| Preußenjahr 2012: Brauchen wir nationale Mythen? |
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| Geschrieben von: Sebastian Rast |
| Dienstag, den 31. Januar 2012 um 08:08 Uhr |
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Es war sicherlich keine einfache Rede für Wulff. Über eine historische Größe wie Friedrich II. die richtigen Worte zu finden, ist ohnehin schwer. Doch lasteten auf ihm, neben dem Druck, ein politisch korrektes – „differenziertes“ – Bild des Preußenkönigs zu zeichnen, zusätzlich noch die Ereignisse um seine Person in den letzten Wochen. Das Medienecho war allerdings größtenteils wohlwollend, gleichwohl Wulff von mancher Seite eine etwas farblose und allzu distanzierte Herangehensweise attestiert wurde. Ein „differenziertes“ Bild in der öffentlichen Wahrnehmung So erwähnte der Bundespräsident zwar sowohl „strahlende Errungenschaften“, als auch „dunkle Farben“ der Regentschaft Friedrichs, doch vermied er es, allzu konkret zu werden. Getreu seiner erprobten Rolle als Oberlehrer und Gewissen der Nation war die einzige positive Eigenschaft des Ausnahmeherrschers, die herauszustellen Wulff für angebracht hielt, dessen Toleranz, vor allem gegenüber Einwanderern. Da fragt man sich, was der Herr Präsident eigentlich meint, wenn er von Historikern spricht, die das Erbe des „alten Fritz“ mit „preußischer Hingabe“ gepflegt haben. Dass dieses Erbe für den Bundespräsidenten gerade nicht die genuin preußischen Werte beinhaltet, stellt dieser nämlich sogleich klar: Vaterlandsliebe und das Streben des Preußenkönigs nach Ehre haben in einer Gesellschaft, die sich nach dem Wohl des Einzelnen als Maßstab richtet, anderen Wertvorstellungen Platz gemacht. Deshalb sei es zwar nicht gerecht, historische Personen an heutigen Maßstäben zu messen, doch solle man sich auch hüten, aus dem Leben und Wirken des Preußenkönigs einen deutschen Mythos zu konstruieren. Den Fehler, vor dem er warnt, macht Wulff allerdings selbst: Er bemüht einen Perspektivwechsel, um die Geschichte auch aus den Augen unserer Nachbarn, die „mal als Verbündete, mal als Gegner von preußischen Kriegszügen betroffen“ gewesen seien, zu beleuchten. Nationalmasochistische Geschichtsschreibung... Eine politische Klasse, die eine solche Sicht auf auch international verehrte Aushängeschilder der eigenen Geschichte anmahnt, leistet quasi Beihilfe zum Suizid der Nation. Die Franzosen haben Johanna von Orleans und Napoleon, die Polen haben Jan Sobieski, die Römer ihre Cäsaren, die Griechen Alexander den Großen und Leonidas, die Engländer haben Richard Löwenherz und die Russen Alexander Newski. All diese Personen sind Traditionsstifter und Identifikationsfiguren für die Völker, denen sie entstammen. Helden sind unentbehrlich für das Gedächtnis, das Selbstverständnis und den Selbsterhaltungswillen der Nation. Gerade Deutschland hat unter dem immer noch nachwirkenden Schatten des Nationalsozialismus eine aufrechte, ehrliche und bejahende Heldenverehrung vergleichsweise unbedenklicher Protagonisten der nationalen Geschichte bitter nötig. Wir geben uns auf, wenn hierzulande selbst Hermann der Cherusker der „differenzierten Bewertung“ zum Opfer fällt. Vielleicht finden wir es auch deshalb befremdlich und zuweilen gar bedrohlich, wenn die Ungarn ihrer Verfassung ein „nationales Bekenntnis“ voranstellen, das nicht zuletzt ausdrücklich an der Kontinuität der Ahnenreihe des ungarischen Volkes festhält. Jenes Bekenntnis stellt das Gegenteil dessen dar, wofür die Bundesrepublik Deutschland ihrem Selbstbild nach heute steht. Kernaussagen wie „Wir bekennen uns dazu, dass der wichtigste Rahmen unseres Zusammenlebens Familie und Nation, die grundlegenden Werte unserer Zusammengehörigkeit Treue, Glaube und Liebe sind“, sind hierzulande so unvorstellbar wie sie eigentlich selbstverständlich sind. ...und abstraktes Kulturverständnis Unter dem Versäumnis des unbedingten Bekenntnisses zur eigenen Nation leidet auch die Kultur. Am Puls der Zeit und begleitet von glühendem Nationalismus schufen deutsche Schöngeister die „deutscheste“ Kunst, die überhaupt vorstellbar ist: Die Romantik. Heute findet nur wenig direkte Identifikation mit jenen Meisterleistungen unserer Kultur statt. Es ist zwar schön, dass auch im Jahre 2012 der „deutsche Wald“ noch einen Platz im Deutschen Historischen Museum hat – die fortführende Tradition fehlt jedoch. Moderne Kunst abstrahiert das Alte, sie steht nicht in dessen Tradition. Aber welchem deutschen Geist sollte man auch noch ein künstlerisches Denkmal setzen? Der Verlust der Selbstverständlichkeit war auch der Tod der deutschen Seele. Wer sich heute wehmütig vor Bismarck-, Fritz- oder Kaiser-Wilhelm-Denkmäler stellt, muss sich zuerst fragen, wem wir denn heute überhaupt noch ein Denkmal setzen wollten. Die Gesellschaft ist nicht zuletzt dermaßen atomisiert und gleichzeitig bindungslos, dass wir „die da oben“ überhaupt nicht mehr als Deutsche, als Schicksalsgenossen wahrnehmen. Schicksal? Das ist heute das Los des Einzelnen, während die Politik den „Wirtschaftsstandort Deutschland“ verwaltet. Wir haben unser Gespür für das Gewicht der Geschichte verloren. Es braucht Mut zur eigenen Perspektive Andere Nationen machen es vor. Die verheerende Inhaltslosigkeit des deutschen Selbstverständnisses wurde auch in der Rede des Bundespräsidenten offenbar: Eine Nation, die nichts als mahnende Worte übrig hat angesichts all derer, die ihr Leben für dieses Land gegeben haben, stellt den Söhnen und Töchtern, die unsere Freiheit heute am Hindukusch verteidigen sollen, einen abschreckenden Platz in den Geschichtsbüchern der Zukunft in Aussicht. Ein abgerissener Faden der Geschichte bewirkt, dass sich kaum ein Deutscher mehr uneingeschränkt zu diesem Land bekennen kann und will. Der Versuch, das Loch im Herzen mit einem Verfassungspatriotismus zu stopfen, wird scheitern und letztendlich die Deutschen zu einer Regionalpopulation von „Europäern“ degradieren. Hier die Rede des Bundespräsidenten zum Festakt in Berlin. Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? 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