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Die Einwanderung unterschiedlicher muslimischer Volksgruppen in den mittel, -nord und westeuropäischen Teil des Kontinents ist ein völlig neuartiges Phänomen und stellt die Gesellschaften jeweils betroffener Staaten vor Herausforderungen, deren Bewältigung aus dem Ruder zu laufen droht, da auf keinerlei verlässliche Erfahrungswerte zurückgegriffen werden kann. Hier prallen divergierende Weltanschauungen, Mentalitäten und Selbstverständnisse zunehmend ungebremst aufeinander. Dieses Mal sind die Spielregeln jedoch ganz andere als noch vor 1400 Jahren, als der Islam, als eruptive Erweckung gerade erst in Erscheinung getreten, in schneller Folge ganze Erdteile seinem Diktum unterwarf, bevor er langsam wieder erstarrte.
Europa währenddessen riss damals den Rest der Welt mit Beginn der Entdeckungen in einen gigantischen zivilisatorischen Sog, der unendliches Leid verursachte und dennoch Grundlagen schuf, die noch heute in allen Teilen der Welt Gültigkeit besitzen. Abendland und Morgenland haben sich nur oberflächlich gegenseitig bestäubt Es nützt nichts: auf die eine oder andere Weise ist fast jede Kultur davon berührt worden, im Guten wie im Schlechten. Der Islam bildet hier keineswegs eine Ausnahme. Schon im Mittelalter setzten sich muslimische Gelehrte mit den antiken Vorläufern westlichen Selbstverständnisses intensiv auseinander und noch im vergangenen Jahrhundert schworen Staatsmänner von Format auf genuin westliche Gesellschaftsentwürfe, die sie ihren Untertanen in gewohnt resoluter Manier aufzwangen. Aber Atatürk und der ehemalige ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser, um nur zwei zu nennen, haben ihre weit gesteckten, ehrgeizigen Entwürfe nicht in eine feste, verlässliche, vor allem: überzeugende Form gießen können. Es hat keine wirkliche Fusion muselmanischer und abendländischer Werte stattgefunden, anstelle umfassender gegenseitiger Befruchtung ist es jenseits des Kontinents allenfalls zu einer oberflächlichen Bestäubung gekommen. Durch die islamischen Gesellschaften in und außerhalb Europas scheint ein Riss, eine Wunde zu gehen, und es steht zu vermuten, dass Balsam und Linderung zunehmend aus der altbewährten Hausküche kommen werden. Weite Teile der Bevölkerung entdecken ihren Glauben neu; auch und gerade in den europäischen Aufnahmeländern. Heute zeigt sich ein äußerst grelles, je nach Herkunft eingewanderter Gruppen, vielschichtiges und verwirrendes Bild, das den Kontinent auf lange Sicht zu zerreißen droht. Es ist schon daran erinnert worden, dass unzählige Spielarten islamischen Glaubens miteinander konkurrieren; die divergierenden Konfessionen sind einander mehr oder weniger spinnefeind. Ihre Angehörigen sind auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit der Moderne, mit westlicher Lebensart verbunden, aber kaum verquickt und geben insgesamt ein vieldeutiges, mitunter verzerrtes Bild ab. Es muss gestattet sein zu fragen: wie soll ein erträgliches Auskommen gestaltet werden, wenn schon innerhalb des dar al islam selbiges fortlaufend durch verstrittene Bekenntnisgruppen verunmöglicht wird? Der Islam hat ein halbes Jahrtausend ‚Verspätung’ Dabei kann entwicklungsgeschichtlich dieser Umstand kaum verwundern, ist der Islam doch eine religiöse Offenbarung, die mit mehr als einem halben Jahrtausend ‚Verspätung’ auf der Weltbühne erschien und ihre Religionskriege noch ausficht, während sie auf dem Kontinent gottlob schon der Historie angehören. Wir sind hier auch kaum befugt, überheblich zu tun; im Gegenteil. Wer hat der Menschheit zwei bluttriefende Weltkriege eingebrockt? Das Problem liegt ohnehin woanders. Wenn Europa heute als weitgehend befriedet gelten darf, so hat es sich damit nicht aus der Geschichte selbst und ihren unerbittlichen Sachzwängen verabschiedet. Wie wir im zweiten Kapitel sahen war der einheimischen deutschen Bevölkerung zunächst relativ gleichgültig, wer da aus den Metropolenghettos und der anatolischen Peripherie in die Randbezirke eigener Ballungszentren zuwanderte und isoliert im eigenen Dunst vegetierte. Mit gehöriger Verspätung und wütender Empörung nimmt die Mehrheitsgesellschaft nunmehr zur Kenntnis, dass in jeweiligen Stadtteilen Parallelwelten entstanden sind, deren Angehörige sich zunehmend abkoppeln und eigene Wege gehen. Diese Lebenswelten werden wohl demnächst durch demographische Entwicklungen begünstigt zu echten autonomen Regionen mutieren. Ist es so abwegig anzunehmen, dass die vor Ort tonangebenden Würdenträger eines Tages den Schneid aufbringen werden, entsprechende Sonderstatuten und Hoheitsrechte einzufordern? Auf diese Weise ist in der Region Kosovo, durch serbische Gräueltaten zusätzlich beschleunigt, ein eigener Staat entstanden, von dem Kenner behaupten, er sei gar keiner, sondern eher eine Mafia, die sich ihren Staat hält. In jenem Winkel würde das Hauen und Stechen übrigens umgehend von vorne losgehen, hielte nicht eine ansehnliche Präsenz ausländischer Truppen die Kontrahenten auf Abstand. Beispiel Kosovo: Von einer autonomen Regionen zum eigenen Staat Vielleicht dämmert in dem einen oder anderen Kopf bereits, dass uns etwas Ähnliches auch noch blühen könnte. Statt einer Angleichung unterschiedlicher Auffassungen begünstigte das, was bislang unter Integration verstanden wurde, nur eine weitere Zuspitzung der Verhältnisse. Statt Verwandlung droht eine Verfestigung traditionell muslimischer Lebensentwürfe, die mit rechtstaatlichen Normen schwer in Einklang zu bringen sind. Diejenigen, die dauernd der Aufnahme des türkischen Staates in die Europäische Union das Wort reden, sollen einmal erklären, warum in der Kurdenfrage ein Frieden so unverändert unmöglich scheint und was denn, nebenbei bemerkt, vom türkischen Staat überhaupt übrig bleiben soll, räumte man den Kurden endlich eine echte, volle Souveränität ein. Wie will Deutschland dem Ansturm von möglicherweise 10 bis 15 Millionen türkischen Staatsbürgern begegnen, der bei einer EU-Vollmitgliedschaft der Türkei zu erwarten wäre? Es ist ein Irrtum, anzunehmen, jemand wie Thilo Sarrazin schüre Argwohn und Ressentiment. Er spiegelt lediglich derlei Befindlichkeiten und davon kann sich im Grunde jeder überzeugen, der das unvoreingenommene Gespräch mit Bürgern unterschiedlicher Klassen nicht scheut. Machen wir uns doch nichts vor: in den europäischen Bevölkerungen arbeitet unterschwellig ein stetes, dumpf darbendes Unbehagen, das unvermittelt in echte Progromstimmung umschlagen kann, wie sie den Jugendbanden in den südfranzösischen Ghettos längst traurige Selbstverständlichkeit geworden ist. Die Mehrheitsgesellschaft, mittlerweile strikt säkular gestimmt, weltlich durch und durch, hat als einzig verbliebenen Konsens den bequemen, reibungslosen Konsum für sich abboniert. Das ist eine lose Klammer, die noch alles zusammenhält. Wie sieht es auf der anderen Seite aus? Die verteidigt zäh und mitunter verschlagen ihre kulturelle Substanz, schaukelt aber andererseits zwischen den Verheißungen einer westlich gestimmten Moderne und eigenen Überlieferungen nervös hin und her. „Kopftuchmädchen“, Intensivtäter, fleißige Einwanderer – es gibt sie alle Lehrer, die an unterschiedlichen Schulformen tätig gewesen sind, können bestätigen: vom beratungs- und maßnahmenresistenten Intensivtäter bis hin zum fleißig an sich und seinen Möglichkeiten arbeitenden Schüler, vom „Kopftuchmädchen“ bis hin zur unverhüllt auftretenden, selbstbewusst agierenden Emanze – es gibt sie alle, und jedes Kind prägt auf seine Weise das Gesamtbild. Wer allerdings behauptet, Muslime würden in Sachen Bildung oder Integration benachteiligt, verdreht die Fakten und verkennt gleichzeitig die Bedeutung verpflichtender Eigenanteile. Wenn heute Funktionäre wie Kenan Kolat gebetsmühlenartig Chancengleichheit anmahnen, ist das nichts als bequeme Rhetorik. Ganz im Gegenteil werden etwa in Schulen die Problemkinder aus kurdischen oder türkischen Familien auf fast schon groteske Art und Weise sozialpädagogisch dauerbetreut, während Schüler, die ebenfalls der Förderung bedürfen (etwa die Stillen, Gehemmten, eher Unauffälligen) zunehmend unterzugehen drohen, weil der jeweilige Fachlehrer im Umgang mit den „Pflegefällen“ bereits voll eingespannt ist. Sieht so Chancengleichheit aus? Unterschiede werden auch gemacht, wo es um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit geht. Es ist eine traurige, gern totgeschwiegene Tatsache, das ein latenter Antisemitismus an Schulen mit hohen muslimischen Anteilen mittlerweile zum traurigen Alltag gehört und Schimpfwörter wie „Du Jude“ oder „Opfer“ gehäuft gebraucht werden, ohne das dies entsprechende Konsequenzen zeitigen würde. Der Gedenkstättentourismus wird in bewährter Manier abgespult, eine lockere und unverbindliche Pflichtübung, während derlei bedenkliche Tendenzen eher achselzuckend hingenommen werden. Und wenn ein Schüler, der ständig die eigene Ehre gefährdet sieht, gleichzeitig seine Mitschüler mit übelster Vulgärsprache heruntermacht und zusätzlich die Fäuste schwingt, dann sind nicht zuletzt die Eltern dieses Bürschchens in der Pflicht. „Nur in der Bewegung, so schmerzlich sie sei, ist Leben.“ (Jacob Burckhardt) Noch einmal zu den Funktionären und Imamen, deren Rolle eher eine zwiespältige, wenig hilfreiche ist. Das die Mehrheit der ihnen anvertrauten Muslime bereitwillig dem tradierten Diktum folgen statt einer abstrakten, auf zähe, kleinschrittige Diskurse angewiesenen res publica, kann schwerlich verwundern. Allein: wem nützt das was? Die Situation ist ohnehin ärgerlich: Verbände und Vereine bedienen sich und kassieren Gelder, während der Steuerzahler für Bruchlandungen einer gescheiterten Integration blechen darf, die oft aus einer hartnäckigen Verweigerungshaltung resultiert. Wenn ein türkisches Mädchen sich den archaischen Riten der Sippe verweigert und auf ihre Weise ernst macht mit Integration, wird im ungünstigsten Fall eine wahre Kostenlawine losgetreten: von der Rundumüberwachung über die gesonderte häusliche Betreuung bis hin zur Verschaffung einer neuen Identität muss alles stimmen.
So wird Mut zur Freiheit und Selbstbestimmung eher bestraft und endet in der Isolation, und die zahlreichen, im übrigen ebenfalls widerstreitenden Verbände schweigen zu derlei Vorgängen, während sie die Äußerungen eines ehemaligen Finanzsenators umgehend in Rage versetzen. Dabei kann es, um beim Beispiel zu bleiben, ja nur die Frau selbst sein, die sich befreit. Wer denn, wenn nicht sie, kann hier die entscheidenden Weichen stellen? Wir können doch nicht restlos alles, was bei uns in einem langen, komplizierten Prozess auf den Weg gebracht wurde, verordnen und entsprechend nachfinanzieren. Auch dieser Umstand birgt eine gewisse Tragik: Unterlassen wir die begleitende Förderhilfe, wird das zarte Pflänzchen vom wuchernden Gestrüpp vorgestriger Werte gleich wieder erstickt, gewähren wir sie, werden doch nur artifizielle, tönerne Fundamente gelegt.
„Fortschritt besteht wesentlich darin, fortschreiten zu wollen.“ (Seneca) Eine erfolgsversprechende Integration muslimischer Bevölkerungsteile erscheint deshalb insgesamt illusionär. Versuchen muss man sie trotzdem, erzwingen kann man sie kaum. Der Zwiespalt bleibt bestehen, das Wagnis insgesamt ergebnisoffen. Vielleicht stimmt ja, was Bertrand Russell fand: „Weil moderne Erziehung so selten von großer Hoffnung beseelt ist, wird so selten ein großes Resultat erzielt.“ Große Worte, gewiss. Sie bedürfen wiederum großer Taten, um überhaupt Großes vollbringen zu können. Mag sein, dass wir damit doch nur auf Sand bauen; aber vielleicht streuen wir damit auch Sand ins Getriebe, was emanzipatorischen Ansätzen seit je eigen war. Bleibt zu hoffen, dass die entstehenden Kosten nicht den Ertrag gefährden und das Wagnis nicht zur Woge mutiert, die am Ende alles mit sich fortspült. |