| Moderne Kunst: Ich bin eine Nutte des Kapitalismus |
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| Geschrieben von: Kristina Kesselring |
| Freitag, den 20. März 2009 um 01:00 Uhr |
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Beim besten Willen – das Wort ist schon so abgenutzt, dass die Farbe abblättert, und das führt ja den Begriff an sich ad absurdum. Ich will hier nicht erklären, was moderne Kunst ist, will nicht mit Wörtern wie Impressionismus, Surrealismus oder Pop Art um mich werfen, die jeder mit Leichtigkeit googlen kann. Kapitalistischer Realismus in der Kunst Moderne Kunst, ebenso wie ihre zig Stilrichtungen und ihr Verlauf in der Geschichte sind vollkommen unspezifisch und werden es auch bleiben. Doch eines ist vorbestimmt: Der Markt lebt in und von Propaganda und das wird ihn zu Fall bringen. Wenn es je wieder bergauf gehen kann, dann nach einer halsbrecherischen Talfahrt, einem Absturz des Kunstmarktes. Eine gewisse Tendenz ist heute schon abzusehen. Meist aus den jungen Wilden der Achtziger entsprangen die heutigen Stars der Kunstszene. Ironiker und postmoderne Realisten wie Martin Kippenberger, Gerhard Richter und Sigmar Polke sind nur die aussagekräftigsten Vertreter. Sie werden auch Vertreter des Kapitalistischen Realismus genannt. Und dieser Begriff ist auch ziemlich treffend. Sie haben mehr als großen Erfolg, vollkommen zu recht, wie ich denke. In unserer mit „Kunst“ übersättigten Gesellschaft ist es eine nicht zu verachtende Heldentat, nicht nur Können zu besitzen, sondern auch innovative Ideen zu haben. Jetzt sagen viele, dass einige Künstler beides haben und dennoch nicht zu Weltruhm kommen. Und das ist der Knackpunkt. Die Künstler des Kapitalismus, die heutigen Stars, sind brillant, innovativ und beflügeln unseren Geist wie es zuletzt die Künstler zu Beginn der Moderne getan haben. Sind wir „Nutten des Marktes“? Und dennoch, dennoch sind sie Nutten. Sie sind Kinder und zugleich Nutten des Kapitalismus. Saugen ihn aus und lassen andere sich an ihnen nähren. Kinder sind sie, weil sie und ihr Erfolg Kreationen bzw. Produkte des Marktes sind. Publicityagenten und Galeristen sind nicht verantwortlich für das Schaffen und die Brillanz eines Künstlers. Doch sie entwickeln und formen sein Bild in der Öffentlichkeit, sorgen dafür, dass ein Künstler ankommt, dass seine Bilder begehrt sind und höhere Preise erzielen. Der Künstler wird somit heutzutage weniger von seinem fantastischen Schaffen als vielmehr von seiner Umgebung, dem Markt, geschaffen. Diese Künstler sind Nutten. Prostituierte, weil sie dieses Spielchen mit perverser Freude, aus dem Begehren erfolgreich und akzeptiert zu sein, Geld zu verdienen und unsterblich zu werden, mitspielen. Ich verurteile an dieser Stelle nicht, ich kann es verstehen und wenn sich mir die Möglichkeit bieten sollte, würde ich mich jederzeit auch prostituieren lassen. Ich denke, den meisten von uns würde es so gehen. Wir alle sind potentielle Nutten des Kapitalismus. Die Branche wächst: Immer mehr Bordelle Das wahrhaft interessante ist nicht die Frage, was Moderne oder Postmoderne sein soll – solche Begriffe sind irrelevant im Kontext des großen Ganzen. Die Tatsache, die man sich bewusst machen muss und die deprimiert: Kunst ist eine Wachstumsbranche. Künstler, Galeristen, Museen, es gibt nun schon mehr als genug davon, und es werden noch mehr! Vielen ist das recht: Mehr Kunst in unserem Leben – die ewige schöne Utopie. Aber ich sage: Nein! Es reicht, es muss Schluss sein. Wir können nicht mehr unterscheiden, was gut ist, kaum mehr was bemerkenswert ist. Wir sind übersättigt, fett und überbläht mit der Masse. Die Konsumgesellschaft erreicht nun sogar noch die Kunst. Sie wird ein Konsumgut, ist es wohl schon längere Zeit. Schneller als wir es bemerken, wird sie zur Kulturindustrie anwachsen, die nicht nur unseren Geschmack, sondern auch den Markt selbst zu Fall bringen wird. Wir besitzen in unseren Köpfen keine Bilderwelt mehr, es ist ein Bilderkosmos. Und in diesem Sternensystem wirbelt gut und schlecht, wunderbar und grauenhaft durcheinander. Ich ertappe mich, wie ich vor einem Bild stehe und überlege, was gut daran ist und zu dem Schluss komme, dass es wohl gut sein muss, weil es in einer Galerie oder einem Museum hängt. Beliebigkeit und verlorenes Urteilsvermögen Das ist einfach falsch! Das sind schon lange keine positiven Kriterien mehr. Der Kunstmarkt ist eine Branche, wo der Markt über Erfolg und Misserfolg – sprich: wann sich der Mainstream einer anderen, jüngeren Nutte zuwendet – bestimmt. Es gibt keine Diskussion, keine wahrhaftige Empörung oder ein nötiges Unverständnis über neue Kunstwerke mehr, wie sie früher benötigt wurden, um Kunst beurteilen zu können. Die Menschen sind faul und feige geworden, zu bequem, um Scheiße als das zu benennen, was sie ist: nämlich Scheiße. Die angeblichen Kunstkenner sind zu verwirrt, um den Müll vor sich überhaupt als Abfall zu erkennen. Den Verfall der Kunst aufhalten! Jetzt wäre es an der Zeit, mit anderen in Diskurs zu treten. Wir müssen unsere Augen für das Gute schärfen, die unterschiedlichen Wirkungsmächte der Bildwelten neu begreifen lernen und uns nicht von den Phrasen des Marktes verführen lassen. Nur so können wir den Verfall der Kunst aufhalten und ihm entgegensteuern. |