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Der Künstler im Triumph der Massen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Felix Menzel   
Freitag, den 02. Juli 2010 um 10:52 Uhr

Aufstand der MassenDie kulturellen Eliten in unserem Land bestehen nur aus Schwätzern. Zu ihnen gehören weichgespülte Intellektuelle wie Roger Willemsen, die sich für keine Kamera zu schade sind und trotzdem den intellektuellen Ton in Deutschland maßgeblich vorgeben. Zu den kulturellen Eliten gehören so kurzlebige Medien- und Konsumprodukte wie die pubertären Jungs von Tokyo Hotel. Diese Popkultur ähnelt dem Prinzip des Wahlkampfs, denn die Bedürfnisbefriedigung der Massen steht über allem. In einer Zeit, in der öffentliche Aufmerksamkeit quasi zu einer Währung geworden ist, wächst der Einfluß der Masse weiter. Wer etwas von dem knappen Gut Aufmerksamkeit abbekommen will, muß sich nach bestimmten Regeln richten. Eine der Regeln besagt: Widerspreche nie der Masse. Erfolg haben nur die Marktschreier.

Es ist komisch, daß wir immer noch zu Recht von einem Zeitalter der Massen sprechen können, da sich doch die Lebensstile der Menschen immer mehr ausdifferenzieren, Massenorganisationen zerfallen und auch keine großen Aufmärsche mehr zelebriert werden. Jeder findet heute eine individuelle Nische: der Punker, der Neonazi, der Hiphopper, der religiöse Fundamentalist, der Satanist, der spätpubertäre Hippie und auch der bürgerliche Anwalt mit Vorliebe für Sadomasospielchen.

Vermassung durch Bespaßung mit Nonsense: Masse ist, wer gedankenlos mitkonsumiert

Die Individualisierung der Lebensstile, Geschmäcker und politischen Einstellungen ist weit fortgeschritten und doch wird man das Gefühl nicht los, daß die Masse triumphiert hat und nun diesen Triumph auf verschiedenste Art und Weise genüßlich feiert. Die Masse konstituiert sich durch eine einheitliche Konsumhaltung. Der Massenmensch ist zutiefst durchschnittlich, er formuliert keine Ansprüche sich selbst gegenüber, er verweilt in einer lethargischen Grundhaltung und denkt kurzfristig. Wir können die Masse leider nicht fotografieren, aber dennoch ist sie omnipräsent – auch an Universitäten und auch auf dem Golfplatz.

Was ist in dieser individualisierten Welt der Massen noch möglich? Wir können uns zum Waldgang verabreden und versammeln. Der eine wird diesen Waldgang als aktivistischen Partisanenkrieg erleben, ein anderer als besinnlichen Spaziergang zu einem stillen Ort, der langsam und ursprünglich in seine Welt tritt. Der Waldgänger tritt bewußt als Einzelner aus der Masse aus, um so die Ungleichheit der Menschen zu nutzen. Er ist sich der Chancen und Gefahren des einsamen Ganges bewußt. Er riskiert seine Auslöschung und leistet dafür aktiven Widerstand gegen eine Gesellschaft, die den Kontakt zum Boden verloren hat. So gewinnt der Waldgänger ein ursprüngliches Verhältnis zur Freiheit zurück. Dieses Verhältnis ist genauso wie der dunkle Wald: heimisch und unheimlich zugleich.

Die Freiheit, die sich der Waldgänger nimmt, hat der in der Gesellschaft Verweilende nicht. Die Menschen sind durch die zunehmende Technisierung nicht souveräner geworden; sie sind genauso verletzlich wie eh und je, da der Kollektivismus sie aus ihren organischen Verbänden – den Familien, Dörfern und der heimatlichen Verankerung – herausgerissen hat. Der Kollektivismus knechtet die Menschen; der Waldgänger zieht der Knechtschaft die Gefahr vor. Er läßt sich von keiner Masse und keiner Übermacht – vielleicht abgesehen von Gott – Gesetze vorschreiben und hält Tuchfühlung zu den Mächten, die den zeitlich begrenzten (Staat, Politik, Zeitgeist) überlegen sind (Kultur, Geschichte, Theologie).

Dichter, Denker und starke Geister sind im Wald daheim, da sie hier in sich ruhen und Kraft schöpfen können. Sie konzentrieren sich abseits der Masse im Wald auf das Grundlegende und hören das Wort unter Tausend Wörtern heraus.

Zum Waldgang verabreden und den Blick für das Wesentliche finden. Der Wald ist zugleich ein gefährlicher und heimischer Ort.

Ich stehe vor meinem Bücherregal. Rilke, Thomas Mann, Gottfried Benn. In der Moderne befindet sich jeder wahre Künstler, egal ob Literat, Maler, Graphiker, Bildhauer oder Musiker in Einsamkeit und auf einem Waldgang. Es sei denn, der Künstler wendet sich von seinem Leben als Künstler ab und erliegt den Versuchungen der Popkultur und des schnellen Ruhmes.

Diese Sorte Pseudo-Künstler springt stets auf den Zug des Zeitgeistes auf. Sie führt ein künstliches Künstlerleben – ohne Leidenschaft und mit einer „krampfig selbstgefälligen Hitzigkeit und Gewissenlosigkeit“ (Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen). Wahre Künstler hingegen müssen losgelöste Menschen sein, die an die Liebe, die Vollkommenheit der Kunst und das Leben glauben. Geistige Bildung und sinnliche Einbildungskraft prägen ihr Schaffen. Häufig stehen sie allein und sind im entscheidenden Augenblick – der Vorstellung ihrer Kunst – der „Stummheit und Lächerlichkeit preisgegeben“ (Rilke). Sie müssen auf ihre innere Stimme hören und die entfachten Stürme und Beben der Öffentlichkeit ignorieren. Und dennoch sind sie den Verdorbenheiten der Zeit ausgeliefert – Zerstreuung, Massenaufbegehren und Massenjubel warten an jeder Ecke.

Nicht jeder, der sich heute als Künstler ausgibt, ist auch einer. Im Gegenteil: Die Pseudo-Künstler besitzen die Deutungshoheit

Ich erinnere mich noch an den jungen Thomas Mann; nein, nicht an die Buddenbrooks, nein, auch nicht an seine Novelle Tonio Kröger, in der er das Auf und Ab eines jungen Künstlers skizziert. Ich erinnere mich an den kämpferischen Thomas Mann aus den Betrachtungen eines Unpolitischen. Er stellt dort einige Dichotomien auf: Geist und Politik. Kultur und Zivilisation. Seele und Gesellschaft. Freiheit und Stimmrecht. Kunst und Literatur. Thomas Mann meint, der wahre Künstler stehe auf der Seite des Geistes, der Kultur, der Seele, der Freiheit und der Kunst. Das Thomas MannStimmrecht läßt den Menschen in Mengen denken, und nicht in Qualität, es zerstört die ohnehin schon seltenen Artefakte. Gesellschaft ist immer auf Zerstreuung aus, auf Beschäftigung, auf Unterhaltung ohne irgendjemand wirklich tief zu erreichen. Politisches Denken handelt darüber, wie man es den Massen recht machen kann, wie man sie als Stimmvieh gewinnen kann. Der einzelne Geist hingegen beschäftigt sich mit den tiefgründigen Weltfragen.

Ist das noch zeitgemäß? Gibt es noch Weltfragen, auf die in jahrzehntelangem Denken, Ansätze gefunden werden und die immer offen bleiben, mysteriös sind? Oder sind alle Weltfragen längst beantwortet? Prominente und Politiker sprechen heute visionär von „Brot und Wohlstand für die Dritte Welt“ und meinen insgeheim nur: „Bitte liebe Masse, hab mich lieb! Vertrau mir und hör mir zu! Ich sag auch das, was ihr alle hören wollt.“ Für sie gibt es keine offenen Fragen mehr, alle wichtigen Fragen sind beantwortet: Gott ist tot. Die Nation ebenfalls. Die Vernunft ist dekonstruiert und muß nur anstandshalber hin und wieder angemahnt werden. Und die Kunst ist wohl ebenfalls tot. Es lebe die Massenhysterie.

„Artistik ist der Versuch der Kunst, innerhalb des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich selber als Inhalt zu erleben und aus diesem Erlebnis einen neuen Stil zu bilden, es ist der Versuch, gegen den allgemeinen Nihilismus der Werte eine neue Transzendenz zu setzen: die Transzendenz der schöpferischen Lust.“ (Gottfried Benn: Probleme der Lyrik)

Form und Stil als die einzigen Auswege aus dem allgemeinen Nihilismus, die Errichtung eines formvollendeten Artefakts als letzte Möglichkeit, dem Werte- und Inhaltswegfall zu entkommen? Ich weiß nicht, ist es das, oder klingt dies zu apokalyptisch? Kunst müßte aus ihrer Einsamkeit heraus versuchen, die Welt aufzubrechen. Raus aus dem Elfenbeinturm, hinein ins wahre Leben?

Man darf vom Künstler nicht das Bild haben, was er selbst vom Künstlertum, von sich und von den Menschen malt. Alfed Döblin sagte einmal: „Der Künstler ist keine gelungene Menschenfigur.“ Und genauso verhält es sich: bei Benn und auch beim zu Opportunismus neigenden Thomas Mann. War er es nicht, der immer konform zum Zeitgeist schrieb? Zu Kaisers Zeiten Monarchist, im Ersten Weltkrieg der große Kämpfer mit seinen Betrachtungen eines Unpolitischen, in Weimar plötzlich Demokrat und aus dem Exil heraus ein verbitterter Kritiker des nationalsozialistischen Deutschlands und Vertreter der Kollektivschuldthese.

Massenhysterie an der Stelle von Kunst: Der fernsehgeile Marktschreier verdrängt den ruhigen Künstler.

Kunst und Massenkultur. Hat die Kunst noch eine Chance im Geschrei der Massen? Wird sie womöglich überhört, übersehen und überlesen? Die Welt meint, immer mehr als Kunst interpretieren zu müssen: Das Geschrei gesanglich nicht ausgebildeter Jugendlicher. Von Hochhäusern herunterfallende Tiere. Vielleicht auch bald das Liebesgesäusel von jungen Mädchen in ihrem Weblog. Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, was noch kommt. Ich erwarte jedoch nicht viel. Wir leben in der Dekadenz. Die Bäuche sind wohlgefüllt, jetzt kann sich jeder seiner Kultur widmen. Was dabei herauskommt, sehen wir ja. Wir leben in der Dekadenz, wir lassen uns von einem Viel-zu-Viel an öffentlichen Gefühlen und Emotionen leiten und kaum einer bemerkt, daß dabei die künstlerische Leidenschaft, die Sehnsucht nach dem Schönen auf der Strecke geblieben ist. Niemand will heute mehr „Sinn und Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich“ und „dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind.“ (R. M. Rilke)

Und kaum einer möchte diese zehn genialen Zeilen lesen. Wir leben in der Dekadenz, weil wir nur noch kurzfristig denken und Schwätzer zu autoritätsvollen Herrschern uminterpretieren. Herrscher über unsere Gedanken, unsere empfindlichen Gefühle, unser kulturelles Dasein.

Zuerst erschienen in: Blaue Narzisse, # 8, April 2008

 
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