Startseite Anstoß Kleine Reihe zu den größten Fehlern der Konservativen: (II) Die Kulturmißachtung. Oder: Das Ende der Postmoderne verpaßt
Kleine Reihe zu den größten Fehlern der Konservativen: (II) Die Kulturmißachtung. Oder: Das Ende der Postmoderne verpaßt PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Mittwoch, den 29. Juni 2011 um 06:15 Uhr

Büste HouellebecqDie Ablehnung unserer Epoche schließt bei Konservativen zumeist auch die Kunst mit ein. Dabei sind es nicht zuletzt die Kunstwerke, die nachfolgenden Generationen von vergangenen Zeiten berichten und im Idealfall einen Alternativweg aufzeigen. Sie sind es, die Zeugnis ablegen für das, was an einer Epoche neu und wesentlich war. Allein aus diesem Grund kommt man an ihr nicht vorbei.

Die Kunst als „Führer im Prozeß der Härtung und Klärung des Typus Mensch“

Der Philosoph Friedrich Nietzsche ging davon aus, daß es eine eindeutig erkenn- und wahrnehmbare Wirklichkeit (vereinfacht zu verstehen im Sinne einer Wahrheit über die Realität) zu keiner Zeit gegeben hat: „Aber die Wahrheit gilt nicht als oberstes Wertmaß, noch weniger als oberste Macht.“ Die Wirklichkeit ist deshalb etwas Subjektives, das schöpferisch auszudeuten ist. Alle Kunst setzt sich darum mit der Realität auseinander.

In seiner Nietzsche-Biographie von 1931 faßte der Schriftsteller Harald Landry dessen Auffassung für die Notwenigkeit von Kunst als „Führer im Prozeß der Härtung und Klärung des Typus Mensch“ zusammen. Die Kunst war für Nietzsche eines der besten Mittel zum Erkenntnisgewinn, weil sie stets nach dem Menschen selbst fragt, aber niemals einen endgültigen Gesamtentwurf zu bieten hat. Deshalb ist es Unsinn, sie zu politisieren.

Der Abschied von der Postmoderne

Die zeitgenössische Kunst folgte bislang der Postmoderne. Deren Selbstverständnis war davon geprägt, einer zunehmend komplexer werdenden Zeit eine noch komplexere und schwer zu deutende Kunst entgegen zu stellen, die die Auflösung der Genre-Grenzen symbolisch der Auflösung letzter gesellschaftlicher Grenzen vorwegschickt. Aus einer Vielzahl von Zitaten entstand eine Kunst, die prinzipiell nichts Neues hervorbrachte, sondern nur Bestehendes neu verwertete und ordnete und sich als Mittler, Übersetzer und Sinndeuter verstand. Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellt die intermediale Kunst dar, die das Ziel verfolgte, den unübersehbaren virtuellen Raum zu vermessen und zu ergründen.

Heute ist der Umgang mit dem Internet längst selbstverständlich. Die minimale Halbwertszeit von Informationen und Werten läßt den Ruf nach Haltbarerem lauter werden. Das ist ablesbar an der immer noch immensen Bedeutung von Text- und Bilddruckwerken oder an lebhaften Nischen für eigentlich längst überflüssige Medienträger wie die Schallplatte.

Diese Symptome zeigen: Mit der Schnellebigkeit des medial-virtuellen Zeitalters wächst die Skepsis an ihr. Seit einigen Jahren läßt sich eine kulturelle Gegentendenz zur Schnellebigkeit beobachten – die Beerdigung der Postmoderne. Die Rückführung zu den Genre-Grenzen der bildenden Kunst ist beispielhaft nachvollziehbar an der Renaissance der realistischen Malerei.

Die künstlerische Inhaltslosigkeit entspringt der Ereignislosigkeit

Der Expressionist Gottfried Benn sagte einmal über seine künstlerischen Weggefährten: „Es war eine belastete Generation. Ihr Schicksal war es, erbittert kämpfen zu müssen, um ihre Ausdrucksmittel, um ihr inneres und äußeres Leben, um ihr Werk. Sie wurde verlacht, verhöhnt, politisch als entartet ausgestoßen, aber das geht vielleicht jeder Generation so, die beauftragt ist, eine Sprache und einen Stil zu zerbrechen.“ Auf diesem Boden einer ereignishaften Realität mit heute unvorstellbaren Kriegen und Existenzkämpfen entstanden durch Benn und andere Künstler der Moderne Werke, die mit der Wirklichkeit rangen – ganz im Sinne Nietzsches. Ihre Nachfolger, die Postmodernisten, fanden in ihren wesentlichen Schaffensjahren keinen annähernd vergleichbaren Ereignisreichtum vor. Gerade das prägt aber nun unabänderlich ihre Kunst: Die von Konservativen als Inhaltslosigkeit gegeißelte künstlerische Leere ist vielmehr ein Ausdruck von jahrzehntelangem Frieden und großflächigem gesellschaftlichen Konsens. Die Kunst der Postmoderne spiegelt diesen Zustand der Realität, was zukünftige Generationen sicherlich auch analysieren werden können.

Klarheit und Form statt Lethargie

Nun stellt sich in jeder Epoche immer die Frage, was nach ihr kommt oder ob man bereits im neuen Zeitalter angekommen ist. Der wesentliche Unterschied zwischen Postmoderne und dem Jetzt besteht in der Gewichtung des Nichtkalkulierbaren. Wurde die Globalisierung noch vor zehn Jahren zumindest als Chance begriffen, so ist heute jedem klar, daß dieses Versprechen nicht einlösbar ist. Die Aufbruchstimmung der New Economy ist einer lähmenden Lethargie gewichen, die in der westlichen Welt die Beschäftigung mit dem eigenen Ich schmackhafter erscheinen läßt als ein Interesse an der Allgemeinheit. Das Vertrauen in die westlichen Demokratien ist so gering wie nie zuvor, während postdemokratische Staaten wirtschaftlich und kulturell überholen. Es liegt daher die Schlußfolgerung nahe, daß die Menschen nach Klarheit, Überschaubarkeit und Form dürsten.

Die Kunst der nächsten Jahre wird sich daran messen lassen müssen, ob es ihr gelingt, der vorherrschenden Lethargie und Entmutigung über die Unüberschaubarkeit aller Dinge etwas Lebensnahes und Nachvollziehbares entgegenzusetzen. Die identische Frage müssen sich die Konservativen stellen, wenn sie Gehör finden wollen. Mit einer Ablehnung der Gegenwart ist es nicht getan. Wer sich von aktuellen Entwicklungen ausschließt, wird nicht teilnehmen können an deren Umgestaltung und der Zukunft.

Bild: Portrait einer Houellebecq-Büste, Benjamin Jahn Zschocke, 2010.

Die Kleine Reihe zu den größten Fehlern der Konservativen wird in nächster Zeit fortgesetzt. Folgende Themen sind in Planung:

1. Die falsche Hoffnung. Der Fall Hohmann und das endlose Warten auf die Rettung des Vaterlandes durch die CDU

2. Die falschen Parteien. Republikaner und andere Konsorten

3. Die falschen Personen. Patrik Brinkmann: Weltenbummler in nationalen Parteien

4. Die falschen Themen. Die Konzentration auf das Ewiggestrige: Drei Beispiele, wie konservative Zeitungen im eigenen Saft schmoren

5. Die falsche Mentalität. Die Verteidigungsposition: Drei ausgewählte Fälle konservativer Rückzüge und Selbstrechtfertigungen

(Gastbeiträge zu diesem Themenkomplex sind jederzeit erwünscht. Wendet euch dazu bitte einfach an die Redaktion.)

 
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