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Rokoko: Von der Dekadenz zur natürlichen Schönheit PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Montag, den 26. Mai 2008 um 02:00 Uhr

NovemberWer sich in unseren Tagen lautstark über die durchaus vorhandene Amerikanisierung der deutschen oder sogar europäischen Kultur beschwert und dies als einzigartig und „noch nie da gewesen“ betrachtet, bewegt sich auf dünnem Eis. Bereits vor gut 300 Jahren schwappte eine Welle fremdsprachigen Lebens- und Kunststils von Frankreich kommend ins Kulturgebiet des heutigen Deutschlands. In der Endphase des Barock – dem Rokoko – erlag die deutsche Sprache einer vor allem in Herrscher- und Adelshäusern vorherrschenden Frankoisierung. Im Vergleich zu den fast ausschließlich Französisch sprechenden deutschen Herrschaftsklassen in der Zeit des Barock und Rokoko sind heute mit Anglizismen um sich schmeißende Jugendliche ein beinahe geringes Übel.

Absolutismus, Prunk und Reichtum und auf der anderen Seite arme Bauern

Zeitlich ist das Rokoko am Ende des Barock einzuordnen, also etwa in der Zeit von 1765 bis 1785, wobei wie so oft die lokalen politischen Gegebenheiten über die Verbreitung und auch die Dauer dieser Kunstepoche entschieden. Die europäischen Verhältnisse spannten sich zwischen zwei klar umrissene Pole: Überquellender Reichtum und Prunksucht in den Herrschaftshäusern und Kirchenämtern auf der einen Seite und bittere Armut der vom Feudalwesen geknechteten Bauern und Landarbeiter auf der anderen Seite.

Besonders frappierend waren diese Verhältnisse auf dem europäischen Festland, während sich in Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland noch Millionen armer Bauern von ihren Feudalherren ausbeuten ließen und fortschrittliche Handwerker höchstens in Manufakturen arbeiteten, bewegte sich die wesentlich progressivere Monarchie Englands ab 1750 mit großen Schritten auf das Industriezeitalter zu, was ihre Sonderstellung im europäischen und vor allem kunsthistorischen Kontext erklärt.

Das in Fürstentümer zergliederte „deutsche“ Staatsgebiet lag fernab jeder nationalen Einheit (Partikularismus) und war somit auch weit entfernt von jeglicher Gleichförmigkeit einer künstlerischen Entwicklung. Es lässt sich zweifelsfrei feststellen, dass vor allem in jenen Fürstentümern und Königreichen, welche unter dem steten kulturellen Einfluß Frankreichs standen, die Entwicklung vom Barock zum Rokoko besonders intensiv und langandauernd stattfand.

Von Frankreich nach „Deutschland“

Warum spielte Frankreich nun so eine wichtige Rolle als Vorbild? Der so genannte „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. lebte das „Barockleben“ schlechthin und inspirierte bereits Anfang des 18. Jahrhunderts manches barocke Kunstwerk in ganz Europa. Nicht nur die öffentlich inszenierte, ausschweifende Lebensführung, sondern auch sein unerhört pompöses Schloss Versailles wurde zum Inbegriff dieser absolutistischen Epoche. Durch vielfältige politische und persönliche Beziehungen verschiedenster deutscher Adelshäuser nach Frankreich trug man die neue Mode, Baukunst und Lebensweise letztlich auf deutschen Boden.

Die besondere Vorbildwirkung Frankreichs kann gut im Königreich Preußen beobachtet werden, in welchem zu dieser Zeit eine überdurchschnittlich starke Bautätigkeit zu verzeichnen war. Dem Versailler Vorbild folgend, wollten auch andere deutsche Fürsten ebenso bedeutende Kunstwerke schaffen und besitzen. Kurzum: der Barock und später das Rokoko verbreiteten sich von Frankreich kommend rasend schnell in Deutschland und Europa. Man baute Schlösser und Stadthäuser, Kirchen und Herrenhäuser und nicht selten wurden wesentlich früher errichtete Gebäude nachträglich mit Ornamentik und Zierrat in Barock- und später Rokokobauten umgewandelt.

Das Zweckmäßige und das Unsymmetrische

Das Idealkunstwerk des Rokoko war darum auch das Schloß oder das Stadt- bzw Herrenhaus. Ähnlich dem Jugendstil und auch dem Bauhaus betonte man den Gedanken des Gesamtkunstwerks. Zwar war der auch im Rokoko typisch auftretende und von Naturformen inspirierte Zierrat („Rocaille“ steht im Französischen für die Muschel und gab der Epoche ihren Namen) auf den ersten Blick auch im Barock vorhanden, nur betonte man nun, von der Architektur ausgehend, über die Malerei bis hin zur zeitgenössischen Mode die Zweckmäßigkeit und die damit in engem Zusammenhang stehende natürliche Anordnung der Dinge, also das Unsymmetrische.

Während man die Devise des Barock mit „teuer, sinnfrei und überladen“ zusammenfassen kann, lauteten die neuen Prämissen „sinnvoll, lebensnah, behutsam und geschmackvoll“. In der Regel wurden die Schlossanlagen des Barock symmetrisch und starr geplant. Die optische Wirkung und der damit zur Schau gestellte Reichtum des Bauherren war der einzige wirkliche Gestaltungshintergrund – nicht selten waren die riesengroßen Säle und Galerien menschenleer, da sie sich als unbewohnbar erwiesen. Anders im Rokoko: die sich am Leben und den Bedürfnissen der Bewohner orientierten Baumeister schufen Bauten von eigenwilliger aber natürlicherer Schönheit, deren oberste Prämisse nicht zuerst in der Symmetrie der Fensterfronten und Giebel lag, sondern im Wohnkomfort und in der behaglichen Nutzung.

Bedeutende Vertreter dieser Epoche waren: Matthäus Daniel Pöppelmann, Joseph Anton Feuchtmayer und Balthasar Neumann in der Baukunst, Bernardo Bellotto (auch Canaletto), Jean-Honoré Fragonard und Antoine Watteau in der Malerei und Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Friedrich von Hagedorn und Christian Fürchtegott Gellert in der Literatur.

Unterschied zwischen Barock und Rokoko

Da Ludwig XIV. bereits 1715 starb und somit zwischen der barocken Frühzeit, welche er so prägend mitgestaltete, und der sich anschließenden Spätepoche gut 50 Jahre lagen, veränderte sich auch der Charakter des Barock vom Ausschweifenden, Emotionalen und Dekadenten hin zum Feinsinnigen, Zarten und vor allem zum besonders kultiviert lebenden Menschen. Während im Barock alles öffentlich war und selbst das Privatleben in der Öffentlichkeit stattfand, legte man im Rokoko Wert auf Etikette und „wohlrühmliches“ Benehmen. Private Probleme oder Krankheiten gehörten nicht in die Öffentlichkeit.

Während es bis heute als typisch für alles „Barocke“ gilt, überschwenglich und in großem Luxus zu leben, sich keinen Fragen nach dem „Morgen“ hinzugeben und den Augenblick mit aller Macht und Tiefe an Empfindsamkeit aufzusaugen, stellte das Rokoko eine bedeutende (auch geistige) Wende dar: Die sich in der Zeit zwischen 1750 und 1780 stetig zuspitzenden politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse führten notwendig zu einer Mäßigung im Überschwang der „besseren Stände“. Nur wenige Blauäugige oder Unbelehrbare gingen davon aus, den Lauf der Geschichte aufhalten zu können und ewig auf dem Rücken ihrer Untertanen leben zu können.

Das Rokoko ist somit nur auf den ersten ungenauen Blick „einfach nur“ Spätbarock. Bis heute stehen sich die Historiker bei der Frage, ob das Rokoko schlicht die Spätphase des Barock oder eine eigene Kunstepoche ist, in zwei Lagern gegenüber: Während die erste Gruppe die Reduzierung der Prunksucht und die Verkehrung von Extrovertiertheit im Barock zu Introvertiertheit im Rokoko als übliche Späterscheinung einer großen Kunstepoche sehen (die dem Expressionismus folgende Neue Sachlichkeit betonte die Ratio vor dem Gefühl, zog das Reale der Mystik vor und bevorzugte die stillen vor den schrillen Tönen), betrachten die anderen das Rokoko als einleitenden Phase zum Klassizismus. Ihrer Meinung nach war der Bruch zwischen Barock und Rokoko so bedeutend, ja fundamental, dass eine eigene Epochenzuordnung unumgänglich sei.

 
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