Startseite Gesichtet Doppelschau in Leipzig und München: Neo Rauch fasziniert mit unspektakulären, aber mystischen Metaphern
Doppelschau in Leipzig und München: Neo Rauch fasziniert mit unspektakulären, aber mystischen Metaphern PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Benjamin Jahn Zschocke   
Donnerstag, den 06. Mai 2010 um 07:44 Uhr

Neo RauchDer Leipziger Maler Neo Rauch ist vor wenigen Tagen 50 geworden. Eine umfassende Doppelschau in Leipzig und München zeigt aus diesem Anlaß bis zum 15. August 120 seiner Arbeiten und unterstreicht seinen Ruf als bedeutendster deutscher Maler der Gegenwart. Aus allen Himmelsrichtungen wurden dafür Leihgaben von privaten und institutionellen Sammlern zusammengetragen. So viel Neo Rauch auf einmal gab es bislang noch nicht zu sehen.

Pop Art par excellence

Man glaubt zu träumen: Es ist Sonntagnachmittag und das Untergeschoß des Museums der Bildenden Künste in Leipzig ist voll, als gäbe es etwas umsonst. Neben den typischen Kunstjunkies und den Hornbrillenbesserwissern ist das Publikum breit durchmischt. Vom Rentnerehepaar über die normale und eher kunstferne Großstadtfamilie bis hin zum jungen Studentenpärchen ist alles vertreten. Es ist immer wieder erstaunlich, daß sich mit der wohl konservativsten aller Künste, der Malerei, heute noch ein Blumentopf gewinnen läßt. Bereits wenige Wochen nach ihrer Eröffnung ist diese eine der erfolgreichsten Ausstellungen der letzten Jahre. Das ist Pop Art (David Hockney) par excellence.

Bei Rauchs Themen ist das nicht verwunderlich. Seine figurativen Allegorien ohne direkte „Message“ sind einzigartig. Sie begeistern Kenner wie Laien und sind in Technik und Einfallsreichtum kostbare Lehrstücke moderner Malerei. Rauchs Bilder faszinieren durch Stimmungen und mystische Metaphern, ohne jemals die Dalischwelle zu überschreiten. Das eigentlich Sensationelle an ihnen ist, daß sie im Medienzeitalter vollkommen ohne Sex and Crime auskommen. Kein Blut, keine nackte Haut, null Anstößigkeiten, keine Skandale – ein schöner Gegenentwurf.

Der Mehrwert der Ausstellung liegt im Unspektakulären

Durch die Vielzahl an figurativen Metaphern und deren komplizierte Über- und Ineinanderschichtung hat man nach kurzer Zeit das Gefühl, ein- und dasselbe Bild in unendlichen Variationen zu betrachten. Mit der Zeit wird das bei aller Meisterschaft langweilig. Deswegen liegt der Mehrwert der Schau nicht in der hohen Schlagzahl an bislang ungezeigten Meisterwerken, allesamt kaum kleiner als 3 x 4 Meter, sondern im eher Unspektakulären.

Einige Arbeiten aus der Mitte der 90er-Jahre verdeutlichen seine Entwicklung hin zum Figurativen und zeigen deutliche Einflüsse aus der Pop Art auf. Andere, besonders dezent verstreute, sehr kleine Bilder, sind wie stille Zwischentöne. Ruhig, in gedeckten Farben, einmal sogar ganz ohne Menschen.

Das einzige ungerahmte Bild zeigt ihn selbst. Es hängt allein an einer großen Wand, trotz seiner Winzigkeit. Es zeigt einen Neo Rauch mit E-Gitarre, irgendwie an Buddy Holly erinnernd, mit Wurstfingern und wie ein Konfirmand im übergroßen Jackett. Daß Kunst, trotz Millioneneinnahmen nur an den Reibungsflächen persönlicher Unwägbarkeiten entstehen kann, ist in diesem Bild deutlich sichtbar.

Kann Kunst politisch sein?

Neo Rauch ist ein Vorbild. Er hält sich persönlich zurück, läßt seine Bilder sprechen, macht sich rar. Trotz aller Offensichtlichkeit dringen seine Bildaussagen eher subkutan vor. Bemerkenswert an seinem Werk ist ferner die Verbindung der beiden Strömungen der ersten Leipziger Schule: Die figurativ bedeutungsschwangere und die farblich dominierte, leicht abstrahierende Strömung finden in seinem Werk zusammen. Seine Szenen sind surreal und real zugleich. Immer wieder steht die Frage im Raum, was wichtiger ist: Die Malerei als solche oder der Inhalt?

Und dennoch: Es ist erstaunlich, wie wenige Diskussionen die Bilder tatsächlich hervorrufen. Die Ausstellung ist gut gefüllt, doch viele konsumieren mehr, als daß sie reflektieren. Was bedeutet ein Bild namens „Vorort“ aus dem Jahr 2007, in dem Fahnen verbrannt werden und eine Fliegerbombe auf der Straße liegt? Wie politisch ist Rauch? Er wählt den klügsten aller Wege und betont das ausschließliche Übergewicht der Malerei. Der Bildgegenstand somit als Vorwand für die Freude am Malen. Nicht schlecht und dennoch irgendwie ungewohnt, irgendwie romantisch, irgendwie zeitfern – sympathisch in jeden Falle!

 

 
ANZEIGE

Verwandte Themen

Rundbrief







Aufgepasst!

Banner

Umfrage

Das größte Problem in Deutschland ist ...
 
Die dringlichste Aufgabe der deutschen Konservativen ist ...