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Ein Fortwirken des Mythischen über die Antike hinaus konstatiert Kurt Hübner in seinem 1985 erschienenen „Die Wahrheit des Mythos“ in unterschiedlichen Bereichen: Im Christentum, in der modernen Malerei und in der heutigen Politik. Dabei stellt er das – wenn auch nicht alleinige – Recht mythischer Elemente in letzterem Bereich heraus und unterscheidet sie, bei anklingender Kritik an der Mythosfeindlichkeit der Linken, von sogenannten Pseudomythen, also falschen. Solche sind für Hübner u.a. der Rassenantisemitismus des Nationalsozialismus. Sie seien sowohl auf der Rechten als auch auf der Linken zu finden.
Zum Schluß hin untersucht Hübner die, wiederum mythischen, Deutungen des Untergangs des Mythos bei Hölderlin und Richard Wagner. Deutlich wird: Das Mythische als solches, als dem Menschen nicht verfügbares, nicht begrifflich durch und durch verstehbares Seinselement, ist nicht verschwunden. Es ist durchaus immer, wenn auch nicht in seiner ursprünglichen, zeitweiligen Reinform, da gewesen. Schärferes Nachdenken über den Mythos und Logifizierung desselben gehen einher. Aber auch heute ist das Mythische, in authentischer oder gar mehr in verzerrter Form, vorhanden. Die Verzerrungen aber treten eigentlich an die Stelle des Authentischen, so in den Pseudomythen. Alles atmet einen Hauch Mythos Nicht nur im Nationalsozialismus findet sich ja derartiges; auch die Auffassung von der Französischen Revolution als eines Meilensteines der Menschlichkeit ist ein Pseudomythos. Joschka Fischer (Grüne) sprach sogar von Auschwitz als dem Gründungsmythos der Bundesrepublik. Im Grunde wiederholt sich ja auch bei jeder Kampagne „gegen rechts“ die Vergegenwärtigung der „arche“, hier, des Sieges über Hitler. Die „Vergangenheitsbewältigung“ trägt pseudomythische Züge. Ansonsten ist das Mythische freilich in der Medienwelt, in der Kunst, vielleicht auch im Spitzensport, vorhanden. Und nicht zuletzt mögen die von sich so überzeugten „wissenschaftlichen Weltbilder“ als pseudomythisch gelten. Hübner äußert am Ende seines Buches ausdrücklich, es gehe ihm nicht um ein Plädoyer für den Mythos, sondern um eine Auseinandersetzung mit ihm. Vor zeitgenössischen, gar zu vernunft- und technikfeindlichen, einseitigen Strömungen warnt er (auch die dürften für ihn pseudomythisch sein). Sein Anliegen ist die Anerkennung des Mythos. Letztlich geht es wohl auch um eine Harmonisierung. Gerade in der modernen Technik aber zeigt sich ja in der Tat ein geheimnisvolles, unbeherrschbar anmutendes Element. Das ist wohl nicht nur pseudomythisch, sondern hier sollte einmal tiefer über die in der Welt waltenden, dem Menschen entzogenen Kräfte, mit denen er in einem rechten Verhältnis stehen muß, nachgedacht werden. Mythos und Christentum sind durchaus kompatibel Dies führt dann auch zum Thema des Christentums. Wem sind all die in der Welt waltenden Kräfte, wie auch der Mensch selbst, verantwortlich, wo kommen sie her? Hübner betont im übrigen, daß (bspw. griechischer) Mythos und Christentum vereinbar seien. In der Tat liegt der Unterschied darin, daß die „numinosen“ (ganz anderen) Wesen als Geschöpfe des dreieinigen Gottes erkannt werden. Insofern kann der Mythos als Beispiel für die, durchaus christlicher Lehre entsprechende, „natürliche Offenbarung“ gelten, die freilich der geschichtlichen bedarf, wie sie sich in der Geschichte des Volkes Israel, im Christusereignis und folgend der Zeit der Apostel ereignet. Dieses Heilsgeschehen wiederum „entmythologisieren“ und auf den „historischen Kern“ zurückführen zu wollen, geht an der Sache vorbei. Dabei wird vergessen, daß Geschichte mythisch empfangen und für die Gegenwart ausgewertet wird. So scheint im Alten Testament der Auszug aus Ägypten immer als in gewisser Weise gegenwärtig empfunden zu werden. Geschichte kann ja nicht einfach rational erklärt werden. Zudem schließt ein solcher Ansatz ja das als unhistorisch aus, was eben nicht ins heutige, reduzierte Weltbild paßt, wie etwa die Jungfrauengeburt, die Heilungen Jesu und die Auferstehung und Himmelfahrt. Nun besteht hier zum eigentlichen Mythos der Unterschied, daß dort die mythische Geschichte als solche der Zeit entrückt ist, das christliche Heilsgeschehen hingegen ist recht genau datier- und verortbar. Dennoch sind hier mythische Vorstellungen, nur eben nicht mehr in Reinform, feststellbar. Der christliche Glaube gründet auf geschichtlicher Wahrheit Aber eben angesichts solcher Befunde sollte man doch im Gesamtzusammenhang, wie auch Hübner es tut, nach der Wahrheit des Mythos fragen und nicht die Ungeschichtlichkeit der biblischen Erzählungen feststellen wollen. Gerade auch die Evangelien verstehen sich als geschichtliche Urkunden. Der Evangelist Lukas macht das für sein Evangelium und die ebenfalls von ihm stammende Apostelgeschichte deutlich. Und: man mythologisiert die Begebenheiten ja um so mehr, als daß man die Geschichtlichkeit zuweilen für zweitrangig erklärt und den Glauben von ihr ablöst. Dies geschieht nur, weil man die mythischen Elemente für ungeschichtlich hält und dann aber bemerkt, daß wenig Besonderes übrig bleibt. Der christliche Glaube ist allerdings in der Tat einer, der sich auf geschichtliches Geschehen stützt. Diesem kommt man jedoch nicht mit Vorurteilen moderner Geschichts- und Weltauffassung bei. Und auch dieses Geschehen wird ähnlich den mythischen Gepflogenheiten vergegenwärtigt, so vor allem im Kirchenjahr. Die Eucharistie bzw. das Abendmahl bildet stets den eigentlichen, sich wiederholenden, immergleichen, Kern. Hier wird das geschichtlich einmalige Kreuzesopfer Christi vergegenwärtigt. Und auch die Dreiteilung in Himmel, Erde und Unterwelt findet sich bereits in mythischen Zusammenhängen. In Christus und seiner Kirche sind allerdings Himmel und Erde eng miteinander verbunden und die Unterwelt ist eigentlich nur der Ort der Himmels-, der Gottferne. So aber gibt es einen Zusammenhang zwischen Mythos und Christentum. Der Mythos ist auch heute noch einen Gedanken wert
Über das Mythische als solches lohnt es sich somit nach wie vor in unserer pseudomythisch-ersatzreligiös überaufgeklärten Welt nachzudenken. Deren Risse müssen aber ebenfalls deutlich werden. Das Buch von Hübner bietet da einen guten Zugang, aber auch andere Autoren, wie der bekannte rumänische Religionswissenschaftler Mircea Eliade, den Hübner im übrigen nicht selten zitiert.
Im Weblog erklärt Felix Menzel Grundbegriffe zum Mythos. |