Startseite Gesichtet Arbeiter am Abgrund: Ernst Jünger – Retrospektive im Marbacher Literaturarchiv
Arbeiter am Abgrund: Ernst Jünger – Retrospektive im Marbacher Literaturarchiv PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Caterina Maack   
Freitag, den 15. April 2011 um 08:31 Uhr

Ernst JüngerFast ein Jahrhundert lang füllt Ernst Jünger 250 Tagebücher, unzählige Papiere, Karten und Schnipsel mit Aufzeichnungen. Im Marbacher Literaturarchiv der Moderne zeigte die erste große Ernst-Jünger-Retrospektive die unveröffentlichten Tagebücher Ernst Jüngers sowie zahlreiche Exponate, die seine Texte ergänzen und illustrieren. Seit Anfang April sind die Ausstellungsstücke neben der Bibliothek und der Käfersammlung Jüngers im Jünger-Haus in Wilflingen an ihrem ursprünglichen Platz zu sehen. Es wurde zu einer Gedenkstätte für die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger ausgebaut.

Der Textarbeiter

Jünger schreibt, wo er geht und steht: Am Schreibtisch, im Schützengraben, im Bett, im Auto oder  im Zug. Seine umfangreichen Tagebücher bilden das Rückgrat seines Schaffens. Aus seinen Tagebüchern kondensiert er sein Werk. Er schreibt um, ändert ab, sortiert und fügt neu zusammen.

Marbach zeigt, dass die Manuskripte selten der Druckfassung entsprechen und macht deutlich, was Jüngers Werk im Entstehen geprägt hat: die Arbeit am Text, die Arbeit am Stil. „Maßhalten im Schmuck der Rede!“, notiert ein Deutschlehrer an den Rand eines Aufsatzes des jungen Ernst Jünger. Auch mit Streichungen lebt der Text. Viele Passagen der Tagebücher sind von Jünger unkenntlich gemacht worden. Vor allem im Ersten Weltkrieg.

Der Sammler

Das erste erhaltene Tagebuch stammt von 1908/09, in dem der 14jährige Jünger sein erstes Reisetagebuch beginnt. Schon hier zeigen sich die Merkmale, die ein Leben lang charakteristisch sein werden: das Mischen verschiedener Eintragungen. Das Nebeneinander von wissenschaftlichen Themen und Ich-Passagen, Listen, Bildchen und eingeklebten Fundstücken. Jünger sammelt in seinen Tagebüchern alles, was man mitnehmen kann: Blüten, Blätter, Federn, kleine Bilder, Zeitungsausschnitte, Postkarten, Eintrittskarten, Kalendersprüche und Horoskope, Einkaufslisten und Rezepte, fremde Wörter und unbekannte Zeichen.

Das alles ist durchsetzt mit eigenen kleinen und großen Zeichnungen, die schnell hin gekritzelt oder ausgearbeitet sind. Es findet sich kleine comicartige Bildfolgen und verstreute Einzelbilder. Auch außerhalb seiner Tagebücher legte er Sammlungen zu den verschiedensten Themen an. Ein Teil der Käfersammlung fand in Marbach ebenso Platz, wie Körbe voller Muscheln, ihm gewidmete Erstausgaben vieler Schriftsteller und Fotos. Auch eine Sammlung letzter Worte auf Karteikarten war Jünger ein Anliegen. Von ihm selbst sind keine letzten Worte überliefert.

Das Jünger-Haus in Wilflingen

Im Anschluss an die Ausstellung in Marbach hat das Jünger-Haus in Wilflingen nach umfangreichen Sanierungsarbeiten wiedereröffnet. Beinahe 50 Jahre hat Ernst Jünger im Forsthaus in Wilflingen gelebt. Seit Jüngers Geburtstag, dem 29. März, sind die Exponate aus Marbach wieder an ihrem ursprünglichen Platz zu sehen. Der Garten, die Wohn- und Arbeitsräume Jüngers, die Käfersammlung und die Bibliothek sind wieder zu besichtigen. Es ist zudem ein Raum für Friedrich Georg Jünger eingerichtet. In einer Ausstellung kann das Leben und Werk der beiden Autoren nachvollzogen werden.

http://www.juenger-haus.de/

 
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