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Politische Kunst ist das Gebot unserer Zeit! PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Felix Menzel   
Sonntag, den 23. Mai 2010 um 14:10 Uhr

Brillo BoxDer französische Philosoph Roland Barthes hat in Anspielung auf die Gegenwartskunst gesagt, auch sie vermittle noch Sinn, denn dieser klebe am Menschen: „Selbst wenn er Unsinniges oder Außersinniges schaffen will, bringt er schließlich den Sinn des Unsinnigen oder des Außersinnigen hervor.“ Diese Definition klingt paradox, denn wenn alles Sinn hat, was ist dann dessen Gegenteil? Aber auf eine wichtige Einsicht weist uns Barthes hin: Nicht nur heilige Werke entfalten Sinn. Der Mensch ist vielmehr eingebettet in eine ständige Sinnproduktion in seinem Alltag und sucht ihn nicht zuerst in der Hochkultur, sondern im Profanen.

Die Pop Art hat alles Menschenmögliche getan, um den Unterschied zwischen dem traditionellen Kunstbegriff und Alltagsgegenständen zu verwischen. Exemplarisch sei hier an die „Brillo Boxen“ von Andy Warhol erinnert. Das amerikanische Pop Art-Idol bildete die Verpackungen der Putzschwamm-Marke „Brillo“ exakt nach und stellte dies als Kunst aus. Ist das nicht ein Paradebeispiel für die Produktion von Unsinn? Der Kunsttheoretiker Arthur C. Danto sprach hingegen von einem Kulminationspunkt, nach dem nur noch „Kunst nach dem Ende der Kunst“ möglich sei: „Das bedeutet im Grunde, daß fortan alles Erdenkliche Kunst sein konnte, zumindest insofern, als sich nichts mehr von ihr ausschließen ließ. Es war der Moment (…), in dem die vollkommene künstlerische Freiheit Wirklichkeit geworden war.“

Performative Ästhetik nach dem Ende des Kunstwerkes

Diese Ansicht macht einerseits darauf aufmerksam, daß sich Mitte der 60er-Jahre ein neues Zeitalter in der Darstellung von Dingen durchgesetzt hatte. Zum anderen vergißt sie aber auch etwas, denn Wahrhol betrieb letztendlich ebenso wie die großen Künstler der Renaissance doppelte Mimesis, weil er das ausschließlich ökonomische Denken in Warenverhältnissen ins „Bild“ setzte und Marcel Duchamps´ „ready-mades“ nachahmte. Damit hat er die mit seinen Augen wahrgenommene „Natur“ vergleichbar eines Malers, der auf eine Landschaft blickt, abgebildet. Warhol ist sogar noch einen Schritt weitergegangen und verwandelte den Ausstellungsraum in ein Warenlager. Er holte also die „Umwelt“ (environment) ins „Bild“ hinein.

Diese Einbeziehung der Umwelt ist der eigentlich innovative Schritt, der die erste Etappe hin zu einer ereignishaften, politischen Kunst sein sollte. Aber der Reihe nach: Der deutsche Philosoph Friedrich Wilhelm Schelling nannte als Charakteristika der Kunst, daß sie Originalität, Genie und das „innewohnende Göttliche des Menschen“ ausstrahle. Andere Theoretiker ergänzten, Kunst habe einen Ewigkeitswert und es komme insbesondere auf die besondere Tätigkeit des Erschaffens eines Werkes an.

Von der „Erfindung“ des Künstlers zur Performance im öffentlichen Raum

Dürers Selbstbildnis aus dem Jahr 1500 vollzog den dafür notwendigen Schritt der „Erfindung“ des Künstlers. „So malte ich, Albrecht Dürer aus Nürnberg, mich selbst mit den mir eigentümlichen Farben im Alter von 28 Jahren“, begründete er seine Imitatio Christi, mit der er den Mythos, Dürer: SelbstbildnisIkonen seien von Gott gegeben, angriff. Die Kunstgeschichte stark vereinfachend, könnte man sagen: Beginnend mit der Renaissance bis etwa zur Klassik beschränkten sich die Künstler darauf, die Natur nachzuahmen. Erst unter dem Eindruck des Gedankenguts der Aufklärung verwandelte sich dieses Selbstverständnis. Fortan galt nicht mehr die perfekte Nachbildung, sondern die Darstellung eines Ausdrucks als erstrebenswert. Die Vernunft war der neue Leitstern am Himmel, der in Form eines Kunstwerkes versinnbildlicht werden sollte. Hegel meinte dementsprechend, Kunst sei „aus der absoluten Idee selber hervorgehend“.

Selbst in der Malerei der Moderne herrschte dieser Gedanke noch vor, weil sie bestrebt war, das Nicht-Darstellbare auszudrücken. Am Werkhaften der Bildenden Kunst, also der Konzentration auf das Produzieren, hielt sie aber fest. Dies änderte sich erst mit der Postmoderne. Pop Art ist dabei ein schillernder Begriff, der diese grundlegende Veränderung ankündigte. „Alles ist Pop, wir selbst sind Pop genauso wie der Autounfall, riesige, tränenvergießende Comicfiguren, Toastscheiben aus Gips, Sex & Crime, Desaster & Glamour oder Mickey Mouse, zwölf Meter hohe Reklamelettern, chromglänzende Stoßstangen, Pin-up Girls, Campbell´s Soup Can (1968) oder die phantastische Welt der Spielautomaten, Coca-Cola und Kellogg´s Cornflakes“, beschreibt der Kulturwissenschaftler Dieter Mersch diese Totalisierung des Kunstbegriffs.

Nicht jeder kann Künstler sein, aber daran partizipieren!

Die dahinterstehende radikale Idee der Gleichheit aller Menschen hat sich selbstverständlich praktisch nicht durchgesetzt, weil es in jeder Gesellschaft eben doch nur einen winzigen Prozentsatz an Künstlern gibt. Diese Elite hat aber zumindest ein neues Zeitalter der Kunst begründet, indem sie an die Stelle des Produzierens und der Bedeutung des Werkes das Ereignis gesetzt hat. Bei der „Kunst nach dem Ende des Kunst(-Werkes)“ handelt es sich um eine performative Ästhetik, die in zwei verschiedenen Formen auftreten kann: zum einen als Symbole einer gleichgültigen Welt, in der alle Sinnbestände dekonstruiert wurden. Dazu zählen die Produkte der Massenkultur und – Überraschung! – l´art pour l´art. Zum anderen haben sich künstlerische Aktionsformen herausgebildet, die eine politische Ethik verfolgen.

Natürlich kann man auch nach dem Tod des Kunstwerkes an ihm festhalten und ästhetisch sehr ansprechende Wiederbelebungsversuche starten, aber all das bleibt unzeitgemäß, was allerdings nicht die schlechteste Variante ist, mit der heutigen Zeit umzugehen. An unzeitgemäße Künste lassen sich sogar Hoffnungen knüpfen, weil durch das bewußte Ignorieren von Trends Ewigkeitswerte vielleicht doch noch hervorzubringen sind.

Visionen mit der Sprache der Kunst umsetzen!

Das kulturelle Fundament unserer Tage bröckelt. Zeitgemäß sind deshalb nur das Gleichgültige, das die Auflösung aller Dinge zelebriert, und die Kunst mit politischer Ethik, die eine neue Epoche vorbilden will. Postmodern im schlechtesten Sinne des Wortes bedeutet, identitätsstiftende Mythen zu verteufeln und an ihre Stelle das belanglose Experiment treten zu lassen. Im besten Sinne dieses Wortes hingegen versucht der Zentrum für politische SchönheitKünstler die Vorzukunft (post-modo) zu denken. Dann exerziert er im Modus des Ereignisses eine neue Welt vor und spricht damit die politische Forderung aus, diese Welt in naher Zukunft zu verwirklichen. Zwar kann nach diesem Verständnis nicht jeder Künstler sein, aber jeder kann an einem Kunst-Ereignis teilhaben. Jeder, dem die Macht fehlt, eine neue Welt zu realisieren, kann auf diese Weise seine Vision einer künftigen Gesellschaft präsentieren.

Konkret heißt das: Die Brillo Boxen sind nur dann Kunst, wenn sie politisch sind und eine Wirkung erzielen. Andernfalls gehören sie auf den Müllhaufen der Kunstgeschichte. Noch deutlicher als bei Warhol wird der Ansatz der Kunst mit politischer Ethik beim Zentrum für politische Schönheit (ZPS). Die Gruppe von Aktionskünstlern will auf Menschenrechtsverletzungen in aller Welt hinweisen und konzipiert dazu Projekte. Die „Säule der Schande“ ist eine der neuesten Ideen. Die beiden Buchstaben „UN“ (United Nations) sollen mit 16.744 Schuhen gefüllt werden. Darüber hinaus sind einige Einschußlöcher in das über acht Meter hohe Monument geplant. Das ZPS will damit an den Srebrenica-Genozid, der sich 2010 zum 15. Mal jährt, erinnern und fordert zugleich, alles Menschenmögliche zu unternehmen, um die z.B. in Afrika vorhersagbaren Genozide des 21. Jahrhunderts zu verhindern.

Popularisierung von Aktionskunst

Wie man auch immer zu dem Projekt stehen mag, es handelt sich zweifelsohne um vorbildliche Aktionskunst, die eine neue politische Ethik des 21. Jahrhunderts anstrebt. Wer so ein Kunstverständnis kultiviert, der hat das Recht, wenn nicht sogar die Pflicht, den öffentlichen Raum zu erobern und so populär wie möglich zu werden.

Über diesen Artikel kann im Weblog diskutiert werden.

 
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