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Olle Kamellen, international

Donnerstag, 13 Dezember 2012 09:15 von Johann R. Constantin

BN vor Ort: Auf dem linken Kongreß „Kapitalismus vs. Demokratie“ wurde Anfang des Monats auch über die Neuen Rechten diskutiert. Einer davon war dabei.

REFUGEES WELCOME“ prangt auf dem Jutebeutel des Mittzwanzigers, der ein paar Reihen vor mir sitzt. Überdurchschnittlich viele Zuhörer eines schmucklosen Seminarraumes an der Kölner Uni haben rotgefärbte Haare und tragen allerlei Körperschmuck. Hier weiß man gleich, woran man ist. Der SDS, der Studierendenverband der Linkspartei hat zum Kongreß geladen. Eine gute Möglichkeit, um sich über „Neue Rechte“ aus Sicht der Linken zu informieren. Daß die Veranstaltungen gerade mit Sätzen à la „Vorsicht: Nazis erkennt man nicht mehr zwangsläufig an Springerstiefeln und Glatze!“ beginnen, muß zumindest jedem „Artfremden“ unter den Beobachtern eine gewisse Ironie aufdrängen.

Verständigungsbarrieren innerhalb der Internationalen

Bevor jedoch der eigentliche Vortrag über die Neue Rechte beginnen kann, muß natürlich abgestimmt werden, in welcher Sprache referiert werden soll: Englisch, Französisch oder Griechisch. Die Wahl wird zugunsten des Englischen getroffen, da war die Resonanz am apathischsten. Eine Handvoll Zuhörer steht auf und verläßt den Saal. Der internationale Part in „Internationaler Sozialismus“ ist zwar schön und gut, aber was nützt es dem Revoluzzer, wenn er die Durchhalteparolen nicht versteht?

Ungefähr fünfzehn Minuten nach Veranstaltungsbeginn fängt der Referent Haris Triandafilidou mit seinem Vortrag an und holt inhaltlich gleich etwas weiter aus; das Thema ist heute – und täglich grüßt das Murmeltier – der Zweite Weltkrieg. Die Quintessenz lautet wie folgt: Die guten Kommunisten seien letztlich und hauptsächlich der einzige Widerstand, das einzige Bollwerk gegen den bösen Faschismus. Es ist bezeichnend, wie er ausschließlich die griechischen Kommunisten lobt, aber kein Wort über den Widerstand der Nationalen Republikanischen Griechischen Liga verliert.

Griechenland, Europa und die Goldene Morgenröte

Nach dieser einseitigen Lektion in Geschichte warnt er davor, daß die europäischen Völker nun nicht mehr die USA als Feind ansähen, sondern – bedingt durch die Weltwirtschaftskrise – im eigenen Kontinent ihren neuen Feind gefunden hätten. Ich hätte eigentlich nicht erwartet, daß Begriffe wie „Europa“ und „Europäischen Union“ in dem Vokabular eines Linken offensichtlich Synonyme sind. Nicht einmal dahingehend kommt man mit dem Referenten zum Schulterschluß. Wenn er über die griechische Partei „Goldene Morgenröte“ spricht, die laut Umfragen derzeit 14 Prozent der Stimmen für sich verbuchen würde, ist von „consumerism, sexism, and brutal masculinity“ die Rede.

Inwiefern sich die Wähler der Goldenen Morgenröte hinsichtlich ihres Konsumismus von der restlichen Bevölkerung unterscheiden sollen, verliert Haris Triandafilidou kein Wort. Er hat es einfach ontologisch gesetzt. Den angesprochenen Sexismus und die „brutale Männlichkeit“ leitet er daraus ab, daß die Goldene Morgenröte zu einem großen Teil von jungen Männern gewählt worden ist – mehr scheint es dazu nicht zu brauchen.

Den propagierten Inhalten ist teilweise nicht ganz zu folgen, da der Referent seinen Zuhörern schlichtweg verheimlicht, wie er denn genau zu welchen Schlüssen kam. Nicht, daß seine Hörerschaft es ihm übel nehmen würde; als er dem Konsumismus, Sexismus und der brutalen Männlichkeit der Goldenen Morgenröte den Kampf ansagt, wird er mit lautem Applaus belohnt.

Über die Entdämonisierung des Front National

Ein paar Minuten später führt der Franzose Valentin Pele den Vortrag weiter. Es geht um den französischen Front National (FN) und dessen Bestreben, als „normale Partei“ angesehen zu werden. Deren parteipolitische Öffentlichkeitsarbeit und Werbekampagnen werden schnell als Populismus – oder gar als neurechte Propaganda – abgetan. Konsens ist jedenfalls, daß es irgendwo normal und legitim für eine Partei ist, auf Stimmenfang zu gehen – abgesehen vom FN.

Es dreht sich in diesem Vortrag fast ausschließlich um Banalitäten; so wird darüber diskutiert, ob es denn Geklüngel sei, daß Marine und Marion in die Fußstapfen von Jean-​Marie Le Pen getreten sind. Wie umgehen mit französischen Staatsbürgern afrikanischer Herkunft, die ihr Kreuz beim FN machen? Was macht der Front National unter Marine Le Pen anders, als unter ihrem Vater? War dieser Generationenwechsel eine Ablösung zwischen neuer und alter Rechten? Es scheitert schon daran, diesen schwammigen Begriff „Neue Rechte“ zu definieren.

Steht die CDU ernsthaft vor einem rechten Bündnis?

Laut ein, zwei Zuhörern, die sich generell rege an dem Vortrag beteiligen, ist schon die CDU irgendwo Neue Rechte. Plötzlich wundert mich auch gar nicht mehr, daß manche Menschen überall Nazis sehen. Auch hinsichtlich der Politik auf europäischer Ebene wirft der Referent einen Blick in die Glaskugel: „Es ist abzusehen, daß sich die Vereinigung der Rechtskonservativen und der Rechtsextremen in den nächsten Jahren vollziehen wird.“ Heißt das nun, daß die CDU gerade dabei ist, potentielle Koalitionspartner zu verbieten? Wenn man sich nun empören möchte, dann zu Recht: Es weiß doch jedes Kind, daß die CDU nicht rechtskonservativ ist.

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