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Der liberale Euro-​Islam als einzig realistische Option

Montag, 28 Juli 2008 04:00 von Carlo Clemens

Das Ziel der europäischen Eliten kann es nur sein in Bildung, Forschung, Medien, Kultur und Politik, den gemäßigten und aufgeklärten Islam in jeglichen Belangen zu fördern. Das klingt komisch, doch ihn zu fördern, würde auch bedeuten, allen anti-​reformerischen islamisch-​orthodoxen Strömungen entgegenzutreten. Konkret würde das heißen, dass keine islamischen Parallelgesellschaften mehr zu dulden sind, dass man keine Toleranz vor der Rückständigkeit haben sollte, auch wenn man damit vermeintliche „religiöse Gefühle“, wie bei den dänischen Mohammed-​Karikaturen, verletzen könnte.

Man sollte nicht mehr wegschauen bei Mädchen und Frauen, die das Kopftuch tragen. Es ist unbestreitbar, dass die Mehrheit es freiwillig und aus Überzeugung trägt – aber dennoch ist es in jedem Fall ein Affront gegen all das, wofür westliche Gesellschaften stehen, für alle freiheitlichen Errungenschaften und es ist auch ein Zeichen zur Abgrenzung: Wir die gläubigen Muslime, ihr die verdorbenen Ungläubigen!

Die Macht des Faktischen

Wenn der Westen für ein aufgeklärtes Koranverständnis eintritt, muß er das auch glaubhaft und offensiv zeigen. Die Institutionalisierung des liberalen Euro-​Islams ist die einzige positive Option, die bleibt. Die Alternative wäre, alles so zu belassen, wie es ist, sich weiter über vermeintlich dringende Themen wie CO2-​Reduzierung oder Pendlerpauschale im Kreis zu drehen und über emotionale und unangenehme Themen wie Islam und Integration nichts weiter als nur versöhnliche Phrasen zu verlieren. Angesichts der demografischen Bevölkerungsentwicklung würde sich Europa zu einem „Eurabien“ entwickeln, welches sich von den heutigen rückständigen arabischen Gesellschaften kaum unterscheiden würde – außer der akuten Bürgerkriegsgefahr mit den europäischen, nicht-​muslimischen „Ureinwohnern“. In Offenbach kommt es einem vor, als würden auf jede deutsche Rentnerin vier türkische Mamas mit je einem Kinderwagen kommen. Diesen Umstand kann man nicht unbetrachtet beiseite schieben. Der Islam hat in Europa eine Macht des Faktischen.

Statt einem feindlich gesinnten Anti-​Islamkampf, der ausschließlich zur Verhärtung und isolierenden Bestätigung der Fronten führt, kann es nur lauten, aktiv etwas Positives zu verfolgen und zu fördern. Statt der Islamkritik also die Islamreform. Statt sich auf das Schimpfen über Unterdrückung und Ehrenmorde zu konzentrieren, sollte man aktiv das moderne Weltbild des Islams unterstützen. Anders als es die Politiker, die Islamverbände oder die Kirchen machen, soll jetzt hier nicht auch noch betont werden, dass die absolute Mehrheit der Muslime friedlich lebt, …

Das ist doch wohl das mindeste. Bloß kein Kuschelkurs! Fakt ist, dass die Mehrheit der Muslime dem orthodoxen Glaubensverständnis angehört, nicht dem aufgeklärten. Also sind die rückständigen Muslime keine Einzelfälle, wie es die Politiker von CDU bis Linke gebetsmühlenartig herunterleiern, sondern die Regel. Es besteht also dringlichster Handlungsbedarf, gemessen auch daran, dass die islamische Jugend zu radikalisieren droht, und zunehmend fehlende Identität im strengen, alles regulierenden Islam sucht. Gibt es keine aufgeklärten Zugeständnisse, soll es auch keinen weiteren Bau von Moscheen geben, denn jede Moschee, jede Kuppel und jedes Minarett, das sich in der Tradition des alten Islams versteht, ist ein deftiger Schlag gegen das Werteverständnis Europas.

Mutige Muslime im Kampf für die Selbstbefreiung

Es gibt sie, die reformerischen Menschen und Strukturen, die für einen zeitgemäßen Islam kämpfen. Sind die oft als fortschrittlich und säkular bezeichneten alevitischen Islamgemeinden zu sehr auf türkisch-​kurdische Regionalität bezogen, gibt es in der Türkei die „Ankaraner Schule“, die diesbezüglich die Vorreiterrolle übernommen hat, und versucht, die Frage zu klären, „wie der Grundtext des Islam, der Koran, Lebensrundlage für eine moderne Gesellschaft und einen modernen Menschen sein kann“ („Lebendiges Zeugnis – Islam: Aufbrüche, Begegnungen und Wandel, Heft Mai 2008). Es sind Gelehrte wie Mehmet Pacaci, Ömer Özsoy oder Mustafa Öztürk (der mit seinem Aufsatz „Der Koran als geschichtliche Rede“ elementare Inspiration für diesen Artikel war), die mit teils gewaltigen Repressionen von Seiten zurückgebliebener mittelalterlicher Islam-​Fundamentalisten zu kämpfen haben.

Wird dies in der weitestgehend laizistischen Türkei noch in Form von unzähligen Gegen-​Aufsätzen und publizistischen Schmähungen ausgetragen, wurde der Islamreformer Abu Seid, „der Ketzer von Kairo“, in seiner ägyptischen Heimat zwangsgeschieden und musste 1996 ins niederländische Exil flüchten. Der Bonner Arabist Stefan Wild sieht in ihm eine „historische Figur, von der wir noch in 100 Jahren sprechen werden“, die „Neue Zürcher Zeitung“ betitelt ihn als „Speerspitze eines liberalen Islam.“ Ein anderer Dissident aus Ägypten, der Schriftsteller Farag Foda, musste allerdings ganz mit seinem Leben bezahlen: Er wurde auf offener Straße erschossen, weil er ultrakonservativen Islampredigern „Volksverdummung“ vorwarf. Sie alle, Rushdie, Hirsi Ali, Abu Seid, schweben in täglicher Lebensgefahr.

Die Ankaraner Schule, die „Keimzelle aller religiösen Denkanstöße“ („Der Spiegel“, 522007) hat mittlerweile auch einen deutschen Lehrstuhl an der Fakultät Evangelische Theologie der Goethe-​Universität in Frankfurt. Özsoy stellt selbstkritisch fest: „Wir Muslime sind zurückgeblieben.“

Ein wirklicher Dialog war bisher nie möglich

Ein „Dialog auf Augenhöhe“, zwischen den Religionen, aber vor allem auch zwischen den weltlichen Staaten und den Vertretern des alten Islams, wie sie ihn alle fordern, kann erst dann stattfinden, wenn man auch wirklich auf dem gleichen Level ist. Also ein Dialog zwischen aufgeklärten Kräften und einem realitätsverweigernden, sich überlegen fühlenden Gesprächspartner führt entweder zu gar nichts oder zu einseitigen Eingeständnissen zu Gunsten der Naiven. Wir haben also keinen Dialog, sondern eher einen „DiaLÜG“, Augenwischerei statt Auenhöhe. Einzig mit aufgeklärten europäischen Reformkräften lässt sich über eine verantwortungsbewusste Zukunft dieses Kontinents verhandeln. Abu Seid brachte dieses reformistische Verständnis so auf den Punkt: „An Grundsätzen zu zweifeln, ist keine Sünde. Wer zweifelt, gebraucht seinen Verstand. Und Gott will, dass wir unseren Verstand benutzen.“

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