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Der historische Schulterschluss zwischen dem „bloody assassin of the workers“ und dem „scum of the earth“ – die gegenseitigen Anreden in der Karikatur von Leslie Illingworth aus den Zeiten des Zweiten Weltkrieges sind allgemein bekannt. Es lässt sich allerdings das gerade darin angesprochene Ereignis der Verbrüderung der beiden totalitären Systeme deutlich besser verstehen, wenn wir mit der eigentlich nötigen Distanz der nüchternen Wissenschaft auf die Wechselwirkungen von Sowjet- und Nationalsozialismus blicken. Eine Vorgehensweise, die in unserem sich aufgeklärt dünkenden Kulturraum erstaunlicherweise kaum vorkommt. Darum soll hier der Versuch unternommen werden, die Verwandtschaft von Sowjet- und Nationalsozialismus herauszumeißeln.
In aller Regel sind wir es gewöhnt, historisch in der Gegensätzlichkeit von Kommunismus und Faschismus zu denken. Darin ein Gegensatzpaar zu sehen, ist jedoch weithin ahistorisch und entbehrt nicht einer gewissen ideologischen Vereinnahmung. Stattdessen müsste es zu denken geben, dass sich das nationalsozialistische Deutschland zunächst als radikaler Widerpart gegen die Sowjetunion der Oktoberrevolution profilierte, um dann doch mit dem System Stalins zu kooperieren. Obwohl die Wissenschaft bisher – mehr oder weniger einsichtige – Interpretationen bereithält, liegt vor allem eine Deutung nahe, die bei den Erkenntnissen der Totalitarismustheorie ansetzt, dort aber nicht stehenbleibt.
Eine einseitige Erinnerungskultur entsteht
Im Anschluss an den großen Wurf zum Totalitarismus von Hannah Arendt kommen zwischen dem faschistischen Deutschland und der kommunistischen Sowjetunion einige gravierende Analogien zum Vorschein. Diese ausschließlich phänomenologische Betrachtung ist angreifbar, da die geschichtliche Entwicklung vor allem des kommunistischen Systems in gewisser Weise zur Nebensache wird. So wurde dieser Vorwurf beginnend in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts auch öfter vorgetragen: Es könne das Russland Lenins wohl kaum mit demjenigen Stalins geschweige denn mit poststalinistischen Varianten einfach identifiziert werden. Der Vorwurf geht allerdings an den Bestrebungen des totalitaristischen Vergleichs vorbei, der sich darauf richtet, die Gleichheiten – aber auch Unterschiedlichkeiten – der Strukturen zu einem bestimmten Zeitpunkt systematisch zu erforschen, ohne etwaige kausale oder historische Abhängigkeiten und Entwicklungen zu berücksichtigen.
Es sei daran erinnert, dass sich die Machtstrukturen der beiden totalitär gesteuerten Länder kaum unterschieden. Polizeistaat, Staatsterror und -religion oder das Ziel des Neuen Menschen waren Charakteristika beider hier betrachteter Länder; ob nun als Erscheinungsform des sowjetischen oder deutschen Totalitarismus. Der Versuch, das Leben des Individuums vollauf zu kontrollieren, eine Diktatur durch sämtliche gesellschaftlichen Organe zu ziehen, ist ihnen gemeinsam. Das Schwarzbuch des Kommunismus weist sodann im Einzelnen nach, wie exakt auch das stalinistische Herrschaftssystem dem deutschen ähnelte; eine empirische Basis, die Hannah Arendt bei Abfassung ihres monumentalen Werkes noch nicht vorlag.
Kein vernünftiger Mensch und kein ernst zu nehmender Wissenschaftler leugnet die totalitaristische Parallelität von National- und Sowjetsozialismus und doch findet man heute eine recht einseitige Erinnerungs- und Mahnkultur vor. Die Erfahrungen mit dem stalinistischen Terror werden kaum mehr thematisiert. Mag diese Erfahrung für die Deutschen als Kriegsgefangenschaft oder Vertreibung für die Mehrheit nur passiv oder als DDR nur abgeschwächt vorhanden sein, scheint der tatsächliche Grund doch anders zu liegen. Der Verweis auf den Stalinismus impliziert eine Einbettung der nationalsozialistischen Greuel in einen größeren Zusammenhang der Weltgeschichte, obwohl die Vorstellung der Singularität des Holocaust nicht in Zweifel gezogen werden darf. Es ändert sich dadruch die durchaus beliebte Interpretation einer roten Linie, die in der deutschen Geschichte konsequent zu Hitler geführt haben soll. Sie lässt sich in der dargestellten Perspektive nicht leicht aufrechterhalten.
Sowjet- und Nationalsozialismus zeigen gleiche Phänomene
Doch die Verwandtschaft der beiden Totalitarismen reicht tiefer. In einem beachtlichen und aufsehenerregenden Zeitungsartikel aus dem Jahre 1986 fragt Ernst Nolte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „War nicht der ‚Archipel GULag‘ ursprünglicher als ‚Auschwitz‘? War nicht der ‚Klassenmord‘ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords‘ der Nationalsozialisten?“ Gefährlich lebt, wer mit solch provokanten Fragen und impliziten Thesen die Einzigartigkeit des Holocaust anzweifelt und damit der üblichen Geschichtsdogmatik entsagt – Ernst Nolte haben solche Thesen über zwei Jahrzehnte zu einer persona non grata der Geschichtswissenschaft gemacht. Worauf aber zielen Noltes Thesen? Zunächst einmal gilt in aller Geisteswissenschaft das sine ira et studio (etwa: ohne Zorn und Eifer) als Maßstab – eine wissenschaftliche Fairness, die Nolte auch der deutschen Geschichte zugebilligt wissen wollte. Seine Anfragen stehen zunächst in dieser wissenschaftsphilosophischen Tradition ohne politische Intentionen. Der dadurch entfesselte, sogenannte Historikerstreit zeigte aber beispielhaft wie moralisch aufgeladen die Zeit der nationalsozialistischen Epoche diskutiert und debattiert wird, ohne zu einem wirklich historischen Verständnis zu gelangen, da solches an eine Historisierung der damaligen Ereignisse, also auch des Holocaust, geknüpft wäre. Das allerdings steht der deutschen Vergangenheitsbewältigung entgegen. Neben dieser eher metathematischen – man kann sagen: methodischen – Problematik deckte Nolte, was weit wichtiger ist, die weltgeschichtliche und globale Dimension des eben doch nicht geschichtslosen Ereignisses von Auschwitz auf. Doch auch Nolte verbleibt dabei im kategorischen Denken, wenn er „ein Verhältnis von Aktion und Re-Aktion, von Herausforderung und Antwort, von Original und Kopie“ (1995) konstatiert. Auch seine Erweiterung der strukturanalytischen zur historisch-genetischen Totalitarismustheorie stellt die Abhängigkeit beider Systeme nicht erschöpfend da.
Zwei Systeme entstanden aus ein und demselben Ursprung
Denn: Die Verwandtschaft reicht noch tiefer. Die Erkenntnis, dass es eine gewisse phänomenologische Gleichheit wie historische Abhängigkeit zwischen sowjet- und nationalsozialistischem System und seinen staatlichen Greueltaten gibt, steht offen vor uns und dürfte prinzipiell seit Jahren bekannt sein, obwohl sich bislang kein Konsens herausgebildet hat. Dazu ist gegebenenfalls erst eine neue Generation von Forschern und Geschichtswissenschaftlern fähig, welche auch die Zeit des Nationalsozialismus aus historischer Distanz und Nüchternheit reflektiert. Blicken wir nun hingegen auf die Ideengeschichte des Nationalsozialismus, so bietet sich noch immer ein reicher geschichtswissenschaftlicher Auftrag, der nur in ersten Ansätzen ideologiekritisch umgesetzt wurde. Bisherige „Untersuchungen“ sind vermehrt aus marxistischer oder liberalistischer Sicht bekannt; auf sie stößt man bei der Lektüre der Standardwerke zur politischen Ideengeschichte, in Kompendien wie größeren Reihen.
Der Göttinger Historiker Karlheinz Weißmann legte 1998 wohl als erster in seinem wichtigen ideengeschichtlichen Werk „Der Nationale Sozialismus“ zur Genese des nationalsozialistischen Weltbildes offen, dass es mit seinen Vorstellungen von Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus aus einer nationalistischen Strömung der französischen Linken, des französischen Sozialismus hervorgegangen ist, deren Ausgangspunkt sich im Jahrhundert der Massengesellschaft und dem Aufbrechen der traditionellen politischen Kategorien findet. Nicht zuletzt in der Auseinandersetzung mit Nolte bettet Weißmann den Nationalsozialismus Hitlers in einen ideengeschichtlichen Kontext, welcher die ungenügende Subsumption unter den Faschismusbegriff eines Antiliberalismus, Antiparlamentarismus und Antimarxismus (Nolte, 1963) zu überwinden versucht. Diese Erkenntnis kann mit einiger Berechtigung als ideengeschichtliche Revolution gelten, da hier in hoher Sachlichkeit und mit historischer Präzision die Entfaltung der nationalsozialistischen Ideologie bis auf ihre Ursprünge zurückgehend nachgezeichnet wird. Wer auf Dauer den nationalsozialistischen Terrorstaat und seine politischen Ziele verstehen will und auf ideologischen oder moralisierenden Gestus verzichtet, wird an dieser historischen Untersuchung nicht vorbeikommen.
Ohne die einzelnen Erkenntnisse von Weißmann hier im Einzelnen zu referieren, so lautet eine der zentralen Schlussfolgerungen: Der Nationalsozialismus steht keinesfalls im ideengeschichtlichen Vakuum, sondern ist eine geschichtliche – vielleicht häretische? – Strömung des Sozialismus, keinesfalls aber der totale Antagonismus, als der er sich durch seine politischen Repräsentanten stilisierte. Es kann mehr daraus gefolgert werden: Der National-Sozialismus ist neben dem Sowjet-Sozialismus eine andere Form des Realkommunismus. Diese scheinbar irrsinnige Erkenntnis wurde durch Weißmanns Studie unabweisbar belegt.
Die Klassenunterschiede wollten beide Systeme aufheben
Doch die Verwandtschaft reicht noch tiefer. Um das einzusehen, müssen wir uns philosophisch, aber keinesfalls von der Empirie gelöst, auf den irrationalen Grund dieser Ideologie begeben. Blicken wir dazu auf das Ideal der klassenlosen Gesellschaft im Kommunismus. Dieses zu erschaffen, nötigt zur Schaffung des Neuen Menschen, die keiner Herrschaft mehr bedarf. Der Kommunismus zielt auf die Abschaffung des geschichtlichen Antagonismus von Bourgeoisie und Proletariat über die Zwischenstufe des Sozialismus, um so in die befriedigte Anarchie zu münden. Das ist der Tenor des Marxismus. Nichts anderes erstrebt der Nationalsozialismus, freilich in anderer Form und anderer Weise: Der Nationalsozialismus will die Unterscheidung der Klassen in der Einheitlichkeit und rassischen Reinheit der deutschen Volksgemeinschaft mit seinem Rassenideal des arischen Herrenmenschen aufheben. Der Arier in seinem Tausendjährigen Reich ist letztlich die nationalsozialistische Konkretion der kommunistischen Idee des Neuen Menschen. Anders: Die wohl grundlegendste Idee des Kommunismus, jene Aufhebung der historischen Störung, jener Unterteilung der Menschen in zwei Gruppen, die der Nationalsozialismus eben nicht ökonomisch, sondern rassisch definiert, ist der national- wie sowjetsozialistischen Ideologie gemeinsam.
In dem Ziel des Neuen Menschen wurde dann auch angedeutet, wo sich wohl die tiefste Schnittstelle zwischen National- und Sowjetsozialismus befindet. Zwischen beiden Ideologien besteht ein grundsätzlicher Konsens über das Menschenbild, das kein christlich-konservatives wie ebenfalls kein humanistisch-liberales ist. Wo, wenn nicht im Menschenbild, zeigt sich die eigentliche Mitte einer Ideologie? Die Hybris, den Menschen durch politische Ordnungsstrukturen in seinem Wesen zu verändern, aber ist der Gottesferne geschuldet, da in dieser Ferne der transzendentale Wert und Bezug des Menschseins negiert wird. Die Unantastbarkeit der menschlichen Würde kodifiziert der erste Artikel des deutschen Grundgesetzes exakt und ausschließlich vor diesem Hintergrund.
Ziehen wir ein Fazit. Ein derart geweitetes „Verständnis“ des Nationalsozialismus legt eine Unterordnung dieser Ideologie unter die Real-Kommunismen nahe. Es entlarvt den Kampf der Linken wie all ihrer Abkömmlinge gegen (neo)nationalsozialistische Umtriebe als inkonsequent. Wie die Idee des Nationalismus konstitutiv für den faschistischen Nationalsozialismus war, so sehr ist die Idee des Sozialismus für ihn bezeichnend. |