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Das Interview, das nie erschien PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Felix Menzel   
Freitag, den 17. Dezember 2010 um 08:56 Uhr

FrageVor einigen Wochen führte ich ein Interview mit einem Dichter und Journalisten, der für die großen Blätter dieser Republik schreiben darf. Er selbst bezeichnet sich als einen „Neuen Journalisten“. Ich sprach mit ihm über Gedichte im Internet, die Selbstbefriedigungsmaschine Weblog und die Ambitionen und Chancen, die sich für einen Künstler im Internet ergeben könnten. Leider werdet ihr das Interview nie lesen können, weil der Journalist kurz vor dem Veröffentlichungstermin einen Rückzieher machte und mit rechtlichen Konsequenzen drohte, sollte ich das Gespräch irgendwo veröffentlichen.

Ich kann deshalb den Namen des Journalisten nicht nennen, aber – um die Sache, die ich erklären möchte, trotzdem anschaulich machen zu können – nennen wir ihn einfach Sebastian Vettel. Ihr alle wißt, daß Sebastian Vettel kein Journalist ist, sondern der jüngste Formel-1-Weltmeister und somit besteht keine Verwechslungsgefahr, wenn ich fortan meinen Interviewpartner den Namen Sebastian Vettel gebe, den es sicherlich nicht nur einmal in Deutschland gibt. Sebastian Vettel – ich muß leider alle seine Antworten indirekt wiedergeben, um ein juristisches Nachspiel zu vermeiden – betonte, er frage sich jeden Tag mehr, warum er seine Gedichte und andere Wortspezialitäten im Internet veröffentliche. Vielleicht liege es an seiner Künstler- und Autoreneitelkeit. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß es für Dichter und Wortakrobaten gar nicht so viele Orte gibt, wo sie ihre Werke vorstellen können.

Von absoluter Internetkunst hat noch nie jemand gesprochen

Und klar, fuhr er fort: eine gewisse Sehnsucht verspüre er natürlich auch, berühmt zu werden. Jeder wolle doch insgeheim geliebt werden, so wie der junge Goethe nach seinem Werther. Doch dann vernahm ich schon die erste Überraschung dieses Gesprächs: Von den richtigen Leuten müsse man auch gehaßt werden. Das Internet habe es an sich, daß die „Auspeitscher“ nur einen Klick entfernt sitzen. Nirgends ist eine schnelle, haßerfüllte Reaktion wahrscheinlicher als im Internet, wo mittels Pseudonymen und Mehrfachidentitäten die Abgründe des menschlichen Geistes ausgespuckt werden können. Generell gelte im Netz der Leitspruch: „Wenn man ausschert, gibt’s was aufs Maul.“

Sebastian Vettel, unser Journalist, also nicht der Formel-1-Weltmeister, ist wie so viele andere notgedrungen im Netz unterwegs. Man muß eben mit der Zeit gehen – Facebook und Twitter nutzen, um die Leute zu erreichen. Was soll man sonst tun? Daheim einsam auf seine Leser warten, daß bringt´s doch nicht? Trotz alledem bleibt ein Ungenügen und die Gewißheit, daß die User des Internets schwierige, anspruchsvolle und künstlerische Texte gar nicht verstehen, so am Bildschirm, so auf dem Sprung zwischen dem Smalltalk auf Facebook, dem Büchereinkauf bei Amazon und der Versteigerung der alten Mikrowelle bei Ebay. Ich eröffnete Sebastian Vettel, ich hätte seine Gedichte ausgedruckt, da ich sie am Bildschirm nicht durchdringen könnte und dies müsse ja wohl der Anspruch sein. Vettel meinte daraufhin, dies mache mich noch sympathischer.

Lyrik schreit nach Papier, gute Prosa schreit nach Papier und auch eine gute Reportage schreit nach Papier

Als er dann mit vollen Hosen wenige Tage später mit seinem Anwalt drohte, war diese Sympathie anscheinend vergessen. Ich nehme das nicht persönlich. Nach dieser Schmeichelei jedenfalls kam Vettel zum Wesentlichen: „Lyrik schreit nach Papier“, schrie er es heraus – wohlwissend, daß Lyrik heute kaum noch auf Papier erscheint oder kennt ihr etwa einen Dichter der Gegenwart oder anders gefragt: Wann habt ihr den letzten Gedichtband eines lebenden Poeten gekauft? Na, könnt ihr euch noch daran erinnern?

Da haben wir den Salat. Wir alle sind bei Facebook oder über Google immer wahnsinnig schnell informiert, wenn irgendwo eine Bombe hochgeht. Wenn ein B-Promi seinem Püppchen den Laufpaß gibt oder wenn irgendwer irgendwas aus irgendeinem Grund sagt. Im Eiltempo erfahren wir, wer zu Thilo Sarrazin steht und wer ihn scheiße findet. Aber wer braucht diesen schnellebigen Datenmüll? Als Journalist, der selbst auf die Jagd nach Statements von mehr oder weniger bekannten Personen geht, müßte ich jetzt antworten, daß Meinungsmache eben so funktioniert und daß die Genese eines Diskurses doch ein äußerst spannendes Feld ist.

Aber ich bin ehrlich: Es interessiert mich nicht die Bohne, was heute Spiegel Online an Tagesaktuellem zu berichten weiß. Viel mehr bewegen mich die Gedichte von Sebastian Vettel, dem „Neuen Journalisten“, und die Frage, was er damit sagen und anfangen will. Oder müssen wir uns damit abfinden, daß alles Unaktuelle, alles, was ergründen will, wie unsere Zeit ist, daß all das im Orkus der datenverarbeitenden Systeme untergeht? Ich zumindest will mich nicht damit abfinden und meine Werkstatt ist voll mit Arbeitsstücken, an denen ich nur weiterarbeite, weil ich die Hoffnung habe, daß irgendwer da draußen doch noch nach etwas Bleibendem verlangt und der Vergänglichkeit der schnellen Effekte widerstehen kann.

Kunst hat mittlerweile einen Zweitwohnsitz im Internet

Ich sprach Sebastian Vettel auf die 20er-Jahre an und auf den Diskurs rund um Radio und Kunst. Meine These lautete: Immer wenn früher ein neues Medium aufkam, war ein Diskurs über seine Einsatzmöglichkeiten für die Kunst vorprogrammiert. In den 1920er-Jahren philosophierten die Kulturschaffenden in den Feuilletons zum Beispiel über die „absolute Radiokunst“, so brachte es zumindest der Komponist Kurt Weill auf den Punkt. Warum nun fragen wir uns heute nicht, ob Kunst und Internet zusammenpassen? Warum sind wir so einfallslos und denken nicht einmal länger darüber nach, wie wir dieses verhältnismäßig junge Medium kreativ nutzen können? Vettel erkannte sofort meinen gedanklichen Fehler. Das Internet sei doch schon volljährig und demzufolge nicht mehr steuer- und erziehbar. Diese Phase hätten wir leider sinnlos verstreichen lassen.

Sebastian Vettel ist nicht so ein pessimistischer Zeitgenosse wie ich. Er versuchte mir Mut zu machen: Die Kunst habe doch im Internet mittlerweile einen Zweitwohnsitz. Und wegen dem Diskurs? Na, wer soll den eigentlich führen? Marcel Reich-Ranicki? Bei dem reicht es eben nur zu einer Verbal-Entgleisung gegenüber dem Fernsehen und seinen Machern. Das Internet kennt der Literaturpapst aber wohl noch nicht. Vielleicht ja Günter Grass? Aber der kann nur moralisieren. Helene Hegemann? Die ist zu jung und kann nur abschreiben. Also auch Fehlanzeige. Charlotte Roche? Bei der reicht´s nur zu kräftigen Fäkalausdrücken und bis zu VIVA. Diskurs Internet? Nein, das wird nichts, ich sehe es ein.

Die Enzensbergersche Konstante und die Menzel´sche Konstante

Vettel meint, der Kunst sei das „Wo?“ sowieso egal. Hauptsache, sie kann bestehen. Hauptsache, sie erreicht wenigstens irgendwie die, die sich damit beschäftigen wollen. Der Lyriker und Publizist Hans Magnus Enzensberger behauptete einmal, in jedem Land ganz unabhängig vom Zeitgeist gebe es stets 1354 Menschen, die sich für anspruchsvolle Gedichte interessieren. „Diese Zahl (die Enzensbergersche Konstante) ist nicht nur unabhängig von Moden, Publizität, ‚Zeitgeist’; sie gilt auch – und hier wird die Sache mysteriös – universell, für jede Sprachgemeinschaft, ganz unabhängig davon, ob sie einen ganzen Kontinent bevölkert oder nur einen kleinen Fleck auf dem Globus. Ein guter Dichter kann in Island mit ebenso vielen Lesern rechnen wie in den Vereinigten Staaten.“

So erklärte Enzensberger einmal seine empirischen Literaturforschungen. Auch wenn seine Enzensbergersche Konstante in der Fachwelt nicht ganz unumstritten ist, so läßt es doch aufhorchen, daß womöglich alle Hoffnungen von Künstlern in das Internet, sie könnten so neue Leser gewinnen, vergebens sind und daß es nicht auf das Medium ankommt, sondern auf den Inhalt. Vielleicht hatte der Medientheoretiker Marshall McLuhan doch unrecht, als er populistisch behauptete: „Das Medium ist die Botschaft.“

Das Kranke am Diskurs über das Internet ist ja gerade, daß der Inhalt fehlt, daß manche nichts mehr zu sagen haben, aber ein neues Medium bedienen können. Doch auch das ist nichts Neues. Bleiben wir kurz bei der Geschichte des Radios und den Diskursen darüber in den 20er-Jahren. Bertold Brecht bemängelte in seiner berühmten Radio-Utopie, in der er forderte, aus dem Distributionsapparat einen Kommunikationsapparat zu machen, gerade das Zurückgewinnen des Inhalts. Er meinte, die Intellektuellen hätten ein neues Medium bekommen, aber eben nichts zu sagen. So ist das leider bis heute geblieben. Daß Menschen mit neuen Medien erstmal nichts anfangen können, ist vielleicht auch eine Konstante. Ich möchte Sie die Menzel´sche Konstante nennen.

Wann lest ihr schon mal alte Blogartikel?

Abschließend fragte ich Sebastian Vettel, ob nicht der Onlinejournalismus und die Blogosphäre eine riesengroße Selbstbefriedigungsmaschine sei. Er antwortete, daß jeder, der noch einigermaßen bei Verstand sei, erkennen müsse, daß die Blogosphäre ein „Club der Masturbierenden“ sei. Man wichse fröhlich um die Wette, fuhr Vettel fort. Aber auch diese Szene komme in die Jahre: Von Mal zu Mal werde der Samenerguß dürftiger. An die Qualität des Ejakulats dürfe man zudem gar nicht denken. Verlassen wir lieber dieses eklige Bild. Wirklich etwas zu sagen hätten sowieso nur die, die „da oben“ nicht mitspielen bzw. zum gemeinsamen Spiel von den Mächtigen gar nicht erst eingeladen werden. Vettel meint die Träumer, zu denen ich wohl auch zähle, die das Zeitlose nicht aufgegeben haben, und Kreativität und Eigenständigkeit wagen. Mein Gegenüber bringt zum Abschluß ein einleuchtendes Beispiel: Sagen Sie mal, kennen Sie jemand, der einen alten Blogartikel noch einmal hervorkramt und genüßlich bei einem Glas Wein oder einer Zigarre liest? Also ich muß passen und genau das ist das Problem. Meine perfekte, rechte Zeitung will genau diesen Fehler vermeiden. Sie soll ein Ort für diejenigen sein, die nach Sinn suchen und nicht nach schneller Selbstbefriedigung. Sie nutzt das Internet ganz im Sinne der „ästhetischen Erziehung“ Schillers.

Anmerkung der Redaktion: Dies ist ein kleiner Ausschnitt aus einer Rede, die Felix Menzel auf der Bielefelder Ideenwerkstatt hielt. BlaueNarzisse.de dokumentiert die Rede auszugsweise in drei Teilen.

Bild: Gerd Altmann / dezignus.com / pixelio.de

 
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