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Spätestens seit dem vergangenen Jahr 2010 dürfte allen klar sein, dass „der Bürger“ wieder bereit ist, sein Mitspracherecht einzufordern. Anhand von Fällen, wie dem des Städtebauprojekts „Stuttgart 21“, oder der Buchveröffentlichung von Deutschland schafft sich ab des ehemaligen Vorstandsmitgliedes der Deutschen Bundesbank, Thilo Sarrazin, ist zu erkennen, dass es brodelt im Volk. Teilweise reichten schon kleinste Steine des Anstoßes um ein Fegefeuer von Diskussionsrunden im Fernsehen auszulösen und um Tausende Menschen auf die Straßen zu bringen. Ob das Ganze nicht künstlich durch die Medien aufgebauscht wurde, bleibt dagegen fraglich. Viel wichtiger ist allerdings die Frage „Was haben wir daraus gelernt?“, beziehungsweise „Wie können wir das daraus Gelernte nutzen?“.
Na gut, dass Protest durch öffentliche Zurschaustellung von gesellschaftlichen Missständen Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist genau genommen nichts Neues. Aber da nun ja regelrecht der Boden dafür bereitet wurde, um konservative Themen zu demonstrieren, sollten wir nicht länger im Elfenbeinturm der politischen Theorie verharren, viel mehr gilt es, den vorpolitischen Raum zu entdecken und zu nutzen.
Durch die Aneignung kultureller Nischen sind wir fähig, diese auch als Plattform für eine politische Protesthaltung zu nutzen. Somit überlassen wir auch den Spielplatz der öffentlichen Demonstrationen denjenigen, welchen es besser zu Gesicht steht, bei Wind und Wetter selbst gemalte Plakate gen Himmel zu halten und auf daraus resultierende Veränderungen zu hoffen. Doch welche zeitgemäße Nische ist überhaupt passend für den Protest zur Vermittlung rechtskonservativer Weltsicht? Es gibt keine. Diese Antwort ist ernüchternd, aber nicht wirklich überraschend. Schließlich mangelt es heute insgesamt gesehen an zielorientierter Kunst und Kultur. Dennoch gibt es hier und da beachtliche Schritte in diese Richtung.
Raus aus dem Elfenbeinturm der politischen Theorie!
In diesem Kontext fällt vor allem der umstrittene Künstler Jonathan Meese positiv auf. Meese wurde 1970 in Tokio geboren, lebt aber seit frühester Kindheit in Deutschland. Nachdem er sich mit Mitte Zwanzig plötzlich dazu berufen fühlte, künstlerisch aktiv zu werden, reißen sich die großen Museen um seine Ausstellungen. Und dass, obwohl er in seinen Anfangstagen nicht die geringste Ahnung von Kunstgeschichte oder Maltechniken hatte. Seine Werke sind radikal und nur schwerlich einzuordnen. Die aggressive Mischung aus Skulpturen, Performances und installativen Arbeiten kreist rund um die Themen Mystizismus, Geschichte und Ideologie.
Unter dem Einfluss solch großer Namen wie Nietzsche und Wagner versucht Meese auf eine verstörende Art und Weise Kunst zu schaffen, die tatsächlich Botschaften vermitteln soll. Die formauflösende Dynamik seiner Werke erinnert stark an die der avantgardistischen Gruppierungen des Futurismus im Italien des 20. Jahrhunderts. In den beinahe undurchschaubaren Installationen Meeses dreht sich vieles um die geschichtliche Vergangenheit Deutschlands, allerdings alles durch einen für ihn typischen Blickwinkel gesehen.
Unverblümt das auf den Punkt bringen, was gesagt werden muss
Ein Blickwinkel, der Symbole und Objekte nur als das erscheinen lässt, was sie wirklich sind. Er reduziert den Sinngehalt der Themen, die ihn beschäftigen, auf ein Minimum. Aber gerade darum geht es ihm, um das Entmystifizieren, das Entlarven. Unlängst ließ er in der Kunsthalle Frankfurt verkünden „Che Guevara, go home! [...] all diese Typen waren doch schon durchdemokratisiert, bevor sie überhaupt angefangen haben.“ Er machte damit klar, dass Kunst nicht in jedem Falle schöngeistig sein muss, sondern viel mehr wahrhaftig. Und genau das ist es, woran es uns heute mangelt. An Menschen nämlich, die unverblümt das auf den Punkt bringen, was nun mal gesagt werden muss. Aber auf eine so kultivierte Art, dass sie jeden Außenstehenden nur verblüffen kann.
Unserer aktuellen Demokratie stellt Jonathan Meese seine „Diktatur der Kunst“ entgegen, zu der er sich, unter anderem, wie folgt äußert: „Von der Straße kann ich mir auch keine Revolution mehr erhoffen, der Mensch schafft das nicht. Wir sollten etwas anderes sich lostreten lassen, der Vulkan der Kunst möge ausbrechen.“ Mit eben solchen Gedanken, die genauso liebevoll und verspielt sind, wie auch äußerst radikal, eifert er dem italienischen Poeten Gabrielle D'Annunzio nach. Auf einer eigens für dieses Projekt erstellten Internetseite läuft seit 2009 außerdem eine Radiosendung, in welcher Meese auf eine augenzwinkernde Art das Zeitalter der Diktatur der Kunst einläutet.
Guerillataktik in Politik und Kunst
Sein bewunderter Beschäftigungsgegenstand D'Annunzio besetzte mit seinen Anhängern, als eine Art politisch-künstlerisches Großprojekt, von 1919 bis 1920 die Adriastadt Rijeka (Fiume). Natürlich ist dies eine absolute Ausnahme und Ähnliches ist im „Hier und Jetzt“ vermutlich unter keinerlei Bedingungen durchführbar. Doch dieses einmalige, ausufernde Abenteuer D'Annunzios ist durchaus aus einer Protesthaltung entstanden und nicht ohne Folgen geblieben. So könnte man behaupten, dass die grenzübergreifenden Energien der Aktionskunst dieser Tage auf eben dieser Begebenheit beruhen. Zwar sind die Aktionen gemäßigter, dennoch weisen sie einen Charakter auf, der nahe legt, für den Protest, falls nötig, auch Einiges zu riskieren.
Eine beispielhafte Rolle spielen hierbei vor allem Organisationen wie Greenpeace oder Attac, deren Ansichten und Zielen man nicht zustimmen muss, um zu erkennen, wie erfolgreich sie sind. In Sachen Organisation und dem richtigen Maß an Provokation sind die Globalisierungsgegner derzeit kaum zu toppen. Mit ihrem Aktivismus erregen sie immer wieder mediales Interesse und können sich somit über immer weiter anwachsende Mitgliederzahlen freuen. Und nicht unbegründet: Die Guerillataktik solcher Organisationen zeichnen sich meist durch hohe Qualität und viel Aufwand aus. Gerade dadurch, dass ihre Themen in die Mitte der Gesellschaft zielen, schaffen sie es, künstlerisch inszenierten Protest salonfähig zu machen.
Doch so etwas eines Tages auch für die Neue Rechte möglich werden zu lassen, wird ein mühsamer Weg. Und daran ist nicht nur die so oft zitierte „Political Correctness“ Schuld, sondern auch das eigene Klientel, das sich entweder im politischen Zwielicht viel zu wohl fühlt oder viel zu feige für etwas Neues ist. Sich im Mitleid suhlen, weil man in den linken Medien den Status der politischen „Outlaws“ hat, nützt jedoch rein gar nichts. Auf den Punkt bringt es der Poet Dirk Bernemann in seinem Gedicht Protestkultur: „Doch dass Opfer auch zu Tätern werden, dieser Umstand liegt im Sterben.“ |