Vor gut einem Jahr wollte der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, dass Rapper Bushido eine zeitgemäße Hymne für seine CSU einspielt. Der Deutsch-Tunesier sei ein „höflicher junger Mann“. Seehofer erntete Spott und Kritik, denn freilich kannte der 61-Jährige nur den Bushido in Anzug und Fliege beim Münchner Filmball. Von seinen verbalen Entgleisungen mit obszön-brutaler Grundstimmung wusste er weniger. Ende 2010 tat sich nun eine neue Nachwuchshoffnung für seinen Modernisierungskurs auf: Der Lichtschimmer hört auf den Künstlernamen Jackpot und ist Spross des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann. Wuschelkopf und Politiksohn, das dürfte der Basis leichter zu vermitteln sein.
Mixtape „Wie im Film“: Das Übliche halt, nur mit etwas schlechterer Qualität
Jackpot alias Jakob Herrmann ist Jahrgang 1992 und besucht die gymnasiale Oberstufe im mittelfränkischen Erlangen. Hört sich nicht besonders nach „Ghetto“ und „Straße“ an? Mag sein. Trotzdem ist Jakob bereits gut dabei, es seinen Idolen gleichzutun. Laut Facebook-Profil steht er auf 50 Cent, Snoop Dogg, Barack Obama und Bushidos Kinodebüt „Zeiten ändern dich“. Ende letzten Jahres stellte er auf der Webseite von „Revolution Records“ sein Mixtape „Wie im Film“ zum Herunterladen bereit.
Dort rappt er mit seinen Freunden, trotz ausbaufähiger Qualität in Sound und Text, wie ein Großer. Gleich im Intro bekennt er: „Ich habe 1.000 Frauen im Bett und ´nen Schwanz wie ein Brett.“ Der Inhalt von Liedern wie „Jede Frau bückt sich“, „Keiner fickt mit uns“, „Ausrasten“ oder „Kassen auf“ beschränkt sich auf Freundinnen, die mal auf dem Parkplatz, mal auf dem Klo gefickt werden, geexte Wodkaflaschen, Schwänze natürlich und angezettelte Massenschlägereien im Club.
Videos auf YouTube hat Jakob auch schon hochgeladen. Weil man als Sohn eines Spitzenpolitikers leider nicht in der „Hood“ groß wird, dafür eher – wie der Papa stolz verkündet – erfolgreich im Fußballverein ist, muss er zum Posieren vor eine Baustelle ziehen. Mehr „verruchte“ Plätze scheint es in Erlangen nicht zu geben.
Joachim Herrmann, ein „Hardliner“?
Erinnert sich noch jemand an die scharfen Debatten, die deutschsprachiger „Gangsta-Rap“ vor mittlerweile sieben Jahren ausgelöst hat? Politiker auf Stimmfang sprangen auf den Zug der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPJM) auf, sahen das Wohl der Jugend auf der Kippe. Besonders Joachim Herrmann tat sich mit einem aufsehenerregenden Vergleich hervor, als er sogenannte „Killerspiele“ mit Kinderpornografie verglich: „Die Vollzugsprobleme, ein Herstellungs- und Verbreitungsverbot von Killerspielen durchzusetzen, sind nicht größer als die Durchsetzung des Verbots von Kinderpornografie. Im Gegenteil: Ein strafrechtliches Verbot oder eine Indizierung zerstören wegen des damit verbundenen Werbeverbots wirksam die Marktchancen derartiger Gewaltspiele. Entweder der Staat versucht das durchzusetzen oder er streicht völlig die Segel.“
Als nach einem Amoklauf bundesweit Debatten darüber geführt wurden, inwieweit brutale Ego-Shooter Jugendliche in ihrer Hemmschwelle zur Gewalt beeinflussen, appellierte Herrmann an die gesamtgesellschaftliche Verantwortung der Eltern, der Spielehersteller, aber auch des Einzelhandels. Letztendlich würden reine Verbote den Reiz des Verbotenen fördern. Trotzdem stellt sich die Frage, ob Papa-Herrmann bei Sohnemann Jakob seiner Verantwortung nicht genug nachkam. In jedem Fall ist es ein Widerspruch mit tragikomischen Ansätzen.
Politiker und Rapper: Es geht meistens nach hinten los!
Mutmaßlich weiß Herrmann genauso wenig von Jackpot, wie Seehofer von Bushido, oder Grünen-Chef Cem Özdemir von Massiv, mit dem er im Bundestagswahlkampf 2009 unterwegs war. Bislang war keiner so konsequent wie der SPD-Fraktionsführer Frank-Walter Steinmeier. Dieser rappte mit dem Deutsch-Türken Muhabbet über bunte Integration. Wenig später kam heraus, dass dieser den ermordeten niederländischen Islamkritiker Theo van Gogh gern noch „in den Keller gesperrt und gefoltert“ hätte und auch seiner unter Polizeischutz lebenden Kollegin Ayan Hirsi Ali den Tod wünscht. Muhabbets Beitrag zur Sarrazin-Debatte: „Du lebst wie ein Jude, doch denkst wie ein Nazi.“
Einzig dem FPÖ-Jungsporn Heinz-Christian Strache, auch besser als HC Strache bekannt, ist sein Rappen noch nicht zum Bumerang geworden. Generell zeigt sich: Musik und Politik müssen einander nicht ausschließen, auf die Inhalte kommt es an.