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Skandal-Theater „Gólgota-Picnic“ – Mutige Provokation oder Geschmacklosigkeit? PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Julian Islinger   
Sonntag, den 22. Januar 2012 um 20:01 Uhr

Im Zuge der Lessingtage kommt es im Hamburger Thalia-Theater zu einer Gastaufführung des berüchtigten Theaterstücks Gólgota-Picnic des argentinischen Regisseurs Rodrigo Garcia. Bereits Aufführungen in Frankreich und Österreich führten zu Protesten verschiedener christlicher Gruppen und der geistlichen Obrigkeit, denn das Stück soll blasphemisch, pornographisch und volksverhetzend sein. Doch was ist dran an den Vorwürfen? Und fallen solche Aufführungen noch unter den Begriff „Kunst“?

Die Bedeutung des Theaters heute

Es ist die Krux des modernen Theaters und des darstellerischen Spiels, dass es seine Grundintention, nämlich dem Volk anschaulich Geschichten von Wichtigkeit oder Unterhaltung zu präsentieren, an TV und andere moderne Medien verloren hat. Außerhalb einer recht überschaubaren, meist bürgerlich-gebildeten Gruppe geht kaum noch ein Deutscher regelmäßig zu einer Theateraufführung. Ich ernte sicher nicht viel Widerspruch, wenn ich behaupte, dass die meisten Deutschen gar nicht mehr ins Theater gehen.

Ohne die oft wie selbstverständlich eingeforderten Subventionen aus dem Steuersäckel könnten wohl die meisten Aufführungen nicht mehr stattfinden, Theaterhäuser müssten ihre Pforten schließen. Doch ist diese Krise nicht zum größten Teil selbst verschuldet? Ist es nicht wahr, dass das moderne Theater zu einer Farce aus bizarrem Selbstdarstellungsdrang, grotesker Posse und effekthaschendem Dadaismus verkommen ist?

Kaum ein modernes Theaterstück kommt noch ohne die gängigen „Stilmittel“ der Provokation aus. Je drastischer, je plumper diese „Stilmittel“ bedient werden, desto anspruchsvoller müsste im Sinne dieser Kulturschaffenden das betreffende Stück sein. Da werden beispielsweise klassische Motive in eine entstellte und überzeichnete Gegenwart verfrachtet, das Bühnenbild auf minimalistische Kargheit reduziert und niemand ist sich zu schade, das längst überholte Klischee des Nudismus in ein Stück, das aufrüttelnd sein will, einzubauen. Kein Stück ohne die obligatorischen nackten Darsteller, die sich am dramatischen Höhepunkt des Stücks in Menstruationsblut oder den eigenen Exkrementen suhlen, während ein Videoprojektor Szenen von Verstümmelungen oder sich paarenden Tieren an die Wand wirft.

Ein Eingeständnis des Nichtverstehens

Oft wird solche Geschmacklosigkeit von einem kleinen Rest des sogenannten Bildungsbürgertums mit wohlwollendem und verstehendem Beifall goutiert. Diese Publikumsmischung aus Fleecepullovern, Strickwesten und Hornbrillen mag sich in solchen Momenten tatsächlich als besonders und eingeweiht fühlen, in der vorgegebenen Ergründung dessen, was die Darsteller dem Publikum wohl vermitteln wollten. Es gehört zum Habitus dieser Kaste, dass die Teilhabe an diesem erlesenen Zirkel natürlich das Verständnis des Gezeigten voraussetzt.

Realistisch betrachtet dürfte es sich bei diesem „Verständnis“ allerdings bei den meisten eher um eine Form von „Des Kaisers neue Kleider“ handeln, also die Angst vor dem intellektuellen und gesellschaftlichen Abstieg beim Eingeständnis des Nichtverstehens. Ich empfehle jedem, sich nach einer beliebigen modernen Interpretation eines Klassikers unter die Leute zu mischen und ihren rotweingeschwängerten Interpretationsversuchen zu lauschen. Welchem politischen Spektrum sowohl die Kulturschaffenden sowie diese Kulturkonsumenten zumeist angehören, sei einmal dahingestellt. Es ist ohnehin nicht schwer zu erraten.

Mal wieder soll Jesus Christus entmystifiziert werden

Gólgota-Picnic des Argentiniers Rodrigo Garcia will all das sein: Provokant, aufrührerisch, verstörend und gesellschaftskritisch. Wenn man sich die Proteststürme an jedem Ort der bisherigen Aufführungshistorie so anschaut, mag man meinen, dass er bisher damit Erfolg hatte. Gólgota-Picnic möchte anprangern, die westliche Zivilisation entlarven, die Konsumgesellschaft kritisieren und gleichzeitig auch noch die Person Jesus Christus dekonstruieren.

Welch origineller, mutiger und gar kreativer Ansatz, möchte man fast reflexartig herausschreien! Wahrscheinlich gibt es wohl kaum eine andere Person neben Jesus Christus, die öfters dem Versuch ausgeliefert ist, entmystifiziert und dekonstruiert zu werden. Gelingt dies nie gänzlich auf wissenschaftlicher Basis, dann muss eben bei latentem Religionshass tiefer in die Schmuddelkiste gegriffen werden. So spielt Gólgota-Picnic auf einer Bühne, die als Anspielung auf den katholischen Ritus der Eucharistie komplett mit Burgerbrötchen bedeckt ist.

Die Person Jesus Christus ist in Garcias Interpretation der Passionsgeschichte ein Terrorist und wird – warum auch immer – von einer halbnackten Frau mit Motorradhelm dargestellt. Es gibt Szenen von verstörendem Inhalt: Einmal wird während eines Dialogs Fleisch durch den Fleischwolf gedreht, die Genitalien der Darsteller sind mehrmals im Close-Up auf einer Leinwand zu begutachten und natürlich darf zu keiner Zeit das nackte Herumwälzen auf dem Boden fehlen. Am Ende spielt dann ein nackter Pianist Joseph Haydns „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“.

Warum ausgerechnet das Christentum?

Garcia will nach eigener Aussage die Frage aufwerfen, ob das Schlechte in der Welt der Religion oder umgekehrt, die Sehnsucht nach religiösem Halt dem Schrecken der Welt entstammt. Dass die Stilmittel der Aufführung darüber befriedigende Antwort geben können, kann bezweifelt werden. Warum gerade das Christentum als Stellvertreter der Religionen dafür herhalten muss, mag die wahren Intentionen des Regisseurs in den Mittelpunkt der Betrachtungen rücken. Ist es nicht gerade das Christentum mit seiner Kritik an unserer konsumorientierten Gesellschaft und dem Drang nach Entweltlichung, das am wenigsten als Sündenbock herzuhalten vermag?

Es verwundert also nicht, dass an jedem Aufführungsort bisher der Protest von gläubigen Christen recht ausgeprägt und energisch war. Im Gegensatz zu den Darstellungen in den deutschen Medien handelte es sich dabei mitnichten nur um „radikalkonservative Fundamentalisten“ der Piusbruderschaft, sondern auch um Vertreter der kirchlichen Obrigkeit der verschiedenen Regionen und Bistümer. So haben sowohl Bischof Rey von Toulon als auch Bischof Raymond Centène von Vannes an den Demonstrationen teilgenommen. Der Kardinal von Paris, André Vingt-Trois, veranstaltete an dem Tag der Erstaufführung eine Gebetswache in der Kathedrale Notre-Dame.

In den deutschen Medien scheint es allerdings inzwischen gängiger Konsens zu sein, als gläubiger Christ gleichzeitig – oder gerade deswegen – ein Fundamentalist zu sein. Es ist durchaus richtig, dass die Bruderschaft St. Pius X. zu den Protesten aufgerufen hat. Dies ist aber gut und richtig, da man sich von der offiziellen Seite des Bistums Hamburg „gelassen“ zeigt und lediglich einen Jesuitenpater entsendet, der die Produktion des Stückes „begleiten“ soll. Wer das liberale und romfeindliche Profil des gegenwärtigen Jesuitenordens kennt, mag ahnen, welchen Sinn dieses Unterfangen hat.

Feindbild Katholizismus

Das Medienecho ist von der taz bis zum Spiegel erschreckend gleichförmig: Das Stück sei zwar verstörend und provokativ, rechtfertige aber keine Proteste oder Mails an die Intendanten des Thalia-Theaters. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, der Protest würde alleine auf die Kappe von fundamentalen katholischen Christen gehen. Warum Protestanten sich durch die Darstellung nicht ebenfalls angewidert zeigen könnten, wird nicht erklärt. Vielleicht liegt es daran, dass der Katholizismus in der deutschen Presselandschaft bereits in den vorigen Jahren erfolgreich als Synonym für Bösartigkeit etabliert wurde.

So muss man in der jetzigen Berichterstattung einfach nur die alten Schlagwörter bedienen und kann beim Leser eine fantastische Assoziationskette hervorrufen. Den Vogel schießt beispielsweise die Hamburger Morgenpost (MoPo) ab, die ihren Bericht über die Aufführung mit der Schlagzeile „Amoklauf der Ultrakatholiken“ betitelt. Jawohl, richtig gelesen! Hier werden die angekündigten Proteste als Amoklauf betitelt. Dabei wird der Inhalt des Stücks in keiner Weise thematisiert. Schon nach dem ersten Absatz ergeht sich der Redakteur in diversen Anschuldigungen gegen die Piusbruderschaft. Von Homosexuellenfeindlichkeit bis Holocaustleugnung ist alles dabei, was der bunte Blumenstrauß antikatholischer Vorurteile zu bieten hat.

Im krassen Gegensatz zu diesen Vorwürfen steht die Vorgehensweise der Bruderschaft St. Pius X., die ebenfalls den jüdischen und muslimischen Gemeinden Hamburgs Briefe und Einladungen zu den geplanten Protesten am Montag (23. Januar) schickte. So bekundete ein Sprecher der Piusbrüder, dass man zwar nicht den gleichen Glauben teile, deswegen ein Katholik aber niemals den Andersgläubigen verhöhnen oder seine Glaubenssymbole oder den Stifter seiner Religion in den Schmutz ziehen werde. „Im Gespräch mit Juden und Moslems geht es in gegenseitigem Respekt darum zu zeigen, welche Religion die von Gott gestiftete ist. Das geschieht aber auf intellektueller und argumentativer Ebene und nicht durch Gewalt. Und schon gar nicht durch Hass und Verhöhnung, wie es in diesem Stück zum Ausdruck kommt.“

Wir müssen gefälligst die Gottlosigkeit dieser Zeit akzeptieren!

In den deutschen Medien wird nun generell so getan, als ob sich von christlicher Seite jeglicher Protest verbieten würde. Zumindest werden Christen, die sich gegen die Verhöhnung ihrer Religion und ihres Erlösers wehren und positionieren, als etwas Fremdartiges und Unnatürliches dargestellt. Der liebe und tolerante Christ muss natürlich im stillen Kämmerlein bleiben und schweigend die Gottlosigkeit dieser Zeit hinnehmen. Alles andere wäre ja undemokratisch.

Und überhaupt … Christentum! Haben wir das nicht überwunden? Haben sich die Werte und Ideale der Moderne nicht quasi selbst erschaffen, aus der reinen Vernunft des aufgeklärten Menschen heraus? Das ist einer der großen Irrtümer unserer Zeit, heutige Werte und Normen hätten sich aus etwas entwickelt, das dem Christentum völlig fremd wäre. Genau das Gegenteil ist der Fall: Die Aufklärung und unsere abendländischen Werte entstanden erwiesenermaßen aus einem steten Hinterfragen und Neuordnen der Auslegungen christlicher Heilslehre.

Unhinterfragtes Nachplappern von Halbwahrheiten

Die treibenden Kräfte dieser Bewegung waren natürlich Christen, die abergläubischen Praktiken hinter sich ließen und zum wahren Kern der Lehre durchdringen wollten. Sie würden mit Befremdung auf die heutigen Früchte dieser Anstrengung zurückblicken. Sowas wird jetzt natürlich allzu gerne vergessen oder unter den meist konstruierten „Schlagwort-Vorwürfen“ wie „Kreuzzüge“ und „Hexenverbrennung“ begraben. Denn ein weiteres Manko unserer Zeit ist die weit verbreitete Dummheit, beziehungsweise das unhinterfragte Nachplappern gehörter oder selbst erarbeiteter Teilwahrheiten.

Unter diese Dummheit fällt natürlich auch die massive Kritik an den christlichen Demonstrationen. Es ist verwunderlich, dass fast jede Demonstration, sei es gegen die Abholzung von Bäumen, gegen den Konsum tierischer Produkte, gegen den Transport von atomaren Brennstäben, gegen die Wiederaufrüstung, gegen Deutschland, gegen die Kirche, gegen Gentrifizierung usw. von der Presse neutral, oder in manchen Fällen sogar mit Wohlwollen aufgenommen wird – bei einer christlichen Demonstration allerdings sofort von Fundamentalisten, radikalkonservativen Amokläufern und Ähnlichem zu lesen ist. Als ob Christen in unserer Demokratie kein Recht auf Widerstand hätten.

Deutsche Zeitungen wagten es nicht, Mohammed-Karikaturen abzubilden

Eine Demokratie muss beides verkraften: Sowohl die Darstellungen in Gólgota-Picnic als auch die Proteste dagegen. Es ist bezeichnend, dass es deutsche Zeitungen aus Rücksicht oder Angst vor den verletzten Gefühlen der Muslime nicht wagten, die berühmten Mohammed-Karikaturen abzudrucken, bei der Beleidigung der christlichen Religion allerdings nicht zögern, jene, die sich dagegen wehren, in eine fundamentalistische und menschenverachtende Ecke zu stellen. Es zeigt eine Gesellschaft, deren Kulturbegriff sich weit von dem entfernt hat, was einst damit gemeint war. Es zeigt eine Gesellschaft, die das Eigene herabstuft und das Erniedrigen des Eigenen als Kunst bezeichnet. Es zeigt eine Gesellschaft, die sich selbst aufgegeben hat.

Gólgota-Picnic läuft am 23. Januar 2012 um 20 Uhr im Thalia in der Gaußstraße 190 in Hamburg. Zeitgleich beginnt die Gegendemonstration.

(Bild: marcin ejsmont / flickr)

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