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Wer mit offenen Augen durch unsere Städte spaziert, dem sind sicherlich schon die mit Aufklebern übersäten Straßenlaternen und der zuplakatierte Stromkasten aufgefallen. Wer genauer hinsieht, vermag derweilen mehr zu erkennen, als eine Verletzung seiner Ordnungsliebe. Ein gezielter oder humorvoller Spruch kann Schmunzeln provozieren. Auch kann es passieren, dass der Betrachter innerlich seinen Hut vor dem Werk und seinem Schöpfer zieht. Vielleicht wird er eines Tages auch aufgrund einer solchen Verunstaltung des öffentlichen Raumes sein Gedankenkino einschalten – und nachdenken.
Den öffentlichen Raum in Anspruch nehmen Das beschriebene Phänomen heißt Streetart. Wie der Name „Straßenkunst“ vermuten lässt, nimmt der Künstler den öffentlichen Raum in Anspruch und kann dabei aus einem breiten Sortiment an Materialien schöpfen. Die Sprühdose, der Stift, der Pinsel, der Aufkleber, das Poster und noch viel mehr gehören dazu. Bemalt bzw. beklebt werden in erster Linie Wände oder Straßenmöbel (Laternen, Mülleimer, Telefonzellen etc.), vereinzelnd auch Bäume, Trottoir oder Fahrspur. Ebenso vielfältig wie die Arten des Mediums und die Wahl des Hintergrundes ist die Erscheinungsform des Werkes: Graffiti, Mural (Wandmalerei), Sticker, Stencling (Schablonenkunst), Paste-Up (Plakate) bis hin zur Installation. Wer einen Einblick in die Streetart gewinnen und sich von der Mannigfaltigkeit dieser Bewegung überzeugen lassen will, dem sei der Film „Exit Through the Gift Shop“ über den britischen Künstler Bansky ans Herz gelegt (seht auch die Bilder dazu in diesem Artikel). Die Grenzen in der begrifflichen Abgrenzung von herkömmlicher Graffiti und Streetart sind ebenso fließend, wie die Grauzone dies- und jenseits der Legalität und der politisch motivierten oder Spaß suchenden Streetart. Die „politische Straßenkunst“ teilt sich einerseits in die anarchische Inanspruchnahme des öffentlichen Raumes („Reclaim the Streets“), welcher als eine Art zivilen Ungehorsams bereits das Politikum darstellt. Gemäß Marshall McLuhan´s „Das Medium ist die Botschaft“ glauben diese Künstler, daß die Aneignung eines neues Mediums, in diesem Fall der Straße, die eigentlich revolutionäre Tat ist. Anderseits gibt es politische Künstler, die durch eine konkrete Botschaft in der Straßenkunst Stellung beziehen. Dagegen-Sein ist leichter zu visualisieren Dabei ist es auffällig, dass sich die meisten Künstler in der Regel gegen etwas (Kapitalismus, Konsum, Regierung, Staat etc.) positionieren und seltener für etwas. Diese Destruktivität ist immer der einfachste Weg. Sie ist auch bei anderen Formen der Streetart hauptsächlich anzutreffen. Ein fließender Übergang von der politisch motivierten Streetart zur politischen Propaganda findet etwa beim wilden Stickern und Plakatieren statt. Die meist ansehnlich gestalteten Aufkleber oder Plakate zeugen von Jugendlichkeit und Innovation. Sie transportieren gleichzeitig linkes Gedankengut und Projekte in die Öffentlichkeit. Somit erreichen sie Außenstehende und vermitteln, durch die massive Präsenz linker Propaganda im öffentlichen Raum, die Alternativlosigkeit und Wahrhaftigkeit ihres politischen Programms (Stichwort: Deutungshoheit). Als gutes Beispiel dient der Bildungsstreik der letzten beiden Jahre. Hier wurde geschickt ein linkes Gesellschaftsbild in ein Thema, „das alle angeht“, verpackt und von linksaußen in unsere Universitäten und Schulen und von dort auf die Straße und in die Tagesthemen getragen. Grundlegend für den späteren Erfolg von Demos, Blockaden, Flashmobs und Hörsaalbesetzungen waren neben der Werbung im Internet die zahlreichen Aufkleber und Plakate an Universitäten. Die meist nur als Sachbeschädigung und Schmiererei wahrgenommen Aktionsformen helfen, Außenstehenden im Alltag Deutungshoheit zu präsentieren und bei bestimmten Themen (Bildungsstreik, Stuttgart 21, „Kampf gegen Rechts“, etc.) auch eine breite Masse für sich zu gewinnen. Meistens ist Streetart anspruchslos, wird inflationär genutzt … Andererseits wirkt sich diese anspruchslose und inflationär genutzte Aktionsform sowohl auf das „eigene“ als auch das „Feind“-Lager aus. Zwar stellt der voll geklebte Laternenmast und die zuplakatierte Telefonzelle erstmal nicht mehr dar als Revierpinkelei und politische Masturbation, jedoch darf die destruktive Wirkung auf den vorpolitischen Raum nicht unterschätzt werden. Die Ikonen und Propaganda eines politischen Lagers im Alltag an „jeder Straßenecke“ zu sehen, verschafft dem Betrachter das Gefühl von der Deutungshoheit, Sicherheit und Macht dieses Lagers. Es verschafft diesem somit Rückenwind für zukünftige politische Aktionen und Selbstbewusstsein für das Auftreten in der Öffentlichkeit. Selbst den niederen Formen der Streetart ist daher ein (vor)politischer Zweck zu attestieren. Fraglich ist aber, ob es für Konservative der richtige Weg ist, solche Aktionsformen zu übernehmen bzw. angelehnt an den bestehenden Formen seinen eigenen Stil zu suchen. Die blinde Kopie linker Aktionsformen kann deshalb nicht im Sinne der Sache sein. Weiter muss jedoch klar sein, dass hier nur von den einfacheren, weniger kunstvollen und kreativeren Mitteln der Streetart (Sticker, Stencil, Past-Up) die Rede sein kann. … und vielen passt sie nicht ins Ästhetikverständnis Künstler wie Bansky legen die Messlatte für sich selbst deutlich höher. Ihnen steht das Talent zur Verfügung, mit Neuem und ästhetisch Wertvollem überraschen zu können. Folglich kann eine Anleitung für „einfache“ Streetart-Ausdrucksformen nur denjenigen ansprechen, der seinen ästhetischen Anspruch zurückschraubt. Jedoch sollte sich auch dieser zumindest grundsätzlich vor einer politischen Aktion Gedanken über die rechtlichen Rahmenbedingungen gemacht haben.
In der Auslegung des Paragraph 303 des Strafgesetzbuches (Sachbeschädigung) stimmen Rechtssprechung und herrschende Lehre darin überein, dass zum Vorliegen einer Beschädigung eine nicht unerhebliche Verletzung der Sachsubstanz vorliegen muss. Damit wird eine Verschmutzung oder eine Einwirkung, welche ohne großen Aufwand gereinigt werden kann, nicht als Beschädigung erfasst. Im Hinblick auf die Sache wird nicht dessen Wert herangezogen, d.h. auch eine wertlose oder bereits beschädigte Sache kann Gegenstand einer Sachbeschädigung sein. Letztlich muss die Sache fremd sein (nicht im Alleineigentum oder herrenlos). Auf die Praxis bezogen sind daher Aktionsformen, welche mit Leim, Kleister oder Kleber an der Sache haften, nicht illegal, da diese rückstandslos entfernt werden könnten. Folglich halten Aufkleber und Plakate der rechtlichen Prüfung stand. Gleiches gilt für Kreide und wasserlösliche Farbe. Was soll der Inhalt konservativer Streetart sein? Die drängende Frage aus konservativer Sicht ist damit aber immer noch nicht angesprochen, denn das Wichtigste muss ja wohl der Inhalt sein. Sicherlich am einfachsten ist es, eigene Ikonen und Vorbilder als Motiv zu wählen (z.B. Stauffenberg, Friedrich der Große, Oswald Spengler). Dabei kann man sich historischer Größen, Figuren aus der Literatur, Schriftstellern oder Hoffnungsträgern der Gegenwart bedienen. Damit würde zum einen der Zweck verfolgt, die gegnerische Hoheit über den öffentlichen und vorpolitischen Raum an einzelnen Stellen zu durchstoßen. Zum Anderen kann mit dem Lebenswerk, dem Handeln, der Symbolkraft, den Gedankengängen, der Aussage, die hinter einer solchen Person steht, ein erster Schritt getan werden, konservative Gegenpositionen zu vermitteln. Die hierfür dienlichen Aktionsformen wären der Aufkleber, das Poster, die Schablone oder das Paste-up (als Kombination aus Schablone und Poster). Ergänzen kann man das Motiv durch ein Wort oder einen kurzen Spruch. Der Motivwahl ist in Sachen Kreativität keine Grenze gesetzt. Figuren, Symbole, Landschaften, Lebenssituationen, alles was dem Betrachter zum Nachdenken in die gewünschte Richtung anregt, kann passen. Auch hier sind als Einstieg Schablone und Paste-up geeignet. Aber auch Installationen sind denkbar und nicht in den Himmel gegriffen. Wörter nehmen einer solchen Aktion einerseits den künstlerischen Anspruch, andererseits stellen sie die gewollte Interpretationsrichtung sicher. Ein bisschen Spaß muss sein! Neben den genannten Zwecken und Zielen – Durchdringen der linken Straßenhoheit und Vorstellung der eigenen Position bzw. Anregung zum Nachdenken – ist bei der Motiv- und Wortwahl eine Portion Humor nie verkehrt. Nix entwaffnet mehr als eine Parodie. Zumal uns der Zeitgeist viel Fläche für einen entlarvenden Witz bietet. Eine konservative Inanspruchnahme öffentlichen Raumes ist folglich denkbar. Humor wäre das passendste Mittel, weil die Ikonen der Konservativen unbekannt und damit auch unerkannt im öffentlichen Raum blieben. Auch wenn Straßenkunst und Ordnungsliebe für manchen Konservativen widersprüchlich erscheinen, so ist kein Grund ersichtlich, in der jetzigen Gesellschaft ein linkes Monopol über die Streetart länger zu akzeptieren. Im Gegenteil: Streetart steht für Jugendlichkeit, Opposition zum Bestehenden und für eine lebendige Gegenkultur. |