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In den 1960er-Jahren thematisierten Künstler die Massenmedien vielfach als Manipulateure der Konsumenten und machten Fernsehen, Rundfunk und Presse selbst zum Bestandteil ihrer Kunst. Viele Werke dieser Pop Art haben bis heute in den Medien wie in der Kulturkritik ihren festen Platz. Mit dieser Epoche entstand ein neuer Kunstansatz. Konzeptionell und nüchtern geplant, thematisierte er nicht länger die persönlichen Befindlichkeiten eines Individuums, sondern die Entzauberung öffentlich geformter Alltagsmythen. Das Kuriose: Damit schuf Pop Art selbst neue Mythen.
Die Massenmedien als Voraussetzung für Pop Art
Bis ins 19. Jahrhundert waren qualitativ hochwertige Portraitbilder ausschließlich kirchlichen und aristokratischen Kreisen vorbehalten. Erst mit der Einfindung der Fotographie änderte sich dies. Auf Jahrmärkten und in Fotoateliers konnten sich nun einfache Menschen ablichten lassen und taten dies am Anfang hauptsächlich in Herrscherposen. Lächeln war beispielsweise bis Anfang des 20. Jahrhunderts auf Fotos verpönt. Der Bürger hatte anfangs das Gefühl, auf Bildern staatsmännisch wirken zu müssen.
Trotz dieser Nachahmung alter Gesten und Posen wandelte sich im 20. Jahrhundert die Wahrnehmung der Welt durch Fotographie und Massenmedien schlagartig. In den luftleeren Raum zwischen Hoch- und Alltagskultur trat nun ein Mittler, der einen bisher unbekannten Großanschlag auf das Unterbewußtsein der Menschen verübte. Auf der Grundlage des stetig steigenden Lebensstandards der westlichen Länder nach dem Zweiten Weltkrieg drängte der Konsum immer weiter ins Privatleben.
Damit waren die von einigen Intellektuellen geäußerten Hoffnungen, daß mit den neuen Medien ein Quantensprung in der Kommunikationsfähigkeit vollzogen werden könne, passé. Statt der Kommunikation siegte die Distribution. An die Stelle alter Herrscherbilder traten nun Werbeidole. Erstmals entstanden psychologisch ausgetüftelte Werbeideen, die bestimmte Käuferschichten unterbewußt ansprechen sollten. Aufgrund des medialen Einflusses begann sich die Gesellschaft in Zielgruppen zu teilen. Das Sinnvakuum der Nachkriegszeit wich so sehr schnell Fragen nach Mode und Lifestyle.
Bald aber wurde zwischen dem Wunsch nach immer Neuem und dem damit angeblich verbundenen „realen Glück“ ein tiefer Spalt sichtbar. Viele Künstler spürten diese Schieflange und begannen die Spannungsfelder zwischen der Austauschbarkeit der Werbeidole und den Fragen nach Authentizität zu thematisieren. So rückten die Massenmedien selbst in den Fokus der Kunst.
Suppendosen, Kloschüsseln und Cola-Flaschen
Das, was sich später Pop Art nannte, entstand in den späten 50er-Jahren parallel in Großstädten der USA und Englands. Künstler unterschiedlichster Herkunft, Bildhauer, Maler, Gebrauchsgraphiker oder Werbezeichner verbildlichten den immer krasser werdenden Widerspruch zwischen öffentlichem Massenkonsum und Privatleben. Besonders die Sezierung der medial geformten und sich sozial schnell verselbständigenden Lifestyles verlieh dieser Kunst einen ausgedehnten Wirklichkeitsbezug.
Der wachsende Wohlstand und das steigende Bildungsniveau der Mittelschicht erhöhten den Bedarf an Kultur und anspruchsvollerer Unterhaltung. Rundfunk, Fernsehen und Druckmedien (Comics, Magazine) befriedigten diesen Bedarf flächendeckend. Damit veränderten sich auch die gültigen Sehgewohnheiten. Informationen mußten schneller abrufbar und sofort verstehbar sein. Es bedurfte klarer Codes, die alle erreichten, ohne dabei allzusehr zu vereinfachen. Die große Gefahr des Massenzeitalters ist es, daß eine Zerstreuung der Aufmerksamkeit einsetzt. Somit muß etwa jede Werbeanzeige nach zwei Sekunden wirken, damit der sich durch eine Zeitschrift blätternde Konsument angesprochen wird.
Die Medien mit ihren eigenen Waffen schlagen
Auf der Grundlage eines Bewußtseins für die Knappheit der Aufmerksamkeit haben sich in der Pop Art zwei Strömungen herauskristallisiert: Man könnte sie aufgrund ihrer technischen und inhaltlichen Herangehensweise „klassische“ und „pragmatische Strömung“ nennen. Beiden gemeinsam ist der Wunsch, den Massen einen Spiegel vorzuhalten und dabei die Werbestrategien mit Ironie und Intelligenz als zersetzende und lebensfremde Übertreibungen zu entlarven. Gemeinsam ist ferner ihr eindeutiges Bekenntnis zum Realismus.
Die „klassische Strömung“ setzte diesen Ansatz mit herkömmlichen Techniken der bildenden Kunst um. Das Kunstwerk an sich blieb in der Regel Unikat und stark mit der Biographie und den Befindlichkeiten des Künstlers verbunden. Der hohe Grad an künstlerischer Verwirklichung sowie der Anspruch auf Einzigartigkeit blieben gleichwertig gegenüber der deutlichen Gesellschaftskritik. Zu ihnen zählten die Maler David Hockney, Peter Blake, Richard Hamilton und James Rosenquist, die Bildhauer Marisol und George Segal, sowie Robert Rauschenberg, Tom Wesselmann und Claes Oldenburg, die sich zumeist zwischen den Genres betätigten.
Die „pragmatische Strömung“ brachte hingegen eine wirklich neue Generation von Künstlern hervor. Sie forderten nicht nur, daß die Persönlichkeit des Künstlers deutlich hinter der „künstlerischen Sendung“ zurücktreten solle, sondern auch eine möglichst einfache Reproduzierbarkeit ihrer Werke und Botschaften. Diese Kunst stellte entpersonalisierte Bildträger mit medienkritischen Inhalten dar, bediente sich aber trotzdem bei den Kommunikationsstrategien der Medien. Zu ihnen gehörten Roy Lichtenstein, Robert Indiana, Jasper Johns und Andy Warhol.
Ikonen entzaubern und dabei selbst zur Ikone werden: Andy Warhol
Der Pop Art-Künstler mit dem wohl größten massenmedialen Erfolg war dabei Andy Warhol. Besonders interessierte ihn die Wirkung von Ikonen, die für ihn nicht nur Menschen waren. Nach seiner Definition war eine Ikone etwas, mit dem man sich zum Empfinden eines Lebensgefühls identifizieren konnte oder sogar mußte. Neben seinen zahlreichen Arbeiten zu Elvis Presley, Marilyn Monroe, Liz Taylor, Jackie Kennedy und später Mao setzte er ebenso Cola-Flaschen, Seife, Konservendosen und Dollar-Scheine in Szene. Immer beschäftigte ihn dabei die Wirkung von sinnstiftenden Mythen, die den amerikanischen Traum symbolisieren sollten.
Während Warhol als Werbezeichner und Gebrauchsgraphiker begann und nachfolgend viele Gemälde in eher klassischer Technik schuf, liegt der Schlüssel zu seinem späteren Erfolg in der maschinellen Reproduktion. Dazu rief er zum Beispiel eine konzeptionelle Art Factory ins Leben. Mithilfe der Siebdrucktechnik vervielfältigte er fotographische Bildvorlagen, die er farbig unterlegte oder in Reihen ordnete. Den Höhepunkt seines Schaffens bildet dabei die Überdruckung eines Elvis-Portraits mit einer seiner typischen Cambpell’s-Suppendose. Dieses Werk symbolisiert nicht nur die radikale Auflösung gewohnter Kunst-Sujets wie Stilleben oder Portrait. Warhol hinterfragt damit auch die sich über Jahrhunderte eingeschlichenen Sehgewohnheiten der Kunst und gibt die visuelle Wahrnehmung dem einfachen Menschen zurück, der plötzlich von Wahrhol ein Bild geliefert bekommt, welches er aus dem Supermarkt kennt.
In der Postmoderne finden Kunst, Wissenschaft, Lebensstil und Alltag zusammen
Pop Art stellte den herkömmlichen Kunstbegriff in Frage. Wie in der Dada-Bewegung der Zwischenkriegsjahre war es nun wieder möglich, alles zu Kunst zu machen. Marcel Duchamp signierte Toilettenschüsseln und Flaschentrockner und stilisierte diese ohne eigentliche Bearbeitung zu Kunstobjekten. Ähnliches war nun auch bei der Pop Art der Fall. Ein reproduziertes Zeitungsfoto oder ein abgemalter Comic, eine Kiste für Suppendosen oder ein Werbeschild, wurden zu Kunst. Die Pop Art vermochte es, die Kunst zu trivialisieren und den von so vielen Künstlern vor ihr erhofften Schritt, zur Vereinbarkeit von Kunst und Leben, weiter voran zu treiben.
Ihr Hauptanliegen war die Entzauberung der „Mythen des Alltages“. Pop Art bewies, daß man die Massenmedien mit Verstand und einem klaren Willen zur Veränderung, für neue Ansätze nutzbar machen kann. Trotz aller Vereinfachungen blieb ihr intellektuelles Niveau zu hoch, um wirklich alle Schichten zu erreichen. Selbst die Pop Art-These, nach der jeder Mensch ein Künstler sei, blieb ein theoretisches Modell ohne Entsprechung in der Wirklichkeit.
Kunst kann die Beschaffenheit des menschlichen Unterbewußtseins nicht überlisten
Außerdem bleibt eine innere Ironie: Während die Pop Art-Künstler zu ihrer Zeit einen externen und kritischen Zugang zu den Medien finden wollten, sind viele ihrer Kunstwerke heute selbst Bestandteil der Kultur- und Werbeindustrie. Die angestrebte Entmythisierung führte paradoxerweise zu neuen Mythen. Der postmoderne Ansatz der Pop Art, die Genregrenzen klassischer Kunstkategorien radikal aufzuweichen, Zitatrecycling als eigene Sprache zu etablieren und damit einen breiten Zugang zu den Massen zu forcieren, macht sie bis heute zu einer hochaktuellen Form der Wirklichkeitsdurchdringung.
Und trotzdem blieb eins über die Jahrhunderte konstant: Um jedes neue verehrte Bild weben sich neue Mythen herum – ganz egal welche Strategien zur Überwindung dieses Gesetzes angewandt wurden. Es wird Zeit, dies als eine Grundkonstante des menschlichen Unterbewußtseins anzuerkennen.
Erstes Bild: Jasper Johns: „Flag above White with Collage“, 1955 Zweites Bild: James Rosenquist: Untitled (Joan Crawford says...), 1964 Drittes Bild: Roy Lichtenstein: Self-Portrait, 1978 Viertes Bild: Andy Warhol: Marilyn-Dyptichon, 1962 |