Startseite Anstoß Lange übersehen, Zeit zu handeln: Lösungen für die Bevölkerungspolitik
Lange übersehen, Zeit zu handeln: Lösungen für die Bevölkerungspolitik PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Christopher Faßbender   
Sonntag, den 05. April 2009 um 01:00 Uhr

KinderKindermangel, Überalterung und Bevölkerungsrückgang prägen unsere postindustrielle Gesellschaft. Die Lebensarbeitszeit verlängert sich und der Staat setzt das Renteneintrittsalter höher. Wie konnte es zu diesen gravierenden Veränderungen kommen? Kinder waren in Europa einmal zusätzliche Arbeitskräfte und Altersvorsorge. Kinderreiche Großfamilien waren an der Tagesordnung. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Haushalte mit acht, zehn oder mehr Kindern keine Seltenheit. Mit der Industrialisierung kam die Urbanisierung, dann die staatlichen Sicherungssysteme und schließlich im Zuge der Dienstleistungsgesellschaft ein nie gekannter Wohlstand.

Vor allem auf das „Wirtschaftswunder“ der 50er-Jahre schaut man heute angesichts der vielbedauerten wirtschaftlichen Lage sehnsüchtig zurück. Die Menschen in den 50er-Jahren und danach konnten es kaum glauben, zu welch wirtschaftlicher Größe sich Westdeutschland aufschwang, wo es doch nach dem Krieg so am Boden gewesen war. Politisch ein Zwerg, aber wirtschaftlich ein Riese! Die BRD wurde Exportweltmeister.

Unser heutiges Demographieproblem ist hausgemacht.

So erfreulich der Aufschwung war, so bedenklich ist die soziale Entwicklung, die damit einherging: Man empfand Kinder zunehmend als Klotz am Bein und das Kinderkriegen wurde so unpopulär wie nie zuvor. Luxus gönnte man sich, doch Kinder schienen hinderlich auf dem Weg zur Befriedigung der eigenen, individuellen Wünsche. So empfanden Scharen junger Menschen eigenen Nachwuchs als Einschränkung der persönlichen Freiheiten, als allzu großen Luxus! Der Wunsch nach beruflicher Karriere beider Ehepartner, nach Selbstverwirklichung jenseits der Familie und bald nach immer mehr Autos, Fernsehern und später Handys gewann zunehmend Anhänger – eine Entwicklung, die bis heute anhält.

Dringend wäre heute ein Bewusstsein für demographische Zusammenhänge in der breiten Bevölkerung vonnöten. Es wäre allerdings ein Novum, denn der Einzelne hielt und hält seinen persönlichen Einfluss auf das Zeitgeschehen für unerheblich und ist so geneigt, den bequemen Weg zu gehen und den Aufbau der nächsten Generation auf die anderen zu schieben. Als sich die Bevölkerungen der Industrienationen noch reichlich vermehrten, war ein solches Bewusstsein nicht erforderlich gewesen. 1972 dagegen gipfelte die bisherige Entwicklung darin, dass eine Frau in Westdeutschland durchschnittlich keine zwei Kinder mehr hatte, wodurch die Bevölkerung sukzessive abnahm.

In anderen Industrieländern gehen die gleichen Schreckgespenster um: Die Geburtenzahlen sind rückläufig und die Bevölkerung altert, immer weniger Menschen nehmen aktiv am Arbeitsleben teil. Dort wie auch hierzulande, vor allem im Rahmen des „Wirtschaftswunders“, wurde die entstandene und für die Zukunft weiter prognostizierte Menschenlücke durch Zuwanderung gestopft, um die Wachstumschancen voll auszunutzen, die sich der Wirtschaft boten. Die Probleme, die nicht nur aus der sozialen, sondern auch aus der ethnischen Vielfältigkeit der heutigen Gesellschaft erwachsen, sind der Preis, den Industrienationen für ihren Wohlstand zu zahlen haben.

Eine deutsche Frau bekommt nach aktuellen Schätzungen im Laufe ihres Lebens im Schnitt 1,4 Kinder. Seit nunmehr über 30 Jahren sterben hierzulande Jahr für Jahr mehr Alte als Kinder geboren werden. Auch wenn das nicht mehr neu ist, kann man es nicht oft genug betonen. Aber was wird dagegen getan? Die Politiker nehmen es als den unabänderlichen Lauf der Dinge hin. In dieser Beziehung scheint ihnen der Liberalismus und der Glaube an den mündigen Bürger heilig zu sein. Ein aufrüttelndes Wort aber wäre mehr als angebracht.

Familie und Beruf vereinbar machen – eine Notwendigkeit in der heutigen Zeit

Es sind unbedingt Anreize zu schaffen, dass in Deutschland wieder deutlich mehr Kinder, mindestens zwei bis drei pro Frau, in die Welt gesetzt werden. Mehr Halbtagsstelle, der Ausbau der Kinderbetreuung sowie die Integration von Kindertagesstätten an den Arbeitsplätzen der Eltern könnten ein familienfreundlicheres Klima schaffen.

Finanzielle Anreize müssen hinzukommen: Eltern dürfen nicht länger mit dem Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf alleingelassen werden. Es kann nicht angehen, dass eine junge Frau beim Bewerbungsgespräch abgelehnt wird, weil sie möglicherweise schwanger werden könnte. Mutterschutz und Elternzeit dürfen kein Hindernis sein, sondern ein grundrechtsähnlichen Status genießen. Besonders benachteiligt sind heutzutage Akademiker, die eine Familie gründen wollen. Der Zwang zur Zurückstellung von Kinderwunsch und Familie, den Wissenschaft und Wirtschaft im Flexibilitätswahn auf die tüchtigsten Forscher und geistigen Arbeiter ausüben, bringt die Gesellschaft um ihre langfristige Zukunft.

Für die Gemeinschaft!

Neben wirtschaftlichen und organisatorischen Anreizen muss von Seiten der Politik in der Öffentlichkeit und der schulischen Bildung ein Bewusstsein für die Verantwortung jedes Einzelnen für das Geschick der gesamten Gesellschaft geschaffen werden. Die Entwicklung hin zu immer mehr Individualisierung, Verantwortungslosigkeit und kurzfristigem Lustgewinn muss aufgehalten und der Geist der Gemeinschaft in Deutschland wiederbelebt werden! Daran kann jeder Einzelne mithelfen, indem er „Ja“ zur Gemeinschaft sagt und anderen Bürgern Denkanstöße gibt. Letztlich sitzen wir alle in einem Boot, und dieses Boot heißt „Deutschland“.

 
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