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Kampf um die Straßenlaternen! Agenda zur Eröffnung der Verkaufstheke von BlaueNarzisse.de PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Harald Schmidt-Lonhart   
Montag, den 23. Januar 2012 um 22:36 Uhr

Als Onlinemagazin hat BlaueNarzisse.de bereits viel erreicht. Die nackten Zahlen sprechen für sich: Täglich erscheinen mehrere Artikel, durchschnittlich 3.000 Leser am Tag gehen auf die Seiten, die von mittlerweile über hundert jungen Autoren unentgeltlich gefüllt werden. Jedoch ist dieses Jugendmagazin nicht nur ein x-beliebiger Internetblog, sondern darüber hinaus unmittelbar Teil einer heterogenen, membranlosen Bewegung jenseits der geduldeten Konformität. Dieser Bewegung fehlt es nicht an Schläue und Druckerschwärze, sondern in erster Linie an einer jungen Anhängerschaft sowie an Mut und Entschlossenheit.

Weniger Druckerschwärze – mehr Mut

Als Jugend dieser Stoßrichtung obliegt es vorwiegend der Blauen Narzisse, zu experimentieren und auch die Courage zu haben, alte Zöpfe abzuschneiden und eigene wachsen zu lassen. Dabei kann man den eigenen Anspruch, eine alternative, identitäre Jugendkultur ermöglichen zu wollen, nur gerecht werden, wenn man willens ist, auch Wege jenseits des Journalismus zu betreten.

Ein Beispiel dafür ist das Erstellen und Verbreiten von Aufklebern und Plakaten mit eigenem politischen Inhalt. Primärer Zweck ist, neben der Publikation der politischen Meinung neue junge Menschen für die Blaue Narzisse und das gesamte Lager zu begeistern. Diese Arbeit erfüllt mitunter selbsterzieherische Wirkung in den eigenen Reihen. Es zwingt, die eigenen Thesen zu hinterfragen und zu überprüfen, ob diese massenfähig sind. Auch wenn man auf vielen Internetseiten auf Gleichgesinnte treffen kann, dürfen die eigenen Gedankengänge nicht nur im digitalen Hinterzimmer verstanden werden. Sie müssen in den öffentlichen Raum transportabel sein. Lässt sich eine politische Theorie nicht auf die begrenzte Fläche eines Flyers verkürzen, ist das ein erstes Anzeichen, dass irgendwas mit ihr nicht stimmt.

Raus aus dem Hinterzimmer

Es ist trügerisch zu glauben, dass es ausreichend wäre, sich in Zirkeln und Seminaren auszutauschen und gegenseitig zu beweihräuchern. Wer zum Ende seiner Jugend Carl Schmitt und Ernst Jünger im Schlaf rezitieren kann, dabei jedoch den Kontakt zur Außenwelt hat schleifen lassen, ist angesichts der Massenwirkung seiner Gedanken erfolglos geblieben. Schöngeisterei in allen Ehren, aber mit Intellekt allein gewinnen wir keinen Blumentopf. Daher ist das Erstellen von Plakaten und Aufklebern beiläufig ein Korrektiv an der eigenen Meinung. Eine Probebohrung in der Realität.

Darüber hinaus regt es die eigene Kreativität an. Eine Schulung, die bei der Lektüre und Verarbeitung von Texten auf dieser Art zu kurz kommt. Man sammelt Erfahrung im Umgang mit grafischen und semantischen Spielereien, man verbessert die eigene Außendarstellung und bekommt Übung im Durchführen von Aktionen. Wer eines Tages über Nacht tausende Plakate an den Mann bringen will, sollte vorher ein paar Probeläufe gemacht haben. Hier und jetzt dürfen die Mehrzahl der Ideen und Entwürfe auch unbrauchbar sein. Griffe ins Klo sind erlaubt. Nicht jeder Aufkleber, nicht jedes Poster muss ein Meisterwerk werden. Wichtig ist, einen eigenen Stil zu finden und dabei nicht den Spaß an der Sache zu verlieren. Daher sollte nachgedacht werden, wie ein Austausch grafischer Arbeit in Zukunft besser vernetzt werden kann.

Schluss mit Symbolfetischismus

Bei der Wahl von Motiven muss aus den Fehlern der Vorgänger und den Erfolgen der Gegenseite gelernt werden. Wenn etwas die politische Rechte eint, ist es ihr Symbolfetischismus. Je kleiner die Partei, umso bombastischer das Parteilogo. Kaum eine Gruppierung, die nicht vier Symbole gleichzeitig für sich beansprucht. Bei der Vielzahl von Obskuritäten innerhalb der rechten Parteilandschaft nach 1945 lässt sich vermuten, dass einige Gruppierungen sich bereits vor der Gründung aufgrund von Uneinigkeit über die Farben und das Symbol der zukünftigen Partei bereits zweimal gespalten haben. Hier muss ein Umdenken erfolgen. Symbole dürfen nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck verstanden werden. Ihnen muss in der Masse ein positiver Wiedererkennungswert widerfahren.

Der Masse ist es vollkommen schnuppe, was ein Symbol alles für uns Tolles verkörpert. Es muss ihr gefallen. Man vergleiche diese Wirkung anhand der einfachen Blume im Parteilogo der Grünen. Positiver Wiedererkennungswert, statt Symbolgeilheit. Corporate Identity heißt das neudeutsche Zauberwort.

Die Alternative zeigen

Natürlich kann man nicht zu einer solchen Aktionsform aufrufen, ohne vorher Konstruktivität und Erfolgsaussicht beleuchtet zu haben. Die Außenwirkung auf den politisch Neutralen, auf die breite unbeteiligte Masse ist gewiss nicht groß. Ist folglich das Überkleben von linker Propaganda mit eigenem Material nicht mehr als ein Hund, der gegen Bäume pisst? Betreibt man im Endeffekt politische Masturbation?

Ja, aber nicht ausschließlich. Zwar findet beispielsweise die überklebte Straßenlaterne in der großen Herde, die irgendwo zwischen „Stuttgart 21“ und Zwickau gedankenlos den alltäglichen Politquatsch abgrast, nur in den seltensten Fällen Resonanz. Jedoch wird sie von den Lagern jenseits des Pseudopolitischen wahrgenommen. Diese Wirkung ist nicht groß, aber wir sind zu klein, als dass wir auf sie verzichten könnten. Dem politisch Heimatlosen, der uns sucht, um sein Quartier zu finden, zeigt man durch solche Präsenz eine Alternative. Das Problem ist nicht, dass keiner so denkt wie wir. Das Problem ist, dass uns kein Teufel kennt!

Revierpinkeln – warum nicht?

Neben dem Aufzeigen einer Alternative und der damit verbundenen Rekrutierung hat diese Handlungsform ein weiteres Wirkungsfeld. Motive, Konterfeis und Sprüche auf Aufklebern, Plakaten oder Paste-Ups im vorpolitischen Raum der Straße, der Kneipe, der Schule oder des Hörsaals haben eine wichtige Wirkung auf das eigene Lager. Sie verstofflichen ein Lebensgefühl. Dieser Aspekt ist wahrscheinlich nicht mehr als Revierpinkeln und Politonanieren. Aber warum nicht? Auch diese minderen Bedürfnisse müssen erfüllt werden.

Es kann nicht alles Schöngeist sein. Ein Revier zu markieren bzw. es nicht kampflos der Linken zu überlassen, beweist, dass wir noch da sind. Es verschafft demjenigen Aufwind, der von der öffentlichen Meinung vermittelt bekommt, dass seine Meinung falsch sei und er alleinig so denken würde. Die symbolische Überlegenheit auf der Straße verschafft Sicherheit und Mut für neue Aktionen und Projekte. Wie will man die linke Meinungshoheit durchbrechen, wenn man nicht einmal das Minimanöver um den beklebten Stromkasten gewinnen kann oder will? Daher sollte jeder von uns über seinen eigenen Schatten springen, seine Vorliebe für Ordnung auf übermorgen verschieben und den Kampf um die Straßenlaterne annehmen: „get rude – stay conservative!“

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