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Warum ich keinen Spengler lese PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Dienstag, den 21. Februar 2012 um 05:24 Uhr

Meine Vorfahren waren Bauern. Bergbauern mit Vieh und abschüssigem Acker im Grenzgebiet zwischen Böhmen und dem Vogtland mütterlicherseits – väterlicherseits Obstbauern im Erzgebirgsvorland. Was man verzehrte und verbrauchte, schuf man mit eigenen Händen, verteidigte es unter Hitler mit ebendiesen gegen Vereinnahmung und Terror, während des Krieges gegen Hunger und Kälte, danach gegen Rote Armee, Kommunisten und Verstaatlichung. Meine Vorfahren waren, was sie taten – nicht, was sie dachten und wollten.

I.

Als mein Großvater zur Armee ging, verbrannte die Mutter alle seine Bücher. Sie wärmten die Stube mit der niedrigen Decke, als der Schnee meterhoch fiel. Nach seiner Rückkehr als Reserveoffizier zur Rede gestellt, entgegnete sie dem nun jungen Ehemann und Vater, er habe jetzt eine konkrete Aufgabe. Bücher brauche er keine mehr. Undenkbar für sie, etwas anderes zu tun, als zu arbeiten für das, was allabendlich auf dem Tisch stand.

II.

Ich, sein Enkel, bin heute nicht dazu fähig, eine Kartoffel zu ziehen oder ein Tier zu schlachten. Das verbindet mich mit der Mehrzahl der Menschen in den modernen Industrienationen, deren Lebensgrundlagen größtenteils billig fern der Heimat produziert werden. Diese Menschen verbringen einen großen Teil ihres Tages sitzend. Jeder zweite war schon einmal beim Psychologen. Wenige interessieren sich für die Gemeinschaft, nur insofern, als daß jemand ihre Photos bei Facebook teilt. Ein nicht unerheblicher Teil der Menschen in meinem Umfeld studiert und bezeichnet sich selbst als konservativ.

In der britischen Comedy-Serie Little Britain gibt es Daffyd, „den einzigen Schwulen im Dorf.“ Divenhaft und affektiert kultiviert er sein Schwul-Sein als singuläres Phänomen der Verfolgung und Unterdrückung, beschwert sich Folge für Folge über „die schwulenfeindliche Einstellung im Dorf“, die provinzielle Ablehnung, die ihm entgegenschlägt. In Wirklichkeit verfügt die Bibliothek im Gemeindezentrum über eine stattliche Schwulen-Abteilung, in Wirklichkeit hat niemand etwas gegen ihn, in Wirklichkeit ist das halbe Dorf schwul. Aber Daffyd geht nicht raus. Als Beruf gibt er an, ein „verfolgter Schwuler“ zu sein. Er wiegt mehr als ein Schwein, hatte noch nie einen Partner, der Großteil des Dorfes ist ihm fremd. Er kultiviert seine eindimensionale Opferrolle in sicherer Deckung als Schutzfunktion gegen die vielgestaltige Realität. Darin gleicht er denen, die sich tagtäglich isoliert und in abgezirkelter Sicherheit über ihre Verfolgung und Gängelung als Konservative ausweinen. All jene, die sich beschweren, ohne selbst zu handeln, die lieber gefahrenlos Mussolini-Reden hören und verlinken.

III.

Einige dieser „Konservativen“ ragen marginal aus der Masse der Klagenden heraus und schreiben Bücher. Darüber, ob man die heute drängenden Fragen mit Schmitt beantworten könne oder nicht, ob Jünger ein Leitstern sei oder was Spengler alles vorausgesehen habe. Abgesondert in ihrem Labor mischen sie sich Fragen und Antworten in kalkulierbaren Intervallen zurecht, schlagen das Buch zu, sobald sie ermatten, auf daß sie sich wieder um ihre Frisur kümmern können, ihr Outfit und die Besucherzahlen ihrer Fan-Seiten. Und dann posten sie noch ein Bild von ihrem Mittagessen. Vis-a-Vis wirken sie anämisch oder überspannt, sind schüchtern oder überlaut – Ernst nehmen kann man sie alle nicht, unfruchtbar und lebensfern, wie sie sind: Was sie schreiben, verweigert sich der Realität. Sie fallen in aller Regel weich.

IV.

Übernehme ich Verantwortung, wechsle ich Perspektive und Seite. Ich tausche die Position der Verwertung und der eitlen Selbstbespiegelung ein gegen die der Produktion, erschaffe mir etwas und sei es noch so klein. Gleichzeitig muß ich hinnehmen, daß die versuchte Wiederbelebung der Lebensform unserer Vorfahren keine Alternative ist, in Nostalgie enden und scheitern muß. Wir leben jetzt.

Es ist ein Irrglaube, sich ein Wesen anlesen oder erschreiben zu können: Mein So-Sein bedingt meine Lebensumstände. Dadurch, daß ich bin, wie ich bin – denke, wie ich denke – tue, was ich tue, werde ich zu dem, der ich sein soll. Zur Authentizität bedarf es Mut, Mäßigung, Selbstkritik und Disziplin und einen festen Händedruck.

V.

Konservativ sein ist kein Abzählen von Intervallen zur Gefahrenvermeidung. Konservativ sein heißt, zu handeln, heißt, für etwas zu stehen, heißt, jemand zu sein, unter Einrechnung der Folgen, unter Ausklammerung von Aktionismus und Affektion. Konservativ sein heißt, handeln, ohne ein Lob zu erwarten. Vor allem aber – zu erkennen, die Welt ist nicht im Großen änderbar. Wenn überhaupt etwas tragfähig ist, dann der Wille zur Schaffung der eigenen Zelle, die Verwirklichung der eigenen Vision, der Familie und deren Verteidigung nach außen.

Felix Menzel hat auf diesen Beitrag im Weblog geantwortet.

 
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