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Klaus Winkelrott steht kurz vor der Prüfung zum Fleischermeister. Vier Monate hat er sich auf den Abschluss vorbereitet. Einen Großteil des über die Eltern und Nebenjobs verdienten Gelds hat er in Vorbereitungskurse investiert. Doch dann ging gar nichts mehr. Vor dem Prüfer bekommt er kein Wort mehr heraus und schweigt ihn an. Die Diagnose des Hausarztes lautet: mittelschwere Depression im fortgeschrittenen Stadium. „Depressionen zählen in der Tat zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt und können als Volkskrankheit betrachtet werden“ erklärt Prof. Detlef Dietrich, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, gegenüber BlaueNarzisse.de.
Nur zehn Prozent der Depressiven werden ausreichend behandelt Dietrich ist Koordinator des für den 16. Oktober 2010 geplanten „European Depression Day“ (EDD). Hinter der jährlichen, europaweit konzipierten Tagung steht die „European Depression Association“. Die Veranstalter wollen vor allem über die vielen Aspekte der Volkskrankheit aufklären und frühere Diagnosen ermöglichen. Bereits 2007 warnte Dietrich: „Die Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) geht davon aus, dass bis zum Jahr 2020 die Depression in den industrialisierten Ländern die weltweit führende Krankheitsursache neben den Herz-Gefäß-Erkrankungen sein wird.“ In Deutschland seien etwa vier Millionen Menschen erkrankt. Doch nur zehn Prozent werden ausreichend behandelt und nur etwa ein Drittel der Erkrankten gehe überhaupt zum Arzt. Auch Klaus wollte dort nicht hin. „Was soll ich dem erzählen? So richtig krank komme ich mir nicht vor. Meine Eltern haben mir empfohlen, einfach mal eine Woche auszuspannen.“ Das habe er dann auch getan. Besser sei es deswegen nicht geworden. Freudlosigkeit, Interesselosigkeit, Schlafstörungen, Verschwiegenheit und Angst zählen zu den klassischen Symptomen einer Depression. Oft schieben die Betroffenen körperliche Leiden vor und äußern sich nicht zu eigentlichen Symptomen. Hält der depressive Zustand länger als zwei Wochen an, hat sich die Krankheit vorerst durchgesetzt. Klaus hat sich erst Monate später zum Arzt getraut. Die Ursachen reichen von Stoffwechselerkrankungen bis hin zu Traumata Die Diagnose der Depression ist so alt wie die Medizin selbst. Hippokrates erklärte deren Symptome aus einem Überfluss von schwarzer, verbrannter Galle, die sich schließlich ins Blut ergieße. Der Melancholiker sei ein Ergebnis des Missverhältnisses vierer Körpersäfte, vermuteten die Hippokratiker in der circa 400 v. Christus entstandenen Schrift „Über die Natur des Menschen“. Heute vermuten Psychiater auch eine Störung des Stoffwechsels im Gehirn als Ursache. Oft liegt ein Mangel an chemischen Botenstoffen, wie etwa Serotonin und Noradrelin, vor. Unterstützend wirken hier antidepressive Medikamente, die den Spiegel an Botenstoffen wieder ausgleichen. Zumeist machen diese nicht abhängig. Die so genannten Monoaminooxidase-Hemmer (MAO-Hemmer) weisen jedoch starke Nebenwirkungen auf. Dietrich empfiehlt: „Meist sind Kombinationen unterschiedlicher Therapien wie medikamentöse plus Psychotherapie bei angemessen langer Durchführung am besten geeignet.“ Die Freunde von Klaus wunderten sich vor allem über seine Verschwiegenheit. „Die kannten mich so gar nicht. Ich war immer der aufgeweckte, humorvolle Typ.“ Kurz vor der Meisterprüfung zog er sich immer stärker zurück, aß wenig und schwieg in sich hinein. Oft nahmen Freunde nur noch sein eingeschlafenes Gesicht oder die gedrückte Stimme wahr. „Selbst Telefongespräche wurden unmöglich“, erinnert er sich. Radikaler Rückzug: Japans „Hikikomori“ In Japan äußern sich die depressiven Grundstimmungen in der Jugend auf besonders krasse Weise. Die „Hikikomori“ ziehen sich komplett aus ihrem sozialen Umfeld zurück und leben bei den Eltern als Einsiedler. Ihren Rückzug bezahlen sie mit dem Verlust von Freunden, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Manche verlassen die Wohnung, wenn es denn unbedingt notwendig ist – dann aber vorzugsweise nachts, damit sie von niemandem gesehen werden.
Laut Berichten der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) wird ihre Zahl auf eine Million geschätzt. Die Dunkelziffer dürfte jedoch aufgrund des vermiedenen Arztbesuches weitaus höher liegen. Hikikomori richten ihre Aggression gegen sich selbst und mitunter auch gegen ihre Eltern. Ihr Durchschnittsalter stieg in den letzten 10 Jahren von 20 auf 32. Die Betroffenen spielen während ihres Einsiedlerdaseins oft Computer oder surfen im Internet. „Ein wichtiger Aspekt ist meines Erachtens hierbei, dass der soziale Rückzug den heutigen Jugendlichen durch die Nutzung des Internets wesentlich erleichtert wird“, erklärt Dietrich. Das Internet als Fluchtraum Das Forum „Hikikulture.com“ will dem trotzdem über das Internet Abhilfe schaffen. Unter dem Motto „A forum for reclusive people and Hikikomori“ soll es den Isolierten ermöglichen, soziale Kontakte zu knüpfen. Die Administratoren und Moderatoren des Forums sind zumeist selbst betroffen. „Eine Zurückgezogene. Das ist es, was ich bin. Menschliche Existenzen sind offensichtlich soziale Existenzen. Was sagt es dann über uns aus, wenn wir keine anderen Leute in unserer Nähe haben wollen?“, fragt etwa die Nutzerin „Midnightlight“. Sie gehört zu den „VIP“. Den VIP-Status erhält man für besonders rege Teilnahme an den digitalen Diskussionen und Chats in Hikikulture.com. „Japans Kultur kennt den Weg des Rückzugs und der Einsamkeit als Protest“, erklärte die Psychologin Kayo Ikeda gegenüber der FAS. In Europa gibt es ähnliche Phänomene der sozialen Abschottung. In England werden die Hikikomori NEETs (Not currently engaged in Employment, Education or Training) genannt. Dietrich unterstreicht: „Auch in Deutschland findet man solche Phänomene, wobei hier meist eine soziale Phobie zu Grunde liegt.“ „Eine Depression kann primäre Ursache des sozialen Rückzugs sein“ Er sieht in den Hikikomori vor allem ein japanisches Phänomen: „Hier sind Leistungsdruck schon ab dem frühen Schulalter viel höher und die Bindung an die Mütter häufig sehr viel stärker als in den meisten europäischen Ländern.“ Falscher Erziehungsstil und eine zu starke Mutterbindung seien eine Ursache der Erkrankung. Auf Klaus trifft das nicht zu. Er erfüllt die Symptome einer klassischen Depression. Dietrich betont: „Eine Depression kann jedoch primäre Ursache des sozialen Rückzugs sein.“ Trotzdem haben beide Erkrankungen ähnliche und multikausale Wurzeln: Stress, beschleunigte Lebenskultur und unverhältnismäßigen Leistungsdruck. Hinzu kommen der Verlust einer geliebten Person, anhaltende Konflikte, Traumata oder eben ein genetisch bedingter Mangel an Botenstoffen. Ob gerade die Hikikomori als Form bewussten sozialen Protests zu verstehen sind, bleibt fraglich. Dietrich zweifelt daran: „Zunächst ist zu betonen, dass depressive Syndrome meist nicht als Protest zu verstehen sind, sondern andere, meist mehrere ursächliche Faktoren gleichzeitig aufweisen.“ Vielmehr entstehe durch die Depression ein Teufelskreis, der sich schließlich auch im sozialen Rückzug äußern könne. Mit 10,6 Prozent bildeten psychische Erkrankungen laut dem Gesundheitsreport 2009 der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) den vierthöchsten und zugleich sehr kostenintensiven Ausfallgrund am Arbeitsplatz. Einen Großteil dieser Erkrankungen machen Depressionen aus. Aber auch persönlich steht Klaus vor einem Scherbenhaufen. Denn die wenigsten Depressionen werden als Krankheit erkannt. Hinzu kommt das, was Klaus „Maskenspiel“ nennt: in der Öffentlichkeit sei es ihm lange gelungen, eine Maske „guter Stimmung“ aufrecht zu erhalten. Die Krankheit zerstört jedoch dieses Bemühen. Freunde und Kollegen deuten den Missmut dann oft persönlich. Daraus entwickelt sich freilich ein Teufelskreis, der schließlich wiederum den sozialen Rückzug fördert. Seelische Erkrankungen sind maßgeblich die Folgen einer überbeschleunigten Gesellschaft Dr. Hans-Peter Unger, der Chefarzt des Zentrum für seelische Gesundheit in der Asklepios-Klinik Harburg, sieht die Wurzeln der Depression in den modernen Arbeitsbedingungen: „Gerade in unserer hoch entwickelten Technologie- und Kommunikationsgesellschaft stellt die Depression fast so etwas wie den Arbeitsunfall der Postmoderne dar, während früher zum Beispiel in den Fabriken körperliche Verletzungen eine große Rolle spielten.“ Dies bedeutet nichts anderes, als dass seelische Erkrankungen auch zukünftig Folgen einer beschleunigten Gesellschaft sein werden. Da die „Technologie- und Kommunikationsgesellschaft“ weder eine Einbahnstraße noch umkehrbar ist, können allein kontemplative Inseln Gegenpole schaffen. Dies bedeutet zum einen die radikale Besinnung auf die eigene Identität, zum anderen die Loslösung aus den Mechanismen der Dienstleistungsgesellschaft. Biedermeierliche Existenz sollte das nicht sein, wohl aber die Besinnung auf das Private. Klaus zum Beispiel geht nun öfter in den elterlichen Garten. Die ersten Krokusse laden dazu ein. Er selbst kaufte den Setzling eines Apfelbäumchens im Baumarkt, gestern grub er ihn ein. Auch das bedeutet Nischenkunst. |