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Chemnitz, den 16.9.2011
Liebe Claudia Roth,
es freut mich, daß Sie die Meinungsfreiheit für sich entdeckt haben. Zum Papst-Besuch im Bundestag trällern Sie den Kollegen von der MoPo ins Mikrofon, das Recht auf freie Meinungsäußerung dürfe nicht eingeschränkt werden, „wenn ein Staatsoberhaupt nach Deutschland kommt, auch nicht, wenn es der Papst ist.“ Sie selbst sind sogar so tolerant, daß Sie sich die Rede des Papstes anhören wollen. Dieser müsse aber trotzdem zur Kenntnis nehmen, „was Realität ist im Jahr 2011.“
Ich hatte ehrlich gesagt immer den Eindruck, Sie könnten zwischen Realität und Fiktion nicht unterscheiden. Dieser Eindruck verfestigte sich bei mir, als Sie mich im Dezember 2010 wegen Beleidigung angezeigt haben. Der Grund: Ein literarischer Text, in dem ich eine fiktive Politikerin namens Claudia R. wüst als „fette Qualle“ beschimpfte. Warum Sie sich angesprochen fühlten, dürften wohl nur Sie selbst wissen. Ich jedenfalls hatte in dem Text kenntlich gemacht, daß alle Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen rein zufällig und überhaupt nicht erwünscht sind. Deine Aufgabe als Bundesempörungsbeauftragte: Totschlagargumente gegen Minderheiten kreieren Aber so genau haben Sie den Text bestimmt gar nicht gelesen. Einer Ihrer Berater wird Ihnen einfach ins Ohr geflüstert haben, daß Sie jetzt als Bundesempörungsbeauftragte wieder einmal gefragt sind. Also schnell zu Protokoll: Der Menzel hat „menschenverachtende Ansichten“ und ein „rechtsextremistisches Weltbild“, das Sie in Ihrem „Kampf gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit“ bestärkt. Als Reaktion auf meinen Text hatte ich mich auf eine Demonstration von Quallenschützern vor meiner Wohnung gefaßt gemacht. An den reflexartigen Vorwurf des „Antisemitismus“ (Sind alle Quallen Juden?) und der „Fremdenfeindlichkeit“ (Sind alle Quallen Ausländer?) wagte selbst ich als Kulturpessimist nicht zu denken. Trotz dieses Mißverständnisses, das auf Ihr fehlendes Distinktionsvermögen zwischen Realität und Fiktion zurückzuführen ist, freute ich mich auf den Gerichtsprozeß. Dabei hätten wir klären können, wie das so ist mit dem „Recht auf freie Meinungsäußerung“, das Sie und andere Bundestagsabgeordnete nun gegen den Papst verwenden wollen. Warum ist es eigentlich so, daß Sie den real existierenden Thilo Sarrazin ungestraft einen „Quartalsirren“ nennen dürfen und jetzt dem Papst Ihre Meinung geigen, aber mir an die Wäsche wollen, bloß weil ich die ominöse und dilettantisch gezeichnete Kunstfigur Claudia R. schuf? Bei Gericht geht es leider nicht so richtig voran. Unser Prozeß scheint zu versanden, obwohl ich täglich auf ihn warte, damit ein Urteil endlich Klarheit darüber schafft, wieviel künstlerische Freiheit ich mir herausnehmen darf. Ich möchte unseren Zwist deshalb mit einer Mahnung an Sie austragen. Wissen Sie, ich glaube, Sie sind auf eine äußerst bösartige Religion hereingefallen und wissen noch nicht mal, wie streng gläubig Sie sind. Ich meine die Theologie der politischen Korrektheit. Genauso wie der Papst in seiner Kirche ein ziemlich hohes Pöstchen begleitet, haben Sie sich auch in Ihrer Sekte (dieser Ausdruck tut mir ja leid, aber die Kirche ist doch das gleiche wie eine Sekte, oder?) bestens positioniert. Die Souveränität Ihrer Sekte, die den Staat ausgehöhlt hat (das war nicht der Papst), besteht darin, politische Begriffe bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen. „Zivilcourage“, „Toleranz“ und „Demokratie“ verwenden Sie als Ideale, um niedere Machtinteressen zu verbergen. Ihre Feinde bekämpfen Sie hingegen mit Totschlagargumenten wie „Rechtsextremismus“, „Antisemitismus“ und „Fremdenfeindlichkeit“, auch wenn diese sich nur einen kleinen Scherz über eine fette Qualle erlaubt haben. Die verbliebenen drei Deutschen an der Jens-Nydahl-Grundschule brauchen Ihre Zivilcourage! Wenn Sie „zivilcouragiert“ wären, müßten Sie die Ausrichtung Ihrer Türkeipolitik, die Sie ja bekanntlich liebend gern betreiben, vollkommen überdenken. Sie wurden doch selbst schon in der Türkei als „Prostituierte“ beschimpft. Solche Beleidigungen sind heute in westdeutschen Großstädten Alltag und Sie schauen „zivilcouragiert“ weg, anstatt jungen Türken in Deutschland eine Ansage zu machen, die sich gewaschen hat. Wer hier lebt, richtet sich gefälligst nach unseren Gepflogenheiten der Toleranz – diese Forderung hätte ich mir von Ihnen gewünscht. Denk mal an die verbliebenen drei deutschen Kinder an der Jens-Nydahl-Grundschule in Berlin-Kreuzberg, die als „Schweinefleischfresser“ beschimpft werden. Talina (11), Svenja (11) und Jason (9) brauchen Ihre Zivilcourage – nicht die 99 Prozent Ausländer an dieser Schule. Aber nein, Ihre Ideale sind nicht mehr als eine gutmenschliche Fassade, die von den wirklich wichtigen Aufgaben der deutschen Politik ablenken. Sie wollen den Islam in Deutschland einbürgern. Na dann gehen Sie doch mutig voran und fragen ein paar junge Muslime, was sie davon halten. Oder fragen Sie den türkischen Ministerpräsidenten nach seiner nächsten Düsseldorf-Rede … Auf gutes Gelingen! Ihr Felix Menzel |