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Früher kamen sie vor allem nachts. Bewaffnet mit Spaten, Hacken, Gießkannen und „Munition“ stürmten sie die Betongräben der Großstädte. Sie räumten brachliegende Flächen vom Müll, kultivierten sie und pflanzten Blumen und Gemüse. Sie schmissen Samenbomben auf die wenigen Flecken Erde und ließen diese ihre subversive Botschaft erst nach einiger Zeit erblühen. Im New York der 1970er setzten Guerilla-Gärtner mit dieser Form des zivilen Ungehorsams den Betonschluchten der Metropole, den Bodenspekulationen und der Unwirtlichkeit ihrer Umgebung ästhetisch einen Gegenentwurf.
„Do-It-Yourself“ - Mach es selbst und warte nicht auf andere Die grünen Guerilleros damals waren keine feste Organisation. Sie teilten nur einen pragmatischen Ansatz. Die Stadt New York hatte zu Beginn der 70er Jahre die Grundsteuern erhöht. Dadurch stiegen die Mieten. Viele Mieter mussten ausziehen, vor allem in den ärmeren Bezirken der Stadt fanden sich keine Nachmieter. Die Häuser fielen an die Stadt, die sie häufig abreißen und die Grundstücke verwahrlosen ließ. Als Reaktion darauf begannen die Anwohner die vernachlässigten Flächen zu begrünen – ohne Genehmigung. Die Bewegung der Guerilla-Gärtner war geboren. Schnell fanden sich Nachahmer vor allem in westlichen Großstädten. Je weiter die Aktionsform sich verbreitete, desto vielfältiger wurde auch die Motivation der Teilnehmer. Stand in New York noch der Protest gegen ein lokales Problem im Vordergrund, kamen nun auch ideologische Aspekte mit hinzu. Anarchisten, Globalisierungsgegner, Umweltaktivisten – viele nutzten die Methode, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen, oder ihre Vorstellungen umzusetzen. Zum Teil entwickelten sie das relativ chaotische Guerilla Gardening zu einer organisierten Form „urbaner Landwirtschaft“ weiter, mit dem Ziel die eigene Nahrung auch innerhalb der Stadt weitgehend selbst herzustellen – unabhängig von undurchschaubaren Produktions- und Vertriebswegen. Die Untergrundgärtner gehen an die Öffentlichkeit Waren die ersten Öko-Partisanen noch „lichtscheu“ und ließen vor allem die Ergebnisse ihrer Aktionen für sich sprechen, änderte sich dieses Ideal mit der Jahrtausendwende. Globalisierungsgegner rückten das illegale Gärtnern als Protestform in die Öffentlichkeit. Am 1. Mai 2000 gruben Aktivisten eine Rasenfläche auf dem Londoner Parliament Square um und bepflanzten diese anschließend. Die Aktion stand unter dem Motto „Die Straßen zurückerobern!“ Nachahmer nutzten die Aktionsform für ihre politischen Ambitionen: Sie ordneten Blumen als Friedenssymbole an, pflanzten Dornbüsche auf Golfplätze, „verschönerten“ die Gärten von „Reichen“ und sabotierten Freilandaussaaten von Gentechnik-Pflanzen, indem sie die Felder mit „normalen“ Pflanzen durchmischten. Die Bewegung wesentlich popularisiert hat der Brite Richard Reynolds. Seit Jahren betreibt er die Netzseite www.guerillagardening.org. In der Internet-Gemeinschaft dort sind inzwischen über 50.000 Mitglieder aus über 40 Ländern registriert. Sein Buch Guerilla Gardening – Ein botanisches Manifest besteht zur Hälfte aus praktischen Anweisungen für angehende Pflanzen-Guerilleros. Daneben erklärt es deren Motivationen und zeigt Beispiele von subversiven Gärten auf der ganzen Welt. Politisch oder nicht? Als politische Aussage sieht Reynolds seine Arbeit allerdings nicht. Ihm geht es um die Tätigkeit an sich, darum seine Umgebung zu verschönern. Ihn treibt nicht die Sehnsucht nach einem „autarken“ Leben auf dem Land. Er möchte sich seine Metropole schön machen. In den Aktivisten vom Parliament Square sieht er „merkwürdige Hippies, die nichts vom Gärtnern verstehen“. Da klingt die martialische Sprache seines Manifests fast schon verwunderlich: „Pflanzen bilden den Kern unseres Waffenarsenals, sie ersetzen Bomben und Munition. Dabei sind sie raffinierter als jede Massenvernichtungswaffe, denn unter den richtigen Bedingungen explodiert ihre DNS förmlich zu Leben.“ Es geht um „Anschlagsziele“ und „Kampfanzüge“. Guerilla Gardening sei „eine Schlacht um die Ressourcen, ein Kampf gegen Landmangel, gegen ökologischen Raubbau und verpasste Möglichkeiten, eine Schlacht, in der die Blumen die Munition sind.“ Konflikte und unterschiedliche Ziele – Was will man erreichen? Und das ist nicht der einzige Konfliktpunkt innerhalb der Bewegung. Einerseits ist sich Reynolds bewusst: „Ästhetische Aufwertung bringt wirtschaftlichen Gewinn.“ Ein Guerilla-Gärtner, der sein Viertel verschönert, müsse damit rechnen, dass die Grundstücke plötzlich gesteigertes Interesse erfahren. Einen Werbespot der Sportmarke adidas, die mit nächtlichen Garten-Aktivisten warb, wies er dagegen als unfassbar und lächerlich zurück. Fertig geformte Samenkugeln im Angebot von Versandhäusern sind ein weiterer Beleg für die Kommerzialisierung. Reynolds selbst ist seit 2004 aktiv. Mittlerweile bezahlt ihn die Stadt dafür, dass er die Beete vor seinem Haus beackert. Eine Zusammenarbeit mit Gemeinden sieht er aber dennoch kritisch, vor allem wegen der Bürokratie. Andererseits lässt er sogar Bürger, die im Auftrag der Stadt Grünflächen harken unter den Begriff Guerilla-Gärtner fallen. Die Zusammenarbeit zwischen Städten und Gärtnern ist dabei fast so alt wie die Bewegung selbst. Schon 1978 rief die Stadt New York ein Programm „Green Thumb“ aus, um die illegale Gärtnerei zu kontrollieren. Sie stellte Grundstücke zur Verfügung, sorgte für Samen und Erde. Auch in Berlin stellte die Stadt dem Nachbarschaftsgarten „Rosa Rose“ eine Fläche zu Verfügung. Vorausgegangen waren lange Kämpfe um das besetzte Grundstück, das die Gärtner vom Müll befreit und dort einen üppigen Garten mit Gemüse, Kräutern und Obstbäumen geschaffen hatten. Wohlwollend aber auch kritisch betrachten Umweltverbände die Aktionen. Sie betonen den Wert urbaner Brachflächen für die Tier- und Pflanzenwelt innerhalb der Stadt. Auch das Aussähen nichtheimischer Pflanzen sei problematisch. Sie begrüßen daher die Kooperationen zwischen dann nicht mehr ganz so subversiven Gärtnern, Kommunen und Fachleuten. Kunst? Politische Aktion? Oder einfach nur Spaß? Der Großteil der Guerilla-Gärtner scheint keinem politischen Programm zu folgen. Auch Anknüpfungen an künstlerische Aktionsformen, die man unter einem weiten Guerilla-Gardening-Begriff fassen könnte – Beuys' „7000 Eichen“, Ben Wagins „Parlament der Bäume“ oder Helmut Smits „Tree in front of a billboard“ – gibt es kaum. Alle Aktivisten teilen ein ökologisches Bewusstsein, häufig verbunden mit der Ablehnung konventioneller Nahrungsmittelproduktion. Den illegalen Gärtnern genügt es nicht LOHAS-Ökos zu sein. Vor allem die Aktion steht bei ihnen Vordergrund. Verbunden mit dem nächtlichen Kitzel des Verbotenen. Als tatsächliche Ernährungs-Alternative allein schon für ein paar Tausend Stadtbewohner ist die Untergrund-Gärtnerei allerdings völlig unbrauchbar. Die Verschönerung der Umgebung aber, das gemeinsame Begärtnern von Anlagen oder auch umweltverträgliche Formen des Graffiti gehören auf jeden Fall ins „Handgepäck“ des konservativen Kulturaktivisten. In Zeiten, in denen Städte unkontrollierbar werden, gilt es sie sinnvoll zu gestalten. |