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Wulff und die Medien: Die Würde des Amtes, die Würde der Person PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Lukas Lange   
Donnerstag, den 26. Januar 2012 um 05:33 Uhr

Ich mag Christian Wulff so wenig, wie ich ihm vertraue. Mir gefällt auch nicht, dass er Bundespräsident ist. Das geht zurzeit vielen Deutschen so, nicht erst seit der Kreditaffäre. Das allein macht aber das Verhalten der Presse, die Wulff zum Freiwild erklärt hat, nicht besser. So berechtigt und legitim investigativer Journalismus und die Kritik an der Arbeit eines Präsidenten auch ist: Der Journalismus überschreitet seine moralischen Grenzen, wenn er die Zerstörung von Existenzen zum Ziel erhebt.

Es geschieht ihm ja doch irgendwie Recht – klammheimliche Schadenfreude über das mediale Kreuzfeuer, in dem sich Christian Wulff zurzeit wiederfindet, kann ich keineswegs bestreiten. Warum auch? War doch Wulff immer ganz vorn dabei, wenn es darum ging, sich über andere zu echauffieren: Inmitten der Flugaffäre seines Amtsvorvorgängers Johannes Rau beschwerte er sich öffentlich über die „physischen Schmerzen“, die ihm die fehlende „Unbefangenheit“ des damaligen Bundespräsidenten bereite. Und auch als Thilo Sarrazin vor knapp anderthalb Jahren ein noch viel intensiveres „Stahlgewitter“ erleben musste, als es Wulff in diesen Wochen beklagt, war dieser nicht milder gestimmt: Anstatt den Einzelnen gegen das Heer der Empörten zu verteidigen, empfahl der frisch gekürte Bundespräsident der Bundesbank Sarrazins Rauswurf.

Man ertappt sich bei heimlicher Schadenfreude

Ist es da nicht irgendwie amüsant, dass sich nun ausgerechnet der angepasste Wulff, der Inbegriff des Spießbürgertums, im Mittelpunkt der medialen Kritik befindet? Mal kein Sarrazin, mal keine Steinbach, kurzum kein „Täter“, sondern einer, der sonst lieber „Richter“ ist? Wenn ich als Konservativer also ein bisschen schadenfroh bin, wer könnte es mir verübeln?

Und doch ist Schadenfreude, auch im Falle Wulffs, nicht mehr als ein niederer Instinkt, der den Blick auf die Umstände trübt. Schadenfreude ist gehässig, im wahrsten Sinne des Wortes hässlich. Sollte so unser Blick auf tagespolitische Ereignisse sein? Die mediale Jagd auf Christian Wulff ist im Grunde genommen genau das, was sie auch im Falle Sarrazins war: Ein sich verselbstständigender Medienmechanismus, der  vor lauter Gier nach Skandal, Empörung und nicht zuletzt Schlagzeilen den Einzelnen aus dem Auge verliert und damit zum reinen Objekt geschürter Empörung macht.

...doch ist Schadenfreude eine gute Grundlage für die Beurteilung politischen Geschehens?

Als Wulff im Zusammenhang mit den medialen Reaktionen auf die Kreditaffäre Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ zitierte, war die Empörung groß. Selbstgerechtigkeit und der Vorwurf, er wolle die Affäre aussitzen, waren wohl noch die geringsten der Beschuldigungen, denen sich der Bundespräsident ausgesetzt sah.

Tatsächlich legt Wulffs Rhetorik diesen medialen Schluss nahe. Doch wie, wenn nicht als „Stahlgewitter“, muss es ein einzelner Mensch – und ist er auch Bundespräsident – wahrnehmen, wenn er wochenlang in allen Zeitungen, in allen Feuilletons, in jedem Kommentar zerrissen und angefeindet wird? Wenn sein gesamtes Vorleben, politisch wie privat, durchleuchtet und zur öffentlichen Angelegenheit gemacht wird? Der wegen Banalitäten wie einem geschenkten Bobbycar und der Selbstverständlichkeit, für eine Übernachtung bei Freunden nicht bezahlt zu haben, am öffentlichen Pranger steht? Und vor allem: Wenn derlei Nichtigkeiten zur Frage der demokratischen Kultur hochstilisiert werden?

Wo sind noch mahnende Stimmen zu hören?

Dass die Unschuldsvermutung in den Medien nicht viel zählt, ist nicht neu. Wo aber sind die mahnenden Stimmen inmitten der Herde eifernder Kommentatoren, die zu etwas mehr Besonnenheit aufrufen? Wo ist der Funken Gnade, der im Umgang mit jedem Menschen, auch dem Bundespräsidenten, gewahrt werden sollte? Christian Wulff mag, was Transparenz und möglicherweise auch Unbefangenheit angeht, nicht der Saubermann der Nation sein. Er mag auch nicht der richtige Mann für das Amt des Staatsoberhaupts sein. Das aber hätte man im Juni 2010 klären sollen.

Die konzentrierte, unnachgiebige Medienmaschinerie über Wochen hinweg ist eine Form psychologischer Druckausübung, die auch ein Staatsoberhaupt nicht verdient. Dieser ist eben, plump gesagt, „auch nur ein Mensch“ – und hat er ein noch so dickes Fell.

Wo de facto Medienkartelle walten

Die Freiheit der Presse, die in diesen Tagen und spätestens seit Wulffs äußerst dummem Anruf bei Bild-Chefredakteur Diekmann in aller Munde ist, ist ein hohes Gut, für das wir uns dankbar schätzen sollten. Ein Gut, das sich aber auch nicht verselbstständigen darf hin zu einer Gesellschaft, in der de facto Medienkartelle darüber walten, ob ein Präsident im Amt bleibt oder nicht, in der jeder Würdenträger solange an den Pranger gestellt werden darf, bis er freiwillig aufgibt.

Der Fall Wulff wirft also auch Fragen hinsichtlich der Wirkungsmacht der Medien auf. Fragen, die zur Geschwindigkeitsdrosselung mahnen sollten. Oft war in den vergangenen Wochen der Vorwurf zu vernehmen, Wulff trenne im Umgang mit der Affäre zu sehr zwischen dem Amt und seiner Person. Seine Kritiker trennen hierbei zu wenig: Denn hinter dem Amt, egal ob es sich um einen Bundesbanker, die Vertriebenenpräsidentin oder das Staatsoberhaupt handelt, steckt immer auch ein Mensch, der durch die Skandalokratie in Mitleidenschaft gezogen wird. Es gibt eben nicht nur die Würde des Amtes, sondern auch die Würde der Person.

(Bild: Martina Nolte/Wikipedia)

 
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