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Sehr verehrte KollegInnen,
hiermit lasse ich Ihnen zur Kenntnisnahme den Bericht einer Mediation zukommen, die unter Berücksichtigung aller modernen pädagogischen Maßnahmen unter dem offenen Social-Management von Thomas „Tommy“ Leder durchgeführt wurde. Sie soll Ihnen als Hand-out und Leitfaden in der Schulsozialarbeit dienen. Ort der Erkenntnis ist die Kurt-Tucholsky-Gesamtschule einer westdeutschen Stadt.
Die Bezeichnung westdeutsch ist irreführend und in diesem Zusammenhang zu entschuldigen. Vor Ort wurde ein funktionierendes everything-goes realisiert. Hier leben afrikanische, türkische, arabische und chinesische Kinder zusammen unter der Prämisse des kosmopolitischen, globalen Dialogs. Es ist erfreulich mitteilen zu können, dass der Anteil an SchülerInnen ohne Migrationshintergrund kontinuierlich sinkt. So kommen wir dem Internationalismus und der endgültigen Beseitigung der Mutter aller „weißen Völker“, die Rede ist vom abscheulichen Rassismus und Faschismus, Schritt für Schritt näher. Um diesen notwendigen Prozess fortzuführen, ist hellwache Achtsamkeit vonnöten! Sie sollten dieses Schriftstück als Auftrag verstehen und zur Kenntnis nehmen, dass der deutsche Ungeist in Form unausrottbarer Neigungen zur Reaktion noch immer fortlebt und einem fortschrittlichen und friedlichen Miteinander der MenschInnen aller Rassen, Religionen und Geschlechtsidentitäten im Weg steht. Im folgenden Tommys Bericht: Das Schriftleitungskollektiv. Donnerstag, 29. April 2010 Ich wurde als Sozialarbeiter (ich verzeihe die chauvinistische offiziöse Berufsbezeichnung, von der ich mich hiermit distanziere) der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule dazu beauftragt, mich mit einem Störfall aus der fünften Klasse auseinander zu setzen. Der junge Mensch heißt Umut Özcan. Die LehrerIn, Clara Stubenberger, scheint verzweifelt, denn Umut tyrannisiert offenbar seine MitschülerInnen und hört nicht auf seine LehrerInnen. Stubenberger bemängelt Umuts fehlenden Respekt vor – ich zitiere! – „vorstehenden Autoritäten“, insbesondere gegenüber Lehrenden weiblichen Geschlechts. Selbstverständlich habe ich „sie“ darüber aufgeklärt, dass sowohl Autoritäten, als auch die Betonung eines ominösen „Geschlechts“ ins letzte Jahrhundert gehört und beide Phänomene bereits für Kriege, unzählige Tote und psychisch Kranke verantwortlich zu machen sind. Gerade im vorbelasteten Deutschland sollten wir vorsichtig sein! In den gleichberechtigten und offenen Kommunikationsprozess – in freundschaftlicher Atmosphäre bei Kaffee und türkischem Salzgebäck – wurden unter Verzicht jeglicher Hierarchien und herkunftsspezifischer Barrieren Umuts pädagogische Betreuer/in im Hort, Michaela Unzumutbar-Stresser, und ein weiterer, zivildienstleistender Betreuer/in, Bruno Clement, einbezogen. Montag, 3. Mai 2010 Der junge Umut wirkt unsicher. Erst vor einigen Tagen geriet er in einen Streit mit SchülerInnen der sechsten Klasse. Dies erfolgte nach einem Fußballspiel auf dem Schulhof. Clara Stubenberger belehrte ihn über das Ballverbot auf dem Schulhof, doch ich will das Problem an der Wurzel packen. In seiner agonalen und männer-dominierten Natur wirkt sich Fußball schlecht auf Umuts Sozialkompetenzen aus. Ich ordne die verbindliche Teilnahme an der „AG Ausdruckstanz interkulturell“ an. Hier soll Umut seine feminine Seite entdecken und sich so zivilisieren. Dienstag, 18. Mai 2010
Umuts pädagogische Betreuung, Michaela Unzumutbar-Stresser, berichtet schon seit längerem, dass der Problemfall nach einmaligem Erscheinen nicht mehr zur AG kommt. Noch einmal spreche ich dem Jungen ins Gewissen, belehre ihn über seine vielen Rechte, aber auch Pflichten im Miteinander des Sozial- und Entfaltungsortes Schule. Umut scheint nur seine Rechte zu kennen, wie Bruno Clement berichtet. Clement ist wohl schon desöfteren mit Umut aneinander geraten und befürwortet eine „härtere Gangart“. Belehrung über den destruktiven und verhängnisvollen Charakter preußischer Tugenden folgt. Freitag, 21. Mai 2010 Vorgestern ohrfeigte Umut eine Mitschülerin (es ist anzunehmen, dass die Fünftklässlerin die Geschlechtszuordnung „weiblich“ annimmt. Andernfalls bitte ich um Verzeihung; T.L.). Am Tag darauf fand ein klärendes Gespräch in Form eines gemeinsamen Stuhlkreises mit Umut und besagter Schülerin unter pädagogischer Betreuung statt. Umut sagte zu, künftig die Schulordnung zu achten. Auf Repressionen haben wir bewusst verzichtet. Heute jedoch schoss er mit dem Fußball ein Fenster ein. Eine Woche Nachtischverbot. Der Vater, Herr Özcan, erscheint kommenden Mittwoch zum „Elter“-Gespräch (bewusster Verzicht auf den patriarchalen Begriff „Eltern“; T.L.). Mittwoch, 26. Mai 2010 Herr Özcan bedauert die Vorkommnisse durch sein Kind und gelobt Besserung. Die Familienverhältnisse sind islamisch und traditionell, d.h. Mann erwerbstätig, Frau zuhause. Starker Familienverband, fehlende Frühsexualisierung: Ursache der Aggressionen? Gründe sind auch in den menschenverachtenden Zuständen der kapitalistischen Gesellschaft zu suchen, die fortschrittliche Emanzipation benachteiligter Klassen nicht zulassen. Anweisung an Frau Stubenberger: Berücksichtigung des sozialen Hintergrunds im zwischenmenschlichen Umgang und der schulischen Benotung als Ausgleich unzumutbarer Gesellschaftsschikanen. Die Forderung der pädagogischen BetreuerInnen, besagten SchülerIn in einen niedrigeren Schulzweig zu versetzen, wird verworfen. Montag, 31. Mai 2010 Der Zivildienstleistende Bruno Clement wird vom Kommunikationsprozess ausgeschlossen. Einige engagierte SchülerInnen vor Ort entlarvten ihn als Autor einer rechten, also fremdenfeindlichen Zeitschrift und informierten mutig die Schulleitung. Kündigung erfolgt unter Absprache mit der Schulleitung sofort. Clements freundliche Erscheinung war also nur Täuschung in faschistoider Präzision. Deshalb auch seine offensichtliche Abneigung gegen den türkischstämmigen Umut! Wehret den Anfängen! Donnerstag, 10. Juni 2010 Die pädagogisch sinnvolle Toleranz gegenüber dem unterprivilegierten Problemfall ist der richtige Weg. Unter diesem Blickwinkel sind die immer noch aufkommenden Konflikte zwischen Umut und MitschülerInnen sowie LehrerInnen als Lappalien zu betrachten, deren Kritik des deutschen Spießertums verdächtig macht. Frau Unzumutbar-Stresser verzichtet auf Repressalien in der Nachmittagsbetreuung – sie lässt ihm also den als Ausgleich dringend benötigten Freiraum. Frau Stubenberger signalisierte grünes Licht, die Versetzung des in seiner Weise hochintelligenten Fünftklässlers betreffend. Ich bin zuversichtlich, dass sich Umut Özcan zum Dank im nächsten Schuljahr etwas kooperativer zeigt. Der Tommy
Anmerkung der Redaktion, 12. August 2010 Entgegen Thomas Leders Hoffnungen ist der noch nicht strafmündige Umut Özcan inzwischen auch der Polizei aufgefallen, da er die Schallmauer von 50 Vergehen im letzten halben Jahr überschritten hat. Darunter: viele, kleinere Diebstähle und nicht weiter schlimme Körperverletzungen. Die Polizei vermutet, daß nur eine kleine Zahl der Vergehen Umuts bekannt geworden ist. Aber zum Glück gibt es ja kompetente Pädagogen, die sich um diesen Fall kümmern. Polizei und Justiz weisen bisher jegliche Verantwortung für den „Einzelfall Umut Özcan“ von sich. Die Schule und die Eltern werden es schon richten. |