den Menschen und das Moralische heruntergebrochen. Aus dieser Argumentation heraus werden dann meine Thesen als inhuman bewertet. Es fällt sofort der Satz: „Das ist menschenverachtend.“ Was aber ist an der Feststellung, dass es Konfliktpunkte zwischen Islam und Abendland gibt, menschenverachtend? Das zu ignorieren, ist menschenverachtend.

Ähnlich verhält es sich mit dem von mir aufgegriffenen Freund-Feind-Schema Carl Schmitts. Gerade nach dem 11. September ist diese These von hoher Aktualität. Und im angelsächsischen Raum wird das keineswegs unterschätzt, man beachte die intensive Rezeption Schmitts in den USA und Großbritannien. In Deutschland dagegen wird mir Bellizismus unterstellt, wenn ich allein auf Schmitt zurückgreife. Aber das Freund-Feind-Schema ist nach Schmitt ja nur der Code, mit dem man eben politische Prozesse analysieren und deuten kann. Und bei ihm stellt der Krieg erst das letzte politische Mittel dar. Insofern ist der Vorwurf, wer Schmitt aufgreife, sei rechtsradikal, einfach absurd.

Wie könnte Deutschland denn in 20 Jahren aussehen?

Wenn man das Szenario, das heute angelegt ist, Richtung Zukunft verfolgt, dann sieht es tatsächlich düster aus. Gerade für die jungen Leute, die sich über meine Thesen derartig aufregen. Denn das Land hat keine rosige Zukunft – aus vielerlei Gründen.

Zwei Modelle zeichnen sich ab: das eine kann als multikulturelle Utopie bezeichnet werden. Verbunden damit ist die Entwicklung zu einer Multiminoritäten- und Parallelgesellschaft. In meinen Augen aber kann so eine Gesellschaft nicht integrationsfähig sein. Das andere Modell, das ich das „Integrative Modell“ nennen möchte, hingegen bietet eine kontrollierte Zuwanderung, ohne die wir in Deutschland nicht zurechtkommen. Hier bildet das Deutsche die Verkehrskultur und Verkehrssprache. Die Zugewanderten müssen sich demnach integrieren. Sie müssen die Sprache beherrschen, um in dieser Gesellschaft selbstständig leben zu können und sie müssen bestimmte Grundwerte anerkennen. Die Weichen in die eine oder andere Richtung werden heute gestellt.

In ihrem Text „Wer bringt die Verhältnisse zum Tanzen?“ sehen Sie im Konservatismus ein potentielles Subjekt politischen Handelns angelegt. Dies wäre auch unter der Bedingung möglich, dass er sich für die „Nöte und Probleme der an den Rand der Gesellschaft gedrängten Menschen“ interessiere. Wie könnte dieses Interesse aussehen?

In dem Moment, in dem sich die ökonomische Situation zuspitzt, werden immer mehr Menschen exkludiert, also ausgeschlossen. Und die wirtschaftlich und sozial Exkludierten werden sich politisch zu Wort melden. Ein Großteil von ihnen wird sicherlich nach links gehen. Ein Teil wird aber auch ganz nach rechts oder eben ins konservative Lager wandern. Das alles kann potentieller Sprengstoff für unsere Demokratie und Zivilgesellschaft sein, die wir ja erhalten wollen. Ziel der Politik muss es sein, dass die Menschen wieder in Lohn und Brot kommen und das Ausmaß der Exklusion verringert wird. Nur so finden die Exkludierten auch politisch ins demokratische Spektrum zurück. Nach Marx bilden die sozial Exkludierten eine „industrielle Reservearmee“ unserer Gesellschaft. Eine konservative Bewegung muss sich für die Ängste und Nöte dieser Menschen interessieren. Das allerdings fehlt bei vielen konservativen Gruppen.

Wie könnte diese „Integration der Exkludierten“ konkret aussehen?

Man darf als Konservativer nicht den Fehler machen, nur liberal zu denken. Der Konservativismus muss sich auch den Fragen der sozialen Sicherung stellen. Der Konservative ist ja von seiner geistigen Tradition her gesehen immer staatsbejahend gewesen. Und an diese Tradition sollte man wieder verstärkt anknüpfen.

Sie bemängeln das Fehlen einer – paradox erscheinenden – „konservativen Utopie“. Bildet nicht gerade der zumindest theoretische Hang der Rechten zur Wirklichkeit und zum Konkreten ihre Stärke?

Der theoretische Hang zur Wirklichkeit ist eben nicht die Stärke des Konservativismus. Mag sein, dass er diesen „Hang zur Wirklichkeit“ hat. Sie nützt ihm aber nicht viel. Wir sind eine mediale Diskursdemokratie. Es werden medial zugerichtete Wirklichkeiten produziert. Diese haben mit der eigentlichen Wirklichkeit aber wenig zu tun. Die Linke hat die Herrschaft über diese Diskurse inne. Es handelt sich dabei aber nicht um die „wirkliche Wirklichkeit“, sondern eine medial hergestellte. Und eben das verhindert, dass die Menschen zur eigentlichen Wirklichkeit vorstoßen. Deshalb nützt den Konservativen politischer Realismus allein nichts. Man muss versuchen, gegen die linke Herrschaft der Diskurse gegenzusteuern, alte Diskurse aufzugreifen und neue zu bestimmen. Das konservative Ziel sollte es sein, gesamtgesellschaftliche Diskurse entscheidend zu prägen. Dazu gehört natürlich auch die Presse. Und gerade deshalb sind auch die „Junge Freiheit“ und durchaus auch andere Medien jenseits der linken Diskurshoheit so wichtig.

Die Arbeit im „vorpolitischen Raum“ sehen sie ebenso als von nicht zu unterschätzender Bedeutung an. Soll der Konservative sich nun weniger in Parteien und dafür mehr in Vereinen, Netzwerken und Onlinemagazinen engagieren?

Sowohl als auch. Man muss im vorpolitischen Raum und auch in den Parteien Flagge zeigen.

Wie könnte denn dieser „vorpolitische Raum“ aussehen?

In den Parteien muss der Konservative auf jeden Fall präsent sein. Gerade in der CDU wird der Konservative immer mehr marginalisiert. Man darf aber die CDU deswegen nicht aufgeben. Man kann sicher lange über Neugründungen diskutieren, das sind aber alles rein strategische Fragen. Es geht im Kern darum, dass man den Konservativen im politischen Spektrum überhaupt eine Stimme verleiht. Und es geht natürlich auch um den vorpolitischen Raum. Dazu gehören Onlinemagazine ebenso wie Vereine. Denn wenn man mit den Menschen redet, hat man einen entscheidenden „Wirklichkeitsbonus“. Parteivertreter jedoch sprechen oft von oben. Im örtlichen Feuerwehrverein beispielsweise erfolgt das Gespräch jedoch direkter und damit auch ehrlicher. Erst so kommt man mit den Leuten ins Gespräch. Andere politische Spektren handhaben das genauso und das auch relativ erfolgreich. Das Problem ist nur die Menge und die Zahl derer, die eben dies tun können.

Herr Professor Bauch, vielen Dank für das Gespräch.

 
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