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Kann man noch sinnvoll von „Gegenrevolution“ sprechen? Was kann dieser Begriff heute bedeuten? Wie kann oder muß „Gegenrevolution“ heute aussehen? Bevor von Gegenrevolution die Rede sein kann, muß zunächst geklärt sein, was unter „Revolution“ verstanden wird. Denn der Begriff der Gegenrevolution legt ja nahe, daß es hier darum geht, sich gegen eine Revolution zu wenden.
Der Revolutionsbegriff (lat. revolvere = zurückwälzen, umwälzen) wird vielfältig gebraucht: für allerlei Arten des politischen Umsturzes, aber auch bei technischer Neuerung wird zuweilen von einer „Revolution“ gesprochen. Ansonsten findet der Begriff auf weltgeschichtlich bedeutsame Veränderungen großen Ausmaßes Anwendung. So spricht man bezüglich der Seßhaftwerdung und der Etablierung von Ackerbau und Viehzucht von der „neolithischen Revolution“ (Neolithikum = Jungsteinzeit) und das Wortpaar „Industrielle Revolution“ beschreibt die technischen und sozialen Veränderungen des 19. Jahrhunderts.
Mit der Französischen Revolution beginnt die Selbstüberschätzung des Menschen und damit die Moderne
Mit der Benennung der Industriellen Revolution kommen wir unserer Sache schon näher. Sie steht durchaus im Zusammenhang mit der Frage nach der Gegenrevolution, wenngleich nicht allein und nicht an erster Stelle. Es ist da vor allem von einem auch als Revolution, und zwar im engeren politischen Sinne, bezeichneten Vorgang zu reden: der Französischen Revolution, die 1789 begann.
Es handelt sich hierbei nämlich nicht um einen bloßen Macht- oder auch einen Systemwechsel, sondern um ein Ereignis, das – auch unmittelbar politisch – Ideen im ganzen Abendland verstärkt zur Geltung brachte, die bereits zuvor nach und nach an Bedeutung gewonnen hatten. Es handelte sich um Ideen, die im Geiste der Aufklärung gegenüber christlich fundierten Vorstellungen die menschliche Selbstbestimmung in den Mittelpunkt rücken. Die damalige Revolution ist insofern nicht einfach ein Einzelereignis, sondern beschreibt eine kulturelle Entwicklung. Es geht hier nicht vordergründig um einen schnell vor sich gehenden historischen Vorgang, sondern um das, was man die „Moderne“ nennt. Also das Phänomen, dessen Kern die Vorstellung vom Menschen als eines seiner selbst und der Natur und der Geschichte mächtigen Wesens ist – die Gattung wie den Einzelnen betreffend, was freilich nicht ohne Konflikte bleibt.
Gegenrevolution braucht Demut
Es soll der Begriff „Revolution“ insofern in einem ganz umfassenden Sinne gebraucht werden, als daß er hier für den schrittweisen Vorgang der Etablierung der Moderne steht. Zu Anfang, im Umfeld der Französischen Revolution gab es noch unmittelbare Gegenkräfte, auch verankert in den entsprechenden gesellschaftlichen Schichten. Je später, desto weniger konnte von einer Umkehrung der geschehenen Veränderungen ausgegangen werden. Heute, nach weiteren Umschichtungen, Vermassung, Technisierung, zwei Weltkriegen, Kommunismus und Nationalsozialismus, ist dies ausgeschlossen.
Was kann daher heute „Gegenrevolution“ bedeuten? Kein Zweifel, Gegenrevolution ist nötig, damit der Mensch endlich wieder begreift, daß er nur ein kleines Rädchen auf der Welt ist und ein wenig mehr Demut gegenüber den Naturkräften dringend angebracht ist. Sie kann darin bestehen, sich der fortlaufenden Revolution zu entziehen und ihr etwas entgegen zu setzen – nämlich der Richtung, die weiterhin die Menschen aus ihren noch vorhandenen Bindungen löst, den „Syndesmos“ (Friedrich Gogarten), d. h. das vor dem Einzelnen schon bestehende Band der Menschen weiter zerstört, und das alles im Namen des autonomen Menschen, der Gott nicht mehr nötig hat. Sei es, daß dies heute durch „Gender Mainstreaming“ geschieht, durch enthemmte weltweite Kapitalisierung, durch Technikwahn, durch neuerliche sozialistische Experimente oder anderes: es handelt sich um Aspekte derselben Sache, um die Kräfte „des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens“ (Botho Strauß). Damit einher gehen vor allem auch massive Angriffe auf die Kirche(n) bei zeitgleicher innerer Zersetzung.
Die „Wiederkehr der Frühe“
Gegenrevolution bedeutet insofern nicht: Revolution gegen die Revolution. Man bliebe so evtl. in der Ansicht befangen, der Mensch könne sich selbst helfen. Insofern ist ein Begriff wie derjenige der „Konservativen Revolution“ mit Vorsicht zu gebrauchen. Passender ist in der Tat Rudolf Borchardts (1877-1945) Wort von der „Schöpferischen Restauration“. Der Dichter strebt damit keineswegs eine Wiederherstellung früherer Verhältnisse an, ihm ist aber alles an der „Wiederkehr der Frühe“ gelegen – so Botho Strauß in einem Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel „Distanz ertragen“.
Somit können wir also nicht mit Nostalgie, d. h. eigentlich Heimweh, auf vergangene Zeiten, welche auch immer, blicken – was auch die Gefahr einer Flucht vor unserer konkreten Zeitsituation beinhaltet – sondern müssen sie uns aus einer solchen Distanz aneignen. Die Erfahrungen der Moderne und ihrer zerstörerischen Experimente können aus dem Gedächtnis der Menschheit nicht getilgt werden. Vergangene Seelenzustände, sei es der mythische, der (spät-)antike, der „mittelalterliche“ können nicht zurückgeholt werden. Aber sie alle haben ihren Platz und auch eine jeweilige aktuelle Bedeutung in unserem Horizont, der allerdings „die Revolution durchgemacht“ (Hans Blüher) hat.
Die Rolle der Kirche: Nur der Gläubige ist zur Gegenrevolution fähig
Das zentrale Geschehen in der Weltgeschichte ist das, welches mit der Person Jesu Christi verknüpft ist – Mittelpunkt der Geschichte ist das Kreuz auf Golgatha. Davor verblaßt jeglicher „Zeitgeist“. In der Kirche, Christi Gemeinde, hat man Anteil am Christusgeschehen, zu jeder Zeit und an jedem Ort. „Revolution“ richtet sich, wie gesagt, vor allem gegen die Kirche, welche die Erlösung durch Christus lehrt sowie Sein Königtum über die Welt und darin zu leben bestrebt ist. Anders ausgedrückt: „Gegenrevolution“ gibt es nur auf solche Weise. Alles andere ist nur Variation der Revolution, ist menschlicher Hochmut, ist das Vertrauen darauf, der Mensch könne sich selbst eine Ordnung geben. Eine neue wirkliche Ordnung, ein wirklicher „Syndesmos“ kann nur von oben empfangen, aber nicht „gemacht“ werden. Und nur so kann auch ein angemessener Umgang mit der Natur und damit auch der ausufernden Technik gelingen.
Der moderne Mensch steht, wie Gogarten sagt, unter einer neuen Art des Despotismus, welcher vom götzendienerischen Glauben an die eigene Freiheit herrühre. Dies ist in der Tat die Wurzel aller (ehemaligen und heutigen) Totalitarismen. Demut und das Hören auf die kirchliche Lehre über Schöpfung, Sünde und Erlösung sind daher der erste Schritt. Demut bedeutet hier auch: Annahme des eigenen Geschöpf-Seins, und zwar so, wie es im Grunde beschaffen ist. Dazu gehört dann auch ein Bewußtsein für echte Autorität, die von Demut nicht zu trennen ist. Die Alternative ist das tyrannische Chaos.
Pflanzstätten der Gegenrevolution
Es ist nötig, Nischen und Vernetzungen gegen die fortschreitende Vernutzung allen Überlieferungsgutes, all dessen, was uns Halt gibt, vor allem aber des Glaubens, und die allgemeine Vermassung und Verdummung zu bemühen. „Pflanzstätten“, wie Botho Strauß sie nennt, von welchen aus konstruktiv und befruchtend gewirkt werden kann. Dabei ist auch der Einzelne gefordert. Über alledem muß aber der Wahlspruch des Papstes Pius X. stehen: Omnia instaurare in Christo! – Alles erneuern in Christus! |