Startseite Gesichtet Oslo und die Pietät: Rechte und Linke blamieren sich gleichermaßen und verabschieden sich vom gesunden Menschenverstand
Oslo und die Pietät: Rechte und Linke blamieren sich gleichermaßen und verabschieden sich vom gesunden Menschenverstand PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Julian Islinger   
Montag, den 25. Juli 2011 um 08:25 Uhr

ToteninselDie blutigen Doppelanschläge von Oslo sind zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Artikels noch keine 24 Stunden alt. Doch schon tobt im Internet ein hitziger Diskurs über die Konsequenzen, die dieser Tat folgen müssten. Und heuer geht es nicht um verstärktes Engagement im Kampf gegen den internationalen Terror, nicht um Einwanderungsbeschränkungen für Mohammedaner oder die Ausweisung von Norwegern mit muslimischem Migrationshintergrund. Denn der Täter ist kein Moslem sondern nach eigenem Bekunden Christ und wurde von der norwegischen Polizei einem (zu diesem Zeitpunkt noch) nicht näher spezifiziertem rechtsextremen Milieu zugeordnet.

Der Spiegel  schreibt folglich unter der Titelüberschrift „Blond, blauäugig, skrupellos“ von einem „konservativen, christlichen und nationalistischen“ Täter, der „einen Waffenschein für eine Glock und ein automatisches Gewehr“ hat. Ein Konservativer also. Christlich noch dazu. Undenkbar für eine Generation, die mit Terrorismus hauptsächlich den Islam verbindet. Ein Novum also? Festzustellen ist, dass die nun entbrannten Diskussionen vor allem eins vermissen lassen: Pietät. Und dies gilt für linke Wortmeldung ebenso wie für rechte Wortmeldungen,

Linke Pietätlosigkeiten beim „Spiegel“ und der Grünen Jugend

Das Argumentationsmuster ist eindeutig: „Seht her, der Täter ist ein rechter Europäer und kein Moslem!“ Für „links-denkende“ Menschen wird dieser Umstand einer Erlösung gleichkommen, birgt er doch erhebliches Potential, die rechte Argumentation „Nicht jeder Moslem ist Terrorist, aber jeder Terrorist Moslem“ im politischen Diskurs in die Mottenkiste zu verbannen.

Der Spiegel brachte diese Haltung in seiner Titelstory zum vermutlichen Bombenleger schon recht eindrucksvoll zum Ausdruck: Ethnische Zuschreibung durch die nicht ganz hohnfreie Beschreibung „Blond, blauäugig, skrupellos“ unter gleichzeitiger Herausstellung der beliebten Spiegel-Feindbilder „christlich“ und „konservativ“. Was an der Tat besonders „konservativ“ ist (von „christlich“ ganz zu schweigen), erschließt sich dem Leser des Artikels allerdings nicht.

Gut, der mutmaßliche Täter wirkt auf den kursierenden Fotos tatsächlich der gutbürgerlichen Schicht zugehörig, dies allerdings als dezidiert konservative Eigenschaft zu bewerten, zeugt von einer erstaunlichen Werteverschiebung innerhalb der Debatte, gerade in Bezug auf die schrecklichen Terrorakte. Rechtsextrem wäre vor diesem Hintergrund die einzig angemessene Beschreibung des Täterprofils. Doch darum geht es dem Spiegel wohl nicht, vielmehr versucht man in der Redaktion die Tat als Rechtfertigung für die vergangene und zukünftige ideologische Ausrichtung des Magazins zu missbrauchen.

Auch die Jugendorganisation der Grünen hat sich zu einer Stellungnahme hinreißen lassen, die eine klare Marschrichtung erkennen lässt: „Wir verurteilen die Anschläge in Norwegen und sind zutiefst betroffen. Dass eine vermutlich rechtsextreme Person so viel Leid verursachen kann und über 80 junge Menschen erschießt, weil sie an einem Sommercamp mit multikulturellem Ansatz teilnehmen, ist eine Katastrophe.

Auch weil wir eine linke Jugendorganisation sind, die sich gegen Diskriminierung und Rechtsextremismus einsetzt, erschüttert uns der grausame Anschlag. Er zeigt, wie wichtig es ist, sich weiterhin gegen Ausgrenzung und menschenverachtende Ideologien einzusetzen. Wir fühlen mit den Betroffenen und werden uns weiterhin überall für junge, emanzipatorische Politik einsetzen.“

Noch buntere Blüten treibt die Diskussion um die Motivation und den politischen Hintergrund des Täters allerdings im Internet-Forum des Spiegel. Dort schreibt der User „olicrom“: „Wenn deutsche Burschenschaften ernsthaft keine asiatisch aussehnden Menschen mehr in ihren Reihen haben wollen und diese Menschen – mehrheitlich ja Juristen, die eines Tages die Geschicke in diesem Land mitbestimmen werden – ernsthaft wieder Arierparagraphen diskutieren – dann ist das der Nährboden, auf dem solcher Wahnsinn auch in unserem Land möglich erscheint.“

User „HOFER“ ergänzt: „Ich halte Anschläge dieser Art auch in Deutschland für möglich. Schon seit längerem wird in Internetforen zur Gewalt gegen Liberale, Linke und die moslemische Minderheit in Deutschland aufgerufen. Man gibt sich (scheinbar) israelfreundlich, predigt zugleich einen extremen Hass gegen Moslems und die moderne Gesellschaft: das beste Beispiel ist politically-incorrect.de“.

Die Konsequenz, wie schnell hier Querschlüsse zur Untermauerung der eigenen ideologischen Einstellung gezogen werden, ist erschreckend. Derweilen steigt in Norwegen die Opferzahl auf über 90 Tote.

Verirrungen der Islamkritiker

Nach den Anschlägen dauerte es wahrlich nicht lange, bis die ersten Schuldzuschreibungen auftauchten. In „konservativen“ Foren und Blogs waren sich Islamkritiker schnell einig: Ein Terroranschlag von solcher Dimension kann natürlich nur auf die Kappe von Islamisten gehen. Die meisten Medien stießen ins gleiche Horn. Der Tatverdacht schwankte je nach Redaktion zwischen Muammar al-Gadaffi und al-Quaida. Sicherlich spielte hier die Erwartungshaltung eine gewisse Rolle, waren doch muslimische Terrorakte in der Vergangenheit die präsenteste Gefahr für das öffentliche Leben und die westliche Gesellschaft. Demzufolge fielen die Vorverurteilungen dann auch mehr als drastisch aus. Auf Politically Incorrect (PI) wurde bereits am Freitag in einem Artikel die Frage gestellt, warum der Islam „ausgerechnet Oslo bombt?“. Daneben ein wahlloses Bild mit einem bärtigen „Gotteskrieger“. Die Userreaktion darauf hätte schärfer nicht ausfallen können.

Neben den reflexartigen „Islam ist Frieden“-Kommentaren kam es zu mehr als unschönen Aufrufen zur Gegengewalt. So wusste Kommentator „Atomsepp“ recht schnell, wie in einer solchen Krise zu handeln ist: „Grenzen dicht, Moscheen dicht und Kopftuchgschertl glei heimschicken wo’s herkommen. Achso, wir sind ja in Huropa. Da geht ja das nicht. Da müssen die raus die das fordern und geisteskrankes Islamgschwertl noch staatlich gefördert wird und ja dableiben soll. Nach wieviel Toten durch den Islam wird der Begriff ‚Kreuzzug‘ eigentlich nur noch denen zugeschrieben?“

Und „User Apollon“ stellt mit leichter Freude fest: „Plötzlich reden die auf n-tv, N24 und Phoenix über Islamisten und die vielen pakistanischen und afghanischen Einwanderer/Asylanten in Norwegen… und bringen diese damit natürlich indirekt mit dem Anschlag in Zusammenhang. Gefällt mir. Es wird Zeit für Klartext. Bis es so weit ist, müssen wir das aushalten …“

Auch in anderen Kommentarspalten kam es zu ähnlichen, wenn auch nicht ganz so extremen Aussagen. Man kann sich also recht lebhaft die entgleisenden Gesichtszüge der Schreiberlinge vorstellen, als die Identität des Täters als rechts-christlicher Fundamentalist herauskam. Mit einer solchen Entwicklung hatte natürlich keiner gerechnet, erschütterte sie doch binnen Sekunden das eigene Weltbild vom bösen Islam und dem guten konservativ-christlichen Europäer. Derweilen steigt in Norwegen die Opferzahl auf über 90 Tote.

Das wahre Trauerspiel innerhalb der rechten Bloggerszene.

Anstatt sich einzugestehen, dass religiöser oder politischer Fanatismus nicht ein Exklusivmerkmal des Islam ist, ergab man sich in kürzester Zeit in einer wahrhaft geschmacklosen Rechtfertigungsorgie. Und hier gab es zwischen den Kommentaren bei Qualitätsmedien und auf PI leider kaum bemerkenswert qualitative Unterschiede. Mag unter islamkritischen Konservativen die intuitive Zuordnung der Anschläge in den islamischen Kulturkreis aus Gewohnheit noch verständlich sein, so war es die nun eingesetzte Reaktion auf die Täteridentität nicht mehr.

Der Fantasie war dabei keine Grenze gesetzt. Es ist von „False-Flag“-Aktionen und „Inside Jobs“ der Geheimdienste die Rede, um einen neuen „Kampf gegen Rechts“ zu rechtfertigen, bzw. aufkeimende Islamkritik in den skandinavischen Ländern zu ersticken– peinliche Verschwörungstheorien jener, die nicht begreifen können oder wollen, dass jede Ideologie oder Religion das Potential für menschenverachtenden Fanatismus in sich birgt.

Mehrere User äußern in ihren Kommentaren darüber hinaus auch Angst, jetzt als „Rechter“ verfolgt und diskriminiert zu werden. Am verachtenswertesten sind allerdings jene Kommentare, die diese schreckliche Tat in irgendeiner Art und Weise versuchen zu rechtfertigen. Von Konsequenz im eigenen Denken also keine Spur.

So schreibt der offensichtlich Mord als politisch legitimes Mittel anerkennende „Rolli Blaumüller“: „Mal ehrlich ..was aben wohl viele Bürger gedacht, als Merkel und Wulff Herrn Sarrazin erniedrigten und Ihn für Vogelfrei erklärten und zudem dieser Bundespräsident den Islam zu Deutschland zugehörig nannte und vorher noch eine türkischstämmige Ministerin in Niedersachsen einsetzte ...ich jedenfalls hatte den Wunsch, dass irgend jemand dieses erbärmliche Kreatur aus der Welt schafft!

Tja...ob wir es glauben wollen oder nicht, aber der Bürgerkrieg beginnt nun mal genau so !! Doch niemand fragt nach dem Motiv!!Die linksfaschistische Multikulti-Bewegung ist in ALLEN Parteien präsent und wird ohne Rücksicht oder lange zu Fragen knallhart umgesetzt!!“

Der islamkritische Blog PI meint inzwischen auch die politische Dimension der Terrorakte in Norwegen erkannt zu haben und erklärt die Taten des Anders B. zur „konservativen Katastrophe“. Mutmaßlich konnte man sich der Tatsache, dass der Täter irgendwie aus den eigenen Reihen stammt, nicht mehr entziehen und ließ sich zu dem Statement hinreißen, „dass das „Böse“ nicht immer nur bei den Anderen zu suchen sei“.

Man kann auch erst einmal Schweigen …

Mit Ruhm hat sich in dieser Angelegenheit wahrlich keine Seite bekleckert. Die Linke wird die Anschläge sicherlich gewissenhaft in den zukünftigen Diskurs einbinden, um Islamkritik mit einer neuen „Nazi-Keule“ zu unterbinden. Es ist anzunehmen, dass es „links“ einige Freude über den Täterhintergrund geben dürfte.

Auf Seiten der Rechten, der sich der Autor dieses Artikels selber zugehörig fühlt, regiert allerdings menschenunwürdigstes Verhalten. Es ist beschämend, wie sich angeblich konservative oder christliche Menschen in solchen Hassparolen ergehen, noch dazu, wenn der Täter aus eben dieser Ecke zu kommen scheint. Wo ist die Demut, die gezogene Konsequenz aus dem Geschehenen? Sie ist schwer zu finden, zu sehr ist man wohl im eigenem Schwarz/Weiß-Denken gefangen, hat den Bezug zum Differenzieren und zum Einsatz des gesunden Menschenverstandes verloren.

Lieber spinnt man von Verschwörungstheorien oder versucht irgendwie den feigen Mord an 87 Jugendlichen zu rechtfertigen, indem man auf die Umstände in der westlichen Multikulti-Gesellschaft hinweist. Im Umkehrschluss heißt das also: Die zu Recht angeprangerten Umstände der Multikuli-Gesellschaft und der westeuropäischen Integrationspolitik sind Grund genug, um ein Massaker zu rechtfertigen. Diese Ansicht ist allerdings weder konservativ, noch genuin rechts oder rechtskonservativ. Sie ist schlicht und einfach gewaltverherrlichend und somit vom politischen Diskurs auszuschließen. Die Verfasser solcher oder ähnlicher Beiträge sollten sich die Frage stellen, ob sie nicht selber die Radikalität oder extreme Geisteshaltung angenommen haben, die sie ihren „Gegnern“ so gerne vorwerfen.

Es kann nur eine vernünftige Reaktion auf die Anschläge geben: Verurteilung des Täters und Beten für die Opfer und ihre Angehörigen

Wirklich konservativ wäre in diesem Fall das einstimmige Verurteilen dieser Tat gewesen. Wirklich konservativ wäre das Beten für die Opfer und deren Angehörige gewesen. Wirklich konservativ wäre ein Bekenntnis für den politischen Diskurs und gegen politisch-extremistische Gewalt gewesen. Das genaue Gegenteil ist passiert, ein Umstand, der bestürzt und Zweifel aufwirft.

Letztlich haben sich auch die Zeitungen und Medien mit ihrem voreiligen Vorpreschen in Bezug auf die Schuldzuweisung lächerlich gemacht. Islam, Gadaffi, al-Quaida. Ein generelles Problem der gegenwärtigen Medienlandschaft, die längst das Verdachtsmoment über die journalistische Recherche gestellt hat. Auch an Pauschalisierung durfte nicht gespart werden, macht es doch die Welt so schön einfach. Schuld haben die Rechten, die Waffensammler, die Moslems, die Biobauern …o der was auch immer gerade als Feindbild generiert werden soll. Das spart eine Menge an Nachdenken, welches heute im Zeitalter der Sekunden-Schlagzeilen leider hoffnungslos antiquiert ist.

Wohin man also schaut, Pietät sucht man vergebens. Angesichts der fast dreistelligen Opferzahlen, darunter viele Kinder und Jugendliche, ist das eine erschreckende Momentaufnahme der derzeitigen Verfassung unserer Gesellschaft. Ein bisschen mehr Demut und Selbstkritik würde uns allen gut tun. Der Autor bekundet den Hinterbliebenen und Angehörigen sein aufrichtiges Beileid.

Alle Zitate wurden mit vorgefundenen orthographischen Schwächen übernommen.

 
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