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Geschrieben von: Carlo Clemens   
Mittwoch, den 09. Februar 2011 um 08:18 Uhr

Astrid Rothe-BeinlichKöln, 9. Februar 2011

Sehr geehrte Frau Rothe-Beinlich,

ich kannte Sie bis vor kurzem genau so, wie Sie mich – nämlich überhaupt nicht. Sie sind Mitglied bei den Grünen. Aha. Parlamentarische Geschäftsführerin Ihrer Fraktion im Thüringer Landtag. Soso. Seit 2006 im Bundesvorstand. Auch das. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte liegen in der Frauen-, Sozial-, Bildungs- oder Friedenspolitik und selbstverständlich beschäftigt Sie der Rechtsextremismus, denn sie kommen ausm Osten, da gibt’s viele Nazis.

Das ist Ihre öffentliche Biografie. Laut Ihrer Webseite haben Sie sich in der DDR zudem in der „kirchlichen Umweltbewegung“ engagiert, haben an der Besetzung der Stasi-Zentrale in Erfurt anno 1989 teilgenommen, sich zwei Jahre später auch in die Anti-Atom-Bewegung eingebracht.

Wieso sollte ich mich für Sie interessieren? Es gibt keinen ersichtlichen Grund, Ihnen einen offenen Brief zu schreiben. Ich will nicht töricht sein, auch für Sie gibt es keinen ersichtlichen Grund, von mir und meiner Schreibtätigkeit, unter anderem für dieses Online-Magazin, Notiz zu nehmen. Sie leben in einer Patchwork-Familie in Erfurt und verdienen in Ihrer Parteifunktion ein stattliches Gehalt. Ich studiere in der Domstadt und bekomme einen ziemlich hohen Bafög-Satz, wir sind beide abgesichert und können nicht klagen.

Sie sind Mitglied einer etablierten Partei, die in einigen Bundesländern mittlerweile zu den stärksten gehört und ihre Stammthemen wie Gender Mainstreaming, Atomausstieg, Förderung jeglicher Minderheiten und Gesamtschule auf die politische und öffentliche Agenda gesetzt hat. Politisch werden wir wohl weniger auf einen Nenner kommen. Ich drücke mich aus, indem ich schreibe. Dabei bin ich mir bewusst, dass ich meine Texte in einer namhaften Zeitung niemals lesen werde: Dafür ist die Meinung zu weit weg vom öffentlich-medialen „Mainstream“, den insbesondere auch die Grünen durch ihren Erfolg und ihre Präsenz entscheidend mitprägt.

Es ist für mich nicht frustrierend. Es ist völlig logisch, dass Sie sich nicht mit uns beschäftigen. Warum auch? Wir sind politisch stigmatisiert und viel zu klein für Sie und Ihre Partei. Zu klein auch für andere, größere Zeitungen, die oftmals – und das müssen Sie zugeben – die notwendige kritische Distanz zu Parteien vermissen lassen. Vor geraumer Zeit waren es Birgit Schnellbach und Peter Rossbach von der Ostthüringer Zeitung (OTZ) sowie der Thüringer Allgemeinen, die behauptet haben, dass Felix Menzel, Chefredakteur der Blauen Narzisse, Sie (!) bei einem Vortrag in einer Burschenschaft beleidigt haben soll.

Die Bezeichnung „fette Qualle“ ist in der Tat gefallen, der Adressat war eine gewisse „Claudia R.“. Ihre Parteivorsitzende Claudia Roth fühlte sich von „fette Qualle“ angesprochen und hat Anzeige erstattet. Man kann nicht von der Hand weisen, dass „Claudia R.“ und Frau Roth – neben einer ähnlichen Physis – auch ähnliche Handlungsmuster erkennen lassen. Menzel im Artikel, auf dem der Vortrag basiert: „Claudia R. würde emotionalisieren und einfach sagen: ‚Der Menzel, das ist ein Nazi, mit dem spreche ich nicht’.“ Zur Sache ließ Frau Roth über ihren Sprecher erklären: „Er bestärkt Claudia Roth und uns Grüne in unserem entschiedenen Kampf gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit.“ Der Vorfall sei „alarmierend“ usw.

Ob Sie sich von „fette Qualle“ angesprochen fühlen, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich kenne Sie ja nicht, und interessiere mich auch nicht für Sie. Menzel wohl ebenso wenig. Mit welcher Motivation sollte er eine beliebig austauschbare Landtagsabgeordnete in einem Vortrag angreifen?

Das wissen wohl nur die Schreiberlinge von der OTZ und der Thüringer Allgemeinen. Vielleicht waren es bloß notorisch ausgebeutete Praktikanten, die ihrem Übereifer eine mangelhafte Recherche folgen ließen und nun für diese schräge Konstellation verantwortlich sind, die sich hier zeigt. Das ist der Grund, warum ich Ihnen schreibe. Nicht, weil ich mich nach Ihrem Wohlbefinden erkundigen möchte, sondern weil Sie dieser Perfidie unweigerlich Ihr Gesicht geliehen haben und damit im Netz mithängen.

Sehen Sie: Aus all diesen Umständen müssen wir als konservative Autoren Konsequenzen ziehen. Was bringt es, im stillen Kämmerchen notorisch-sachliche Artikel zu schreiben? Hoffen, dass wir eines Tages einen Gönner finden, der Gnade mit uns hat, uns erwähnt, mit uns das politische Streitgespräch sucht? Natürlich sind sachliche Artikel das Fundament, auf dem alles aufbaut. Aber ohne innovative, schillernde oder scharfe Provokationen werden wir in dieser Maschinerie nicht wahrgenommen – da können wir so gut sein, wie wir wollen.

Ohne das Stilmittel der Fiktion ist es grundsätzlich nicht möglich, die Schranken des festgefahrenen, gerade in Parteien durchweg aus Floskeln bestehenden „Gesprächs am Runden Tisch“ zu umgehen, die ungeschminkte Wahrheit zu sagen, ohne dass wir mit Gerichtsterminen überhäuft werden und ohne unsere Meinung mit Softkissen so zu umpolstern, dass sie zum Schluss nicht mehr zu erkennen ist. Die „fette Qualle“ namens „Claudia R.“ ist fiktiv, keine festgelegte Person. Es ist bezeichnend genug, dass die Konstrukteure der Zeitungen diese Recherche-Verwechslung an den Tag gelegt haben.

Nehmen Sie mir es nicht übel, ich musste Ihnen schreiben, denn Sie sind, ob Sie wollen oder nicht, unser Gesicht. Grundsätzlich habe ich Ihnen wirklich nichts zu sagen, und ich werde Sie zukünftig nie wieder in irgendeiner Form tangieren, geschweige denn nachts von Ihnen träumen. Gerne können Sie jedoch als das „perfide Gesicht“ im Sinne des offenen Dialogs Ihre Meinung dazu abgeben – sofern Sie die Gnade besitzen.

Mit untröstlichen Grüßen,
Carlo Clemens

(Bild: Astrid Rothe-Beinlich)

 
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