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Wenn es Gründe geben soll, sich heute Gedanken über den Typus des Reaktionärs zu machen, so scheint dies in erster Linie ein politisches Problem zu sein. Reaktion als politischer Begriff ist alltagssprachlich das Gegenbild zur Revolution. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem damit einhergehenden Zerfall der kommunistischen Ideologie scheint auch der Begriff der Reaktion obsolet zu sein. Die alten Bilder von Klassenkampf und Revolution sind verschwunden und mit ihnen auch der Begriff der Reaktion und des Reaktionärs. Wenn heutige Regierende und Vermögende gedankenlos sozialistisches Vokabular verwenden, kann man getrost zumindest vom Ende der „alten“ Reaktion sprechen.
Mit dem Bild des klassischen Kommunisten und Marxisten verschwand auch dessen Opponent. Kann es dann noch eine Reaktion geben? Der tiefer gehende Gedanke dabei muss weiter reichen, muss anders gedacht werden. Reaktion in der Geschichte Reaktion gab es schon auf die „Französische Revolution“, welche das 19. Jahrhundert wirklich eingeläutet hat. Damals war es der Kampf von der Vorstellung der Nation gegen die Idee des von Gott eingesetzten Souveräns. Es war aber im tieferen Sinne das Duell zwischen Umsturz und Bestand. Vor allem: zwischen zwei ästhetischen Prinzipien im Sinne von Friedrich Nietzsche. Das die Massen Recht erkämpften und Fürsten köpften, war für die Adeligen nicht nur bedrohlich und empörend, sondern vor allem auch ekelhaft. Damit liegt Reaktion im tieferen Sinne eine ästhetische Vorstellung zu Grunde. Von diesem Gedanken aus lässt sich eine Begründung, wenn nicht sogar eine Notwendigkeit für den Typus des Reaktionärs ableiten. Wieder im Sinne Nietzsches wurde „gut“ lange Zeit vor allem als Sinnbild von „schön“ und „herrlich“ gesehen. Die Umdeutung des Begriffes „gut“ in eine moralisch-geistige Kategorie fand erst später statt. Ein antiker Mensch hätte sie als solches nicht verstanden, ja er hätte sie sogar massiv abgelehnt, weil sein Weltbild vor allem sinnlich geprägt war. Das „Gute“ musste schön sein, weil sein Vorhandensein ein „Genuss“ ist. Freilich ist „Genuss“ hier nicht mit den Begriffen der modernen Konsumgesellschaft zu verwechseln. Denn auch das Leid, der Schmerz, auch die Gewalt können nach antiker Vorstellung „gut“ und somit „genussvoll“ sein. Die moderne Egalität frisst jede Schönheit und Größe Dieser ästhetisch-sinnliche Ansatz ist uns verloren gegangen. Die moderne Egalität hat ihn nicht nötig, ja sie bekämpft ihn sogar. Als hybrides Konstrukt eines maßlosen Kapitalismus, in welchem die Regierenden sozialistisch argumentieren, um dann doch wieder das wirtschaftliche System zu stützen, kann es als solches nur hybrid, wenn nicht sogar pervertiert sein. Denn stellenweise klingt das gesprochene Wort von Politikern und Magnaten wie blanker Zynismus. Dieser Zustand hat aber eben dafür gesorgt, dass vollends alle Grenzen aufgeweicht sind. Die Zerstörung der Symbole, die großen „Abräumaktionen der Geschichte“, haben die westliche Gesellschaft in einen „Verlornen Haufen“ verwandelt. Die spirituelle und metaphysische Leere einer definitionsarmen Welt, in welcher alle Begriffe austauschbar sind. Die Klarheit eines sinnlichen Begriffes vom „Guten“ kann somit nur als Gefährdung gewertet werden, eben weil sie keine Zwischentöne, kein „aber“ zulässt. Ein Staat, welcher pazifistische Kategorien auf die Spitze treibt, indem er sogar das Wort „Krieg“ aus dem Wortschatz verbannen möchte, kann nichts anderes tun als massiv ablehnend zu reagieren, wenn eine solche Klarheit gefordert und empfunden wird. War der Nationalsozialismus reaktionär? Woher aber noch diese massive Ablehnung? Man kommt nicht umhin, die deutsche Geschichte des 20.Jahrhunderts zu betrachten, und vor allem dann eben die Epoche des Nationalsozialismus. Hier scheinen reaktionäre Ideen und Prinzipien in absoluter Weise verwirklicht zu sein: Schönheit gegen Hässlichkeit, Tapferkeit gegen Feigheit, rassischer „Übermensch“ gegen rassischen „Untermenschen“. Diese Betrachtung übersieht aber die plebejischen und trivialen Züge, welche die wirkliche Idee des Nationalsozialismus hervorbrachte. Der Historiker Joachim Fest hat treffend festgestellt, dass es sich weit mehr um eine revolutionäre Bewegung handelte, welche sich der Symbole der Vergangenheit bemächtigte und bediente. Die Ideologie mündete in die triviale Utopie: Bei aller großen Inszenierung bleibt dann doch nur das sachliche und kalte Gebäude des biederen Wohlfahrtsstaates. Nicht die Prachtbauten von Nürnberg sind der wahre Ausdruck, sondern die Autobahnen und Bunkeranlagen. Wenn aber Reaktion Sinnlichkeit voraussetzt, dann ist eben der Nationalsozialismus kein reaktionäres Gebilde. Er kann es in seiner Sucht nach Zweckmäßigkeit auch gar nicht sein. Von den Verbrechen des Regimes muss man dann noch gar nicht sprechen, denn der wahre Reaktionär wendet sich spätestens bei dem andauernden Technik- und Sachlichkeitsvokabular dieser Ideologie ab. Da, wo Menschen mit Zuchttieren und Zahnrädern verglichen werden, kann es keine „gute“ Schönheit geben. Mehr ästhetisch, weniger politisch Aber hat der Nationalsozialismus als solches nicht die Möglichkeit einer deutschen Reaktion zerstört und begraben? Nein. Denn Reaktion ist eben ein ästhetisches Prinzip, weniger ein politisches. Als solches beginnt Reaktion auch nicht bei der Herkunft aus Klasse oder Rasse, sondern mit der Einstellung des Individuums: eben der Empfindsamkeit. Empfindsamkeit ist die nötige Voraussetzung, um Schönheit zu bemerken, sie mit dem „Guten“ zu verweben und diesen Verlust zu betrauern. Wer das in sich bemerkt, der ist schon ein halber Reaktionär: das fast unerträgliche Gefühl, in einer Zeit zu leben, welche Schönheit verspottet und Gewöhnlichkeit anbetet. Es ist ein Verlust von Ästhetik und Form, welches zu einer Verlorenheit führt, die die meisten Menschen nur zu gut kennen. Die Wenigsten sind mit der Gegenwart zufrieden. Und doch fehlt noch etwas, welches aus dem sehnenden Menschen einen Reaktionär macht: der Verzicht. Dieser soll weder in einem ideologischen Sinne verstanden werden – noch materialistisch, ökonomisch oder ökologisch, sondern mehr auf einer metaphysischen Ebene. Somit ist es mehr der Verzicht im Sinne von Fasten. Der etwas andere Verzicht Dies muss geklärt werden: Anders als der bürgerliche Irrsinn vom Öko-Gutmenschen weiß der Reaktionär, dass er konsumieren muss und soll. Ebenso weiß er, dass er nicht in die Einsamkeit fliehen kann. Der „Waldgänger“ im Sinne Ernst Jüngers ist nie absolut gemeint gewesen. Somit sind die einzelgängerischen Tendenzen verwirrter Unzufriedener weder eine Antwort, noch eine richtige Interpretation der „Waldgänger“-Figur. Der Verzicht des Reaktionärs hat mehr etwas von den Worten Christian Meiers: „Außenseitertum hat – bei allen Schwierigkeiten, die es mit sich bringen kann – den großen Vorzug, daß man sich eine bestimmte Reinheit bewahrt.“ Es ist sicherlich die Figur des „Innerlichen Emigranten“, die sich in diesen Momenten aufdrängt. Hier soll folgendes Gedankenspiel erlaubt sein: Der Emigrant – auf welche Art auch immer – verlässt seine Heimat; da wir aber in eine definitions- und kriterienlose Welt geboren werden, muss man doch wohl weit mehr von einem „Innerlichen Exilanten“ sprechen. Die Heimat ist schon lange verloren, man muss sich auf die Reise ins Unbekannte begeben. Altes oder auch Althergebrachtes wird dabei für den Einzelnen völlig neu entdeckt. Der Verzicht liegt nicht in der Verweigerungshaltung gegenüber dem allgemeinen Konsumterror, denn man kann ihm leider nicht entkommen. Als überkonditionierte Individuen wären wir auch gar nicht fähig, in einer selbstbestimmenderen Welt zu leben – wir würden zu Grunde gehen. „Totalitarismus der Mitte“ Der Verzicht ist ein mehr selektiver und stiller Akt. Ein Akt des Schweigens, auch der Demut und des Staunens. Wer in den Sternenhimmel sieht und darin nicht zerfressende Undenklichkeit und kalte Physik sieht, wer noch etwas spürt von der „Sinnlichkeit“ der Bilder und sich daran erfreut, wie sich doch alles fügt, der hat jenen Schritt vollzogen: Er „empfindet gut“ und „verzichtet“ auf den destruktiven Zugriff einer quasi göttlich verehrten modernen Wissenschaft. Man denkt nicht an den Zweck, man denkt nicht an den Sinn, auch nicht an den Gewinn. Damit erfährt die Innerlichkeit freilich eine starke Wandlung. Die Gewöhnlichkeit des Alltages mit ihrer rohen, ordinären Egalität können dann eben nur Ekel erzeugen. Schwer erträglich können die allgemeinen, dogmatisch verehrten Formen nur werden, weil dieser „Totalitarismus der Mitte“ an seiner Profanierung zu Grunde geht. Dabei entwickelt er durchaus quasi despotische Ansprüche. Die ideologischen Radikalen linker oder rechter Prägung stellen dabei keinerlei Alternative dar: Auch sie sind nur Ausdruck des „Totalitarismus der Mitte“. Ihre Ansprüche, Ideologien und Wünsche sind im Endeffekt auch nur ein Abbild von Gewöhnlichkeit, die mit starken Worten dem Alltag entkommen will. Auch hier wird viel gedacht und wenig gefühlt. Der Radikalismus ist dann nur der versponnene Weg des kindischen Sozialverlierers und der undurchdachten Konsumverweigerung. Ob unter dem Banner des „Weltstaates“ oder des „Hakenkreuzes“ – beides entspringt der gewöhnlichen Sehnsucht nach Einreihung und Wärme in einer kälter werdenden Welt. Dasselbe gilt auch für Diskotheken oder Festivals. Alles nur Ausdruck einer gierigen Einsamkeit, die sich nur noch im Herdentrieb gestillt fühlt, weil sonst scheinbar nichts geblieben ist. Elitäres Nebeneinander statt egalitärem Miteinander Hier gilt es anzuknüpfen und langsam den eigenen Pfad zu erkunden. Brauche ich wirklich jeden Menschen an meiner Seite? Ist jedes gesellschaftliche Ereignis wirklich von Wert? Der Verzicht ist vor allem eine soziale Verweigerung, bei der nur wenige dem Selbst genügen. Der Aufbau einer Sehnsucht nach Gleichwertigen, mit denen man ein elitäres Nebeneinander und kein egalitäres Miteinander hat. Der Reaktionär wird sich bewusst sein, dass Klagen über den „Großen Verlust“ allein keine Rettung ist, und die Antworten nicht außerhalb seines Selbst liegen, sondern eben nur tief in der Empfindsamkeit seiner sinnlich-guten Wahrnehmung. Er wird weiter konsumieren, aber sich nicht korrumpieren. Auf der Suche und dem „Funke“ folgend Ebenso wird er nicht in völliger Einsamkeit vegetieren oder in virtuellen Welten verschwinden. Seine Überzeugung über die Ordnung der Welt wird ihn positiv halten, auch wenn wir unabsehbar in der westlichen Zivilisation auf eine Katastrophe zusteuern. Aber er wird sich nicht gemein machen, sondern mit Neugier langsam den Pfad gehen. Weil der „Funke“ in ihm brennt, wird man ihn erkennen. Der Reaktionär alter Prägung war ein Kämpfer. Der heutige Reaktionär ist ein Suchender, der sich wieder dem Mythos, dem Glauben und der Schönheit bedächtig und staunend annährt. Wir haben somit viel zu erfahren und neu zu entdecken. Wir sollten froh sein ... |