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Kampf den Straßennamen

Dienstag, 04 Dezember 2012 22:45 von Burkhard von Grafenstein
(WIKImaniac/Wikipedia/cc) (WIKImaniac/​Wikipedia/​cc)

Münster, Freiburg, Mönchengladbach, Essen, Garmisch-​Partenkirchen: Straßenumbenennungen häufen sich. Was ist los in Deutschland? Wer ist da am Werk und warum?

Im September hat Münster nach einem Bürgerentscheid den weitflächigen Hindenburgplatz in Schlossplatz umbenannt. Oldenburg will 130 historische Straßennamen auf Untragbarkeit überprüfen, Freiburg gleich all seine 1.300 Straßenschilder.

Straßennamen mit ideologischer Absicht

Um Hindenburg geht es auch in Mönchengladbach, Garmisch-​Partenkirchen, Bonn, Landau, Neukirchen-​Vluyn und Voerde. In Essen wollen Bürger die Namen der Generäle Hans von Seeckt und Karl von Einem nicht länger auf Straßenschildern lesen. Einen Bürgerentscheid gibt es Anfang Februar. Bereits vor drei Jahren ließ Berlin den „Kolonialpionier“ und Forschungsreisenden Otto Friedrich von der Gröben aus der Erinnerung tilgen und ehrte stattdessen die Pionierin der „Kritischen Weißseinsforschung“, May Ayim, mit einem nach ihr benannten Spreeufer.

Es erscheint irrsinnig: Zusatzschilder sind oft doppelt so lang wie das eigentliche Schild. Umwidmungen (Name bleibt, es soll künftig aber einer anderer gemeint sein), Doppelwidmungen (Name bleibt, aber zusätzlich soll noch ein anderer gemeint sein), Umbenennungen (Name bleibt nicht), Gedenktafeln, schilderstürmerischer Vandalismus und Schilderraub, Überklebungen sowie „kreative Projekte“ lassen die Straßenschilder nicht mehr einfach so stehen. Kommissionen, Gremien, Stadträte, Bürger– und Anwohnerinitiativen und Künstler zerbrechen sich den Kopf über die richtige Wegweisung, Satiriker machen sich darüber lustig, Internetuser schalten sich ein, Professoren erklären, Straßennamen seien von höchster Bedeutung.

Bürger und Verwaltungen hinterfragen

Da ist der kritische, mündige und informierte Bürger aktiv geworden, der sich nicht mehr mit von Geschichte und Stadtverwaltungen gelieferten Straßennamen zufrieden geben will. Das Internet macht es so leicht wie nie, Namensgeber von Straßen zu identifizieren und sich zu empören über Mörder, Verbrecher, Homosexuellenhasser, Wegbereiter des Faschismus, allzu moskowitische Sozialisten und Kolonialisten, die da möglicherweise geehrt werden.

Stadtverwaltungen legen wie politische Säuberer Kataloge von Personengruppen fest, die auf Straßenschildern nichts verloren hätten. Die Zeitgenossen scheinen sich mit Opfern statt Helden auf Straßenschildern besser identifizieren zu können, oder möchten eine Frauenquote erfüllt sehen. Der Krieg hat als anstößiger und fehlleitender Inhalt sowieso ausgedient, sodass neben Personen auch Schauplätze von Schlachten, also Orte, von Straßenschildern verschwinden.

Historiker sind als Experten gefragt, die in ihrem Fach auch einmal etwas erreichen wollen. Da seit dem Zeitalter des Absolutismus die räumliche Orientierung durch Straßenschilder mit politischer Orientierung verbunden ist, bietet der Schilderwald eine Fülle moralisch oder politisch aus heutiger Sicht missliebiger Menschen an, die dort verewigt sind.

Eine einfache Profilierung

Hinzu kommen Kommunalpolitiker, die sich in Zeiten knapper Stadtsäckel politisch profilieren wollen. Angefeuert werden Sie dabei von den Medien. Straßenumbenennungen gelten als günstig, und sonstige auftretende Kosten können auf die Anlieger abgewälzt werden. Alle wollen sie ihre Wirkungsmacht erproben.

Selbst Strafanzeigen, Klagen oder wechselseitige Morddrohungen hat es gegeben. Verschiedene politische Gruppierungen geraten aneinander, aber auch verschiedene Geschmäcker. Aktionisten und als moralische Lehrmeister, Richter und Besserwisser auftretende Eiferer geraten mit Besonnenen und Indifferenten aneinander, die Relikten aus anderen Systemen der Vergangenheit keine besondere Bedeutung zumessen oder sie historisch interessant finden. Ältere wollen die vertrauten Schilder oft bewahren, während die mittlere Generation, die die Hebel in der Hand hält, die Gesellschaft mit Umbenennungen auf irgendeine Weise gestalten will.

Bei genauerem Hinsehen sind jedoch eine in die Vergangenheit gewendete Demokratieverteidigung in alle Richtungen und europaweit rückwirkende Political Correctness und verschiedene linke Ideologien und Bestrebungen (Antifaschismus, Antinationalismus, Antikolonialismus, Antimilitarismus) als hauptsächliche Triebfedern der Umbenennungen erkennbar. So wird bei den Auseinandersetzungen um die Hans-​von-​Seeckt– und Karl-​von-​Einem-​Straße in Essen auch mit dem NSU-​Terrorismus argumentiert.

Die Enthistorisierung

Politische Gruppierungen auch junger Menschen, von Antifa bis Junge Union, sehen Straßennamen als bedeutungsvoll und als Mittel der politischen Auseinandersetzung an. Diese benennen Straßen eigenmächtig und provisorisch in Nacht– und Nebelaktionen nach Opfern vermeintlich oder tatsächlich rassistischer Gewalt um, jene wollen den historischen Erinnerungsbestand, so, wie er sich in der Geschichte ergeben hat, erhalten. Wiederum andere wollen in der ehemaligen DDR manchen Kommunisten von den Schildern holen.

Dahinter steht die „denunziatorische Beschäftigung mit Geschichte“, wie sie Bernhard Schlink als Kennzeichen unserer Gegenwart erkannt hat. Die Fähigkeit, sich in die historische Vergangenheit einzudenken, die Bereitschaft, historisch zu relativieren, geht zurück. Das Verständnis der Generationen für ihre Vorgängergenerationen nimmt ab, so der Historiker Eric Hobsbawm, denn der gesellschaftliche Wandel beschleunige sich immer weiter.

Es spiegeln sich in den Umbenennungen also auch gesellschaftliche Umbrüche und Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur wieder. Straßenumbenennungen sind in einem Straßennamensystem Teil des Alltags. Erfahren aber nur bei Systemwechseln und (Kultur-)Revolutionen konzentriertes Interesse.

Quasi-​totalitäre Volkserzieher

Alles, was übertrieben wird, muss Kritiker auf den Plan rufen: Die, die meinen, man müsse die Gesellschaft mit Straßennamen sozialpädagogisch beeinflussen, durchgängig plakativ auf das politische System der Gegenwart einschwören und dabei problematische Dokumente der Geschichte, insbesondere vordemokratischer Systeme, vollständig verschwinden lassen, hat Welt–Journalist Alan Posener als totalitär kritisiert.

Liegt der Ausweg tatsächlich darin, Straßen möglichst neutral, nur noch sachbezogen, geschichtslos und apersonal zu benennen? Rationale Systeme aus Zahlen und Buchstabenkombinationen, die ganze Städte überziehen, sind eingriffsfester. Doch hat sich der Code aus Name und Hausnummer als sehr praktikabel erwiesen. Die eigentliche Lösung liegt nur in der Entideologisierung der Geschichte.

Burkhard von Grafenstein betreibt auf seinem Blog „Belichtungen, Suchen und Reflexionen“ zu aktuellen politischen, historischen und auch kulturellen Themen.

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