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„Ich bin kein nonkonformer moderner Intellektueller, sondern ein aufgebrachter mittelalterlicher Bauer.“ Dies sagte der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila von sich selbst. Obwohl er oft zitiert wird kennen, viele den Philosophen nicht. Dávila war ein radikaler Feind der modernen Welt mit all ihren ideologischen Erscheinungsformen. Er philosophierte nicht mit dem Hammer, sondern mit Hilfe der Säure des bissigen Humors und schrieb mit einer Feder, die mehr Degen ist als Schreibgerät ist, denn seine Aphorismen reißen kleine Risse in den Glauben an die Positivität der modernen, demokratischen, industriellen und demographisch überlasteten Welt.
In diesem ersten Artikel soll auf sein Leben und seine Philosophie, die Grundlage für sein Denken ist, eingegangen werden. In einem weiteren Artikel wird sich seinen religiösen, politischen, technikkritischen und modernitätsfeindlichen Gedankengängen gewidmet und seine philosophischen Geistesblitze sollen weiter ausgeführt werden. „Der Zweck des Lebens ist, daß etwas Edles geboren wird.“ Diesen Satz hat der am 18. Mai 1913 geborene Philosoph als „Scholie zu einem inbegriffenen Text“ der Nachwelt hinterlassen. Er selbst ist etwas sehr edles gewesen, ein adliger Sprößling, der aus der Erde von Santa Fe de Bogotà gewachsen und darauf gereift ist. Seine Wurzeln liegen jedoch in Spanien, denn er ist ein Abkömmling einer kastilischen Kolonialfamilie. Sein Vater, ein erfolgreicher Teppichhändler und Bankier, hat ihm ein stattliches Vermögen sowie ein prächtiges Anwesen in Bogotà hinterlassen. Im Jahr 1919 zog er mit seinen Eltern im Alter von sechs Jahren nach Paris. Dort besuchte er eine Benediktinerschule und durchlief dort eine humanistische Ausbildung. Seine Sommerferien verbrachte er in Britannien, wo er sich dem Studium der englischen Sprache widmete. Aufgrund von Komplikationen während einer Lungenentzündung mußte sein Unterricht zwei Jahre von einem Hauslehrer an seinem Bett durchgeführt werden, was den interessierten Dávila ebenfalls nicht davon abhielt ausführliche Latein- und Altgriechischkenntnisse zu erwerben. Außer dieser Ausbildungszeit hat Dávila nie eine Berufsausbildung genossen oder ein Studium aufgenommen. Mit 23 Jahren kehrte er nach Kolumbien zurück, wo er kurz nach seiner Ankunft Emilia Nieto Ramos heiratete. Sie brachte ihm eine Tochter und zwei Söhne auf die Welt. Bis auf seine Ausbildungszeit und eine Reise mit seiner Frau im Jahr 1949 hat Dávila Kolumbien nie mehr verlassen. Den größten Teil seines Lebens hat er in seiner immensen Bibliothek verbracht. Diese hat er mit der Hilfe seines Freundes, dem aus Österreich stammenden Buchhändler Hans Ungar, bis zu seinem Tod am 17. Mai 1994 zu einer Größe von 30.000 Büchern anwachsen lassen. „Eine echte Berufung führt den Schriftsteller dazu, nur für sich selbst zu schreiben: zuerst aus Stolz, dann aus Bescheidenheit.“ Das Werk von Nicolás Gómez Dávilas ist das Werk eines unbekannt gebliebenen. Verfaßt für ihn selbst, seine Familie und seine Freunde, eine Gruppe Intellektueller, jedoch ohne das Interesse, durch seine Schriften Bekanntheit zu erlangen. Dávilas Schaffen spitzt sich langsam zu, vom Frühwerk, den Notas, das noch wie ein Essay ist und viele Gedankengänge vorwegnimmt, die er dann in seinen späteren Werken weitergedacht und in eine aphoristische Form gebracht hat. Als Beispiel sei hier seine Kritik am Rassismus erwähnt, die eine implizite Kritik am entgegengesetzten Antirassismus linker Couleur enthält: „Die Rassentheorien des Nationalsozialismus waren nur eine Mythologie, doch ich unterstelle nicht, daß es sich um einen bloßen Irrtum gehandelt hätte, vielmehr geht es um den ewigen Vorgang, der jede Doktrin in der Hand des Volkes zu einer Dummheit entarten läßt.“ In seinem Werk Auf verlorenem Posten finden wir dann einen Aphorismus, der einen ähnlichen Inhalt wiedergibt, wie den aus dem oben angeführten Zitat aus den Notas: „Der Rassist täuscht sich, wenn er glaubt, es gebe reine Rassen, der Antirassist, wenn er glaubt, die Zutaten eines Getränkes seien nicht von Belang.“ Dávilas Hauptwerk, seine Aphorismen, umspannen ca. 1500 Seiten. Sie beinhalten Themen wie Religion, Philosophie, Politik, Kunst, Rhetorik, Technizismus, Recht, Wissenschaft, Geschichte und Kulturkritik. Ungeordnet, ohne Inhaltsverzeichnis kommen diese Gedankensplitter daher und ordnen sich als Randbemerkungen konzentrisch um einen nicht vorhandenen Text. „Um ein Thema zu behandeln, das wir schlecht kennen, brauchen wir ein Buch, aber wenige Sätze genügen für das, was uns bekannt ist. Unwissenheit macht uns weitschweifig.“ Für Gómez Dávila gibt es einige Gründe, warum für ihn der aphoristische Stil, die Kunst ganze Themen und Gedankengänge auf ihr Wesentliches zu reduzieren, der einzig wahre ist: Sie werden dadurch zu kurzen, einprägsamen Maximen. Seine Philosophie geht davon aus, daß die Welt paradox und für den Menschen in Fragmente geordnet ist. Aus diesem Grund lehnte er jede weitschweifige und systematische Philosophie ab, denn: „In der Philosophie genügt zuweilen eine einzige naive Frage, und ein ganzes System stürzt ein.“ |