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Verteidigung des liberalen Universalismus (I)

Freitag, 28 Juni 2013 08:11 von Robin Classen
Arnold Böcklin: DIe Freiheit (1891) Arnold Böcklin: DIe Freiheit (1891)

Die Identitäre Bewegung positioniert sich entschieden antiliberal und antiuniversalistisch. Damit liegt sie falsch, denn die Grundideale eines liberalen Universalismus sind ganz andere, als gemeinhin angenommen.

Der große Wirbel um die Identitäre Bewegung (IB) ist abgeflaut, die mediale Aufmerksamkeit verblasst, der Aktivismus lässt nach: Langsam aber sicher kommt der deutsche Ableger der IB nach ihrem fulminanten Auftritt im Fahrwasser ihres französischen Pendants offenbar zur Ruhe.

Die Identitären bleiben zäh

Doch allen Unkenrufen zum Trotz, hat sich das Projekt nicht wie so viele andere verlaufen und auseinanderdividiert, sondern besteht weiterhin und ist sogar derart vital, dass in politisch schwierigen Regionen wie dem Rhein-​Main-​Gebiet jüngst eine Projektwerkstatt eröffnet werden konnte, die den Identitären zumindest nahe steht (und direkt von einer Einheitsfront aus etablierten Parteien, Lokalpresse, Antifas und Islamgemeinde in die Mangel genommen wurde). Außerdem tritt die IB immer wieder mit kleinen Flashmobs und Flugblatt-​Verteilungen löblich in Erscheinung.

Grund genug also, sich mit den Leitlinien, die diese stark intellektuell geprägte Bewegung mittlerweile auf dutzenden Blogs in Abhandlungen veröffentlicht, näher zu beschäftigen. War am Anfang die Verwunderung groß, warum es neben Pro-​Bewegung, Die Freiheit, PI-​Gruppen, German Defence League und anderen noch eine weitere Gruppierung braucht, so erkennt man bei einer näheren Beschäftigung schnell, dass sich die IB wesentlich stärker an Alain de Benoist und seiner Idee der nouvelle droite, sowie den Theoretikern der Konservativen Revolution orientiert, als das bei den anderen freiheitlichen Gruppen der Fall ist, die oftmals auch neo-​konservative und liberale Einschläge haben.

Liberalismus als alleszerstörendes Grundübel

Kern der Ideologie der IB ist eine Ablehnung des Liberalismus und des Universalismus, auf welcher sämtliche anderen Forderungen und Positionen fußen. Damit sitzt die Bewegung in einem Boot mit einem guten Teil der intellektuellen Elite der alten und neuen Rechten, die seit jeher das Augenmerk auf den angeblich alles zerstörenden Liberalismus als Grundübel richtet und im Marxismus eher ein bekämpfbares Übel minderer Schwere sieht, das den Liberalismus benötige, um überhaupt existieren zu können.

Die anderen genannten, modernen freiheitlichen Bewegungen hingegen benennen als Hauptübel zum einen den Islam, zum anderen den Marxismus. Sie sind wesentlich weniger an politischen Theorien und die rechten Denkschulen der Vergangenheit und Gegenwart angelehnt und somit wesentlich anti-​ideologischer als die Identitären. Doch sind Universalismus und Liberalismus wirklich die Grundübel unserer Zivilisation und somit das eigentliche Problem? Die Wurzel des kranken Baumes?

Universalismus ist für die Identitären jedenfalls die intellektuelle Brutstätte der One-​World-​Globalisten, die Keimzelle des globalkapitalistischen Imperialismus und intellektuelles Handbuch für die Vernichtung der Identitäten der Völker. Der Universalismus forme eine „ideale Identität“, der sich alle Menschen unterzuordnen und anzugleichen hätten, so der Vorwurf. Der Universalist wolle seine Identität anderen überstülpen und das sei „rassistisch“, so die Gruppierung „Identitäre gegen Rassismus“ in einem Artikel zum Thema „Critical Universalism“.

One-​World-​Globalismus

Vernichtung des Menschen, Imperialismus, Völkermord, Einheitsmensch – die Liste an negativem Vokabular für den Universalismus findet kaum ein Ende. Schließlich seien die drei großen politischen Ideologien des 20. Jahrhunderts, Nationalsozialismus, Kommunismus und Liberalismus an sich ebenfalls in ihrer jeweils eigenen Form universalistisch.

Diese Einordnung einer philosophischen Theorie, der große Denker wie Platon, Aristoteles und Hegel zumindest teilweise anhingen, klingt nicht nur platt und einseitig – sie ist es auch. Der Universalismus ist in Wahrheit eine Denkschule, die versucht, in der Vielfalt das Gemeinsame zu finden und zu betonen. Sie versucht – ähnlich dem Naturalismus – gewisse Grundformen und –strukturen im Leben zu erfassen, die für alle Sphären des Daseins gelten. Universalismus ist keine Erfindung der USA des 19. oder 20. Jahrhunderts, sondern ein zu nahezu allen Zeiten und in allen Weltanschauungen wenigstens ansatzweise vorhandenes Element, das unterschiedlichen Umfang und unterschiedliche Form annehmen kann.

Umso bequemer ist es daher, diesen Grundbestandteil philosophischen und politischen Denkens zum Grundübel und Bestandteil der drei großen genannten Ideologien zu erklären. Zumindest letzteres stimmt: Alle drei Systeme postulieren bestimmte Grundprinzipien, die sie als natürlich gegeben und allgemeingültig anerkennen.

Nationalsozialismus, Kommunismus und Liberalismus

Gerade bei Kommunismus und Nationalsozialismus sind diese Prinzipien mehr als nur ein Bodensatz, sondern große Bestandteile der jeweiligen Lehren und damit eine wesentliche Bedrohung für Andersdenkende und Anderslebende. Daran ist aber nicht der Universalismus schuld, sondern eher der Umstand, dass die postulierten, angeblich universell gültigen Theoreme sich historisch als untauglich erwiesen haben und damit abzulehnen sind.

Damit haben sich diese beiden Systeme weit vom Grundgedanken des Universalismus entfernt: Der philosophische Universalismus lebt doch gerade nicht von starren, fertigen und bis ins Detail ausgearbeiteten Ideologien, sondern vom gemeinsamen Kieselstein im Fundament des Hauses der Menschheit! Vom Kleinen, das das Große zusammenhält.

Wesentlich näher kommt daher dem Universalismus – tatsächlich – der Liberalismus. Dessen point commun, dessen universalistisches Element ist im Prinzip die allgemeine (heißt: universelle) Erklärung der Menschenrechte, deren Geschichte 600 vor Chr. auf einem Pergament des altpersischen Kyros-​Zylinders begann, eine Renaissance in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung fand – die man nur als herausragendes Beispiel für Liberalismus und Universalismus bezeichnen kann – und schließlich 1948 in die gleichnamige UN-​Erklärung mündete.

Der wahre Universalismus!

Dafür, dass in den Menschenrechten tatsächlich der wahre Universalismus, also das, wonach der Universalismus allzeit strebte, gefunden wurde, spricht in der Tat vieles. Nicht nur die Historie der Menschenrechte, die sich durch alle Nationen, viele Religionen und Kulturen hindurch zog. Sondern auch der Grundgedanke der Hochschätzung des Denkenden, des Intelligenten und des eigenen Ebenbildes, des menschlichen Bruders, haben bis heute immer wieder Millionen von Menschen zu diesen simplen Grundwerten hingeführt. Menschenrechte sind somit das theoretische Ziel, auf das der Universalismus ausgerichtet ist und welches in der Anschauung des Liberalismus verwirklicht wird.

Anm. der Red.: Im zweiten Teil seiner Verteidigung greift unser Autor Robin Classen konkret die identitäre Grundsatzdebatte um Liberalismus und Universalismus am Beispiel liberaler Islamkritik auf. Identitäre und alle die, die das anders sehen, sind gerne zu Gegenartikeln für eine kontroverse Debatte aufgerufen! Schickt eure Antworten an Diese E-​Mail-​Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! .

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